1. Oligopolistische Struktur auf dem deutschen Tankstellenmarkt
Die Preisentwicklung der Kraftstoffsorten an deutschen Straßen- und Bundesautobahntankstellen, sowie die häufigen Preisschwankungen innerhalb eines Tages sind Zentrum einer breiten öffentlichen Diskussion.1 Im Fokus dieser Diskussion hat das Bundeskartellamt den Wettbewerb auf dem deutschen Tankstellenmarkt für Otto- und Dieselkraftstoffe, getrennt in einer Sektoruntersuchung vom 1.1.2007 - 30.6.2010 analysiert.
Ursache dieser Untersuchung waren wettbewerbliche Probleme, Beschwerden aus der Bevölkerung über zu hohe Benzinpreise und Meldungen freier Tankstellenbetreiber über mögliches kollusives Verhalten großer deutscher Mineralölkonzerne.3 Ziel war es Marktstrukturen des Kraftstoffmarktes und deren Funktionsweise zu analysieren um vertiefte Erkenntnisse über Machtverhältnisse und erzielte Preise zu generieren.4 Wichtigstes Ergebnis der Sektoruntersuchung Kraftstoffe ist der Befund, das BP (Aral), ConocoPhillips (Jet), ExxonMobile (Esso), Shell und Total ein kollektiv marktbeherrschendes Oligopol (gem. §19 Abs. 2 und Abs. 3 Nr. 2 GWB5) auf dem deutschen Tankstellenmarkt darstellen.6
Ihr Marktanteil beläuft sich nach aktuellen Schätzungen des Hamburger Energiedienstes EID auf 70, 5 %.
__________________________
1 Vgl. im Internet: Bundeskartellamt, Hintergrundpapier, Arbeitskreis Kartellrecht (2011, 4).
2 Vgl. im Internet: Bundeskartellamt, Bericht zur Sektoruntersuchung Kraftstoffe (2011, 75).
3 Vgl. im Internet: Bundeskartellamt, Bericht zur Sektoruntersuchung Kraftstoffe (2011, 12).
4 Vgl. im Internet: Bundeskartellamt, Bericht zur Sektoruntersuchung Kraftstoffe (2011, 12).
5 Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen in der Fassung vom 15. Juli 2005 (BGBl. I S. 2114, 2009 I S. 3850), zuletzt geändert durch Art. 13 Abs. 21 des Gesetzes v. 25. Mai 2009 (BGBl. I S. 1102).
6 Vgl. im Internet: Bundeskartellamt, Bericht zur Sektoruntersuchung Kraftstoffe (2011, 19).
7 Vgl. im Internet: Statista 2011, Marktanteil der Unternehmen auf dem Tankstellenmarkt in Deutschland (Stand 1. Juli 2009).
Inhaltsverzeichnis
1. Oligopolistische Struktur auf dem deutschen Tankstellenmarkt
2. Qualitative Analyse: Oligopol aus kartellrechtlicher Sicht
2.1 Kennzeichen oligopolistischer Marktstrukturen
2.1.1 Marktmacht deutscher Kraftstoffanbieter
2.1.2 Asymmetrische Markttransparenz
2.1.3 Marktzutrittsschranken
2.1.4 Produkthomogenität im Kraftstoffmarkt
2.1.5 Produkt- und markenspezifische Preiselastizität der Nachfrage
2.1.6 Verflechtungen der Oligopolisten
2.1.7 Fehlende Marktmacht der Nachfrager
2.2 Preissetzungsverhalten der Kraftstoffanbieter
2.3 Modell der Edgeworth-Zyklen: Beobachtungsparameter Kraftstoffpreis
2.4 Stabilität der Kollusion durch Bestrafungsmechanismen
2.4.1 Untereinstandspreisverkäufe
2.4.2 Preisscherenverkäufe
3. Ökonomische Konsequenzen der Wettbewerbssituation
3.1 Konsequenzen der interdependenten Preisentscheidungen der Oligopolisten
3.2 Partialmarktanalyse im Kraftstoffmarkt
4. Wettbewerbspolitische und kartellrechtliche Eingriffsmöglichkeiten
4.1 Horizontale und vertikale Entflechtung
4.2 Preisregulierung
4.2.1 Das Österreichische Modell der Preisregulierung
4.2.2 Das West-Australische Modell
4.2.3 Übertragbarkeit der Modelle auf Deutschland
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die oligopolistische Marktstruktur auf dem deutschen Tankstellenmarkt, analysiert die Mechanismen hinter der Preissetzung der großen Mineralölkonzerne und bewertet die ökonomischen Konsequenzen sowie mögliche wettbewerbspolitische Eingriffsmöglichkeiten.
- Analyse der Marktmacht und Marktkonzentration (HHI, CR5)
- Untersuchung des Preissetzungsverhaltens und der Edgeworth-Zyklen
- Kollusive Interaktionen und Bestrafungsmechanismen im Oligopol
- Wohlfahrtsökonomische Auswirkungen der imperfekten Kollusion
- Diskussion von Entflechtungsmaßnahmen und Preisregulierung als Lösungsweg
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Marktzutrittsschranken
Ein weiteres Merkmal der oligopolistischen Marktstruktur im deutschen Tankstellenmarkt sind enorme Markteintrittsbarrieren, die für neue Marktteilnehmer mit hohen Fixkosten verbunden sind. Diese Marktzutrittsbarrieren sind in der Industrieökonomik und der Regulierungstheorie in zwei zentralen Konzepten zusammengefasst. Das Marktzutrittsschrankenkonzept nach Bain und das regulierungstheoretische Konzept nach Stigler.
Diese Konzepte untersuchen grundlegend den Vorteil aktueller Marktteilnehmer gegenüber potentiellen Neueintretern. In dem Konzept nach Bain wird auf Basis eines aktuellen langfristigen Kostenkonzeptes untersucht ob Preise langfristig oberhalb der Durchschnittskosten am Markt realisiert werden können ohne das Markzutritt rentabel ist. Bain unterscheidet in seinem Konzept drei zentrale Ursachen von Marktzutrittsschranken. Absolute Kostenvorteile, Betriebsgrößenvorteile (economies of scale) und Produktdifferenzierungsmöglichkeiten der bereits im Markt agierenden Wettbewerber.
Absolute Kostenvorteile als Markteintrittsbarrieren sind im Kraftstoffsektor der direkte Zugang der Oligopolisten zu Raffinerie- und Lagerkapazitäten und die Möglichkeit in folgenden Lieferverträgen zu Marktnewcomern ihre Kraftstoffpreise durchzusetzen. Ein weiterer absoluter Kostenvorteil für die im Markt etablierten Oligopolisten ist, dass ein Newcomer finanziell sehr stark sein muss, um Lieferverträge und Raffineriebeteiligungen an Raffineriekapazitäten zu erwerben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Oligopolistische Struktur auf dem deutschen Tankstellenmarkt: Einleitung in die Marktstruktur und den Befund des Bundeskartellamts zu einem kollektiv marktbeherrschenden Oligopol.
2. Qualitative Analyse: Oligopol aus kartellrechtlicher Sicht: Detaillierte Untersuchung der oligopolistischen Merkmale wie Marktmacht, Transparenz, Zutrittsschranken und das Preissetzungsverhalten der Anbieter.
3. Ökonomische Konsequenzen der Wettbewerbssituation: Analyse der wohlfahrtsökonomischen Auswirkungen des kollusiven Verhaltens und der Preissetzungsentscheidungen.
4. Wettbewerbspolitische und kartellrechtliche Eingriffsmöglichkeiten: Diskussion über Entflechtung und Preisregulierung sowie deren Anwendbarkeit und Grenzen auf dem deutschen Markt.
5. Zusammenfassung: Abschließendes Fazit zur Marktstruktur und den Möglichkeiten staatlicher Interventionen zur Verbesserung der Transparenz.
Schlüsselwörter
Oligopol, Tankstellenmarkt, Mineralölkonzerne, Marktmacht, Preissetzung, Kollusion, Marktzutrittsschranken, Edgeworth-Zyklen, Preisscherenverkäufe, Untereinstandspreisverkäufe, Wettbewerbspolitik, Kartellrecht, Wohlfahrtsverlust, Preisregulierung, Markttransparenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Wettbewerbssituation und das Preissetzungsverhalten der führenden deutschen Kraftstoffanbieter, die ein kollektiv marktbeherrschendes Oligopol bilden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Untersuchung von Marktmacht, der Dynamik von Preiszyklen, kollusivem Verhalten unter den Anbietern sowie den wirtschaftlichen Konsequenzen für die Wohlfahrt.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Funktionsweise des Kraftstoffmarktes zu durchleuchten und zu prüfen, ob und inwieweit wettbewerbspolitische Eingriffe wie Entflechtungen oder Preisregulierungen sinnvoll und möglich sind.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt industrieökonomische Theorien, insbesondere Modelle zum Preiswettbewerb (Bertrand-Edgeworth), sowie eine wohlfahrtsökonomische Partialmarktanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine qualitative Analyse der Oligopolstrukturen, eine spieltheoretische Betrachtung des Preissetzungsverhaltens und eine Diskussion kartellrechtlicher Eingriffsinstrumente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Oligopol, Preiskollusion, Markttransparenz, Marktzutrittsschranken und wohlfahrtsökonomische Ineffizienzen.
Wie stabilisiert sich das kollusive Verhalten der Oligopolisten?
Die Stabilität wird durch Mechanismen wie Untereinstandspreisverkäufe und Preisscherenverkäufe sowie den sogenannten Reputationseffekt sichergestellt, der abweichendes Verhalten bestraft.
Können internationale Regulierungsmodelle auf Deutschland übertragen werden?
Die Arbeit stellt fest, dass aufgrund unterschiedlicher Marktstrukturen eine einfache Übertragung der Modelle aus Österreich oder West-Australien auf den deutschen Markt problematisch und empirisch noch nicht ausreichend gestützt ist.
- Quote paper
- Franz Brandlhuber (Author), 2012, Deutsche Kraftstoffpreise: Abzocke oder angemessene Preisanpassung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199212