Wenn man könnte wie man wollte, bräuchte man nicht brauchte zu schreiben


Hausarbeit, 2012

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1 Sprachliche Zweifelsfälle

2 Analyse des grammatischen Zweifelsfalls bräuchte/brauchte
2.1 Identifikation
2.1.1 Einträge in Grammatiken
2.1.2 Einträge in Nachschlagewerken zu Zweifelsfällen
2.1.3 Thematisierung in populärwissenschaftlichen Sprachratgebern
2.1.4 Auftreten innerhalb von Sprachberatungsstellen
2.2 Klassifikation
2.2.1 Klassifizierung nach der linguistischen Systemebene
2.2.2 Klassifizierung nach Entstehungsursachen
2.3 Sprachgebrauchsanalyse
2.3.1 Schriftsprache
2.3.2 Chatsprache
2.4 Sprachgeschichtsanalyse
2.5 Klärung des sprachlichen Zweifelsfalls
2.5.1 Klassifikationskriterium Frequenz
2.5.2 Klassifikationskriterium Gebrauchskontext

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Konjunktiv ist tot? Das sö llte man nicht denken! Mancher meint, man kö nnte auf ihn verzichten, aber wer dürfte dann noch etwas mö chten? Nein, der Konjunktiv ist quicklebendig. Und ist seine Form nicht eindeutig, dann biegen wir sie so, wie wir sie bräuchten.“1

Die Frage, ob brauchte oder bräuchte die „richtige“ Konjunktiv Präteritum Form von brauchen ist, beschäftigt nicht nur einzelne Individuen, sondern scheint auch auf ein großes Interesse der Öffentlichkeit zu stoßen. Laut Wermke ist „ Die Unsicherheit in Fragen sprachlicher Normen [...] gro ß , und dement sprechend deutlich wird nach Orientierung verlangt.“2

Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist daher die Betrachtung des Verbs brauchen unter dem As- pekt der Konjunktiv Präteritum Bildung sowie der Klärungsversuch, welche der beiden Formen stan- dardsprachlich korrekt ist und inwieweit diese Norm dem gegenwärtigen Sprachgebrauch entspricht.

Nach einer Definition des Terminus sprachlicher Zweifelsfall zu Beginn der Arbeit erfolgt die Analyse des grammatischen Zweifelsfalls brauchte / bräuchte.

Zu diesem Zwecke beschäftigt sich der erste Teil mit der empirischen Identifikation auf Grundlage der gegebenen Definition. Um die Existenz des Zweifelsfalls bräuchte/brauchte nachzuweisen und dessen Thematisierung festzustellen, erfolgt neben der Auswertung der Kolumne Zwiebelfisch und der Erfahrungsberichte von Sprachberatungsstellen die Durchsicht von Eisenbergs Grammatik Grundri ß der deut schen Sprache sowie dem Duden und Wahrig als Nachschlagewerke zu Zweifelsfällen.

Um die Spannbreite des Phänomens bräuchte zu erfassen, beinhaltet der folgende Teil der Arbeit eine Klassifikation des Zweifelsfalls nach der linguistischen Systemebene (Wo ist der Zweifelsfall einzuordnen?) und den Entstehungsursachen (Warum existiert dieser Zweifelsfall?).

Anschließend erfolgt die Ermittlung des Gebrauchs beider Formen innerhalb der schriftlichen und mündlichen Kommunikation mit Hilfe verschiedener Online-Datenbanken wie Cosmas II, Wortschatz Leipzig und dem Dortmunder Chat-Korpus.

Daraufhin soll im Kontext einer Sprachgeschichtsanalyse ermittelt werden, seit wann beide Konjunktiv Präteritum Formen existieren und wie sich diese entwickelt haben.

Der letzte Gliederungspunkt zielt auf die Klärung des sprachlichen Zweifelsfalls hinsichtlich der Frequenz und des Gebrauchskontextes.

1 Sprachliche Zweifelsfälle

Sprachliche Zweifelsfälle treten innerhalb der natürlichen Kommunikation immer wieder auf und werden nicht selten zu Stolpersteinen. Grund für das häufige Auftreten sprachlicher Zweifelsfälle ist die Tatsache, dass der konkrete Gebrauch von Sprache schließlich viel facettenreicher und normunabhängiger ist, als standardorientierte Vorstellungen von Sprache vermitteln.

Innerhalb der Linguistik aber wurden sprachliche Zweifelsfälle bis zu den 80er Jahren lediglich als „ Performanzphänomene3 verstanden. Erst der Soziolinguistik gelingt, zu vermitteln, dass eine Gesellschaftüber den Standard hinausüber zahlreiche Varietäten verfügt.4

Eine von Klein vorgeschlagene Definition für sprachliche Zweifelsfälle lautet wie folgt:

„Ein sprachlicher Zweifelsfall ist eine sprachliche Einheit (Wort/Wortform/Satz), bei der kompetente Sprecher im Blick auf (mindestens) zwei Varianten (a, b...) in Zweifel geraten können, welche der beiden Formen (standardsprachlich) korrekt ist. Die beiden Varianten eines Zweifelsfalls sind formseitig oft teilidentisch.“5

In der Linguistik spricht man nur dann von einem Zweifelsfall, wenn eine solche Unsicherheit ein kollektives Problem darstellt: „ Nur wenn eine nennenswerte Anzahl von Sprechern im Deutschen immer wie der an entsprechenden Punkten in Zweifel gestürzt wird, deutet ein solcher Befund auf das Vorliegen ei nes sprachlichen Zweifelsfalls hin.“6

Der Begriff linguistischer Zweifelsfall ist nicht nur eindeutig vom Terminus des sprachlichen Fehlers zu differenzieren, sondern unterscheidet sich somit auf qualitativer und quantitativer Ebene von einem bloßen Zweifel, da sich Zweifel nur auf das Individuum beziehen und die sprachliche Unsicherheit lediglich das Resultat nicht ausreichender Kenntnisse des Deutschen sein kann.

Sprachliche Zweifelsfälle sind das Ergebnis des Bewusstseins von Normen und Sanktionen in der Schriftlichkeit, der verschiedenen Variationen und Varietäten des Deutschen und „ systembedingter grammatischer Disparatheit (Lücken, Brüche, Interferenzen, falsche Analogieformen, Form- und Struk- turkonkurrenzen […] .7

Sprachliche Zweifelsfälle sind nicht nur Auslöser für eine Sprachreflexion, sondern oftmals auch Indikatoren für mögliche Veränderungen sprachlicher Strukturen, Formen und Funktionen.

2 Analyse des grammatischen Zweifelsfalls bräuchte/brauchte

2.1 Identifikation

2.1.1 Einträge in Grammatiken

Eisenbergs Grundri ß der deutschen Grammatik beispielsweise thematisiert bereits 1994 die Unsicherheit der Zuordnung von brauchen: das Verb brauchen wird wie mö chten, lassen und werden manchmal zu den Modalverben, manchmal zu den Hilfsverben oder den Vollverben gerechnet. Eisenberg macht darauf aufmerksam, dass sich brauchen möglicherweise zu einem Modalverb entwickle und somit sein wichtigstes syntaktisches Merkmal sei, den reinen Infinitiv als Ergänzung zu nehmen.8

Bezüglich der Konjunktiv Präteritum Form von brauchen spricht er in der Auflage von 2004 von der „ Schwäche9 der schwachen Verben und meint damit den Zusammenfall der Konjunktiv II Formen mit den Indikativ Präteritum Formen. Eisenberg prophezeit den wahrscheinlichen Ersatz des Konjunktivs II durch andere Formen wie die würde -Umschreibung.10

2.1.2 Einträge in Nachschlagewerken zu Zweifelsfällen

Sowohl der Zweifelsfälleduden als auch der Zweifelsfällewahrig enthalten Einträge zum Verb brauchen. Die Einträge dienen der Identifikation des Zweifelsfalls und des Ablesens der Gegenstandsrekonstruktion:

„Besonders in der gesprochenen Sprache wird das zu vor dem Infinitiv weggelassen, d.h., ver- neintes oder eingeschränktes brauchen wird wie verneintes oder eingeschränktes müssen ver- wendet. […] Damit schließt sich brauchen an die Reihe der Modalverben (müssen, dürfen, kö n- nen, sollen, wollen, mö gen) an […]. Da der Konjunktiv II der schwachen Verben keinen Umlaut hat, werden die in der Umgangs- und vor allem in der gesprochenen Spracheüblichen Formen bräuchte, bräuchtest usw. […] noch nicht allgemein als standardsprachlich akzeptiert. Der (ur- sprünglich vor allem süddeutsche) Gebrauch der umgelauteten Formen entspringt wohl dem Be- streben, den Konjunktiv II vom gleichlautenden Indikativ Präteritum abzuheben.“11

„Das Verb brauchen, das ursprünglich ein Vollverb ist, gleicht sich in Formbildung und Ge- brauch zunehmend den Modalverben an. Dabei handelt es sich um Entwicklungen, die in der ge- sprochenen Sprache teilweise weit fortgeschritten sind, die für das geschriebene Standarddeutsch aber meist noch nicht als korrekt akzeptiert sind. […] Da brauchen ein schwaches Verb ist, lautet der Konjunktiv Präteritum standardsprachlich brauchte. Im Gesprochenen dürften die Formen mit Umlaut (ich bräuchte, du bräuchtest etc.), die analog zu den Konjunktivformen der meisten Modalverben (vgl. dürfte, kö nnte, müsste) gebildet sind,überwiegen, doch gelten diese Formen standardsprachlich nicht als korrekt. […] Wie die Modalverben wird brauchen zunehmend mit dem einfachen Infinitiv (ohne zu) gebraucht. Dieser Gebrauch ist in der gesprochenen Sprache schon anerkannt […]. In der geschriebenen Sprache steht brauchen in der Regel noch mit zu.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zweifelsfall Konjunktiv Präteritum des Verbs brauchen

2.1.3 Thematisierung in populärwissenschaftlichen Sprachratgebern

Im Internet existieren zahlreiche Foren, in denen darüber diskutiert wird, inwieweit die Variante bräuchte überhaupt existiert. Auch innerhalb der Kolumne Zwiebelfisch, deren Autor seit 2003 der, durch das da- zugehörige Buch Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, bekannt gewordene Bastian Sick ist, wird die Kon- junktiv II Form des Verbs brauchen thematisiert. In dem 2007 erschienenen Artikel Wenn man kö nnte, wie man wö llte schreibt Sick, dass der Konjunktiv II, entgegen vieler Meinungen, keineswegs vom Aus- sterben bedroht sei und man seine Form wie beim Verb brauchen beliebig verändere, da ein Satz wie Ich brauchte deine Hilfe. nicht eindeutig sei. Zum einen kann dieser Satz als Wunschform gedeutet werden, andererseits aber auch als Beschreibung der Vergangenheit. Der Umlaut dagegen signalisiert eindeutig, dass es sich um den Konjunktiv und nicht um eine Vergangenheitsform handelt. Es sei daher verständlich, dass die umgelautete Form von Vielen für die „richtige“ Form gehalten wird. Auch Sick betont in seiner Kolumne, dass das Verb brauchen den Modalverben zuzurechnen ist. Bräuchte sei laut Sick deswegen nicht verwunderlich, weil Modalverben häufig in den Konjunktiv gesetzt werden, sie ohne die Umschrei- bung mit würde auskommen und zudem im Konjunktiv Präteritum oftmals umgelautet werden.13

2.1.4 Auftreten innerhalb von Sprachberatungsstellen

Der Zweifelsfall bräuchte ist ein scheinbar beliebtes Thema der Ratsuchenden, die sich an Sprachbera- tungsstellen wenden. Zahlreiche Fragen bezüglich der „korrekten“ Konjunktiv Präteritum Form von brauchen zeigen, dass eine große Akzeptanz der umgelauteten Form existiert und diese bereits teilweise als Standard betrachtet wird.

[...]


1 Zitiert nach BASTIAN SICK, Wenn man könnte, wie man wöllte [online].

2 Zitiert nach MATTHIAS WERMKE, Und wie würden Sie sich entscheiden? Richtiges und gutes Deutsch in der der Sprachbe- ratung., S.361.

3 Zitiert nach GERD ANTOS, "Imperfektibles" sprachliches Wissen. Theoretische Vorüberlegungen zu "sprachlichen Zweifelsfällen" [online].

4 Vgl. ebd.

5 Zitiert nach WOLF PETER KLEIN, Sprachliche Zweifelsfälle als linguistischer Gegenstand. Zur Einführung in ein vergessenes Thema der Sprachwissenschaft [online].

6 Zitiert nach WOLF PETER KLEIN, Auf der Kippe? Zweifelsfälle als Herausforderung(en) für Sprachwissenschaft und Sprachnormierung, S.143.

7 Zitiert nach GERD ANTOS, "Imperfektibles" sprachliches Wissen. Theoretische Vorüberlegungen zu "sprachlichen Zweifelsfällen" [online].

8 Vgl. PETER EISENBERG, Grundriß der deutschen Grammatik, S.99.

9 Zitiert nach PETER EISENBERG, Das Wort. Grundriß der deutschen Grammatik, S.197.

10 Vgl. ebd.

11 Zitiert nach PETER EISENBERG, JAN GEORG SCHNEIDER et al., Duden. Richtiges und gutes Deutsch. Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle, S.190f.

12 Zitiert nach JÜRGEN DITTMANN, Fehlerfreies und gutes Deutsch. Das zuverlassige Nachschlagewerk zur Klärung sprachlicher Zweifelsfälle, S.268ff.

13 Vgl. BASTIAN SICK, Wenn man könnte, wie man wöllte [online].

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wenn man könnte wie man wollte, bräuchte man nicht brauchte zu schreiben
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Seminar „Randphänomene und Zweifelsfälle – Systemlinguistische Zugänge“
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V199730
ISBN (eBook)
9783656261469
ISBN (Buch)
9783656263661
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wenn
Arbeit zitieren
Ulrike Weiher (Autor:in), 2012, Wenn man könnte wie man wollte, bräuchte man nicht brauchte zu schreiben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199730

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wenn man könnte wie man wollte, bräuchte man nicht brauchte zu schreiben



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden