Georg Büchner: Die Schizophrenie der Figur Lenz


Hausarbeit, 2009
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie Georg Büchner

3. Die Schizophrenie-Definition
3.1. Symptomatik der Schizophrenie nach Kurt Schneider

4. Die Schizophrenie der Figur Lenz

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Darstellung des psychisch auffälligen Individuums ist seit Jahrhunderten ein wiederkehrendes Thema in der deutschen Literatur. So wundert es nicht, dass sich auch Johann Wolfgang Goethe mit diesem Thema in „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) auseinandersetzte. Aber auch die Werke jüngerer Literaten wie Gerhard Hauptmann („Bahnwärter Thiel“ (1887)), und Arthur Schnitzler („Leutnant Gustl“ (1900)) behandeln das Thema der seelischen Erkrankungen und dessen Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft.

Im Zentrum dieser Tradition literarischer Pathographien steht die 1839 erschienene Lenz­Erzählung des Vormärzlers Georg Büchner. Obwohl die Erzählung nur fragmentarisch erhalten ist, gelingt es Büchner „die entscheidende Destruktionsphase im Leben des Protagonisten“1 auf sehr anschauliche Art und Weise darzustellen.

In der folgenden Arbeit werde ich die Symptome der Schizophrenie erläutern und diese daraufhin an der fiktiven Figur des Lenz aufzeigen. Es soll sich hierbei um eine Abhandlung aus klinischer Sicht handeln.

Vorab möchte ichjedoch einen Einblick in Georg Büchners Biographie geben, da Büchner über medizinische Kenntnisse verfügte, die für die Ausarbeitung der Novelle überaus wichtig waren.

2. Biographie Georg Büchner

Am 17. Oktober 1813 kommt Georg Büchner, als Sohn des Arztes Ernst Karl Büchner und dessen Ehefrau Louise Caroline Büchner, in Goddelau im Großherzogtum Hessen­Darmstadt zur Welt.2 Nachdem die Familie 1816 nach Darmstadt umsiedelte, war Ernst Büchner als erfolgreicher „Bezirks-Chirurg“3, unter anderem in einem Hospital angestellt, welches sich mit „Rasende[n] und Wahnsinnige[n]“4 beschäftigte. Auch war es zur damaligen Zeit üblich, dass die Behandlungen der Kranken „Teil des häuslichen Alltags der Familie“5 waren. So überrascht es nicht, dass auch Georg Büchner schon früh Kontakt mit Kranken und deren Leiden hatte und vielleicht auch schon mit einfachen Handreichungen demVater im ärztlichen Dienst assistierte.

Büchner beginnt im Winter 1831, nach Vollendung seiner Schullaufbahn, an der Universität Straßburg mit dem Studium der Medizin.6 Während seiner medizinischen Ausbildung hat Büchner oft Kontakt zu „psychiatrischen Patienten“7 und lernt durch Obduktionen die menschliche Anatomie kennen und verstehen.

1833 wechselt Büchner an die Landesuniversität Gießen und veröffentlicht kurze Zeit später im Juli 1834 das polemische Flugblatt Der Hessische Landbote. Bald darauf wird Büchner steckbrieflich gesucht, sodass er 1835 nach Straßburg ins Exil flieht.8

Dort kommt er mit Quellen über den Stürmer-und-Dränger Jakob Michael Reinhold Lenz (1751 - 1792) und dessen psychischen Zusammenbruch 17789 in Berührung. Zwei dieser Quellen waren zum einen Goethes Dichtung und Wahrheit, aber jedoch in besonderem Maße ein Bericht des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin (1740 - 1826), bei dem sich J.M.R. Lenz im Zeitraum vom 20.01. - 08.02.1778 aufgehalten hatte. „Die Aufzeichnungen Oberlins schildern den Aufenthalt des geistig erkrankten Schriftstellers [...] bei ihm zu Hause im Vogesendorf Waldbach und schließen mit dem Abtransport des Wahnsinnigen nach Straßburg.“10 Somit stellt der Bericht Oberlins die Grundlage der 1839 posthum erschienenen Erzählung dar.

Im Straßburger Exil beschäftigt sich Büchner zudem wieder mit der Wissenschaft, erforscht das Nervensystem von Süßwasserfischen und schreibt 1836 seine Dissertation „Über das Nervensystem der Barbe.“11 Aufgrund dieser eingereichten Arbeit wurde Georg Büchner die Doktorwürde der Universität Zürich verliehen. 1836 zog er dorthin und begann im Alter von 23 Jahren mit seiner Lehrtätigkeit als Privatdozent.

Anfang 1837 erkrankt Büchner an einer Typhusinfektion und stirbt am 19. Februar in Zürich.12

3. Die Schizophrenie - Definition

Der Begriff der Schizophrenie stammt ursprünglich aus dem Griechischem, nämlich schizein für spalten und phren für Zwerchfell, und bezeichnete den Ort, an dem man Geist und Seele vermutete.13 Der Schizophrene ist in diesem Sinne jemand, dem das Herz gebrochen ist.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Schizophrenie „eine seelische Störung, bei der die Beeinträchtigung der psychischen Funktionen ein solches Ausmaß erreicht hat, dass dadurch Realitätsbezug, Einsicht und die Fähigkeit zu sehr gestört sind, um einigen der üblichen Lebensanforderungen noch zu entsprechen.“14 Es erscheint mir hier auch wichtig, deutlich zu machen, dass es sich bei der Schizophrenie nicht um eine bipolare Persönlichkeitsspaltung im Sinne von zwei Persönlichkeiten handelt, sondern um ein Leiden „bei der viele Bereiche der Persönlichkeit gestört sein können und die zeitweise zu einer Zerrissenheit im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln führen kann.“15 Die Klarheit des Bewusstseins und insbesondere die intellektuellen Fähigkeiten des Betroffenen bleiben erhalten und werden nicht, wie oftmals vermutet, abgebaut.

Der Begriff der Schizophrenie wurde erstmals 1908 in dem Vortrag „Die Prognose der Dementia praecox (Schizophreniegruppe)“16 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler geprägt. Er unterschied dabei die Gruppe der Grundsymptome (Assoziationsstörungen, Ich-Störungen und Störungen der Affektivität), die für die Diagnose obligat vorhanden sein mussten und die akzessorischen Symptome (Wahn, Halluzinationen, katatone Symptome), die zusätzlich bei der Erkrankung auftreten konnten.17 Schizophrene Störungen sind durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affektivität gekennzeichnet. Im Laufe der Zeit können sich ebenfalls kognitive Defizite bilden.

Die Krankheit kann akut „mit schwerwiegend gestörtem Verhalten“18 oder schleichend mit auffälligen Verhaltensweisen beginnen. Der Verlauf ist nicht unbedingt chronisch oder sich verschlechternd. Im Gegenteil: Jeder Krankheitsverlauf muss individuell betrachtet werden. Er kann in schubförmigen Episoden auftreten, die eine kurze Phase der Erholung oder eine Chronifizierung der Symptome nach sich ziehen können.19 Es kann daher also auch durchaus zu einer vollständigen Heilung der Krankheit kommen.

„Die beiden Geschlechter sind etwa gleich häufig betroffen“20 und die Anzahl der Erkrankten beläuft sich weltweit auf ca. 45 Millionen.21

Den aktuellsten Forschungsstand in der Diagnostik und Klassifikation psychischer Störungen vertritt die WHO in ihrer Internationalen Klassifikation der Krankheiten. Da diese Studiejedoch sehr komplex ist, möchte ich mich in meiner Arbeit auf den Deutschen Psychiater Kurt Schneider beziehen, der in seiner Klinischen Pathologie von 1932 die Grundlage der heutigen Symptomatik bildet.

3.1. Symptomatik der Schizophrenie nach Kurt Schneider

Kurt Schneider unterteilt den Krankheitsverlauf in zwei Stadien, die allerdings nicht immer chronologisch aufeinander folgen müssen. Im ersten Stadium, auch Plussymptomatik genannt, siedeln sich Störungen an, die oft plötzlich beginnen und eine Übersteigerung des normalen Erlebens darstellen.22 Zu diesen zählen Halluzinationen, Wahn, formale Denkstörungen, bizarres Verhalten und katatone Symptome.23 Das zweite Stadium, das der Leidende durchläuft, ist das der Minussymptomatik. Hier findet eine Einschränkung des normalen Erlebens statt, welche oft schleichend beginnt. Hierzu zählen motorische und kognitive Defizite, sowie die Dynamische Entleerung.24 Eine genauere Differenzierung soll nun im Anschluss erfolgen.

[...]


1 Menke, Timm Reiner 1984: Lenz-Erzählungen in der deutschen Literatur. Germanistische Texte und Studien. Bd. 18. Hildesheim-Zürich-New York, S. 33.

2 Vgl. Seidel, Jürgen 1998: Georg Büchner. 1. Auflage. München, S. 11-16.

3 Ebd., S. 14.

4 Ebd., S. 13.

5 Ebd., S. 20.

6 Vgl. ebd., S.31.

7 Ebd., S. 40.

8 Vgl. ebd., S. 73, 95.

9 Vgl. Hinderer, Walter 1990: Lenz. „Sein Dasein war ihm eine notwendige Last“. In: Reclams Universal­Bibliothek: Interpretationen. Georg Büchner. Stuttgart, S. 65-66.

10 Menke: Lenz-Erzählungen in der deutschen Literatur, S. 30-31.

11 Seidel: Georg Büchner, S. 122.

12 Vgl. ebd., S. 143-145.

13 Vgl. Faust, Volker: Psychiatrie Heute. Seelische Störungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln. In: Schizo-int.doc (2001), Datum des Zugriffs: 18.05.2009. URL: www.psychosoziale- gesundheit.net/pdf/schizo-int.doc

14 Dilling, H. / Mombour, W. / Schmidt, M.H. (Hg.) 2005: Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. 5., durchges. und erg. Aufl. Bern - Göttingen - Toronto - Seattle.

15 Mayer, Karl C.: Schizophrenie. In: neuro24 Dokumentenserver (2009), Datum des Zugriffs: 02.06.2009. URL : http ://www.neuro24.de/schizophrenie.htm

16 Scharfetter, Christian (Hg.) 2006: Eugen Bleuler. 1857 - 1939. Polyphrenie und Schizophrenie. Zürich. S. 169.

17 Ebd., S. 181.

18 Dilling / Mombour / Schmidt: Internationale Klassifikation psychischer Störungen, S. 104.

19 Vgl. ebd., S. 105.

20 Ebd., S.104.

21 Vgl. Mayer: Schizophrenie.

22 Vgl. Pillen, Sandra: Schizophrenie. In: pro-psychologie Dokumentenserver (1999), Datum des Zugriffs: 02.10.2009. URL: http://www.pro-psychologie.de/schizophrenie.html

23 Vgl. Schneider, Kurt 1973: Klinische Psychopathologie. 10., unver. Aufl. Stuttgart. S. 95-130.

24 Vgl. ebd., S. 95-130.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Georg Büchner: Die Schizophrenie der Figur Lenz
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Theorie und Geschichte der Literatur des 19. Jahrhunderts
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V200350
ISBN (eBook)
9783656266563
ISBN (Buch)
9783656267935
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Büchner, Lenz, Schizophrenie, Literatur, Aufklärung, Epoche, Kurt Schneider, Psychiatrie, Krankheit, Novelle, Syptome, Katatonie, Menschenbild, Vormärz
Arbeit zitieren
Miriam Burkert (Autor), 2009, Georg Büchner: Die Schizophrenie der Figur Lenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200350

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