Nationalstereotypen im Kontakt mit dem Fremden und im literarischen Kommunikationsprozess in Mayles "Mein Jahr in der Provence"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Hinführung zum Thema

2 Stereotype und ihre Rolle im Kontakt mit dem Fremden
2.1 Definition von Stereotypen
2.2 Abgrenzung vom Vorurteil
2.3 Entstehung und Weitergabe von Stereotypen
2.4 Funktionen und Gefahren von Stereotypen im alltäglichen Kontakt mit dem Fremden

3 Nationalstereotype in der Literatur am Beispiel Peter Mayles
3.1 Kurzbiographie Peter Mayles
3.2 Mayles Roman „Mein Jahr in der Provence“
3.3 Analyse der Nationalstereotype in „Mein Jahr in der Provence“
3.3.1 Mayles Bild von der Provence
3.3.2 Darstellung der Nationalstereotype
3.4 Funktionen von Nationalstereotypen im literarischen Kommunikations-prozess und ihre Wirkung

4 Der Umgang mit Stereotypen

5 Bibliographie

1 Hinführung zum Thema

Im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung stehen interkulturelle Kontakte zunehmend auf der Tagesordnung. Allerdings wird die Kommunikation zwischen Mitgliedern verschiedener Nationen häufig durch Stereotypen behindert, mithilfe derer die Akteure unbewusst den Anderen pauschal beurteilen. Weshalb Stereotype trotz zunehmender Kontakte mit fremden Kulturen nicht an Bedeutung verlieren und welche Rolle sie im Kontakt mit dem Fremden spielen, wird im Anschluss an eine grundlegende Definition und die Erläuterung der Entstehung und Vermittlung im zweiten Abschnitt dargelegt. Der dritte Teil der Arbeit analysiert schließlich die Funktionen und Wirkungen von nationalen Stereotypen im literarischen Kommunikationsprozess am Beispiel des Romans „Mein Jahr in der Provence“ von Peter Mayle.

2 Stereotype und ihre Rolle im Kontakt mit dem Fremden

2.1 Definition von Stereotypen

Der Begriff des Stereotyps stammt ursprünglich aus der Druckersprache des 18. Jahrhunderts. Der Terminus Stereotypie bezeichnet in seiner eigentlichen Bedeutung ein Verfahren zur Vervielfältigung von Schriftstücken mithilfe von Druckplatten in gegossener Form. Das Ergebnis sind Schriftsätze, die aus unbeweglich verbundenen Druckzeilen bestehen und eine beliebige Anzahl von Abzügen ermöglichen. Parallel dazu wird im 19. Jahrhundert das Adjektiv stereotyp im übertragenen Sinn von starr, vorfabriziert und massenhaft verbreitet verwendet. Charakteristisch für dieses eindeutig negativ gebrauchte Adjektiv sind demnach die Gleichförmigkeit und die Unveränderlichkeit des Druckverfahrens.[1]

Bereits 1922 definiert der amerikanische Journalist Walter Lippmann in seinem Buch „Public Opinion“ den Terminus als „pictures in our heads“ und prägt damit das wissenschaftliche Verständnis des Begriffs bis in die Gegenwart. „Gemeint ist, dass unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit grundsätzlich durch kulturell vorgeprägte, stark vereinfachende und keineswegs wertfreie Repräsentationen bestimmt wird, durch fiktive Konstruktionen also.“[2] Stereotype sind demnach standardisierte Urteile eines Kollektivs über sich selbst (Autostereotyp) oder andere (Heterostereotyp), die allerdings die Realität nicht in vollem Umfang wirklichkeitsgetreu wiedergeben.[3] Diese Wahrnehmungen, Kategorisierungen und somit Definitionen sind im „soziales Gedächtnis“[4] verankert und werden so an kommende Generationen weitergegeben.[5] Sie können grundsätzlich neben nationalen Differenzen auch intrakulturelle, wie beispielsweise geschlechtliche, soziale und religiöse Unterschiede beschreiben. Der Schwerpunkt im Folgenden wird jedoch stets auf Nationalstereotypen liegen.[6] Da die Ansicht einer Nation von sich selbst meist positiv und unter Umständen verklärt, die Meinung über eine andere Nation aber tendenziell eher negativ ist, besteht zwischen Auto- und Heterostereotyp ein kausaler Zusammenhang.[7] Es handelt sich um „kognitive [historisch-wandelbare] Formeln“[8], die aber auch auf die Realität zurückwirken, indem sie das Verhalten steuern und somit Wirklichkeit beeinflussen und erzeugen können.[9] Grundsätzlich wirken Stereotype von Kollektiven verallgemeinernd und somit entindividualisierend, d.h. der Andere wird nur in seiner Eigenschaft als Mitglied eines Kollektivs wahrgenommen, ohne dass seine individuellen Besonderheiten berücksichtigt werden. Aus diesem Grund führen Stereotype zu einer Verzerrung der Wirklichkeit und stellen eine kollektive Erkenntnisbarriere dar, die ein Vordringen zur Realität verhindert.[10]

2.2 Abgrenzung vom Vorurteil

Der Begriff des Vorurteils wird in der Umgangssprache häufig synonym mit dem des Stereotyps verwendet. Da sich die beiden Termini aber von der Bedeutung her unterscheiden, soll im Folgenden eine Abgrenzung vorgenommen werden.

Das Vorurteil bezeichnet Einstellungen zu einem Kollektiv, die ungeprüft und ohne Kenntnis des Gegenstandes übernommen werden bzw. das Ergebnis reiner Emotionalität sind.[11] Sie entstehen demnach erst durch die Kombination affektiver Einstellungen und eher kognitiver Stereotypen und sind dementsprechend emotionsgeladen. Sie werden bereits in einem frühen Stadium der Sozialisierung erworben bzw. unkritisch übernommen und wirken ebenso wie Stereotype verhaltenssteuernd. Im Gegensatz zu letzteren sind sie wertend, meistens im pejorativen Sinn.[12]

2.3 Entstehung und Weitergabe von Stereotypen

Stereotype sind zunächst subjektive mentale Strukturen, die in verschiedener Form objektiviert und empirisch erfassbar gemacht werden. Dies erfolgt hauptsächlich sprachlich, aber auch bildlich[13], symbolisch und dinglich. Eine große Rolle im Rahmen verbaler Ausdrucksformen spielen Sprichwörter, Lieder und Märchen, da sie sehr langlebig sind und die Weitergabe von Stereotypen über mehrere Epochen und Generationen hinweg ermöglichen. Im Rahmen der Sozialisation und Entkulturation werden die Kategorien durch den Einfluss von Familie, Schule, Medien und Alltagswelt von neuen Generationen unbewusst und unhinterfragt übernommen und verfestigen sich im Unterbewusstsein.[14] Während die fixierte Überlieferung früher überwiegend mittels darstellender Kunst und Literatur erfolgte, wird diese Aufgabe heute hauptsächlich von den modernen Massenmedien – insbesondere vom Fernsehen – übernommen.[15]

Stereotype sind zwar prinzipiell historisch wandelbar, aufgrund ihrer langen Tradition allerdings relativ stabil.[16] Verändert werden sie ausschließlich durch prägende Ereignisse oder sie passen sich nach und nach gesellschaftlichen Veränderungen des Kollektivs an.[17] Problematisch ist, dass Medien grundsätzlich selektierend gestalten und sich dabei an den Erwartungen des Publikums orientieren. Daher stimmen Realität und Medienrealität häufig nicht überein. Durch ständige Konfrontation mit Stereotypen können bereits bestehende Muster bestätigt und verstärkt werden. Dies ist insbesondere bei Nationalstereotypen häufig der Fall.[18] Gezielte Maßnahmen zur Pflege und Verbesserung von kollektiven Stereotypen sind jedoch möglich. Als Beispiel ist in diesem Zusammenhang die „Werbekampagne“ des Bundeslands Baden-Württemberg zu nennen, die es zum Ziel hat, das Image der Region zu verbessern.[19]

2.4 Funktionen und Gefahren von Stereotypen im alltäglichen Kontakt mit dem Fremden

Roth unterscheidet drei verschiedene Funktionsebenen von Stereotypen, nämlich die kognitive, die psychohygienische und die soziale.

Die kognitive Dimension von Stereotypen dient als Orientierungssystem zur Reduktion von Komplexität und ermöglicht dem Menschen die Bewältigung des Alltags. Durch den Vergleich mit tradierten Ansichten und Definitionen werden unbekannte Personen, fremde Situationen und neue Erfahrungen in ein Raster aus bekannten Klassifikationen eingeordnet und die vielfältigen Informationen somit verarbeitet. Eine solche Einordnung bringt zwangsläufig eine Vereinfachung und Verallgemeinerung mit sich, da der Mensch selektiv wahrnimmt und dementsprechend kategorisiert. Die kognitive Dimension von Stereotypen gewinnt mit steigender Unüberschaubarkeit der Realität an Bedeutung, da hiermit auch das Bedürfnis des Menschen nach Vereinfachung zunimmt.[20] Dies erklärt auch, weshalb trotz zunehmender interkultureller Kontakte und der Annäherung zwischen Nationen Stereotype nicht abgebaut werden, sondern im Gegenteil eher verstärkt auftreten.[21]

Darüber hinaus haben Stereotype eine psychohygienische Funktion. Die Beibehaltung von Stereotypen wirkt identitäts- und realitätsstiftend, sie dienen deshalb als „Systeme zur Aufrechterhaltung des Seins“.[22] Stereotype ermöglichen damit eine individuelle Lebensbewältigung, da sie den Menschen unbewusst bei der Bewältigung der täglich auf ihn zukommenden neuen Situationen und Kontakte unterstützen, indem sie ihm – neben verallgemeinernden Kategorisierungen – Bewertungen und Verhaltensstrategien an die Hand geben. Diese stammen entweder aus früheren eigenen Kontakten oder aus dem überlieferten kollektiven Gedächtnis einer Gruppe.[23] Diese tradierten Erfahrungen mit vergleichbaren Menschen ermöglichen ein (scheinbar) angemessenes Handeln, ohne dass die Akteure das Gegenüber erst beurteilen müssen. Stereotype „gewährleisten demzufolge […] psychischen Selbstschutz“ und „dienen der Aufrechterhaltung des Selbst und der Klärung der eigenen Identität.“[24]

[...]


[1] Vgl. Wenzel (1978): S. 19.

[2] Florack (2001): S. 10.

[3] Vgl. Hansen (2000): S. 322.

[4] Assmann (1990): S. 51.

[5] Auf die Entstehung und Weitergaben von Stereotypen wird unter Abschnitt 2.3 intensiver eingegangen.

[6] Nach Roth können alle Lebensbereiche, wie z.B. auch historische Ereignisse, Objekte und Zustände, Sachverhalte und Institutionen von Stereotypen betroffen sein, wobei die sozialen sicherlich am häufigsten vorkommen (Vgl. Roth (1998): S. 24f.).

[7] Um diesen Zusammenhang zu veranschaulichen, führt Hansen das Beispiel vom Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion an (Vgl. Hansen (2000): S. 321f.).

[8] Roth (1998): S. 23.

[9] Vgl. Roth (1998): S. 23.

[10] Vgl. Hansen (2000): S. 321.

[11] Vgl. Hansen (2000): S. 322.

[12] Vgl. Roth (1998): S. 23f.

[13] Bildlich dargestellte Stereotype finden sich v.a. in der Malerei (z.B. Völkertafel) und seit dem 19. Jahrhundert verstärkt in der Karikatur (z.B. Marianne und deutscher Michel), Vgl. Roth (1998): S. 27.

[14] Vgl. Roth (1998): S. 25ff.

[15] Vgl. Maletzke (1996): S. 121.

[16] Vgl. Roth (1998): S. 27f.

[17] Vgl. Maletzke (1996): S. 110f.

[18] Vgl. Maletzke (1996): S. 122f.

[19] Vgl. Maletzke (1996): S. 124.

[20] Vgl. Roth (1998): S. 33.

[21] Vgl. Florack (2001): S. 2.

[22] Roth (1998): S. 33.

[23] Vgl. Roth (1998): S. 30.

[24] Roth (1998): S. 34.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Nationalstereotypen im Kontakt mit dem Fremden und im literarischen Kommunikationsprozess in Mayles "Mein Jahr in der Provence"
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
HS: 'Nationalstereotype: Ihre Entstehung, ihre Übermittlung, ihre Reflexion in Literatur, Karikatur und Film'
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
16
Katalognummer
V20043
ISBN (eBook)
9783638240413
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktionen, Wirkungen, Nationalstereotypen, Kontakt, Fremden, Kommunikationsprozess, Beispiel, Peter, Mayles, Mein, Jahr, Provence, Ihre, Entstehung, Reflexion, Literatur, Karikatur, Film“
Arbeit zitieren
Christina Stojek (Autor), 2003, Nationalstereotypen im Kontakt mit dem Fremden und im literarischen Kommunikationsprozess in Mayles "Mein Jahr in der Provence", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20043

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