Seit dem 11. September haben sich viele Wissenschaftler die Frage, welche Beziehung zwischen Terrorismus und insbesondere Selbstmordterrorismus und Religion besteht, gestellt. Da Selbstmordterrorismus sowohl bei religiösen als auch säkularen Terrorgruppen als Taktik genutzt wird, kann nicht davon ausgegangen werden, dass Selbstmordterrorismus ein Produkt der Hingabe zu spezifischen religiösen Überzeugungen ist. Anstatt dessen stelle ich in der vorliegenden Arbeit jedoch die These auf, dass die Hingabe zum Kollektiv ein entscheidendes Moment für Handlungen wie Selbstmordterrorismus ist, und dass diese Hingabe durch kollektive Rituale (ob nun religiöser oder säkularer Natur) bestärkt und manifestiert werden. Gemeinschaftliche religiöse Rituale haben einen verbindenden Charakter (vgl. Durkheim 1981), die hilft kollektive Handlungsprobleme zu überwinden und die Ingroupkooperation zu steigern (vgl. Ginges 2009, 1). Terroristen benutzen aufwendige Rituale um Emotionen mit geheiligten Symbolen zu verbinden und Gruppenzugehörigkeit zu symbolisieren. Diese geheiligten Symbole sind emotional evokativ und in ihrer Motivation kraftvoll. Sie unterstützen die Ingroupsolidarität, das Vertauen und die Kooperation innerhalb dieser. Religiöse Glaubenssätze, einschließlich der versprochenen Belohnungen im Jenseits, dienen weiterhin dazu die Kooperation zu fördern, indem sie den wahrgenommenen Kosten von Handlungen wie Selbstmordterrorismus ändern. Um der Antwort auf die Frage welche Rolle Rituale i n Bezug auf Terrorismus im Allgemeinen und Selbstmordterrorismus im Besonderen, wende ich mich im 1. Kapitel zunächst kurz einer These von Yoeli und Pratos (2008) zu, die in ihrem Aufsatz „Terrorism is the Ritual Abuse of the Twenty-first Century“ Terrorismus als einen Kult definieren. Mein Anliegen im 2. Kapitel ist es darzulegen wie Terrororganisationen Religion instrumentalisieren, um ihre Ziele zu erreichen sowie aufzuzeigen, dass ein religionstheoretischer Ansatz bedeutend für das Verständnis der aktuellen Trends terroristischer Aktivitäten sein kann. Fragen, die in diesem Zusammenhang aufgeworfen werden, ist warum religiös motivierter Terrorismus immer verbreiteter wird und wenn Terroristen im Allgemeinen und Selbstmordattentäter im Besonderen keine verrückten Fanatiker sind, welche Beziehung dann zwischen Religion und Terrorismus besteht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Terrorismus als Kult
3. Die Beziehung zwischen Religion und Terrorismus
3.1 Gemeinsame Beteiligung an Ritualen
3.2 Der Glaube an übernatürliche Kräfte
3.3 Trennung des Heiligen vom Profanem
4. Kulturtheoretische Ansätze zu Selbstmordterrorismus
4.1 Die Rituale
4.2 Rituale und Hingabe zum Kollektiv
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die soziologische Beziehung zwischen Ritualen und Selbstmordterrorismus, wobei die zentrale Forschungsfrage darauf abzielt, wie kollektive Rituale – unabhängig von ihrer religiösen oder säkularen Natur – die Hingabe zum Kollektiv stärken und terroristische Handlungen legitimieren. Es wird die These verfolgt, dass Terrororganisationen Religion und Rituale instrumentalisieren, um Ingroupbindung und Märtyrertum zu fördern.
- Instrumentalisierung von Religion durch Terrororganisationen
- Der "Kult"-Aspekt von Terrorismus und Gedankenkontrolle
- Psychologische und soziale Funktionen ritueller Handlungen
- Der Einfluss von Ritualen auf die Ingroup-Solidarität und Kooperation
- Kulturtheoretische Ansätze zur Erklärung von Selbstaufopferung
- Die Rolle des Märtyrerkultes bei der Rekrutierung von Attentätern
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Rituale
Terrororganisationen wie die Hamas benutzen Rituale und Zeremonien um den Wert des Märtyrertums in der Gesellschaft zu fördern. Die Befürworter von Selbstmordanschlägen kreieren Plakate, Webseiten und öffentliche Ausstellungen, um ihre Märtyrer zu ehren und ihre heroische Aufopferung publik zu machen.
Die Darstellungen auf den Plakaten kombinieren oft die auf den ersten Blick konträren Themen Tod und Heirat in einen kohärenten Rahmen, der Märtyrertum als einen Weg ewige Glückseligkeit zu erlangen porträtiert. Die Attentäter sowie die dahinter stehende Organisation drängen ihre Familien ihr Märtyrertum und ihre Freude in das Paradies nach der Mission einzutreten, zu feiern - anstatt über ihren Tod zu trauern (vgl. Hafez 2006, 177).
Hafez (ebd.) zitiert den letzten Willen des Hamas-Selbstmordattentäter Hamed Abu Hejleh, dessen Bild als Plakat an der Haupttreppe der Al-Najah University in Nablus/Palästina , wo er Bauingenieurwesen studiert hat : “My last wish to you my family is that none of you should weep in my procession to heaven. Indeed, distribute dates and ululate in the wedding of martyrdom.” Weiterhin zitiert Hafez (ebd.) Nur al-Din Safi, ein weiterer Selbstmordattentäter der Hamas: “Do not be sad and do not cry for we are in heaven, God willing. […] Receive news of my martyrdom with elation and chants to God for it is a day of celebration.”
Rituale und Zeremonien durchdringen alle Aspekte des Selbstmordterrorismus. Das Videoband, das den letzten Willen und das Testament aufzeichnet sowie die Einsatzbereitschaft des Attentäters verfestigt (vgl. Richardson 2006, 133) . Das Stirnband und der Banner mit Versen aus dem Koran, um die „lebenden“ Märtyrer zu schmücken bevor sie ihr Vorhaben kundtun sich auf eine Märtyrermission zu begeben. Die Gewehre und Bomben, die als Requisite für ihre letzten Fotografien dienen und symbolisieren sollen, dass sie als freie Individuen die Entscheidung getroffen haben für die Sache zu sterben. Das Ritual des letzten finale Moscheebesuchs kurz bevor die Attentäter auf ihre Mission gehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Beziehung zwischen Religion, Ritualen und Selbstmordterrorismus und formuliert die These, dass kollektive Rituale die Hingabe zum Kollektiv maßgeblich stärken.
2. Terrorismus als Kult: Das Kapitel analysiert Terrorgruppen anhand kultischer Kriterien, insbesondere durch den Einsatz von Gedankenkontrolle und die systematische Indoktrination von Mitgliedern zur Erreichung politischer Ziele.
3. Die Beziehung zwischen Religion und Terrorismus: Hier werden vier Mechanismen – Konfliktrahmung, moralische Rechtfertigung, spirituelle Belohnungen sowie Symbole und Rituale – erläutert, durch die Religion als Werkzeug für Terrororganisationen instrumentalisiert wird.
3.1 Gemeinsame Beteiligung an Ritualen: Dieses Kapitel erörtert, wie rituelle Teilhabe zur Überwindung von kollektiven Handlungsproblemen beiträgt und Ingroup-Kooperation durch zuverlässige Signale der Gruppenbindung festigt.
3.2 Der Glaube an übernatürliche Kräfte: Es wird dargelegt, wie Glaubenssysteme durch contraintuitive Konzepte Signale setzen, die schwer zu fälschen sind und die Bindung an die Gruppe sowie Jenseitserwartungen verinnerlichen.
3.3 Trennung des Heiligen vom Profanem: Das Kapitel untersucht die emotionale Aufladung sakraler Symbole und Objekte durch Rituale, wodurch diese für die Gläubigen eine handlungsleitende Bedeutung gewinnen.
4. Kulturtheoretische Ansätze zu Selbstmordterrorismus: Hier wird diskutiert, wie Kultur Akteuren einen "Werkzeugkasten" für strategisches Handeln liefert und Gewalt durch kulturelle Deutungsmuster als pflichtbewussten Akt legitimiert.
4.1 Die Rituale: Das Kapitel beschreibt, wie spezifische Zeremonien wie Märtyrer-Prozessionen, Testamentsvideos und öffentliche Inszenierungen den Tod des Attentäters in einen Akt ewiger Erlösung und heldenhafter Hingabe umdeuten.
4.2 Rituale und Hingabe zum Kollektiv: Abschließend werden empirische Ergebnisse präsentiert, die zeigen, dass nicht die religiöse Überzeugung an sich, sondern die Teilnahme an gemeinschaftlichen Ritualen die Unterstützung für Selbstmordterrorismus signifikant beeinflusst.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Religion und Rituale von Terrororganisationen als konstitutive Mittel zur Erzeugung einer Kultur des Märtyrertums genutzt werden, um Freiwillige für Selbstmordmissionen zu rekrutieren.
Schlüsselwörter
Selbstmordterrorismus, Rituale, Religion, Terrororganisationen, Märtyrertum, Kult, Ingroup-Bindung, Selbstaufopferung, Gedankenkontrolle, kollektives Handeln, Radikalisierung, kulturtheoretische Ansätze, soziale Identität, Symbolismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die soziologische Verbindung zwischen Ritualen und Selbstmordterrorismus und analysiert, wie terroristische Organisationen kollektive Rituale nutzen, um ihre Anhänger zu binden und zur Selbstaufopferung zu motivieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören der Kult-Charakter von Terrororganisationen, die Instrumentalisierung von Religion, die psychologische Funktion von Märtyrer-Ritualen und die Bedeutung von Gruppenzugehörigkeit für terroristische Handlungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass die Hingabe zum Kollektiv durch kollektive Rituale bestärkt wird und dass diese Rituale eine entscheidende Rolle bei der Rationalisierung und Legitimation von Selbstmordanschlägen spielen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine kulturtheoretische Perspektive und integriert soziologische sowie psychologische Ansätze, um die Mechanismen hinter der Mobilisierung von Terroristen zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Instrumentalisierung von Religion durch Terrorgruppen, eine Untersuchung spezifischer ritueller Praktiken und die Auswertung von Studien zur Bedeutung ritueller Teilhabe für die Unterstützung von Gewalt.
Welche Begriffe beschreiben die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Selbstmordterrorismus, Rituale, Märtyrerkult, Ingroup-Kohäsion und religiöse Instrumentalisierung.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Religion bei Terroristen von der Rolle bei gewöhnlichen Gläubigen?
Die Arbeit zeigt auf, dass Terrororganisationen Religion primär als Werkzeug oder "Rahmen" nutzen, um politisches Handeln in einen kosmischen, moralisch absolut aufgeladenen Kontext zu setzen, anstatt den Fokus auf den persönlichen Glaubensinhalt zu legen.
Warum wird Terrorismus in der Arbeit teilweise als "Kult" definiert?
Die Einordnung als Kult erfolgt aufgrund der Anwendung spezifischer Techniken wie Gedankenkontrolle, der totalistischen Ideologie und der bewussten Abschottung der Mitglieder, um den individuellen Willen dem Willen der Gruppe zu unterordnen.
Welche Rolle spielt das Märtyrertum konkret für die Rekrutierung?
Das Märtyrertum wird durch Rituale (wie Videos, Gedenkfeiern und Plakate) ästhetisiert und als Akt ewiger Erlösung und kollektiver Ehre gerahmt, was den "Nutzen" des Anschlags für den Attentäter rationalisiert.
- Arbeit zitieren
- Marie Luedtkes (Autor:in), 2010, Zur Beziehung zwischen Ritualen und Selbstmordterrorismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/200880