Die Philosophie hat sich seit ihrer Entstehung mit zentralen Fragen des Menschen auseinandergesetzt. Eine dieser elementaren Auseinandersetzungen beschäftigt sich mit dem Ursprung der menschlichen Erkenntnis. Auf der Suche nach der Quelle der menschlichen Erkenntnis entstand unter den Philosophen eine heftige Kontroverse darüber, ob die Vernunft oder die Erfahrung die Herkunft der Erkenntnisse im Menschen darstellt. Bei der Akzentuierung dieser beiden Quellen unterscheidet man daher die Positionen des Rationalismus und die des Empirismus voneinander. Der Rationalismus geht davon aus, dass die Vernunft die primäre und die Erfahrung die sekundäre Quelle der menschlichen Erkenntnis ist. Der Empirismus hingegen räumt der Erfahrung eine Vorrangstellung vor der Vernunft ein. Dabei ist die Zustimmung beziehungsweise Ablehnung des Daseins der angeborenen Ideen der bestimmende Gegensatz dieser beiden Positionen.
Unter der Bezeichnung angeborene Ideen muss man sich hier jene Kenntnisse vorstellen, die der Mensch seit seiner Geburt in sich trägt und die somit nicht aus der Erfahrung stammen. Was man unter diesen angeborenen Ideen zu verstehen hat und wie man sie begründen kann, stellt das Zentrum dieser wissenschaftlichen Arbeit dar. Der Titel „Die angeborenen Ideen bei Platon und Leibniz“ macht bereits deutlich, dass hier zwei Philosophen im Fokus der Betrachtungen stehen sollen. Einerseits soll der antike Philosoph Platon und anderseits der neuzeitliche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz im Bezug auf die Lehre der angeborenen Ideen betrachtet werden. Die Erkenntnistheorie als Disziplin der Philosophie, die sich mit den Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnis beschäftigt, ist erst um 1830 entstanden. Der Gegensatz zwischen Empirismus und Rationalismus existiert erst in der Neuzeit. Aber trotz dieser Tatsachen hat sich bereits Platon in der Antike mit dem Wissen im Menschen beschäftigt und die Lehre der angeborenen Ideen gegenüber seinem Schüler Aristoteles vertreten. Die Vorstellung von den angeborenen Ideen kann man deshalb auf Platon als seinen Urheber zurückführen. Der Rationalist Leibniz hingegen hat die Lehre der angeborenen Ideen, die man auch Apriorismustheorie nennt, von Platon übernommen und sie auf eine neue wissenschaftliche Grundlage gestellt.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Begründung des Themas und der Herangehensweise
1.2 Forschungsstand und Quellenauswahl
1.3 Zitierweise und Abkürzungen der Quellen
2. Begriffliche Einführung in die Lehre der angeborenen Ideen
2.1 Die Termini „idea“ und „innatus“
2.2 Platons Ideenlehre und Ideenbegriff
2.3 Die angeborenen Ideen bei Descartes und Locke
2.4 Leibniz und die „ideae innatae“
3. Platon und Leibniz über die angeborenen Ideen
3.1 Die alte Begründung für die Existenz der angeborenen Ideen durch Platon
3.1.1 Die theoretische Begründung der angeborenen Ideen
3.1.2 Die praktische Begründung der angeborenen Ideen
3.2 Die neue Begründung für die Existenz der angeborenen Ideen durch Leibniz
3.2.1 Leibniz Begründung der angeborenen Ideen durch Lockes Widerlegung
3.2.2 Die Erkenntniskriterien nach Descartes und Leibniz
4. Platon und Leibniz im Kontrast
4.1 Leibniz Transformation der platonischen Lehre
4.2 Der Konsens zwischen Platon und Leibniz
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lehre von den "angeborenen Ideen" bei Platon und Leibniz, mit dem Ziel, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer erkenntnistheoretischen Konzepte herauszuarbeiten und die These zu verifizieren, dass Leibniz in einer direkten platonischen Tradition steht.
- Die erkenntnistheoretische Kontroverse zwischen Rationalismus und Empirismus.
- Die Bedeutung der Begrifflichkeit und Begründung angeborener Ideen bei beiden Philosophen.
- Die Analyse der platonischen Anamnesislehre und deren Transformation durch Leibniz.
- Die Auseinandersetzung zwischen Leibniz und John Locke hinsichtlich der "tabula rasa".
- Die Verifizierung der These von Alfred North Whitehead über die Bedeutung Platons für die europäische Philosophie.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die alte Begründung für die Existenz der angeborenen Ideen durch Platon
Der Glaube, dass es de facto angeborene Ideen gibt, ist aus der Annahme von der Anamnesislehre begründet. Die Existenz solcher eingeprägten Wahrheiten erklärt Platon im Menon und im Phaidon. Jedoch wird hier keine ausgearbeitete Theorie für das Dasein der angeborenen Ideen vorgestellt, sondern man findet sie nur am Rande erwähnt. Im Phaidon beschreibt Platon lediglich seine Auffassung von der menschlichen Seele und wie sie seiner Meinung nach beschaffen sein muss. Durch seine aufgeführten Unsterblichkeitsbeweise für die Seele und die damit verbundene Vorstellung von der Konstitution des Menschen als ein Leib-Seele-Wesen schafft Platon jedoch eine notwendige Bedingung für die Existenz seiner angeborenen Ideen. Im Dialog Menon wird die Anamnesislehre ebenfalls nur am Rande erwähnt und am Beispiel eines Sklaven praktisch gezeigt. Aus diesen Gründen können hier nur indirekte und hinführende Beweise als Begründung der apriorischen Erkenntnisse für Platon vorgebracht werden. Die Argumentationen im Phaidon können dabei als eine theoretische Darlegung und im Menon als eine praktische Begründung neben kurzen theoretischen Erläuterungen verstanden werden. Die theoretische Beweisführung im Phaidon befasst sich mit der Konstitution des Menschen und zeigt dabei die platonische Weltauffassung. Durch diese Weltbeschreibung ermöglicht es Platon, apriorische Ideen und Wahrheiten überhaupt anzunehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Hinführung zum Thema des Ursprungs menschlicher Erkenntnis und Darstellung der Forschungsabsicht, die platonische Lehre der angeborenen Ideen mit der Leibnizschen zu vergleichen.
2. Begriffliche Einführung in die Lehre der angeborenen Ideen: Analyse der grundlegenden Begriffe "Idee" und "angeboren" sowie Untersuchung der verschiedenen Ansätze bei Platon, Descartes, Locke und Leibniz.
3. Platon und Leibniz über die angeborenen Ideen: Detaillierte Analyse der Begründungsversuche für angeborene Ideen, angefangen bei Platons Anamnesislehre bis hin zu Leibniz' Antwort auf Lockes Empirismus.
4. Platon und Leibniz im Kontrast: Kontrastierender Vergleich beider Philosophien, der zeigt, wie Leibniz die platonische Tradition transformiert und fortführt.
5. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der philosophischen Nähe beider Denker und Bestätigung der These, dass Leibniz wesentlich von Platon geprägt wurde.
Schlüsselwörter
Angeborene Ideen, Platon, Leibniz, Anamnesislehre, Apriorismus, Rationalismus, Empirismus, Erkenntnistheorie, Vernunftwahrheiten, Tatsachenwahrheiten, Monadologie, Locke, Erkenntniskriterien, Seele, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das erkenntnistheoretische Konzept der "angeborenen Ideen" und vergleicht die Ansätze von Platon und Gottfried Wilhelm Leibniz.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die philosophische Begründung von Wissen, die Unterscheidung zwischen Vernunft- und Tatsachenwahrheiten sowie die historische Kontroverse zwischen Rationalismus und Empirismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Ideenkonzepten von Platon und Leibniz aufzuzeigen und zu belegen, dass Leibniz in der Tradition des platonischen Denkens steht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt eine analytische Herangehensweise, bei der zunächst die Begrifflichkeit und dann die Begründungslogik beider Philosophen untersucht wird, um sie anschließend kontrastierend zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine begriffliche Einführung, eine detaillierte Analyse der Begründungen für angeborene Ideen (unter Einbeziehung der Kritik von John Locke) und einen direkten Vergleich der Konzepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie angeborene Ideen, Apriorismus, Anamnesislehre, Rationalismus und Leibniz’sche Philosophie charakterisieren.
Warum spielt das "Menon"-Beispiel mit dem Sklaven eine so wichtige Rolle?
Es dient Platon als praktischer Beweis dafür, dass mathematische Erkenntnisse nicht durch Belehrung von außen, sondern durch Wiedererinnerung (Anamnesis) aus dem Inneren des Menschen gewonnen werden.
Inwiefern unterscheidet sich Leibniz’ Verständnis der Seele von dem Platons?
Während Platon einen ausgeprägten Dualismus vertritt, entwickelt Leibniz eine spiritualistische Monadenlehre, in der keine Seelenwanderung im platonischen Sinne stattfindet, sondern eine stetige Entwicklung der Monade.
- Quote paper
- Benedikt Bärwolf (Author), 2010, Die „angeborenen Ideen“ bei Platon und Leibniz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201740