Welchen Beitrag kann Irigarays Konstrukt vom geschlechtsspezifischen Sprechen, Denken und Handeln zur Entwicklung einer „weiblichen“ Philosophie leisten und welche Rückschlüsse lassen sich in diesem Kontext auf die Gegenwart und Tendenzen theoretischer feministischer Diskussion und Forschung, aber auch der politisch-praktischen Diskussion schließen? Ein neues Differenzdenken tritt aus den identitätslastigen Reflexionen traditioneller Philosophien heraus. Diese Suche nach einem anderen Differenzbegriff eröffnet vor allem im praktischen Denkrahmen die Möglichkeit, konkrete Schritte in Richtung neuer Fragestellungen gehen zu können.
In Auseinandersetzung mit einer bis dahin ausschließlich männlich geprägten traditionellen Philosophie werden durch das Konstatieren einer offensichtlichen Ungleichheit der Geschlechter neue Problemhorizonte eröffnet.
In einer vorgenommenen Neubewertung des Begriffs der sexuellen Differenz wird versucht, eine Perspektive zu eröffnen, die akzeptiert, dass der Mensch zwei ist.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit soll es sein, auf die Überlegungen Luce Irigarays einzugehen, denn ihr Name ist streng verbunden mit dem Begriff der sexuellen Differenz sowie feministischer Theoriezusammenhänge.Es ist ihr Anliegen, eine weibliche Sprache als Gegenentwurf auszumachen, welche die tatsächliche geschlechtliche Identität für Frauen zulässt. Die praktische Seite ihres Differenzdenkens spiegelt sich einer Politik der Differenz wider, die es erlaubt, konstruktive Angebote für eine friedliche Revolution zu machen. Irigarays Beitrag der sexuellen Differenz in einem feministischen Diskurs zu verorten, welcher es beansprucht, auf die Unterrepräsentation von Frauen hinzuweisen,nimmt in der feministischen Theoriebildung eine innovative Rolle ein. Die Schwierigkeit der traditionellen philosophischen Debatte im Kontext „weiblicher“ Problemzusammenhänge besteht in einer vorwiegend männlichen Prägung philosophischer Denkweisen, Methoden und Begriffsbestimmungen. Kann eine weiblich gedachte Philosophie also in der Lage sein, wertvolle Perspektiven im Hinblick auf die Gleichberechtigung von Frauen zu eröffnen und diese Gleichberechtigung bzw. das Streben danach in den ökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Strukturen der Gesellschaft grundlegend zu verankern?
Im letzten Teil der Arbeit soll ein Ausblick auf den zukünftigen Beitrag der differenztheoretischen Überlegungen für die feministische Theorienbildung gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Konstruktion von Differenz in philosophischer Betrachtung
2.1 Die Differenz - der Unterschied
2.2 Der Mensch ist zwei oder das Denken sexueller Differenz als theoretischen Entwurf
3. Luce Irigaray und ihre Einordnung in differenzphilosophische Theorien
3.1 Spurensuche: die Identität der Frau
3.2 Sich selbst berühren: die Sprache der Frau
3.3 Gleichheit gleich Gerechtigkeit? Politik der sexuellen Differenz
3.4 Der Versuch einer Verortung
4. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Bachelor-Abschlussarbeit untersucht, welchen Beitrag das Konzept von Luce Irigaray zur Entwicklung einer „weiblichen“ Philosophie leisten kann und welche Implikationen sich daraus für zeitgenössische feministische Diskurse sowie politisch-praktische Diskussionen ergeben. Im Fokus steht dabei die Überführung des Begriffs der sexuellen Differenz in ein neues philosophisches Denken, das die Unterdrückung des Weiblichen kritisiert und Alternativen zu traditionellen, männlich geprägten Machtstrukturen und Identitätskonzepten aufzeigt.
- Philosophische Begriffsbestimmung und Geschichte der Differenz
- Kritik an traditionellen, phallozentrischen Denksystemen
- Luce Irigarays Beitrag zur sexuellen Differenz und weiblichen Identität
- Methodik der Mimetik als Werkzeug der dekonstruktivistischen Theoriebildung
- Verhältnis von Gleichheit, Gerechtigkeit und symbolischer Ordnung
Auszug aus dem Buch
3.2 Sich selbst berühren: die Sprache der Frau
Entgegen traditioneller Denkweisen begründet sich die andere Sexualität der Frau auf einem „radikalen Anderssein“ hinsichtlich der Logik des Einen (vgl. Kimmerle 2001c: 9). Die Anatomie der Frau bzw. ihre körperlichen Voraussetzungen lassen es zu, Weiblichkeit als eine vielgestaltige begreifen zu können, in welcher die Frau erstmals als eigenständiges Subjekt aufgehen darf.
Irigaray versucht, mit der Morphologie des weiblichen Geschlechts begründet, einer Inbesitznahme des weiblichen durch das männliche Geschlecht entgegenzutreten. Hierfür braucht sie das Begehren der Frau, die Berührung, um sich selbst vermitteln zu können. Dem Phallus als Erzeuger und Hüter der bindenden symbolischen Ordnung setzt sie Strukturen weiblicher Anatomie entgegen, die die Auto-Erotik der Frau betonen: die weiblichen Lippen berühren sich stets, der Übergang der Haut ist fließend.
Da weibliche Sexualität „[...] immer von männlichen Parametern ausgehend gedacht worden“ (Irigaray 1979: 22) ist, beherrscht das männliche Geschlecht das weibliche Nicht-Geschlecht. Die Klitoris als verkümmerter Penis, die Vagina als „[...] Herberge des männlichen Geschlechts, wenn, um Lust zu gewinnen, für die verbotene Hand eine Ablösung gefunden werden muß.“ (ebd.) - die Freud’sche Psychoanalyse stellte die erogenen weiblichen Bereiche als die Zonen dar, die in Passivität versunken, das klitorale Geschlecht als ein Nicht-Geschlecht abbilden, „[...] das dem Vergleich mit dem wertvollen phallischen Organ nicht standhält.“ (ebd.), welches zum Empfinden sexueller Lust nicht in der Lage ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Fragestellung ein, wie Irigarays Konstrukt geschlechtsspezifischen Denkens und Handelns zur Entwicklung einer weiblichen Philosophie beitragen kann.
2. Die Konstruktion von Differenz in philosophischer Betrachtung: Es wird die philosophische Begriffsgeschichte der Differenz nachgezeichnet, wobei kritisch aufgezeigt wird, wie westliche Philosophie traditionell Differenz als bloßen Gegenentwurf zur Identität behandelte.
3. Luce Irigaray und ihre Einordnung in differenzphilosophische Theorien: Dieser Abschnitt widmet sich tiefgreifend den zentralen Thesen Irigarays, ihrer Kritik an der Psychoanalyse Freuds und ihrem Entwurf einer neuen weiblichen Sprache und Ethik.
4. Ausblick: Der Ausblick reflektiert das Spannungsfeld zwischen differenztheoretischen Ansätzen und der „Queer-Theorie“ sowie die Wirksamkeit dieser Ansätze in der politischen Praxis des Gender-Mainstreaming.
Schlüsselwörter
Sexuelle Differenz, Luce Irigaray, Feministische Philosophie, Dekonstruktion, Phallozentrismus, Weibliche Identität, Symbolische Ordnung, Mimetik, Sprachkritik, Geschlecht, Subjektivität, Gleichheit, Gerechtigkeit, Körpertheorie, Gender-Mainstreaming
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Konzept der „sexuellen Differenz“ von Luce Irigaray genutzt werden kann, um eine weibliche Philosophie zu begründen, die sich von männlich dominierten Denkstrukturen abhebt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die philosophische Geschichte der Differenz, die Kritik am patriarchalen Identitätsdenken sowie die Suche nach neuen Ausdrucksformen für weibliches Begehren und Identität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Irigarays Beitrag zur feministischen Theoriebildung herauszuarbeiten und zu prüfen, inwieweit ihr Differenzbegriff neue Perspektiven für eine geschlechtergerechte Gesellschaft eröffnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, die sich auf die Dekonstruktion patriarchaler Diskurse stützt und Irigarays „mimetische Methode“ als Werkzeug untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das traditionelle Differenzverständnis, dann Irigarays spezifische Theorie der sexuellen Differenz und schließlich deren Bedeutung für die Sprache, Ethik und politische Teilhabe von Frauen erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sexuelle Differenz, Dekonstruktion, Phallozentrismus, Weibliche Identität und Symbolische Ordnung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich Irigarays Ansatz vom klassischen Gleichheitsfeminismus?
Während der Gleichheitsfeminismus oft auf die Angleichung von Mann und Frau zielt, plädiert Irigaray dafür, die Differenz als positive und notwendige Grundlage für ein eigenständiges weibliches Subjekt zu bewahren.
Was versteht Irigaray unter der „Mimetik“?
Die Mimetik ist für Irigaray eine Methode, bei der Frauen in den herrschenden, männlich geprägten Diskurs „eintreten“ und ihn in spielerischer Wiederholung nachahmen, um die dort verborgenen patriarchalen Strukturen sichtbar zu machen und zu unterwandern.
- Quote paper
- Silke Piwko (Author), 2012, Luce Irigaray und das Denken der sexuellen Differenz: Ihr Werk im Kontext differenzphilosophischer Betrachtungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202323