Die postmortale Gesellschaft

Von der Verschiebung der Grenzen bis hin zur Dekonstruktion des Todes?


Hausarbeit, 2012

12 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Angst vor dem Tod

2 Die neuen Grenzen des Todes
2.1 Vom Tod als Zeitpunkt zum Tod als Prozess: Der Herztod und der Hirntod
2.2 Die neue Todesdefinition. Fluch oder Segen?

3 Die Dekonstruktion des Todes?

4 Ein Leben ohne Tod

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Quellen

Im Laufe der Zeit ist die, einst als unerschütterlich geltende, Grenze zwischen Leben und Tod zunehmend verschwommen und sogar das Gedankenexperiment der völligen Dekonstruktion des Todes rückt immer mehr in den Fokus der thanatosoziologischen Debatte. Dies ist zum einen dem technisch-medizinischen Fortschritt geschuldet, jedoch reagiert die wissenschaftliche Disziplin und aus ihr resultierende Entwicklungen immer auf gesellschaftliche Problemlagen und versucht den Menschen Lösungen für spezifische Probleme zu präsentieren.

Im Folgenden sollen die neuen Grenzen des Todes beschrieben und ein Ausblick auf eine mögliche Zuspitzung der Entwicklung, nämlich eine Dekonstruktion des Todes, und deren Folgen gewagt werden. Zunächst soll aber das Motiv der akribischen Forschung, die gesellschaftliche Problemlage, auf die die Forschung reagiert, untersucht werden.

1 Die Angst vor dem Tod

Der Tod stellt in der Gesellschaft eine gewisse Faszination dar. Niemand kann unmittelbar vom Tod berichten. Die Todeserfahrung ist einmalig und keinem Lebenden bekannt. Man kennt die eigentliche Bedeutung des Todes nicht und muss auf Metaphern wie die Analogie zu anderen natürlichen Prozessen wie Schlaf oder Ohnmacht, zu Handlungserfahrungen oder dem Gefühl des Emotionalen Endes durch das Ableben einer geliebten Person zurückgreifen, um den Tod erklären zu können und die Todeserfahrung zu konstruieren (vgl. Macho 1987, Todesmetaphern, S.26-79). Jedoch bleiben Abbilder Abbilder, der eigentliche Kern der Todeserfahrung wird nie erreicht. Der Tod bleibt etwas Fremdes zu Vermeidendes. Durch die Säkularisierung ist die Angst vor dem Tod, aufgrund der fehlenden Abmilderung der Bedeutung des Todes durch die Religion, sogar noch stärker geworden. In jeder Religion nimmt der Tod eine zentrale Rolle ein und gibt dem Tod einen Sinn, da im Unbekannten, im Bereich in dem man nur glauben kann und kein Wissen vorliegt, die Religion ihren Platz findet.

Der Tod wird immer mehr ausgebürgert und das Sterben hat sich ins Krankenhaus, in die Isolation verlagert, weil man das Unbekannte verdrängen will und es im Alltag keinen Raum findet (vgl. Fuchs 1973, Todesbilder in der modernen Gesellschaft, S. 177-218). Der Tod wird als Schmerz und als schmutzig empfunden, wie es bereits Tolstoi in seinem Werk „ der Tod des Ivan Iljitsch “ Ende des 19. Jahrhunderts treffend beschreibt. Während früher die öffentliche Bestattung in einem Grab das führende Ritual war, nehmen heutzutage die dezenten Urnenbestattungen immer weiter zu, um den am Leichnam haftenden Tod endgültig zu Beseitigen. Alles rund um den Tod und somit auch die Trauer wird als unschicklich empfunden (vgl. Aries 2009, Geschichte des Todes, S. 715-763) und stellt bis heute ein gewisses Tabu dar. Dies zeigt sich heutzutage beispielsweise in der besonders hohen Anschlussfähigkeit von Ratgeber-Literatur, bezüglich des Themas Sterben und Tod, die für viele Menschen eine Orientierung in ihrer Unsicherheit gegenüber dem Tod darstellt, (vgl. Nassehi/Brüggen/Saake 2002, Beratung zum Tode. Eine neue ars moriendi, S. 63-85) oder auch dem Redebedarf der darüber unbestritten vorherrscht, wie sich allein schon in der Entstehung der thanatosoziologischen Disziplin zeigt (vgl. Nassehi 2004, „Worüber man nicht sprechen kann darüber muss man schweigen“ Über die Geschwätzigkeit des Todes in unserer Zeit, S.118-145).

Vermutlich ist es die Angst vor der Ungewissheit, nicht zu wissen was auf eine Person die stirbt zukommt, die die medizinische Forschung angetrieben hat und auch weiter antreibt den Tod und damit eine grundlegende Einschränkung des Menschen zu verhindern. Doch wie weit lässt sich der Tod zurück drängen?

2 Die neuen Grenzen des Todes

2.1 Vom Tod als Zeitpunkt zum Tod als Prozess: Der Herztod und der Hirntod

Bei der Darstellung der neuen Grenzen des Todes muss zunächst erläutert werden, wo sich die bisherige Grenze des Todes befand, bis schließlich beschrieben wird, wie es zu dieser neuen Grenzziehung kam und welche Auswirkung ein neuer Grenzverlauf auf unser Leben hat.

Die Grenze zwischen Leben und Tod wurde lange als unerschütterlich begriffen. Wenn die Atmung stoppte bzw. das Herz aufhörte zu schlagen, wurde ein Mensch für tot erklärt und der Todeszeitpunkt konnte genau bestimmt werden. Es war eine unumstößliche Gewissheit, dass der Tod zu einem bestimmten Zeitpunkt eintritt und klar und deutlich wahrnehmbar ist, ob man eine Leiche vor sich hat oder einen Menschen, der noch um sein Leben kämpft. Erinnert man sich zurück an die alten Wildwest Filme der 1950er und 60er Jahre, so war dem Protocowboy Jack direkt klar, dass sein Freund Bill tot ist, nachdem er überprüft hat, ob sein Herzschlag noch zu spüren ist. Wie würde Jack in der heutigen Zeit vorgehen? Vermutlich würde er seinen Freund schnellstmöglich in die Notaufnahme bringen und hoffen, dass sein Leben noch zu retten ist. Er hätte sogar noch berechtigte Hoffnungen, dass Bill maschinell am Leben erhalten wird.

Die Grenzen des Todes sind durch Medikalisierung, Technisierung und Biologiesierung flexibler geworden. Reanimation und künstliche Beatmung wurden möglich gemacht und stellen keine Seltenheit mehr im medizinischen Alltag dar. Herzschlag und Atmung können künstlich erzeugt werden und die Position des körperlichen Zentrums wird demzufolge zunächst vakant. Im komatösen Zustand verschwimmt die Grenze zwischen Leben und Tod. Laut Celine Lafontaine beginnt genau da die Postmortalität. Es handelt sich um eine undefinierte Zone, die sowohl ethische als auch politische und juristische Probleme aufwirft (vgl. Lafontaine 2010, Die Postmortale Gesellschaft, S. 61/62). Wie ist also mit dieser undefinierten Zone umzugehen? Eine beliebte öffentliche Debatte stellt die Frage nach einem eventuellen Abschalten der lebenserhaltenden Maschinen dar. Sollte man die künstliche Lebenserhaltung eines Menschen beenden? Und wenn ja, wann?

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Details

Titel
Die postmortale Gesellschaft
Untertitel
Von der Verschiebung der Grenzen bis hin zur Dekonstruktion des Todes?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Soziologisches Institut)
Veranstaltung
Einführung in die Thanatosoziologie
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V202466
ISBN (eBook)
9783656286493
ISBN (Buch)
9783656288183
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaft, verschiebung, grenzen, dekonstruktion, todes
Arbeit zitieren
Fabian Babst (Autor), 2012, Die postmortale Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202466

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