Chancenungleichheit bzw. soziale Ungleichheit ist in Deutschland immer wieder Gegenstand der bildungspolitischen Debatte. Der Diskurs um eine gerechte Verteilung der Bildungschancen gewann zuletzt im Jahr 2000, nach der Veröffentlichung der PISA-Studie, wieder an medialer Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Brisanz. Doch bereits in den 1960er Jahren war die Bildungsungerechtigkeit, die zwischen den sozialen Schichten herrschte, ein wichtiges Thema in der Öffentlichkeit. Das Ziel dieser Arbeit soll eine Auseinandersetzung mit den Aspekten sozialer Ungleichheit seit den 60er Jahren, ihrer Veränderung in den 80er und 90er Jahren bis zur PISA-Studie von 2000 sein.
Der erste Schwerpunkt der Arbeit erklärt die Relevanz der sozialen Herkunft für den Bildungserfolg durch die Theorien Pierre Bourdieus. Der zweite Schwerpunkt setzt sich mit den Analysen und Forderungen Dahrendorfs und Popitz’ in den 60ern auseinander, die richtungweisend für die Bundesrepublik Deutschland waren. Dahrendorf fordert ein Bürgerrecht auf Bildung und setzt sich mit den sozialen Ungleichheiten in den 60er Jahren auseinander. Popitz Analysen erklären das Entstehen und die Entwicklung von Chancenungleichheit durch soziale Vererbung. Anschließend wird die sozialbedingte Ungleichheit seit den 80ern bis zum Jahr 2000 betrachtet und auf Verbesserungen der Gewährleistung einer allgemeinen Chancengleichheit aufmerksam gemacht.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Chancenungleichheit im Sozialgefüge – Zur Theorie Bourdieus
1.1 Die Anfänge sozialer Ungleichheit
1.2 Die Verortung des Individuums im sozialen Raum
1.2.1 Das Zusammenspiel des kulturellen, ökonomischen und sozialen Kapitals
2 Der bildungspolitische Diskurs der 60er Jahre
2.1 Bildung ist Bürgerrecht – Analyse und Forderungen Dahrendorfs
2.1.1 Bildung als Bürgerrecht
2.1.2 Faktoren der Chancenungleichheit
2.1.3 Die Notwendigkeit einer Bildungsreform
2.2 Die Struktur sozialer Ungleichheit - Analyse und Forderungen Popitz’
2.2.1 Phasen des Selektionsprozesses
2.3 Bilanz und Ausblick zum bildungspolitischen Diskurs der 60er Jahre
3 Sozialbedingte Ungleichheit in den 80er und 90er Jahren
4 Sozialbedingte Ungleichheit im 21. Jahrhundert
Fazit
Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Entwicklung von Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem von den 1960er Jahren bis zur Veröffentlichung der PISA-Studie im Jahr 2000, wobei die theoretischen Ansätze von Pierre Bourdieu sowie die bildungspolitischen Analysen von Ralf Dahrendorf und Heinrich Popitz zentral sind.
- Theoretische Fundierung durch Pierre Bourdieus Konzepte von ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital.
- Analyse des bildungspolitischen Diskurses der 1960er Jahre mit Fokus auf Dahrendorf und Popitz.
- Untersuchung der Mechanismen sozialer Selektion und deren Reproduktion im Bildungssystem.
- Darstellung der bildungspolitischen Entwicklungen und Veränderungen in den 1980er und 1990er Jahren.
- Kritische Reflexion der Ergebnisse der PISA-Studie im Kontext der sozialen Herkunft.
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Das Zusammenspiel des kulturellen, ökonomischen und sozialen Kapitals
Die Position im sozialen Raum, die Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit und entsprechende Lebensstile, sind laut Bourdieu maßgeblich vom ökonomischen Kapital abhängig. Die Zugehörigkeit zur Ober-, Mittel- oder unteren Schicht ist jedoch nicht allein durch das ökonomische Kapital bestimmt, auch wenn das, was man verdient und an Vermögen besitzt von entscheidender Bedeutung für die Position im sozialen Raum ist. Daneben sind jedoch auch das so genannte kulturelle und soziale Kapital von entscheidender Bedeutung für die Position im sozialen Gefüge.
Kulturelles Kapital umfasst die kulturelle Disposition einer Familie, ihre jeweiligen Umgangsweisen und Zugang zu Kulturgütern, wie Büchern, Musik und Bildern, die in einer Familie vorhanden sind. Bildungstitel, die im Bildungssystem erarbeitet wurden, sind ebenfalls kulturelles Kapital.
Als soziales Kapital bezeichnet Bourdieu die sozialen Beziehungen, die im Kampf um bessere Positionen nützlich sind. In bestimmten Grenzen sieht Bourdieu die Kapitalformen als konvertierbar an. So bedeutet beispielsweise eine mäßige wirtschaftliche Lage nicht unbedingt, dass man im sozialen Raum ganz unten steht und ein Lottogewinn garantiert nicht die Zugehörigkeit zur oberen Schicht, da nicht das ökonomische Kapital alleine, sondern auch die sichere Beherrschung bestimmter Verhaltensweisen und deren „Spielregeln“ nötig sind, um in dieser Schicht Akzeptanz zu finden.
Das ökonomische Kapital „ist unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts.“ Auch das soziale Kapital ist unter bestimmten Bedingungen in ökonomisches Kapital umwandelbar und dient zur Institutionalisierung von beispielsweise Adelstiteln.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Die Chancenungleichheit im Sozialgefüge – Zur Theorie Bourdieus: Dieses Kapitel erläutert die Grundlagen sozialer Ungleichheit und führt Bourdieus Theorie des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals als Erklärungsmodell für die Verortung von Individuen im sozialen Raum ein.
2 Der bildungspolitische Diskurs der 60er Jahre: Hier werden die richtungsweisenden Analysen von Dahrendorf und Popitz dargestellt, die Bildungsbenachteiligung vor allem auf Modernitätsrückstände und selektive Mechanismen innerhalb des Schulsystems zurückführen.
3 Sozialbedingte Ungleichheit in den 80er und 90er Jahren: Das Kapitel beleuchtet die Auswirkungen der Bildungsexpansion und stellt fest, dass trotz formaler Verbesserungen die soziale Selektion insbesondere beim Übergang auf weiterführende Schulen weiterhin stark ausgeprägt bleibt.
4 Sozialbedingte Ungleichheit im 21. Jahrhundert: Der Fokus liegt auf den Ergebnissen der PISA-Studie, die den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg im deutschen Schulsystem erneut ins Zentrum der öffentlichen Debatte rücken.
Schlüsselwörter
Chancenungleichheit, Soziale Ungleichheit, Bildungsexpansion, Pierre Bourdieu, Kulturelles Kapital, Ralf Dahrendorf, Heinrich Popitz, PISA-Studie, Bildungssystem, Selektionsprozess, Soziale Herkunft, Bildungsreform, Bildungsbenachteiligung, Sozialisationsmilieu, Modernitätsrückstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und den Ursachen der Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem von den 1960er Jahren bis zum Jahr 2000, basierend auf soziologischen Theorien und bildungspolitischen Diskursen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Felder sind die Bedeutung der sozialen Herkunft für den Bildungserfolg, die Auswirkungen von Bildungsexpansion sowie die theoretische Analyse von Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Kontinuität und Veränderung von Bildungsbenachteiligung verschiedener sozialer Schichten über mehrere Jahrzehnte hinweg zu analysieren und kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse und die theoretische Auseinandersetzung mit den Schriften von Bourdieu, Dahrendorf und Popitz, ergänzt durch statistische Daten zur Bildungsbeteiligung.
Welche inhaltlichen Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Bourdieus Kapitaltheorien diskutiert, gefolgt von einer Analyse der 60er-Jahre-Debatten über Bildungsreformen und einem Ausblick auf die PISA-Ergebnisse der Jahrtausendwende.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Chancengleichheit, Bildungsbenachteiligung, kulturelles Kapital und soziale Selektion charakterisiert.
Warum spielt die Theorie von Pierre Bourdieu eine so wichtige Rolle in der Arbeit?
Bourdieu liefert mit seinem Konzept der inkorporierten, objektivierten und institutionalisierten Kapitalformen ein maßgebliches Werkzeug, um die soziale Vererbung von Bildungschancen zu erklären.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der 60er-Jahre-Bildungsreformen?
Die Arbeit zeigt auf, dass die Forderungen der 60er Jahre zwar zu einer Bildungsexpansion geführt haben, die tiefer sitzenden strukturellen Ungleichheiten jedoch weitgehend fortbestehen.
Was ist das zentrale Ergebnis der Arbeit bezüglich der PISA-Studie 2000?
Die Arbeit stellt fest, dass die PISA-Studie 2000 unmissverständlich belegt, dass soziale Herkunft in Deutschland einen stärkere Effekt auf den Bildungserfolg hat als in vergleichbaren Industrieländern.
Inwiefern hat sich die Situation der Mädchen laut der Untersuchung verändert?
Die Untersuchung identifiziert Mädchen als "Gewinner" der Bildungsexpansion, da sie heute einen deutlich höheren Anteil an Abschlüssen erreichen, wenngleich in der Berufswahl weiterhin geschlechtsspezifische Muster bestehen bleiben.
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- Claudia Schacht (Author), 2008, Aspekte der Chancenungleichheit von den 1960er Jahren bis zur PISA-Studie 2000, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202703