Geprägt von einem sich wandelnden Krankheitspanorama, systemisch bedingten Finanzierungsproblematiken und fortschreitenden technologischen Entwicklungen erfährt das deutsche Gesundheitswesen seit geraumer Zeit einen Paradigmenwechsel der besonderen Art. Traditionelle Versorgungsstrukturen weichen neuen, innovativen Ansätzen mit dem Ziel,die Kommunikation, die Zusammenarbeit der Sektoren und damit die Patientenversorgung bei möglichst geringeren Kosten zu optimieren. Initiiert wird der Wechsel von einer neuen
Generation von Akteuren, welche die Chancen einer wettbewerblichen Ausrichtung für das Gesundheitswesen erkannt haben. Getragen wird er jedoch von noch immer amtierenden Standesvertretern, undynamischen
Institutionen, die mit der neuen Rolle im „Gesundheitsmarkt“ überfordert sind. In Mitten dieses Wandels der Institutionen und Betriebsformen wächst eine neue Art der
Versorgung, die alles vereinen soll: Die Integrierte Versorgung. Sie soll die Werte des Traditionalismus aufgreifen und sie umwandeln in eine neue Art der „Integrierten Gesundheitsversorgung“, deren Ziel es ist, die alte Versorgungslandschaft an die veränderte Gesundheitslandschaft anzupassen. 2000 eingeführt, kann die Integrierte Versorgung auf eine relativ überschaubare Geschichte zurückschauen. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten
schafft es die Anschubfinanzierung, die Integrierte Versorgung in Deutschland für die Akteure attraktiv zu machen. Gerade als erste Erfahrungswerte vorliegen, vereinzelt Großprojekte die anfänglichen (wirtschaftlichen) Risiken überstanden haben, läuft die
Anschubfinanzierung aus. Zeitgleich mit der Einführung des umstrittenen Gesundheitsfonds,der die Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung neu organisiert und damit eine
weitere Herausforderung für die Krankenkassen darstellt.
Zum heutigen Zeitpunkt liegt das Ende der Anschubfinanzierung zwei Jahre zurück. Grund genug, einen tieferen Blick in die Entwicklungen der letzten zwei bis drei Jahre zu werfen und zu beleuchten, welche Neuerungen es im Bereich der innovativen Versorgungsformen gegeben hat.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist, die jüngsten Entwicklungen der Integrierten Versorgung insbesondere unter Berücksichtigung des Auslaufens der Anschubfinanzierung und der Entwicklungen im Zuge des GKV Wettbewerbsstärkungsgesetzes, darzulegen. Zudem sollen Entwicklungsperspektiven der Integrierten Versorgung unter den veränderten Voraussetzungen abgeleitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Das deutsche Gesundheitswesen
2.1 Grundprinzipien des deutschen Gesundheitssystems
2.2 Struktur des deutschen Gesundheitswesens
2.3 Probleme und Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems
2.3.1 Gesellschaftliche und epidemiologische Entwicklungen
2.3.2 Strukturelle Probleme und institutioneller Wandel des Gesundheitswesens
2.4 Neue gesundheitspolitische Rahmenbedingungen
2.4.1 Das GKV-WSG: Auswirkungen des Gesundheitsfonds und des Morbi-RSA
2.4.2 Auswirkungen des GKV-WSG auf die Integrierte Versorgung
2.4.3 Das Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG)
2.4.4 Urteil des Bundessozialgericht vom 06.02.2008 zum Barmer Hausarztvertrag
3) Grundlagen der Integrierten Versorgung
3.1 Managed Care: Die Anfänge der Integrierten Versorgung in den USA
3.2 Die Entstehungsgeschichte der Integrierten Versorgung in Deutschland
3.3 Betriebswirtschaftliche und Institutionenökonomische Aspekte
3.3.1 Informationsökonomik und Informationsasymmetrien
3.3.2 Neue Institutionenökonomie
3.3.3 Principal-Agent-Theorie
3.3.4 Transaktionskostentheorie
3.3.5 Übertragungen auf das Gesundheitswesen
3.4 Theoretische und morphologische Probleme bei der Umsetzung neuer Versorgungsformen
4) Die Integrierte Versorgung in Deutschland
4.1 Relevante Gesetzesgrundlagen innovativer Versorgungsformen
4.2 Definition der Integrierten Versorgung
4.3 Ziele der Integrierten Versorgung nach § 140 SGB V
4.4 Ausgestaltungsformen der Integrierten Versorgung nach § 140a-d SGB V
4.4.1 Indikationsbezogene Versorgungsansätze
4.4.2 Indikationsübergreifende Versorgungsansätze/ Vollversorgung
4.5 Anreiztheorien und Vergütung der Integrierten Versorgung
4.6 Die Entwicklung der Vertragszahlen der Integrierten Versorgung
4.7 Die Anschubfinanzierung und deren Verwendung
4.8 Analyse bestehender indikationsübergreifender Versorgungsverträge
4.8.1 Das Gesunde Kinzigtal
4.8.2 Das Projekt Prosper der Bundesknappschaft
4.8.3 Das Modell Herdecke Plus
4.8.4 Zukünftige Projekte
5) Der Status Quo der Integrierten Versorgung im Jahr 2010/11
5.1 Die Integrierte Versorgung seit 2009
5.2 Prüfung der Hypothesen
5.2.1 Hypothese 1
5.2.2 Hypothese 2
6) Die Zukunft der Integrierten Versorgung: Quo vadis?
6.1 Erwartungen an zukünftige Ausgestaltungsformen der Integrierten Versorgung
6.1.1 Die Zukunft aus Sicht der Kostenträger
6.1.2 Die Zukunft aus Sicht der Leistungserbringer
6.1.3 Symbiose der beiden Sichtweisen und Anreizstrukturen
6.1.4 Die Zukunft der (regionalen) Vollversorgung
6.1.5 Die Rolle der Krankenhäuser
6.1.6 Weitere Entwicklungen
6.2 Aspekte zukünftiger Finanzierungsformen der Integrierten Versorgung
7) Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die jüngsten Entwicklungen der Integrierten Versorgung in Deutschland nach dem Auslaufen der gesetzlichen Anschubfinanzierung zum 31.12.2008. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse der Auswirkungen dieses Finanzierungswegfalls auf die Vertrags- und Versorgungslandschaft sowie der Überprüfung von Hypothesen zu den Erfolgsfaktoren verbleibender Versorgungsmodelle.
- Strukturen und Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens
- Institutionenökonomische Analyse (Principal-Agent-Theorie) der Integrierten Versorgung
- Entwicklung und Dynamik von IV-Verträgen zwischen 2004 und 2010
- Analyse indikationsübergreifender Vollversorgungsprojekte (Kinzigtal, Prosper, Herdecke Plus)
- Zukunftsperspektiven und Finanzierungsformen der Integrierten Versorgung
Auszug aus dem Buch
1) Einleitung
Geprägt von einem sich wandelnden Krankheitspanorama (weg von klassischen Infektionskrankheiten hin zu vermehrt chronisch geprägten, lebensbegleitenden und damit kostenintensiven Krankheitsbildern), systemisch bedingten Finanzierungsproblematiken und fortschreitenden technologischen Entwicklungen erfährt das deutsche Gesundheitswesen seit geraumer Zeit einen Paradigmenwechsel der besonderen Art. Tradierte, lange Zeit vorherrschende Versorgungsstrukturen weichen neuen, innovativen Ansätzen mit dem Ziel, die Kommunikation, die Zusammenarbeit der Sektoren und damit die Patientenversorgung bei möglichst geringeren Kosten zu optimieren.
Initiiert wird der Wechsel von einer neuen Generation von Akteuren, welche die Chancen einer wettbewerblichen Ausrichtung für das Gesundheitswesen erkannt haben und es auf eben dieses anwenden wollen. Getragen wird er jedoch von noch immer amtierenden Standesvertretern, alt eingesessenen, undynamischen Institutionen, die mit der neuen Rolle im „Gesundheitsmarkt“ zunächst völlig überfordert sind. In Mitten dieses Wandels der Institutionen und Betriebsformen wächst eine neue Art der Versorgung, die alles vereinen soll: Die Integrierte Versorgung. Sie soll die Werte des Traditionalismus aufgreifen und sie umwandeln in eine neue Art der „Integrierten Gesundheitsversorgung“, deren Ziel es ist, die alte Versorgungslandschaft an die veränderte Gesundheitslandschaft anzupassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Paradigmenwechsel im deutschen Gesundheitswesen hin zu innovativen Versorgungsformen wie der Integrierten Versorgung und definiert das Ziel der Arbeit, die Entwicklungen nach dem Auslaufen der Anschubfinanzierung zu untersuchen.
2) Das deutsche Gesundheitswesen: Dieses Kapitel beschreibt die Grundprinzipien und die strukturelle Trennung des Systems sowie die Herausforderungen durch den demografischen Wandel und das GKV-WSG.
3) Grundlagen der Integrierten Versorgung: Es wird das theoretische Fundament durch die Betrachtung des US-amerikanischen Managed Care Systems sowie institutionenökonomische Ansätze (Principal-Agent-Theorie) gelegt.
4) Die Integrierte Versorgung in Deutschland: Hier erfolgt eine detaillierte Auseinandersetzung mit Gesetzesgrundlagen, der Entwicklung der Vertragszahlen, der Anschubfinanzierung und der Analyse beispielhafter Vollversorgungsverträge.
5) Der Status Quo der Integrierten Versorgung im Jahr 2010/11: Das Kapitel analysiert die Phase der Konsolidierung und die Auswirkungen des Wegfalls der Anschubfinanzierung auf die Vertragsaktivitäten der Kassen.
6) Die Zukunft der Integrierten Versorgung: Quo vadis?: Es werden Erwartungen an zukünftige Ausgestaltungsformen sowie potenzielle Finanzierungsmodelle und die strategische Rolle der Akteure diskutiert.
7) Zusammenfassung und Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Diskussion der Ergebnisse und einem Ausblick auf die notwendigen strukturellen Anpassungen zur langfristigen Sicherung des Wettbewerbs im Gesundheitswesen.
Schlüsselwörter
Integrierte Versorgung, Gesundheitsökonomie, GKV-WSG, Anschubfinanzierung, Managed Care, Principal-Agent-Theorie, Vollversorgung, Versorgungsmanagement, Gesundheitsfonds, Selektivverträge, Patientenzufriedenheit, Krankenkassen, Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz, Gesundheitswesen, Wettbewerb.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Transformationsprozess des deutschen Gesundheitswesens hin zu kooperativen Versorgungsformen, mit besonderem Fokus auf die Integrierte Versorgung nach dem Ende der gesetzlichen Anschubfinanzierung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung umfasst die ökonomischen Anreizstrukturen, die gesetzlichen Rahmenbedingungen (insbesondere GKV-WSG), die historische Entwicklung der Integrierten Versorgung und die Analyse praktischer Vollversorgungsprojekte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Erforschung der jüngsten Entwicklungen der Integrierten Versorgung in Deutschland, unter Berücksichtigung des Auslaufens der Anschubfinanzierung zum Jahresende 2008, sowie die Ableitung zukünftiger Entwicklungsperspektiven.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Fundierung durch institutionenökonomische Theorien (Principal-Agent-Theorie, Transaktionskostentheorie) sowie eine empirische Auswertung von Statistiken der Gemeinsamen Registrierungsstelle und vorliegender Evaluationsberichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der deutschen Gesundheitsstrukturen, die theoretische Herleitung der Integrierten Versorgung, die empirische Analyse von Vertragszahlen und Praxisbeispielen sowie die Diskussion zukünftiger Finanzierungsmodelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Integrierte Versorgung, Vollversorgung, GKV-WSG, Managed Care, Selektivverträge, Principal-Agent-Theorie und Anschubfinanzierung.
Welchen Einfluss hatte das BSG-Urteil zum Barmer Hausarztvertrag auf die Entwicklung?
Das Urteil führte zu einer restriktiveren Auslegung der Integrierten Versorgung, da das Gericht entschied, dass der Vertrag keine Versorgungsleistungen der Regelversorgung ersetzen dürfe, was zur Rückforderung von Anschubgeldern führte.
Warum wird das "Gesunde Kinzigtal" als Modellprojekt hervorgehoben?
Es gilt als "Leuchtturmprojekt" und Vorreiter für eine regionale Vollversorgung aus einer Hand, das durch Einsparcontracting und eine starke Patientenorientierung überzeugt.
Welche Rolle spielen Managementgesellschaften in der Integrierten Versorgung?
Sie agieren als Vermittler und betriebswirtschaftliche Begleiter, die den administrativen Aufwand für Leistungserbringer reduzieren und deren Markt- sowie Verhandlungsmacht stärken können.
- Arbeit zitieren
- Sarah Lambrecht (Autor:in), 2011, Quo vadis, Integrierte Versorgung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202803