Gegenstand dieser Arbeit ist Richard Wagners Rezeption des Nibelungenstoffes in Form seiner 1863 zum ersten Mal offiziell erschienenen Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Bei der Schaffung dieses Werkes hat Wagner eine Technik verwendet, die Volker Mertens „Mythensynthese“ nennt und folgendermaßen beschreibt: „Er fügt eine Zahl unterschiedlicher, teils aus verschiedenen Traditionen stammender, teils selbsterfundener Mythen zusammen zu seinem neuen Mythos“. Im folgenden sollen zunächst die wichtigsten der mittelalterlichen Quellen, auf die Wagner bei der Schaffung dieses neuen Mythos zurückgegriffen hat, und die Art und Weise, wie er dabei mit diesen Quellen umgegangen ist, genauer betrachtet werden. Des weiteren werden Texte aus der wissenschaftlichen Literatur zu Wagners Zeit und die Art und Weise, wie diese Texte möglicherweise seine Schaffensweise beeinflusst haben, zu untersuchen sein.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Wagners mittelalterlichen Quellen
1.1 Das Nibelungenlied
1.2 Die Lieder-Edda und die Snorra-Edda
1.3 Die Þiðreks Saga und die Völsunga Saga
2. Wagners „Sekundärliteratur“
Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption des Nibelungenstoffes durch Richard Wagner bei der Entstehung seiner Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Dabei wird analysiert, wie Wagner durch die Anwendung einer spezifischen „Mythensynthese“ unterschiedliche mittelalterliche Quellen sowie wissenschaftliche Literatur seiner Zeit verarbeitete, um einen neuen, mythologischen Kosmos zu erschaffen.
- Technik der Mythensynthese und Kompilation bei Richard Wagner
- Verarbeitung des Nibelungenliedes und altnordischer Edda-Quellen
- Bedeutung der Sagen-Kompilation in der Þiðreks Saga und Völsunga Saga
- Einfluss wissenschaftlicher Fachliteratur des 19. Jahrhunderts
- Metrische Gestaltung der Ringdichtung durch den Stabreim
Auszug aus dem Buch
1.2 Die Lieder-Edda und die Snorra-Edda
Was in Punkt 4 auf Wagners Liste einfach unter dem Stichwort „Edda“ erscheint, muss differenziert werden in zwei unterschiedliche Werke, die Wagner beide bekannt waren und die er auch beide als Quellen für seinen Mythos verwendete, nämlich die Lieder-Edda einerseits und die Snorra-Edda andererseits.
Die Lieder-Edda, eine in altnordischer Sprache verfasste Sammlung von Helden- und Götterliedern, deren älteste erhaltene Handschrift der im 13. Jahrhundert auf Island geschriebene Codex regius ist, war Wagner aus den Ausgaben von Friedrich Heinrich von der Hagen (1812), Jacob und Wilhelm Grimm (1815), sowie aus den Übersetzungen von Friedrich Majer (1818) und Ludwig Ettmüller (1830) bekannt, was durch den Bestand von Wagners Dresdener Bibliothek, auf die bereits verwiesen wurde, dokumentiert wird.
Über die Frage, ob Wagner die von ihm verwendeten altnordischen Texte im Original lesen konnte oder ob er sie lediglich als moderne deutsche Übersetzungen las, ist man in der Forschung geteilter Meinung. Curt von Westernhagen, der sich mit der Katalogisierung der Dresdener Bibliothek befasst hat, ist der Ansicht, dass Wagner seine skandinavischen Quellen in altnordischer Sprache lesen konnte, Steward Spencer dagegen weist dies entschieden zurück und vertritt die entgegengesetzte Auffassung.
Von den Gedichten der Lieder-Edda haben u.a. „Vafþrúðnismál“, „Baldrs draumar“ und „Sigrdrífumál“ ihren Niederschlag in Wagners Dichtung gefunden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die Forschungsfrage nach Wagners Rezeption des Nibelungenstoffes gestellt und der Begriff der „Mythensynthese“ zur Beschreibung seiner Schaffensweise eingeführt.
1. Wagners mittelalterlichen Quellen: Dieser Abschnitt untersucht detailliert die verschiedenen mittelalterlichen Textgrundlagen, angefangen beim Nibelungenlied über die Edda-Texte bis hin zu den Sagenkompilationen.
1.1 Das Nibelungenlied: Das Kapitel analysiert, inwieweit Wagner den ersten Teil des mittelhochdeutschen Epos als Ausgangspunkt für seine Tetralogie verwendete.
1.2 Die Lieder-Edda und die Snorra-Edda: Hier wird aufgezeigt, wie Wagner altnordische Quellen nutzte, um den Stoff vom historischen Kontext zu lösen und zudem formale Aspekte wie den Stabreim übernahm.
1.3 Die Þiðreks Saga und die Völsunga Saga: Es wird dargelegt, wie Wagner durch die Konzentration und Verdichtung dieser Sagenkompilationen eine neue, eigenständige Erzählstruktur schuf.
2. Wagners „Sekundärliteratur“: Dieses Kapitel erläutert den Einfluss zeitgenössischer wissenschaftlicher Werke auf Wagners Arbeitsweise und sein Bestreben, den essentiellen Kern verschiedener Überlieferungen freizulegen.
Zusammenfassung: Die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung werden rekapituliert und Wagners spezifische Kompilationstechnik als Resultat romantischer Rezeptionsideale verortet.
Schlüsselwörter
Richard Wagner, Der Ring des Nibelungen, Mythensynthese, Nibelungenlied, Lieder-Edda, Snorra-Edda, Völsunga Saga, Þiðreks Saga, Stabreim, Kompilationstechnik, Deutsche Mythologie, Rezeptionsgeschichte, germanische Heldensage, Siegfried, Mythos.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Richard Wagners Quellenarbeit bei der Entstehung seines Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die literarischen Quellen, die Wagner nutzte, sowie der Einfluss der damaligen Forschungsliteratur auf seine ästhetische und formale Gestaltung des Stoffes.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Prozess der „Mythensynthese“ zu analysieren, durch den Wagner disparate mittelalterliche Quellen zu einem neuen, geschlossenen Mythos verschmolz.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Primärquellen, den Vergleich von Wagners dramaturgischen Entscheidungen mit den Vorlagen sowie die Auswertung relevanter Forschungsliteratur zur Wirkungsgeschichte des Stoffes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung mittelalterlicher Epen (Nibelungenlied, Edda, Sagas) und die Einordnung der wissenschaftlichen Sekundärliteratur, die Wagners Arbeitsweise maßgeblich prägte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Mythensynthese, Stabreim, Kompilationstechnik, altnordische Literatur, Nibelungenlied und der Romantik-Bezug zur Sagenforschung.
Warum bevorzugte Wagner laut Arbeit die altnordischen Quellen gegenüber dem Nibelungenlied?
Wagner sah im Nibelungenlied eine zu starke historische Einbindung, während er in den altnordischen Quellen die Möglichkeit sah, den Mythos und seine Protagonisten losgelöst von historischen Bedingungen „reinmenschlich“ darzustellen.
Welche Bedeutung hatte die Forschungsliteratur des 19. Jahrhunderts für Wagner?
Texte von Gelehrten wie Jacob Grimm oder Franz Joseph Mone dienten Wagner als methodisches Vorbild, um aus widersprüchlichen Überlieferungen einen „essentiellen Kern“ der Sage herauszudestillieren.
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- Nora Pröfrock (Author), 2003, Richard Wagners Mythensynthese im Ring des Nibelungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/20289