„Mit meinem Heer zieh ich nach Deutschland! Vereinst du dich mit mir, so wird’s mich hoch Erfreun, und dir den Rückzug helf ich decken! Doch nie schlag ich die Schlacht mit den Lombarden! […] Zieh mit! Was will für dich die winzge Lombardei bedeuten? In Deutschland selbst liegt Deutschlands Kraft!“1 So hat sich Christian Dietrich Grabbe die Worte Heinrichs bei der Begegnung von Chiavenna vorgestellt. Heinrich der Löwe – ein Deutscher, der seinen Blick prophetisch nach Deutschland gerichtet hat – so verstand das 19. Jahrhundert die Weigerung des Löwen; seine Ostpolitik und sein Selbstverständnis als Zeichen der Fixierung auf „deutsch-nationale“ Interessen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Heinrich der Löwe: Ostpolitik und Selbstverständnis
1. Vorbedingungen der Ostpolitik
2. Ostpolitik
2.1. Eroberung
2.2. Beherrschung
2.3. Wirtschaft
3. Selbstverständnis
III. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Bedingungsgefüge von Heinrich dem Löwen, wobei der Fokus auf dem Zusammenspiel zwischen seiner Ostpolitik und seinem persönlichen Selbstverständnis liegt, um populärwissenschaftliche Mythen historisch zu hinterfragen.
- Historische Bedingungen der Ostpolitik im 12. Jahrhundert
- Die militärische Eroberung und politische Durchdringung der slawischen Gebiete
- Strukturwandel durch Städtegründungen und Kirchenorganisation
- Rekonstruktion des fürstlichen Selbstverständnisses jenseits nationaler Mythen
Auszug aus dem Buch
2. Ostpolitik
Den ersten Vorstoß ins Slawenland unternahm Heinrich im Jahr 1158; wobei über die Ziele, den Verlauf oder die Ergebnisse so gut wie nichts bekannt ist. Allerdings wird man davon ausgehen dürfen, dass die Klage Helmolds, „Aber auf allen Feldzügen, die der noch junge Mann ins Slawenland hinein unternahm, war keine Rede vom Christentum sondern nur vom Gelde.“12, auch im vorliegenden Fall das Hauptmotiv aufzeigen dürfte. Im folgenden Jahr rief er den Obodritenfürsten Niklot und die anderen Slawenfürsten zu sich und befahl ihnen für die Dauer seiner Abwesenheit - also während seines Aufenthaltes in Italien - weder in sächsische, noch in dänische Gebiete einzufallen. Als Heinrich aus Italien zurückkehrte, musste er jedoch feststellen, dass sich die Obotriten nicht an den aufoktroyierten Frieden gehalten hatten. Daher berief er die wendischen Fürsten zu seinem anberaumten Landtag ein, dem diese allerdings fernblieben, woraufhin Heinrich sie in die Acht erklärte. Der konsequenterweise folgende Kriegszug der Dänen und Sachsen im Jahr 1160 gegen Niklot war kurz. Niklot, der eine offene Feldschlacht vermied, zog sich in seine Festung Werle an der Warnow zurück und wurde bei einem Ausfall getötet. Auch seine Söhne Pribislaw und Wratislaw ergaben sich bald darauf und traten das eroberte Land an Heinrich ab, der ihnen im Gegenzug die Gebiete von Kessin und Zirzipanien mit der Burg Werle als Lehen gab.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung dekonstruiert den historischen Mythos Heinrichs des Löwen als "deutsch-nationalen" Akteur und fordert eine differenzierte Betrachtung seiner Handlungsspielräume.
II. Heinrich der Löwe: Ostpolitik und Selbstverständnis: Dieses Hauptkapitel analysiert die Bedingungen, die militärischen und wirtschaftlichen Strategien der Ostexpansion sowie die herrschaftsbezogene Selbstdarstellung des Herzogs.
1. Vorbedingungen der Ostpolitik: Beleuchtung der kirchenpolitischen und machtpolitischen Ausgangslage in Nordalbingien, Sachsen und Bayern sowie der Bedeutung des Wendenkreuzzugs.
2. Ostpolitik: Detaillierte Untersuchung der militärischen Eroberung, der administrativen Herrschaftssicherung und der wirtschaftlichen Integration der nordelbischen Gebiete.
2.1. Eroberung: Analyse der Feldzüge gegen slawische Fürsten und der Etablierung Heinrichs als Lehnsherr.
2.2. Beherrschung: Darstellung der administrativen Neuordnung durch Ministerialen und der Instrumentalisierung der Kirchenorganisation.
2.3. Wirtschaft: Untersuchung der städtebaulichen Aktivitäten, insbesondere Lübeck, und deren wirtschaftliche Bedeutung für den Ostseeraum.
3. Selbstverständnis: Rekonstruktion des fürstlichen Bewusstseins Heinrichs zwischen kaiserlicher Abstammung und herrschaftlicher Repräsentation.
III. Schluss: Zusammenfassende Einschätzung Heinrichs als Machtpolitiker, der seine Handlungen an den zeitgenössischen Gegebenheiten ausrichtete.
Schlüsselwörter
Heinrich der Löwe, Ostpolitik, Mittelalter, Nordalbingien, Wendenkreuzzug, Territorialpolitik, Städtegründung, Lübeck, Selbstverständnis, Machtpolitik, Lehnswesen, Slawen, Barbarossa, Kirchenorganisation, Ministerialen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Ostpolitik Heinrichs des Löwen und seine persönliche Motivation im 12. Jahrhundert, wobei insbesondere die historische Einordnung jenseits von späteren Ideologisierungen im Vordergrund steht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die machtpolitischen Rahmenbedingungen, die militärische Expansion im Nordosten, die administrative und wirtschaftliche Konsolidierung dieser Gebiete sowie die Frage nach dem Selbstbild des Herzogs.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den "Mythos" des Löwen als einheitlich agierenden Akteur aufzubrechen und aufzuzeigen, wie sehr sein Handeln von zeitgenössischen Sachzwängen und Opportunismus geprägt war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung, die auf der Analyse zeitgenössischer Quellen, wie etwa der Slawenchronik von Helmold von Bosau, sowie moderner Forschungsliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorbedingungen der Politik, die konkreten Schritte der Eroberung und Beherrschung sowie die wirtschaftliche Entwicklung und die Analyse des Selbstverständnisses anhand historischer Zeugnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Ostpolitik, Mittelalter, Machtpolitik, Territorialbildung und fürstliches Selbstverständnis beschreiben.
Warum spielt das Datum 1159 eine wichtige Rolle in der Arbeit?
Das Jahr markiert die Neugründung Lübecks durch Heinrich den Löwen, welche zum Ausgangspunkt seiner wirtschaftlichen Einflussnahme im Ostseeraum wurde.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des "Wendenkreuzzugs" von 1147?
Der Kreuzzug wird als ambivalentes Ereignis beschrieben, das einerseits zwar scheiterte, andererseits aber Heinrichs Anerkennung als Oberherr und die rechtliche Basis für die Kirchenorganisation schuf.
Inwiefern beeinflusste das Verhältnis zu Friedrich I. Barbarossa Heinrichs Handeln?
Die Arbeit zeigt, dass Heinrichs Machtstellung im Norden erst durch die Unterstützung bzw. das Einvernehmen mit Barbarossa ermöglicht wurde, was eine Art Interessenaufteilung zwischen Süden und Norden suggeriert.
- Quote paper
- Jan Lenhart (Author), 2012, Heinrich der Löwe - Ostpolitik und Selbstverständnis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202926