Die Festlegung von Etiketten erleichtert auf den ersten Blick die Arbeit von Therapeuten, Polizisten und sonstigen Beamten - lassen sich dadurch „Problemkinder“ doch viel einfacher „handhaben“ und zukünftige Verhaltensweisen „zuverlässig voraussagen“. Dies kann aufgrund von fehlendem Verständnis für die Handlung der Jugendlichen weitreichende Konsequenzen für sie haben, nicht nur im Jetzt, sondern auch im späteren Leben.
Psychologen und Pädagogen gehen bei der Erklärung und Herangehensweise von „Problemen“ von unterschiedlichen Ansätzen aus: Während Erstere von „inneren Dispositionen“ ausgehen und immer noch (vergeblich) nach der Therapie „Eine für Alle“ forschen, suchen Pädagogen mehr im sozialen Umfeld nach einer „individuelleren“ Erklärung.
Welche Konsequenzen kann das für die Jugendlichen haben? Dies soll anhand von Vergleichen verschiedener Texte aus psychologischen Lehrbüchern und Fachzeitschriften unter Berücksichtigung der Etikettierunsperspektive, welche die „Probleme“ anders sieht, dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Evi Crotti und Kinderzeichnungen
3. Erklärungen mit DSM-IV
4. Vergleich beider Erklärungen
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die Methoden zur Diagnose von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Dabei hinterfragt sie die Validität psychologischer Interpretationsansätze von Kinderzeichnungen sowie der offiziellen Kriterien für Verhaltensstörungen nach dem DSM-IV, um auf die Gefahren einer vorschnellen Etikettierung und die Vernachlässigung individueller Hintergründe hinzuweisen.
- Kritik an der subjektiven Interpretation von Kinderzeichnungen durch Evi Crotti.
- Analyse der Kategorisierung von Verhaltensstörungen im DSM-IV.
- Diskussion über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Etikettierung und Stigmatisierung.
- Hinterfragung der Frage nach dem "Warum" bei abweichendem Verhalten.
- Reflexion über Machtstrukturen zwischen Erziehenden, Institutionen und Individuen.
Auszug aus dem Buch
2. Evi Crotti und Kinderzeichnungen
Evi Crotti ist eine weltweit bekannte Psychologin und Pädagogin. 1975 gründete sie in Italien die erste Schule für Graphologie, deren Vorsitz sie heute noch hält. Auch arbeitet sie beratend für Unternehmen und für die Polizei. Sie schrieb unter anderem das Buch „Kinderzeichnungen richtig deuten“, ein weltweiter Bestseller, wenn es um Interpretationen von Kinderzeichnungen geht.
Wie dem Titel des Buches zu entnehmen ist, sind Kinderbilder nicht einfach nur so dahin gemalt. Laut Evi Crotti „[…] handelt es sich in Wahrheit um einen gesprächigen Vortrag, den das Kind vor allem an Vater und Mutter richtet. Jede Linie hat einen Sinn.“ Darüber hinaus schreibt sie: „Lächeln, weinen, Freude, Schmerz… All das werden Sie in seiner Art zu malen wieder finden.“ Diesen beiden Aussagen nach zu urteilen, steckt also in jeder Zeichnung der „Schlüssel zur Seele“ des Kindes, es wird gesagt, dass man allein dadurch auf den Charakter und den aktuellen Gemütszustand des Kindes schließen kann.
„Ist (der Rumpf) ungewöhnlich klein oder kurz, dann leidet das Kind unter Minderwertigkeitskomplexen“, heißt es auf Seite 107. Eine Verallgemeinerung dieser Art unterstellt also jedem Kind, welches einen Menschen mit kurzem Rumpf malt, dass es zu wenig Selbstvertrauen hat. Dabei wird vergessen, dass die Feinmotorik der Kinder einfach unterschiedlich stark ausgebildet ist. Vielleicht kann das Kind in dem Moment einfach keinen „besseren“ Körper malen, oder vielleicht will es einfach einen Menschen mit kleinem Bauch zeichnen? Die Autorin gibt keinerlei Erklärung dafür, warum ein Kind, welches tatsächlich ein schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein besitzt, einen kleinen Rumpf malen muss. Dies ist nur ein Beispiel von vielen: „Wenn die Sonne keine Strahlen hat, das Haus keine Fenster oder keinen rauchenden Schornstein, die Wolken schwarz sind und dunkle Tropfen hinabregnen lassen oder Ihnen ein Gesicht feuerrot entgegenblickt, dann teilt Ihnen ein Kind dem Betrachter seine Niedergeschlagenheit und Melancholie mit.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Problematik der schnellen und oft oberflächlichen Verfügbarkeit von pädagogischen Ratgebern im Internet und Alltag.
2. Evi Crotti und Kinderzeichnungen: Kritische Auseinandersetzung mit der Methode der graphologischen Interpretation von Kinderzeichnungen und deren potenziellen Folgen für das Kindeswohl.
3. Erklärungen mit DSM-IV: Analyse der diagnostischen Kategorisierung von Verhaltensstörungen im DSM-IV und deren Neigung zur Stigmatisierung durch starre Kriterien.
4. Vergleich beider Erklärungen: Gegenüberstellung der untersuchten Ansätze, wobei deren gemeinsamer Hang zur Etikettierung und zur Vernachlässigung des Individuums herausgearbeitet wird.
5. Schlusswort: Fazit über die Bedenklichkeit der untersuchten Diagnosemethoden und Plädoyer für ein tieferes Verständnis statt pauschaler Zuschreibungen.
Schlüsselwörter
Kinderzeichnungen, DSM-IV, Verhaltensstörung, Etikettierung, Diagnostik, Pädagogik, Psychologie, Stigmatisierung, Sozialverhalten, Individualität, Interpretation, Kindererziehung, psychologische Tests, Machtstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die diagnostischen Methoden zur Bewertung von kindlichem und jugendlichem Verhalten, sowohl aus psychologischer als auch aus institutioneller Sicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Deutung von Kinderzeichnungen, den Diagnosekriterien für Verhaltensstörungen im DSM-IV und der daraus resultierenden Stigmatisierung der Betroffenen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Willkür und die potenziell negativen Auswirkungen von standardisierten Interpretationen und Etikettierungen auf die Entwicklung und das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kritische Literatur- und Diskursanalyse, bei der bestehende Diagnosemethoden und deren theoretische Grundlagen hinterfragt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Thesen von Evi Crotti zu Kinderzeichnungen analysiert, gefolgt von einer Untersuchung der DSM-IV-Kriterien und einem abschließenden Vergleich beider Ansätze hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Betroffenen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Etikettierung, Verhaltensstörung, Diagnostik, Kinderzeichnungen und die Kritik an der Verdinglichung des Menschen.
Warum wird die Interpretation von Kinderzeichnungen in der Arbeit in Frage gestellt?
Die Arbeit kritisiert, dass standardisierte Deutungen individuelle Entwicklungsunterschiede ignorieren und Kindern vorschnell psychologische Probleme unterstellen, was schwerwiegende Folgen für das Familiengefüge haben kann.
Welche Kritik übt die Autorin am DSM-IV?
Die Kritik richtet sich gegen die starre Kategorisierung von Verhalten als "gestört", das Fehlen der Frage nach den Ursachen ("Warum") und die Gefahr, dass betroffene Personen durch Etikettierungen in ihrem beruflichen oder sozialen Leben benachteiligt werden.
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- Frederic Krassowka (Author), 2008, Gefährliche und gefährdete Jugend, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/203699