Die Geschichte der Jeanne d’Arc ist wesentlich eine gewalttätige. Zwar hat die historische Jungfrau von Orleans nach eigener Aussage nie getötet, aber der Hundertjährige Krieg zwischen Frankreich und England bildet den Rahmen, der ihr Wirken überhaupt erst ermöglicht. Sie war eine Kriegsheldin, die ihren Truppen die Fahne vorantrug, und auch wenn sie selbst nicht zum Schwert griff, so ist sie doch mitverantwortlich für den Tod Tausender.
Friedrich Schiller hat in seiner „romantischen Tragödie“ „Die Jungfrau von Orleans“ sein eigenes Bild der Jeanne d’Arc entworfen. Wie geht er dabei mit den Themen Krieg und Gewalt um? Wird der Krieg überhaupt zu einem kontroversen Thema im Stück? Wird Gewalt auf der Bühne gezeigt und wenn ja, wie? Und welche Bedeutung kommt dabei dem Umstand zu, dass es sich bei der Heldin Johanna um eine Frau handelt?
Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Ein vollständiger Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur „Jungfrau von Orleans“ kann dabei auf Grund der angestrebten Kürze nicht geleistet werden. Verschiedene Interpretationen zum Stück werden nur insoweit herangezogen, als sie interessante Perspektiven auf die zur Diskussion stehenden Punkte eröffnen. Dazu werden insgesamt elf Werke der Sekundärliteratur ausgewertet, von inzwischen zum Standard gewordenen Interpretationen aus den Fünfzigern und Sechzigern bis zu moderneren Ansätzen aus den zweitausender Jahren.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. „In raues Erz sollst du die Glieder schnüren“ – Schillers „Jungfrau von Orleans“
2. „Was ist unschuldig, heilig, menschlich gut, wenn es der Kampf nicht ist ums Vaterland?“ – Krieg als Thema im Stück
3. „In Mitleid schmilzt die Seele, und die Hand erbebt, als bräche sie in eines Tempels heil’gen Bau“ – Gewalt auf der Bühne
4. „Darf sich ein Weib mit kriegerischem Erz umgeben, in die Männerschlacht sich mischen?“ – Johanna und die Bedeutung ihrer „Weiblichkeit“
5. „Wir fürchten uns vor keinem Teufel mehr, sobald ihr weg seid.“ – Isabeau, Femme fatale und Furie
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Thema Krieg und Gewalt in Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Johannas als Frau und Kriegerin. Dabei wird hinterfragt, inwiefern Johanna als handelnde Figur für ihre Taten verantwortlich ist und wie das Stück das Spannungsfeld zwischen kriegerischer Notwendigkeit und moralischem Anspruch thematisiert.
- Die Darstellung von Krieg und Gewalt in Schillers „Jungfrau von Orleans“.
- Die Rolle und Legitimation Johannas als Kriegerin und Prophetin.
- Das Spannungsfeld zwischen „Weiblichkeit“ und soldatischer Existenz.
- Der Einfluss von Geschlechterrollen auf die Interpretation des Stücks.
- Die Figur der Isabeau als Gegenbild zu Johanna.
Auszug aus dem Buch
„In Mitleid schmilzt die Seele, und die Hand erbebt, als bräche sie in eines Tempels heil’gen Bau“ – Gewalt auf der Bühne
Im ganzen Stück gibt es nur zwei Handlungszusammenhänge, in denen auf der Bühne gekämpft wird: Die Montgomery-Szenen (II/6-8) und die Lionel-Szene (III/10). In der Regel erfährt der Leser bzw. Zuschauer vom Schlachtgeschehen durch Botenberichte (z.B. I/9), Mauerschau (V/12) oder Figurenrede (II/4).
Die Montgomery-Szenen waren und sind Lieblingsthema vieler Schiller-Interpreten. Manche sehen hier „die Liebe unter der Gestalt des Zorns“ am Werk, andere Johannas „ausgiebig demonstrierten kriegerischen Blutdurst“. Rudolf Ibel konstatiert den „Triumph der Inhumanität als letzte Konsequenz des Idealismus“. Stellt man die Szenen jedoch in Zusammenhang mit der Kriegssituation, dann eröffnet sich eine andere Perspektive.
Montgomery ist ein junger wallisischer Ritter. An den Kampfplatz gebracht hat ihn sein „eitler Wahn“, er kam mit der Motivation „wohlfeilen Ruhm zu suchen in dem Frankenkrieg“. In der „blut’ge[n] Mordschlacht“ sind ihm die Augen aufgegangen, er hat die Realität des Krieges erkannt und fürchtet nun um sein Leben. Als er Johanna auf sich zukommen sieht, ist er förmlich gebannt von ihrem Anblick. Er beschließt, sich ihr zu Füßen zu werfen und sie um sein Leben anzuflehen. Montgomery hofft, Johanna „durch Tränen [ ] erweichen“ zu können, denn schließlich ist sie ein „Weib“.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung umreißt die zentrale Problematik von Krieg und Gewalt im Stück und formuliert die Forschungsfragen zur Rolle der Heldin Johanna.
1. „In raues Erz sollst du die Glieder schnüren“ – Schillers „Jungfrau von Orleans“: Dieses Kapitel thematisiert die zeitgenössische und spätere Rezeption von Johannas kriegerischem Handeln als Frau.
2. „Was ist unschuldig, heilig, menschlich gut, wenn es der Kampf nicht ist ums Vaterland?“ – Krieg als Thema im Stück: Hier wird die Legitimation des Krieges durch die verschiedenen Parteien sowie Johannas Rolle als vermeintliches Werkzeug Gottes untersucht.
3. „In Mitleid schmilzt die Seele, und die Hand erbebt, als bräche sie in eines Tempels heil’gen Bau“ – Gewalt auf der Bühne: Dieses Kapitel analysiert die konkreten Kampfhandlungen auf der Bühne und Johannas inneren Konflikt zwischen Mitleid und Pflicht.
4. „Darf sich ein Weib mit kriegerischem Erz umgeben, in die Männerschlacht sich mischen?“ – Johanna und die Bedeutung ihrer „Weiblichkeit“: Die Analyse konzentriert sich auf die Zuschreibungen von Weiblichkeit und die Ambivalenz von Johannas Jungfräulichkeit.
5. „Wir fürchten uns vor keinem Teufel mehr, sobald ihr weg seid.“ – Isabeau, Femme fatale und Furie: Untersuchung der Königin Isabeau als Negativbeispiel und Gegenfigur zur „Jungfrau“ im Hinblick auf Geschlechterrollen.
6. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse, die feststellt, dass Johannas Handeln primär durch die Kriegssituation bedingt ist und nicht als unnatürlich gewertet werden sollte.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Jungfrau von Orleans, Johanna, Jeanne d’Arc, Krieg, Gewalt, Weiblichkeit, Geschlechterrollen, Patriotismus, Religion, Sendungsbewusstsein, Literaturanalyse, Drama, Theater, Schuld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ unter dem Aspekt der Gewaltproblematik und untersucht, wie die Protagonistin Johanna mit ihrer Rolle als kriegführende Frau umgeht.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Zentrale Themen sind die Legitimation von Krieg, das Spannungsfeld zwischen göttlicher Sendung und persönlicher Verantwortung, sowie die Konstruktion von Weiblichkeit im Kontext der kriegerischen Männerdomäne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Johannas Handeln nicht einfach als „unweiblich“ oder „unnatürlich“ abgetan werden darf, sondern vor dem Hintergrund der dargestellten Kriegssituation und der politischen Dynamik des Stücks betrachtet werden muss.
Welche methodischen Ansätze werden verwendet?
Die Arbeit greift auf theaterwissenschaftliche und literaturhistorische Interpretationen zurück, zieht biblische Vergleiche heran und untersucht die Sprache sowie das Reimschema in zentralen Schlüsselszenen des Dramas.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zur Kriegsthematik, den spezifischen Kampfhandlungen auf der Bühne, dem Konzept der Weiblichkeit im Vergleich zu männlichen Rollenbildern und der Gegenüberstellung von Johanna und Isabeau.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kriegsgöttin, Schuldfrage, Sendungsbewusstsein, patriarchale Strukturen, göttliche Legitimation und der historische Kontext der Rezeption des Stücks.
Wie bewertet die Autorin Johannas Handeln in den Montgomery-Szenen?
Die Autorin argumentiert, dass Johannas Tötung Montgomerys kein Ausdruck einer blutrünstigen Natur ist, sondern eine Konsequenz ihrer militärischen Mission, wobei Montgomery als freiwilliger Soldat in einem Eroberungskrieg kein unschuldiges Opfer darstellt.
Welche Rolle spielt die Begegnung mit Lionel für die Interpretation?
Die Begegnung ist entscheidend, da sie Johanna erstmals mit ihrer eigenen menschlichen Seite und der Liebe konfrontiert, was sie in einen realen Schuldkonflikt stürzt und ihr bisheriges Selbstbild als „göttliches Werkzeug“ erschüttert.
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- Magistra Artium Corinna Heins (Author), 2006, Zur Gewaltproblematik in Schillers "Jungfrau von Orleans", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204189