Der Mythos, dass es Kinderarmut in Deutschland nicht geben könne, hielt sich bis in die neunziger Jahre und selbst für die Politik und Wissenschaft war die Armut in Deutschland ein eher vernachlässigter Themenbereich, obwohl bereits im Jahre 1976 Heiner Geißler mit der Veröffentlichung seines Buches „Die neue soziale Frage“ auf eine wachsende Armutstendenz hinwies. Es folgten eine Reihe von Armuts- und Sozialberichtserstattungen diverser Wohlfahrtsverbände, Kirchen u.a., die mit zunehmender Intensität auf das Thema hinwiesen. Seitdem Richard Hauser die „Infantilisierung der Armut“ im Jahre 1989 als neuen Armutstrend in Deutschland identifizierte, haben zahlreiche darauf folgende Untersuchungen eine spezifische Kinder- und Jugendarmut bestätigen können. So wurde u.a. im 10. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung Armut 1998 erstmals im Blickfeld des politischen Interessen breit analysiert. Mit dem Erscheinen des ersten Armuts- und Reichtumsbericht 2001 wurde die Diskussion über Armut und Reichtum publik gemacht und somit offiziell in das politische und gesellschaftliche Interesse gerückt. Neusten Statistiken zufolge sind Minderjährige die am meisten von Armut betroffene Gruppe. Zwar muss konstatiert werden, dass die Existenzgrundlagen der meisten Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien als gesichert gilt. Doch herrscht eine tiefe soziale Spaltung in der BRD, die sich auf die Lebenslagen der Kinder verschärfend auswirkt.
In dieser Hausarbeit sollen die Lebenslagen der Kinder aus ärmlichen Verhältnissen erläutert werden. So werden im Folgenden zunächst unterschiedliche Armutskonzepte dargestellt um dann auf die Ursachen und Ausmaße der Armut von Kindern und Jugendlichen einzugehen (Punkt 3.). Kinderarmut bedeutet jedoch vielmehr als ein Mangel an materiellen Ressourcen. Denn sie manifestiert sich in verschiedenen Lebensbereichen und führt zu vielfältigen Benachteiligungen, etwa im Bildungs-, Gesundheits-, Freizeit- und Wohnbereich, wie sie unter Punkt 4. näher erläutert werden. Abschließend werden im Fazit mögliche Konsequenzen und Handlungsansätze angedacht werden, die die Kinder- und Jugendarmut in Deutschland verringern könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Armutskonzepte
2.1 Absolute und relative Armut
2.2 Ressourcenansatz
2.3 Lebenslagenansatz
2.4 Ein kindbezogenes Armutskonzept
3. Infantilisierung der Armut
3.1 Ursachen der Armut von Kindern und Jugendlichen
3.2 Ausmaß der Armut von Kindern und Jugendlichen
4. Mögliche negative Auswirkungen von Armut auf Minderjährige
4.1 Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die materielle Lage des Kindes
4.2 Auswirkungen auf die Eltern-Kind Beziehung
4.3 Gesundheit und Psyche
4.4 Bildung
4.5 Teufelskreis Armut
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen, die in Deutschland von Armut betroffen sind, und analysiert die vielschichtigen Ursachen sowie Auswirkungen dieser prekären Lebenssituation.
- Definition und Differenzierung verschiedener Armutskonzepte
- Analyse der Ursachen und des Ausmaßes von Kinderarmut
- Untersuchung der negativen Auswirkungen auf das soziale Umfeld und die psychische Gesundheit
- Einfluss von Armut auf den Bildungserfolg und die Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe
Auszug aus dem Buch
3.1 Ursachen der Armut von Kindern und Jugendlichen
Obwohl Kinderarmut eng mit Eltern- bzw. Familienarmut verknüpft ist, stellt sie ein eigenes Phänomen dar, indem sie sich u.a. in Ausmaß, Auswirkungen und Bewältigungsstrategien unterscheidet. Bezüglich der Ursachen von Kinderarmut sind jedoch häufig die Lebensverhältnisse der Eltern maßgebend.
Wie die Tabelle(33) und zahlreiche Forschungsberichte zeigen, sind vor allem Kinder von Alleinerziehenden und Arbeitslosen, sowie von Zuwandererfamilien einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt. 34
Bertsch fügt konkretisierend „Schulabbrecher und beruflich gering qualifizierte Jugendliche (häufig aus zugewanderten Familien); Familien mit Langzeitarbeits-losen; Schwangere; allein erziehende Frauen; junge Familien mit kleinen Kindern, Migranten- und kinderreiche Familien“35 hinzu.
Laut dem Autor sind Arbeitslosigkeit und ein niedriges Erwerbseinkommen, kritische familiäre Lebensereignisse, berufliche Bildungsdefizite, Erkrankung, Unfall und spezifische Probleme bei zugewanderten Familien Armut auslösende Faktoren. Als unbestritten gilt, dass bei den Erwachsenen (Langzeit-)Erwerbslosigkeit, sowie Erwerbstätigkeit auf niedrigem Zeitniveau bzw. mit Niedriglohn als die größte Armutsursache in Deutschland gilt. Auch die Gruppe der „working poor“ und Faktoren wie Trennung, Scheidung, Überschuldung spielen eine große Rolle.36
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung der Kinderarmut als vernachlässigtes politisches Thema in Deutschland und führt in die Fragestellung der Arbeit ein.
2. Armutskonzepte: Hier werden theoretische Ansätze wie der Ressourcen- und der Lebenslagenansatz vorgestellt, um ein Verständnis für die komplexe Messbarkeit von Armut zu schaffen.
3. Infantilisierung der Armut: Dieser Abschnitt erläutert den Trend zur sogenannten „neuen Armut“, bei der jüngere Bevölkerungsgruppen überproportional betroffen sind, und analysiert Ursachen sowie statistische Ausmaße.
4. Mögliche negative Auswirkungen von Armut auf Minderjährige: Dieses Kapitel betrachtet die gravierenden Folgen von Armut für die physische Gesundheit, die Psyche, das soziale Umfeld und den Bildungserfolg der betroffenen Kinder.
5. Fazit und Ausblick: Zusammenfassend wird die Notwendigkeit einer multidimensionalen Armutsprävention betont, die über finanzielle Unterstützung hinausgehen und kindbezogene Strukturen fördern muss.
Schlüsselwörter
Kinderarmut, Lebenslagenansatz, Ressourcenansatz, Sozialstruktur, soziale Ausgrenzung, Armutsprävention, Bildungschancen, Gesundheitsrisiken, Familienarmut, Arbeitslosigkeit, materielle Deprivation, Kinder- und Jugendbericht, soziale Spaltung, Arbeitslosengeld II, Teilhabechancen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die unter prekären, armutsgeprägten Lebensbedingungen aufwachsen, und beleuchtet die damit verbundenen Risiken für ihre Entwicklung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretische Bestimmung von Armut, die Ursachen für das erhöhte Armutsrisiko bei jungen Menschen und die Auswirkungen auf zentrale Lebensbereiche wie Gesundheit, Bildung und soziale Integration.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Komplexität der kindlichen Armut darzustellen, die Lebensrealität der Betroffenen zu verdeutlichen und auf notwendige sozialpolitische Handlungsansätze hinzuweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung, die auf einer umfassenden Analyse vorhandener sozialwissenschaftlicher Fachliteratur, aktueller Armutsberichte und statistischer Daten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Armutskonzepte, die Ursachen der „Infantilisierung der Armut“ und differenziert die Auswirkungen von Armut auf das soziale Umfeld, die psychische Gesundheit und den Bildungsweg.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die „Infantilisierung der Armut“, der „Lebenslagenansatz“, „soziale Ausgrenzung“ sowie die Analyse der „Bildungschancen“ im Kontext sozioökonomischer Benachteiligung.
Warum ist der Lebenslagenansatz für Kinder besonders relevant?
Da Kinderarmut weit über den Mangel an Geld hinausgeht, ermöglicht dieser Ansatz eine bessere Erfassung von Defiziten in Bereichen wie Freizeit, soziale Kontakte, Bildung und Gesundheitsfürsorge.
Welche Rolle spielt die Familie beim Armutsrisiko?
Die Familie ist ein zentraler Faktor; besonders Alleinerziehende und Arbeitslose sind häufiger betroffen, da das Armutsrisiko direkt mit den ökonomischen Ressourcen und der psychischen Stabilität der Eltern korreliert.
- Arbeit zitieren
- Nika Ragua (Autor:in), 2006, Kinderarmut in Deutschland - Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in Armut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/204271