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Utopiekritik in Vladimir Sorokins LJOD-Trilogie

Titel: Utopiekritik in Vladimir Sorokins LJOD-Trilogie

Hausarbeit (Hauptseminar) , 2010 , 23 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Jan Buck (Autor:in)

Russistik / Slavistik
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Als Vladimir Sorokin 2010 die deutsche Übersetzung des finalen Bandes seiner LJOD-Trilogie im Berlin-Verlag veröffentlicht, findet sich auf der Umschlagrückseite folgender Werbetext:
"Vladimir Sorokin, der große russische Stilist, versteht es wie kein anderer, seine Umwelt zu provozieren. So auch im letzten Band seiner viel beachteten LJOD-Trilogie. In 23 000 schildert er die letzten Tage einer Sekte, der Bruderschaft des Lichts, die kurz vor der Erfüllung ihres kosmischen Plans steht. Sorokin hat eine packende Gesellschaftsutopie geschrieben – und damit nicht weniger als eine treffende Diagnose unserer Zeit."
Dass die stereotypen Etikette für Sorokin, der Mimikry-Stil und die Provokation, hier zu Werbezwecken nicht fehlen dürfen, ist selbstverständlich. Ebenso ist als kurzer Aufreißer der Handlungshorizont der bisherigen beiden Teile obligatorisch. Bemerkenswert ist hingegen der letzte Satz: Sorokins Buch, oder gar die ganze Trilogie, sei eine Gesellschaftsutopie und dieser Fakt mache es zu einer treffenden Diagnose unserer Zeit. Möglicherweise war vom Texter eher „mit ihr“ statt „damit“ gemeint und somit die Utopie und die Zeitdiagnose als getrennte Qualitäten definiert worden. In diesem Fall stellt sich die Frage, welcher Art das utopische Moment in LJOD ist. Liest man die ersten beiden Teile oberflächlich und lässt sich von der subjektiven Erzählweise vereinnahmen, so kann in der „Bruderschaft des Lichts“ durchaus der Weg zur Verwirklichung eines utopischen Ideals gesehen werden. Reflektiert man jedoch die Handlungen der Brüder und Schwestern, so kann kein anderes Bild als das einer Dystopie entstehen. Die Kombination beider Lesarten führt dann noch einen Schritt weiter, nämlich zum Eindruck einer Kritik am Konzept Utopie.
Wie sich diese Utopiekritik manifestiert, soll im Verlauf dieser Arbeit untersucht werden. Dazu soll zunächst eine kurze Geschichte der Utopiekritik nachgezeichnet werden, mit spezieller Berücksichtigung der russisch-sowjetischen Situation. Vor diesem Hintergrund soll dann anhand zweier zentraler Kritikpunkte am utopischen Denken, der Endgültigkeit und der Totalität, das utopiekritische Potential im LJOD-Text aufgespürt werden. Im letzten Teil der Arbeit schließlich wird das Trilogie-Leitmotiv der Liebe in seiner dystopischen Qualität untersucht und ins Verhältnis gesetzt zur Liebe in ihrer utopischen Qualität im Postoperaismus, der wohl prominentesten zeitgenössischen Utopie.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 ZUR JÜNGEREN GESCHICHTE DER UTOPIEKRITIK

2.1 SITUATION DER UTOPIE IN DER SOWJETUNION

2.2 UTOPIE UND UTOPIEKRITIK SEIT 1989

3 UTOPIEKRITIK IN DER LJOD-TRILOGIE

3.1 ENDGÜLTIGKEIT UND ESCHATOLOGIE

3.2 TOTALITÄT

3.2.1 Eugenik und Euthanasie

3.2.2 Linguistische Spuren der Utopie

4 „LASS DEIN HERZ SPRECHEN“ - UTOPISCHE KONZEPTE DER LIEBE

4.1 DAS PROBLEM DER MENSCHENLIEBE

4.2 LIEBE UND LIEBESKORRUPTION

5 SCHLUSS

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht die Utopiekritik im Werk von Vladimir Sorokin, insbesondere in seiner LJOD-Trilogie. Dabei wird analysiert, wie die Romane durch eine scheinbar affirmative Darstellung einer utopischen Gemeinschaft gleichzeitig eine tiefgreifende Dystopie entwerfen, die vor allem die totalitären und eschatologischen Aspekte utopischen Denkens dekonstruiert.

  • Die Darstellung von Endgültigkeit und Eschatologie in utopischen Entwürfen
  • Die Kritik an Totalitätsansprüchen und exkludierenden Ideologien
  • Die Rolle der Eugenik und Euthanasie innerhalb utopischer Konstrukte
  • Sprachliche Mechanismen und die Manipulation durch Begriffe wie "Fleischmaschine"
  • Das Spannungsfeld zwischen utopischer Liebe und der Korruption des Liebesbegriffs

Auszug aus dem Buch

3.2.1 Eugenik und Euthanasie

Das Prinzip der Eugenik findet sich in der LJOD-Trilogie auf die Spitze getrieben wieder. Wird in vielen Utopien ein besserer Mensch durch Zuchtwahl geschaffen, ist hier eine geschlechtliche Fortpflanzung für die Schaffung der Elite nicht einmal mehr nötig. Der bessere Mensch existiert schon und muss nur gefunden werden. Der Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Menschen und dem Bruder oder der Schwester des Lichts ist ein so gewaltiger, dass selbst das Geschlechtliche als primitiv zurückgelassen wird, ein solcher Unterschied, dass Kategorien der Evolution zur Erklärung untauglich werden. Dennoch ist das Prinzip der Eugenik noch erkennbar: In einer Liebe zum Gleichen, die dazu dient, eine Gemeinschaft höherwertiger Menschen zu formen. Auf diesen Umstand wird in Kapitel 4 noch einmal genauer eingegangen.

Die Euthanasie wird von Sorokin gar nicht erst als solche maskiert; ihr dämonischer Charakter wird unumwunden preisgegeben. Bereits in Thomas Morus' Utopia wird Euthanasie an Bürgern vorgenommen, die zu alt oder zu krank sind, um noch einen wirtschaftlichen Nutzen für die Gesellschaft zu haben. Leona Toker diagnostiziert schon hier eine falsche Euthanasie, die nur der effizienzgesteuerten Gesellschaft dient. Eine kranke oder sehr alte Person muss überzeugt, wenn nicht gar drangsaliert werden, diese Option zu aktzeptieren. Ähnlich verhält es sich mit der „Euthanasie“ im Nationalsozialismus, bei der zur „Rassenhygiene“ „lebensunwertes Leben“ an der Fortpflanzung gehindert bzw. vernichtet wurde. Von Euthanasie im gebräuchlichen Sinne, nämlich der Sterbehilfe bei ausdrücklichem Todeswunsch der Betreffenden, kann in der Geschichte der Utopie kaum die Rede sein. Lediglich in der etymologischen Bedeutung (griech. „eu-“: gut, richtig, leicht, schön und „thanatos“: der Tod) ergibt das Wort außer als Euphemismus noch zynischen Sinn: Der Tod der Reaktionären und der Minderwertigen ist gut, ist richtig, ist schön und fällt den Schlächtern leicht: im Hinblick auf die Verwirklichung der Utopie.

Zusammenfassung der Kapitel

1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die LJOD-Trilogie ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, inwiefern Sorokins Darstellung der „Bruderschaft des Lichts“ als Kritik am Konzept der Utopie und deren totalitären Tendenzen zu verstehen ist.

2 ZUR JÜNGEREN GESCHICHTE DER UTOPIEKRITIK: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Diskurs zur Utopiekritik nach, insbesondere im Kontext der Sowjetunion und der westlichen Erfahrungen mit totalitären Regimen nach 1989.

3 UTOPIEKRITIK IN DER LJOD-TRILOGIE: Hier werden die zentralen Kritikpunkte der Endgültigkeit und Totalität anhand der Romanhandlung analysiert, wobei besonders die eschatologischen Züge und die gewaltsame Erschaffung eines „Neuen Menschen“ hervorgehoben werden.

4 „LASS DEIN HERZ SPRECHEN“ - UTOPISCHE KONZEPTE DER LIEBE: In diesem Kapitel wird das Leitmotiv der Liebe untersucht und aufgezeigt, wie die „Göttliche Liebe“ der Sekte in Korruption umschlägt und als Ausschlussmechanismus gegen „Fleischmaschinen“ fungiert.

5 SCHLUSS: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Sorokin eine generelle Sinnlosigkeit utopischer Heilsversprechen konstatiert, indem er den scheiternden oder tödlichen Charakter dieser Ideologien aufzeigt.

Schlüsselwörter

Vladimir Sorokin, LJOD-Trilogie, Utopiekritik, Dystopie, Totalitarismus, Eschatologie, Eugenik, Euthanasie, Fleischmaschine, Sowjetkommunismus, Menschenliebe, Identitäre Liebe, Postmoderne, Gesellschaftsutopie, Bruderschaft des Lichts.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Vladimir Sorokins LJOD-Trilogie unter dem Aspekt der Utopiekritik und untersucht, wie das Werk totalitäre Strukturen und destruktive Heilsversprechen thematisiert.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind Utopie und Dystopie, eschatologisches Denken, Totalitarismus, die Instrumentalisierung von Sprache und die Korruption des Begriffs der Liebe.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Ziel ist es aufzuzeigen, wie Sorokin utopische Konzepte durch eine subjektive Erzählweise erst affirmativ einführt, um sie anschließend durch eine dystopische Perspektive als gefährliche und gewaltsame Konstrukte zu entlarven.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text der Trilogie mit theoretischen Diskursen zur Utopiekritik sowie historischen und ideologiekritischen Kontexten verknüpft.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Endgültigkeit und Totalität, die Analyse sprachlicher Indikatoren für den Chauvinismus der „Bruderschaft des Lichts“ sowie die Dekonstruktion des utopischen Liebesbegriffs.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind unter anderem Utopiekritik, Totalitarismus, Eugenik, Euthanasie, Fleischmaschine und das Konzept der „Göttlichen Liebe“.

Welche Rolle spielen die "Fleischmaschinen" im Buch?

Der Begriff „Fleischmaschine“ dient der Entmenschlichung der „Nicht-Erwählten“ durch die Bruderschaft, was die Radikalität des utopischen Ausschlusses und die gewaltsame Ideologie hinter dem Projekt verdeutlicht.

Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor bezüglich der Utopie?

Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Sorokin in seiner Trilogie keine lebensfähige utopische Alternative anbietet, sondern die Sinnlosigkeit und Gefährlichkeit kollektiver Heilsversprechen durch die ironische Darstellung ihres Scheiterns unterstreicht.

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Details

Titel
Utopiekritik in Vladimir Sorokins LJOD-Trilogie
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jan Buck (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V205104
ISBN (eBook)
9783656322160
ISBN (Buch)
9783656325222
Sprache
Deutsch
Schlagworte
utopiekritik vladimir sorokins ljod-trilogie
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Jan Buck (Autor:in), 2010, Utopiekritik in Vladimir Sorokins LJOD-Trilogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205104
Blick ins Buch
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Leseprobe aus  23  Seiten
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