Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Menschen aufwachsen, sind immer fortwährenden Entwicklungen und Veränderungen unterworfen. Technisierung, Mediatisierung, Motorisierung und Urbanisierung haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ausgewirkt. Die Verbreitung von neuen elektronischen Medien nimmt einen enormen Einfluss auf die Freizeitgestaltung und durch die Veränderung der Wohn- und Verkehrssituation werden Spielfreudige in ihren Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten, sowie der Befriedigung ihres Dranges nach Bewegung „an der frischen Luft“ eingeschränkt. Eine Untersuchung, welche Kretschmer und Giewald 2000 an Grundschulen im Hamburger Raum durchführten, zeigte auf, dass die Mehrheit der befragten Kinder meistens in der Wohnung spielen (Kretschmer & Giewald, 2001, S. 47). Hurrelmann (2004) spricht von einem „Trend von der ‚Entstraßlichung‘ zur ‚Verhäuslichung‘“ (S. 24, zitiert nach Zinnecker, 1990). Es herrscht ein „Mangel an Sinnes-, Bewegungs-, Spiel-, Sozial- und Eigentätigkeitserfahrungen“ (Kretschmer & Giewald, 2001, S. 44).
Weniger Zeit und Gelegenheit für körperliche Aktivität bedeutet für Heranwachsende auch zunehmende Risiken: physische und psychische Gesundheit können unter dem Mangel an Bewegung leiden. Auch ändern sich parallel andere Lebensgewohnheiten, allen voran das Ernährungsverhalten vieler Kinder.[...]
Inhaltsverzeichnis
1 RELEVANZ UND PROBLEMSTELLUNG DER ARBEIT
2 DIE „BEWEGTE SCHULE“: THEORETISCHER ANSATZ
2.1 ZUR HISTORIE DER BEWEGUNG AN SCHULEN
2.2 BEGRÜNDUNGSMUSTER FÜR „BEWEGTE SCHULE“
2.2.1 Entwicklungs- und lerntheoretische Begründungen
2.2.2 Gesundheitliche Begründungen
2.2.3 Schulprogrammatische Begründungen
2.2.4 Zwischenfazit
2.3 MERKMALE „BEWEGTER SCHULE“
2.3.1 Rahmenmerkmale
2.3.2 Inhaltsmerkmale
2.3.3 Zwischenfazit
3 METHODIK & INSTITUTIONELLE ASPEKTE
3.1 QUALITATIVE INTERVIEWS
3.1.1 Design der Studie und Vorgehen
3.1.2 Leitfaden der Interviewfragen
3.1.3 Dokumentation, Transkription und Auswertung der Interviews
3.2 (BEWEGUNGS-)PORTRAITS DER SCHULEN
3.2.1 Das Gymnasium Johanneum in Wadersloh
3.2.2 Das Goerdeler-Gymnasium in Paderborn
4 EVALUATION
4.1 UNTERRICHTSSTÖRUNGEN
4.1.1 Präventionsmaßnahmen
4.1.2 Interventionsmaßnahmen
4.1.3 Zwischenfazit
4.2 EMPFINDUNG DER BEWEGUNG IM KLASSENRAUM
4.2.1 Störende Bewegung
4.2.2 Akzeptable Bewegung
4.2.3 Zwischenfazit
4.3 EINSCHÄTZUNGEN ZUM KONZEPT
4.3.1 Gesamtkonzept
4.3.2 „Bewegtes Lernen“
4.3.3 „Bewegtes Sitzen“
4.3.4 Bewegungspausen
4.3.5 Schulleben: Schulhof-, Raum- und Pausengestaltung
4.3.6 Kooperation mit Vereinen
4.3.7 Zwischenfazit
4.4 BEWEGUNGSANGEBOTE DER LEHRKRÄFTE
4.4.1 Angewandte Bewegung im Unterricht
4.4.2 Schwierigkeiten, Bewegung anzubieten
4.4.3 Zwischenfazit
5 KONKLUSION UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, durch eine theoretische Auseinandersetzung und die Auswertung qualitativer Interviews mit Lehrkräften an Gymnasien zu untersuchen, inwiefern das Konzept der „Bewegten Schule“ an weiterführenden Schulen, insbesondere in der Sekundarstufe I, implementierbar ist und welche Chancen und Grenzen sich aus der subjektiven Sicht der Lehrkräfte ergeben.
- Grundlagen und theoretischer Rahmen der „Bewegten Schule“
- Methodik der Experteninterviews mit Gymnasiallehrkräften
- Analyse von Unterrichtsstörungen und Präventionspotenzialen durch Bewegung
- Bewertung einzelner Konzeptelemente (Bewegtes Lernen, Pausengestaltung, Mobiliar)
- Diskussion der Umsetzbarkeit an Gymnasien unter Berücksichtigung von Rahmenbedingungen
Auszug aus dem Buch
2.1 ZUR HISTORIE DER BEWEGUNG AN SCHULEN
Die „Bewegte Schule“ hat besonders seit 1983 durch Urs Illi an Popularität gewonnen, als der Schweizerische Verband für Sport in der Schule (SVSS) eine Tagung zur Thematik der Rückenbeschwerden vieler Schüler abhielt. Bewegung in der Schule war aber schon vor den 80er Jahren ein vieldiskutiertes Thema.
Bereits Ende des 18. Jahrhunderts gab es Denkanstöße und Umsetzungen von körperlicher Aktivität in Bildungsinstitutionen: Leibesübungen, Bewegung und Spiel wurden von den philanthropischen Musterschulen in Dessau und Schnepfenthal in den Schulalltag integriert, um dem „langen Stillsitzen“ und der „fortgesetzten Anstrengung der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses im Memorieren“ entgegenzuwirken, welches die Kinder „verabscheuen“ (Stibbe & Stariha, 2007, S. 49). Die philanthropischen Reformer waren der Ansicht, durch eine vernunftgeleitete, natürliche Erziehung irdische Glückseligkeit und Vollkommenheit zu erreichen, wozu es einer harmonischen Entwicklung von Körper und Geist bedürfe. Der Mensch nehme Eindrücke über seine Sinne auf, welche vom Geist verknüpft werden und das Lernen somit ermöglichen. So war es eine Idee, den Sitzzwang zu lockern, weil „alle diejenigen Handlungen des Fleisses, welche ebenso gut im Gehen und Stehn, als auch im Stillsitzen können verrichtet werden, auf die erste Art geschehen [sollen]“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 RELEVANZ UND PROBLEMSTELLUNG DER ARBEIT: Das Kapitel führt in die gesellschaftlichen und schulischen Bedingungen ein, die zu einem Bewegungsmangel führen, und leitet daraus die Forschungsfrage zur Implementierbarkeit der „Bewegten Schule“ an Gymnasien ab.
2 DIE „BEWEGTE SCHULE“: THEORETISCHER ANSATZ: Hier werden der historische Kontext, verschiedene Begründungsmuster (entwicklungs- und lerntheoretisch, gesundheitlich, schulprogrammatisch) sowie zentrale Merkmale des Konzepts theoretisch aufgearbeitet.
3 METHODIK & INSTITUTIONELLE ASPEKTE: Dieses Kapitel erläutert das methodische Vorgehen der qualitativen Experteninterviews an zwei spezifischen Gymnasien und stellt die Rahmenbedingungen der untersuchten Schulen dar.
4 EVALUATION: Der Praxisteil analysiert die Interviews hinsichtlich der Themen Unterrichtsstörungen, Bewegung im Klassenraum, Einschätzungen zum Konzept und konkreter Bewegungsangebote durch die befragten Lehrkräfte.
5 KONKLUSION UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Übertragbarkeit des Konzepts auf Gymnasien und gibt einen Ausblick auf notwendige weitere Schritte zur Umsetzung.
Schlüsselwörter
Bewegte Schule, Gymnasien, Sekundarstufe I, Bewegtes Lernen, Bewegte Pause, Bewegtes Sitzen, Experteninterviews, Unterrichtsstörungen, Schulalltag, Schulentwicklung, Lehrersicht, Bewegungsdrang, Handlungsorientierung, Gesundheit, Bewegungsförderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie das Konzept der „Bewegten Schule“ – welches Bewegung nicht nur als Sportunterricht, sondern als Prinzip des Lernens und Lebens in den Schulalltag integriert – an Gymnasien in der Sekundarstufe I umsetzbar ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den theoretischen Begründungen für Bewegung in Schulen, der praktischen Analyse von Unterrichtsstörungen, der Gestaltung des Schullebens sowie der Akzeptanz und Implementierbarkeit von bewegungsorientierten Ansätzen aus Sicht der Lehrkräfte.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet, in welchem Maße aus Sicht der Gymnasiallehrer die Möglichkeit besteht, Bewegung in den Schulalltag der Sekundarstufe I zu integrieren und welche Elemente des Konzepts für diese Lehrkräfte praktisch umsetzbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Fallstudie. Die Datenerhebung erfolgte durch leitfadengestützte Experteninterviews mit insgesamt zehn Lehrkräften zweier verschiedener Gymnasien, die anschließend mittels zusammenfassender qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Bewegten Schule“ und einen empirischen Evaluationsteil, in dem die Erfahrungen und Einschätzungen der interviewten Lehrkräfte zu den Bereichen Störungsprävention, Unterrichtsgestaltung, Schulraum und Kooperation mit Vereinen ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Bewegte Schule, Gymnasien, Sekundarstufe I, Bewegtes Lernen, Bewegte Pause, Bewegtes Sitzen sowie Experteninterviews und Schulentwicklung.
Wie stehen die Lehrkräfte grundsätzlich zum Konzept?
Die Lehrkräfte zeigen sich überwiegend offen gegenüber den Ideen und bestätigen zum Teil bereits praktizierte Ansätze (z.B. Methodenwechsel, Vokabelspiele). Sie äußern jedoch berechtigte Bedenken hinsichtlich des Zeitdrucks, straffer Lehrpläne, mangelnder Raumsituationen und fehlender fachspezifischer Konzepte.
Welche Rolle spielt das Alter der Schüler?
Die Lehrkräfte bewerten die Implementierung bei jüngeren Schülern (Klasse 5/6) meist als einfacher und motivierender, während bei älteren Jahrgängen oft eine stärkere Scheu vor spielerischen Formen oder ein höheres Bedürfnis nach konzentriertem Arbeiten (Oberstufe) wahrgenommen wird.
Gibt es spezifische Hindernisse für Gymnasien?
Ja, als wesentliche Hemmnisse werden die straffen curricularen Vorgaben, die hohe Bedeutung fachlicher Wissensvermittlung, räumliche Enge und ein Mangel an praxisnaher Literatur zur konkreten Umsetzung von Bewegung an Gymnasien identifiziert.
- Citar trabajo
- Claus Bröckelmann (Autor), 2012, Bewegte Schule - Ein Konzept für die Sekundarstufe I an Gymnasien?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205138