Seit Entdeckung der Märchen als Kinderliteratur durch die Gebrüder Grimm scheint eine Verbindung zwischen Kindern und Märchen zu bestehen.
Bei der Beschäftigung mit dem Thema „Kind und Märchen“ ergeben sich Fragen, die auch ich zum Gegenstand meiner Arbeit machen möchte:
Können Märchen den Kindern bei ihrer Entwicklung eine Hilfe sein? Und wenn, wie kann das geschehen und worauf gründet diese Kraft einer einzelnen kleinen Geschichte, dass sie in der Lage sein kann, den Kindern eine Entwicklungshilfe zu sein?
Sind Märchen nicht viel zu grausam und brutal für ein Kind? Sollte nicht lieber allein schon aufgrund der Brutalität auf das Märchen als Gegenstand des Grundschulunterrichts verzichtet werden?
Diesen Fragen nachzugehen und anschließend versuchen eine Antwort auf diese zu finden, soll Ziel meiner Arbeit sein. Dabei werde ich mich jedoch hauptsächlich auf die Volksmärchen beziehen, da diese die ersten und die bekanntesten Märchen sind, mit denen die meisten Kinder konfrontiert werden. Überhaupt sind es in fast allen Fällen die Volksmärchen, und gerade solche aus der Grimmschen Sammlung der "Kinder und Hausmärchen", welche für die Kinder den ersten Kontakt zur Literatur überhaupt darstellen.
Ich möchte im ersten Teil meiner Arbeit genauer auf das eingehen, was mit dem Terminus „Märchen“ gemeint ist und auf dessen gattungstypische Merkmale, um eine Grundlage für die weiteren Überlegungen zu schaffen.
Im zweiten Teil möchte ich untersuchen wie, wo und wann die Volksmärchen überhaupt entstanden sind und welche Funktion sie ursprünglich erfüllen sollten.
Nach einem kurzen Teil, in dem das Märchen gegenüber benachbarten Gattungen abgegrenzt worden ist, möchte ich mich mit der Beziehung zwischen Märchen und Kindern beschäftigen. Hierbei möchte ich darauf eingehen, welchen Wert ersteres für Kinder haben kann, welche positiven Möglichkeiten Märchen für Kinder zu bieten haben und auf die Frage nach der Aktualität und Notwendigkeit von Märchen in der heutigen Zeit.
Dann möchte ich mich im letzten praktisch orientierten Teil mit dem Märchen als Unterrichtsgegenstand auseinandersetzen und prüfen, ob das Volksmärchen seine Berechtigung in der heutigen Grundschule findet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Märchen
2.1 Definitionen
2.2 Besondere Merkmale und Kennzeichen des Märchens
2.2.1 Eindimensionalität
2.2.2 Flächenhaftigkeit
2.2.3 Abstraktheit
2.2.4 Isolation und Allverbundenheit
2.2.5 Sublimation und Welthaftigkeit
2.3 Märchenarten
2.3.1 Volksmärchen
2.3.2 Kunstmärchen
3. Entstehung und Geschichte des Märchens
3.1 Kurze Übersicht über die Geschichte des Märchens
3.2 Entstehungstheorien
3.2.1. Einfachursprungstheorie ( Monogenese )
3.2. Mehrfachursprungstheorie ( Polygenese )
3.2.1 Die indogermanische Theorie
3.2.2 Die anthropologische Theorie
4. Ursprüngliche Funktion von Märchen
5. Märchen in Abgrenzung zu benachbarten Gattungen
6. Märchen und Kinder
6.1 Was für Möglichkeiten bieten Märchen Kindern?
6.2 Aktualität von Märchen – Brauchen Kinder Märchen?
6.3 Das Grausame und Böse in Märchen
7. Märchen als Unterrichtsgegenstand in der Grundschule
7.1 Pädagogisch.didaktische Bedeutung des Märchens im Grundschulunterrichts
7.2 Möglichkeiten für den Unterricht
8. Praxisbeispiel
8.1 Kurze Beschreibung der Lernumgebung und der Klasse
8.2 Kurze Beschreibung der Unterrichtseinheit
8.3 Kurze Reflexion der Stunde
9. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion von Märchen für die kindliche Entwicklung sowie ihre Eignung und Anwendungsmöglichkeiten als Gegenstand im Grundschulunterricht, wobei insbesondere die Frage nach dem pädagogischen Umgang mit der in Märchen dargestellten Grausamkeit sowie das Potenzial zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung im Fokus stehen.
- Strukturelle Merkmale und Wesenszüge des klassischen Volksmärchens
- Märchen als pädagogisches Instrument zur Persönlichkeitsentwicklung
- Die Kontroverse um Gewalt und Grausamkeit in Märchentexten
- Didaktische Konzepte zur Implementierung von Märchen im Grundschulunterricht
- Praktische Erprobung einer Unterrichtseinheit in einer 4. Klasse
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Eindimensionalität
Generell ist das Märchen eine eindimensionale Form des Erzählens, die das Nachvollziehen der Handlung erleichtert. Somit ist auch die Identifikation mit den Hauptpersonen einfacher. Komplizierte, verwirrende Inhalte treten nie auf. Ein Märchen stellt ein Dilemma kurz und pointiert fest. Das Kind befasst sich auf diese Weise also mit dem Problem in seiner wesentlichen Gestalt.
Mit diesem Merkmal wird das Verhältnis der Diesseitigen zu den Jenseitigen beschrieben. Sie begegnen sich im Märchen immer wieder, was aber niemanden verwundert: Für den diesseitigen Märchenhelden ist es nichts Besonderes, auf eine Hexe, einen Zauberer, eine Fee oder ein sprechendes Tier zu treffen. "Damit ist gemeint, dass im Märchen wirkliche und unwirkliche Welt nahtlos ineinander übergehen,..." Das Märchen unterscheidet also nicht zwischen Wirklichkeit und Wunder.
Lüthi verweist dabei immer wieder auf den Unterschied zur Sage und zur Legende, wo ein solches Aufeinandertreffen numinose Neugier oder numinose Angst hervorruft. Im Märchen ist dies nicht so, die Menschen werden zwar auch im Märchen von den sprechenden Tieren oder Zauberwesen unterschieden, sie haben jedoch nicht das Gefühl, "...im Jenseitigen einer andern Dimension zu begegnen."
Die Eindimensionalität des Märchens mit dem fließenden Übergang von Diesseits und Jenseits entspricht der Flächenhaftigkeit seiner Darsteller.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Verbindung zwischen Kind und Märchen und definiert das Ziel der Arbeit: die Untersuchung der Entwicklungsrelevanz und pädagogischen Eignung von Volksmärchen.
2. Märchen: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Märchens und analysiert dessen wesentliche gattungstypische Merkmale sowie die Unterscheidung zwischen Volks- und Kunstmärchen.
3. Entstehung und Geschichte des Märchens: Es erfolgt ein Überblick über die historische Entwicklung der Gattung sowie eine theoretische Auseinandersetzung mit verschiedenen Entstehungstheorien (Monogenese vs. Polygenese).
4. Ursprüngliche Funktion von Märchen: Das Kapitel erläutert, dass Märchen ursprünglich als Unterhaltung für Erwachsene dienten und erst später im Kontext der Aufklärung und Erziehung umgedeutet wurden.
5. Märchen in Abgrenzung zu benachbarten Gattungen: Hier wird die Abgrenzung von Märchen gegenüber verwandten Textformen wie Sage, Mythos und Fabel anhand inhaltlicher und formaler Kriterien vorgenommen.
6. Märchen und Kinder: Dieser Abschnitt untersucht den Wert von Märchen für die kindliche Entwicklung, Möglichkeiten der Angstbewältigung sowie die Thematik der Grausamkeit in Märchen.
7. Märchen als Unterrichtsgegenstand in der Grundschule: Es werden die pädagogisch-didaktische Bedeutung von Märchen für den Deutschunterricht sowie praktische Methoden und Zielsetzungen für die Grundschule dargelegt.
8. Praxisbeispiel: Ein konkretes Fallbeispiel aus einer 4. Klasse beschreibt die Planung, Durchführung und Reflexion einer Unterrichtseinheit zum Thema Märchen.
9. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert die Ergebnisse der Arbeit und bekräftigt die Bedeutung des Märchens als Instrument zur Lebenshilfe und moralischen Erziehung.
Schlüsselwörter
Märchen, Volksmärchen, Grundschule, Kinderliteratur, pädagogische Bedeutung, Persönlichkeitsentwicklung, Grausamkeit, Didaktik, Entwicklungshilfe, Gattungsmerkmale, Unterricht, Gebrüder Grimm, Wertevermittlung, Sprachförderung, Lesemotivation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle des Volksmärchens als Medium für Kinder und untersucht dessen pädagogische Relevanz sowie Anwendungsmöglichkeiten im Grundschulunterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Gattungsmerkmale des Märchens, seine historische Entstehung, die Bedeutung für die kindliche Psyche und die Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt in Märchentexten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob und wie Märchen Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen können und warum sie trotz ihrer oft grausamen Inhalte einen festen Platz im Grundschulunterricht verdienen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und theoretischen Analyse der Märchenforschung sowie auf einer praxisorientierten Reflexion einer selbst durchgeführten Unterrichtseinheit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Aspekte zur Gattungsdefinition, Entstehungstheorien, die Abgrenzung zu anderen Gattungen sowie ausführliche pädagogische Überlegungen zum Einsatz von Märchen in der Grundschule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Märchen, Persönlichkeitsentwicklung, Grundschuldidaktik, Grausamkeit und kindgerechte Wertevermittlung charakterisiert.
Wie wird das Problem der Grausamkeit in Märchen im Kontext der Kindererziehung gelöst?
Die Autorin argumentiert durch den Rückgriff auf Experten wie Bruno Bettelheim, dass die Grausamkeit in Märchen sublimiert wird und für Kinder als notwendiges Mittel zur Auseinandersetzung mit Gut und Böse fungiert, sofern eine beruhigende Atmosphäre durch die Erzähler gewährleistet ist.
Welchen praktischen Bezug bietet die Arbeit?
Sie bietet ein konkretes Praxisbeispiel aus einer 4. Grundschulklasse, inklusive einer detaillierten Planung über acht Unterrichtsstunden, die von der Ideensammlung bis hin zum kreativen Verfassen eigener Märchenbücher reicht.
- Arbeit zitieren
- Katharina Horn (Autor:in), 2012, Märchen in der Grundschule. Didaktische Überlegungen und Unterrichtsvorschläge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205351