Die Funktion der Anachronien in Theodor Fontanes "Grete Minde"


Hausarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Erläuterung der erzählanalytischen Begriffe
2.1 Ordnung
2.2 Dauer

3 Analyse und Interpretation der temporalen Ordnung in Theodor Fontanes
3.1 Zeitsprünge und die damit einhergehende Frage nach der literarischen Einordnung der Grete Minde
3.2 Analepsen
3.3 Prolepsen

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Theodor Fontane gilt in der erzählanalytischen Forschungsliteratur durch Romane wie Effi Briest als typischer Vertreter der synthetischen Erzählung, die durch ihren chronologischen Aufbau grundsätzlich ohne markante Anachronien auskommt.[1]

Zugleich wird Fontane von dem Schriftsteller Alexander Kluge jedoch als Erfinder des „Vielfältigkeitsromans“ gerühmt, der die „Dominanz einer Handlung zurückdräng[t] und stattdessen ‚den Zusammenhang vieler Handlungen und die Reflexion ausbreitet‘ “.[2] Gemeint ist ein erzähltechnisches Verfahren, das den Eindruck einer Gleichzeitigkeit der erzählten Geschehnisse herzustellen vermag. Jochen Vogt nennt in diesem Kontext auch den „Roman des Nebeneinander“. Bei Fontane werden besonders die Figurengespräche „Medium der Vielfältigkeit“.[3]

In der folgenden Arbeit werde ich mich mit der temporalen Ordnung und Dauer in Fontanes Grete Minde (1879) befassen, da sich hier wiederholt zeitliche Besonderheiten auffinden lassen. Hierzu möchte ich auch die Frage klären, ob die literaturgeschichtliche Einordnung der Geschichte in das Genre „Novelle“ berechtigt sei oder nicht, da dies nicht unerheblich zur Bewertung der Erzähltechnik beiträgt. Weiterhin werde ich einige exemplarische Textpassagen aus Grete Minde analysieren und auf ihre erzähltechnische Funktion hin interpretieren. Hierbei steht für mich die Frage im Vordergrund, ob sich neben den „gängigen“ Funktionen, die Anachronien in der Forschungsliteratur allgemein zugeschrieben werden, eventuell auch spezifische Funktionen für etwa die Figurenkonstellation in der Geschichte ausmachen lassen. Da im Zusammenhang von Anachroniefunktionen und Fontanes Grete Minde bisher kaum Forschungsliteratur existiert, werde ich hierbei größtenteils auf meine eigenen Interpretationsansätze zurückgreifen, wie sie sich aus dem literarischen Kontext und unseren im Seminar erarbeiteten Erkenntnissen ergeben haben.

Im letzten Kapitel folgt dann ein kurzes Resümee, das versucht, die Einzelergebnisse zu einem Gesamteindruck zusammenzufassen.

Beginnen möchte ich mit einer kurzen Einführung in die später verwendeten erzählanalytischen Begriffe. Da es in der genauen Benennung temporaler Phänomene je nach Forschungsliteratur leichte Unterschiede gibt, beziehe ich mich hierbei auf die Einführung in die Erzählanalyse von Matias Martinez und Michael Scheffel, ergänzend auf Jochen Vogts Aspekte erzählender Prosa.

2 Erläuterung der erzählanalytischen Begriffe

Um den Argumentationsfluss im Kernteil der Arbeit nicht unnötig zu unterbrechen, nutze ich die folgenden Kapitel für eine jeweils kompakte Definition der später von mir verwendeten narratologischen Begriffe. In Anlehnung an die Vorgehensweise bei Martinez und Scheffel möchte ich mich hierbei zunächst mit den Fachwörtern zur temporalen Ordnung, das heißt mit der Reihenfolge der Ereignisse in einer Erzählung, auseinandersetzen. Anschließend werde ich die Begriffe zur Dauer, die die Darstellung eines Geschehens in einer Erzählung beansprucht, näher erläutern.

2.1 Ordnung

Grundsätzlich ist trotz aller Versuche, die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen abzubilden, ein zeitliches Nacheinander in jedem narrativen Text unvermeidbar und auch ein grundlegendes Charaktermerkmal der Prosa. Sowohl sprachliche Äußerungen als auch das Erzählte stellen immer einen zeitlichen Verlauf dar. Dieser muss jedoch nicht immer in chronologisch richtiger Reihenfolge erzählt sein, vielmehr kann die temporale Ordnung einer Ereignisfolge umgestellt oder sogar komplett umgekehrt sein. Diese Formen der Umstellung werden Anachronien genannt. Sie tauchen in zwei Ausprägungen auf: zum einen in Form einer Rückwendung oder Analepse, zum anderen in Form der Vorausdeutung oder Prolepse.[4]

In der Analepse wird ein Ereignis nachträglich dargestellt, das bereits vor dem Zeitpunkt stattfand, den die Erzählung gegenwärtig erreicht hat. Die sogenannte aufbauende Rückwendung bleibt auf eine zweite Erzählphase beschränkt. Nach einem Beginn medias in res, also ohne eine Einleitung, wird das am Anfang Ausgesparte nachgeholt.[5] Eine auflösende Rückwendung hingegen findet sich am Ende eines Textes. Hier werden die Lücken im bisher Erzählten aufgefüllt, die Haupthandlung thematisch reflektiert und ein rätselhaftes Geschehen nachträglich aufgeklärt, wie beispielsweise in einem Kriminalroman. Dadurch kann die Gegenwartshandlung auch zum bloßen Anlass des Erzählens, zum „situativen Rahmen“ herabgestuft werden.[6] Eine dritte Form bildet die eingeschobene Rückwendung. Sie kann an einer beliebigen Stelle im Text vorangegangene Ereignisse einblenden um z.B. Nebenhandlungen weiter auszuführen, mit einem Blick auf die Vergangenheit das gegenwärtige Geschehen zu vertiefen oder nur punktuell auf ein vergangenes Ereignis zu verweisen.[7]

In einer Prolepse bzw. Vorausdeutung hingegen wird ein Ereignis, das zum Zeitpunkt des Erzählens noch in der Zukunft liegt, vorwegnehmend erzählt. Hierbei wird zwischen zukunftsungewissen und zukunftsgewissen Vorausdeutungen unterschieden. Unter zukunftsungewissen Vorausdeutungen werden alle Aussagen oder Empfindungen von Handlungsfiguren über ihre Zukunft, also Hoffnungen, Wünsche und Ängste, zusammengefasst. Sie entsprechen laut Vogt damit der „Lebenswirklichkeit“.[8] Die zukunftsgewissen Vorausdeutungen hingegen richten „die Aufmerksamkeit des Lesers direkt auf ein angekündigtes Ereignis, eine später in die Handlung tretende Person, den Ausgang einer Erzählphase oder der Erzählung selber.“[9] Sie erfordern dadurch einen auktorialen, einen „allwissenden“ Erzähler. Prolepsen sind in ihrer Funktion „dynamisch vorwärtsweisend“ und sollen meist die Spannung auf das Ende der Erzählung hin verstärken.[10]

Sowohl die Analepsen als auch die Prolepsen weisen zwei Merkmale auf, die eine Unterscheidung innerhalb ihrer Formen ermöglicht: einerseits die Reichweite, womit der zeitliche Abstand zwischen der Zeit, auf die sich der Einschub bezieht, und dem gegenwärtigen Augenblick der Geschichte gemeint ist. Andererseits der Umfang, das heißt die Dauer der im Einschub erfassten Geschichte. Je nachdem, ob der Einschub sich lückenlos bis an die gegenwärtig erzählte Geschichte heranführen lässt oder nicht, unterscheiden sich außerdem die komplette Ana- bzw. Prolepse (die diese lückenlose Einfügung vermag und bei der Reichweite und Umfang identisch sind) und die partielle Ana- bzw. Prolepse.[11]

Zur Funktion aller Ausprägungen von Anachronien lässt sich nach Vogt zusammenfassend feststellen, dass sie der „epischen Integration des Erzähltextes“ dienen und Korrespondenzen schaffen, indem sie zwischen unterschiedlich weit entfernten Stellen der Erzählfolge Vor- und Rückverweise liefern. Die „epische Prosakomposition“ wird, so nach einem Zitat von Thomas Mann, zu einem „geistigen Themengewebe“.[12]

[...]


[1] Martinez, Matias; Scheffel, Michael:Einführung in die Erzähltheorie. München 2007, S. 39.

[2] Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen 1990, S. 136.

[3] ebd.

[4] Martinez, Matias; Scheffel, Michael:Einführung in die Erzähltheorie. München 2007, S. 32.

[5] ebd., S. 36.

[6] Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen 1990, S. 119.

[7] URL: http://www.uni-duisburg-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/epik/rueckw.htm.

(Stand: 24.04.2009)

[8] Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen 1990, S. 123.

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] Martinez, Matias; Scheffel, Michael:Einführung in die Erzähltheorie. München 2007, S. 35.

[12] Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Opladen 1990, S. 125.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Funktion der Anachronien in Theodor Fontanes "Grete Minde"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Erzähltheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V205731
ISBN (eBook)
9783656323549
ISBN (Buch)
9783656325833
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Realismus, Novelle, Fontane, Erzähltechnik, Erzählanalyse
Arbeit zitieren
Wiebke Hugen (Autor), 2009, Die Funktion der Anachronien in Theodor Fontanes "Grete Minde", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/205731

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