Äquivalenzthese und Survival Lottery: “Sterbenlassen”, “Nicht retten können” und die normative Dimension der Ethik


Essay, 2012

6 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Universitat Regensburg Institut fur Philosophie Lehrstuhl fur Praktische Philosophie Essaykurs: Konsequentialismus

Essay: Aquivalenzthese und Survival Lottery: “Sterbenlassen”, “Nicht retten
konnen” und die normative Dimension der Ethik

Was ist Ethik? Folgt man Immanuel Kant, so lasst sie sich als diejenige philosophische Disziplin definieren, die sich mit der Beantwortung der Frage „Was soll ich tun?"[1] auseinandersetzt. Mit Hinblick darauf lieRe sie sich auch als „Reflexionstheorie der Moral"[2], also der gesellschaftlich geteilten Vorstellung von gutem Handeln, bezeichnen. Diese begriffliche Differenzierung von Ethik und Moral, so trivial sie im ersten Moment auch erscheinen mag, ist fur den nachfolgenden Gedankengang von groRer Bedeutung. Er behandelt ein auRerst sensibles Thema, das insbesondere im Bereich der angewandten Ethik immer wieder fur heftige Auseinandersetzungen sorgt, namlich die These der moralischen Aquivalenz von Toten und Sterbenlassen. Ausgehend von einer knappen Illustration der Konfliktlinie zwischen Fur- und Widersprechern dieser These soll anhand des - ebenfalls vielbeachteten - Gedankenexperimentes der ..Survival Lottery" deutlich gemacht werden, warum es fur die praktische Philosophie lohnenswert sein kann, den Unterschied zwischen oben genannten Begrifflichkeiten genau im Blickfeld zu behalten.

Die Diskussion um die moralische Relevanz der Unterscheidung zwischen Toten und Sterbenlassen wird vor allem zwischen Konsequentialisten und Non-Konsequentialisten beziehungsweise Deontologen gefuhrt. Exemplarisch fur letztere, also die Gegner der Aquivalenzthese, konnen etwa Richard Trammell oder Philippa Foot genannt werden. Sie streiten fur die verschiedenen intrinsisch moralischen Werte, welche „positiven" und „negativen Pflichten", unter welche Trammell etwa Handlungen wie jemanden nicht sterben zu lassen (positive P.) oder ihn nicht zu toten (negative P.) subsumiert, zugeschrieben werden. Dreierlei Argumente fuhrt er als Begrundung dieser Differenzierung in seinem Aufsatz .Saving Life And Taking Life" von 1975 an:

Erstens seien negative Pflichten vollstandig erfullbar, das heiRt, ein Leben kann (bis auf Ausnahmesituationen) ohne weiteres gefuhrt werden, ohne jemals einen Menschen zu toten. Fur positive Pflichten gelte dies nicht: So konne man niemals sicherstellen,
samtliche Menschen nicht sterben zu lassen.3 Zweitens ergibt sich hinsichtlich der verschiedenen Pflichten auch ein Unterschied in der Handlungsoptionalitat: „Failure to meet the duty of not killing cuts off any possibility of realizing the good connected with the life in question, whereas failure to safe leaves open the option for someone else to save."[3] [4] SchlieRlich sieht Trammell auch einen Unterschied in der Verantwortlichkeit des Handelnden; so sei ein Akteur sicherlich verantwortlich fur den Tod desjenigen, den er totet; das gelte nicht zwingend fur all diejenigen, bei denen es versaumt wird, sie nicht sterben zu lassen. [5]

Auch die Philosophin Judith Thomson hat zu dieser Debatte wichtige Beitrage geleistet und beschaftigt sich bis heute intensiv mit entsprechenden Anwendungs- und Beispielfallen, etwa dem von Philippa Foot erdachten sogenannten „Trolley-Problem" oder den stark auf die angewandte Ethik abzielenden ..Transplant Cases", in denen die Frage nach dem moralischen Unterschied zwischen Toten und Sterbenlassen sehr plakativ und teilweise auch mit konkretem Hinblick auf die Praxis (passive/aktive Euthanasie, Organtransplantationen, Abtreibung etc.) gestellt wird. Thomson bestreitet dabei nicht den Unterschied zwischen negativen und positiven Pflichten und raumt auch ein, dass es grundsatzlich eine starkere moralische Verpflichtung geben kann, den negativen nachzukommen, als den positiven.[6] Sie weist aber auch darauf hin, dass es ein pauschales Urteil hinsichtlich der (Nicht-)Aquivalenz von Toten und Sterbenlassen kaum geben kann[7]. Dies macht sie gerade in jungeren Arbeiten durch entsprechende Modifikationen der einschlagig bekannten Gedankenexperimente, die zum Teil zu einer vollig unterschiedlichen intuitiven Einschatzung der geschilderten Situationen fuhrt, deutlich.[8]

Einer der herausragenden Verteidiger der Aquivalenzthese, James Rachels, setzte sich in der Vergangenheit vor allem mit Trammells Kernargumenten auseinander, um zu beweisen, dass sie ohne weiteres widerlegbar sind und die Aquivalenzthese auch und insbesondere Geltung in der Ethik haben musse.[9]

Zunachst raumt er ein, dass die Unterscheidung positiver und negativer Pflichten hinsichtlich ihrer Erfullbarkeit durchaus korrekt sei.[10] Er insistiert aber darauf, dass dies nicht die Aquivalenzthese an sich widerlege, sondern lediglich den Kreis der Personen, die man nicht sterben lassen durfe, auf eine menschenmogliche Anzahl einschranke. AuRerdem stellt er fest, dass es unsinnig sei, vom sterben lassen von Personen zu sprechen, die nicht einmal potentiell zu retten waren.[11]

Bezuglich des Arguments der Verantwortlichkeit des Handelnden stellt Rachels fest, dass es ein Irrglaube ware, anzunehmen, im Falle des Sterbenlassens wurde der Akteur eine weniger aktive Position einnehmen als im Falle des Totens. So macht er deutlich, dass das Sterbenlassen vielleicht grundsatzlich durch einen hoheren Grad an Inaktivitat gekennzeichnet sei, es aber doch Dinge gabe, die getan werden wurden, und dazu gehore definitiv, dass man jemanden sterben lasse. Ferner wirft er die Frage auf, wieso aus einem Unterschied hinsichtlich der Handlungsaktivitat und damit der kausalen Verantwortung uberhaupt eine moralische Differenz erfolgen solle.[12]

Bezuglich des Einwandes der Handlungsoptionalitat schlieRlich bestreitet Rachels, dass dieser uberhaupt einen Unterschied zwischen toten und sterben lassen aufzeige, sondern hochstens zwischen toten und nicht retten konnen: „If X fails to save Y, it does not follow that Y dies [...]. But if X lets Y die, [...] Y is dead and that is that.”[13]

Dieser letzte Punkt deutet auf einen interessanten Aspekt hin, der meines Erachtens besondere Aufmerksamkeit verdient. Rachels streitet fur die moralische Aquivalenz von Toten und Sterbenlassen, er differenziert zu diesem Zweck aber zwischen Sterbenlassen und nicht retten konnen.[14] Ware es nicht tatsachlich moglich, dass diese Differenz mehr markiert als nur eine Verschiedenheit von Formulierungen, die Begrifflichkeiten also tatsachlich nicht synonym sind und damit auch zwei intrinsisch moralisch unterschiedlich zu bewertende Handlungen bezeichnen? Vereinfacht formuliert: 1st es zwar nicht „schlimmer“, jemanden zu toten, als ihn sterben zu lassen, wohl aber, als ihn nicht retten zu konnen?

Um der Antwort auf diese Frage naher zu kommen, hilft vielleicht die Beschaftigung mit einem der illustrativsten und am meisten polarisierenden Gedankenexperimente der Toten/Sterbenlassen- Unterscheidung uberhaupt. Die Rede ist von John Harris1 „Survival Lottery: Angenommen, Organtransplantationen seien medizinisch so perfektioniert, dass sie zu 100% erfolgreich verlaufen. Zwischen den Handlungen, jemanden zu toten und ihn sterben zu lassen, besteht moralisch kein Unterschied - im Ergebnis ist die entsprechende Person in beiden Fallen tot. Ware es dann nicht moralisch einwandfrei und nutzlich fur eine Gesellschaft, wenn sie ein Lotteriesystem entwickelte, mit dessen Hilfe bei Bedarf zufallig ein Mensch (A) ausgewahlt, getotet und mit dessen Organen zwei oder mehreren kranken Patienten (Y und Z) das Leben gerettet wird?[15]

Dieses Gedankenexperiment bildet ein klassisch utilitaristisches Ethikideal ab - die Richtigkeit einer Handlung wird einzig und allein anhand ihres zu erwartenden Ergebnisses bewertet (A ist tot, Y und Z uberleben), und dasjenige Ergebnis, das insgesamt den meisten Nutzen („Utility“) beinhaltet, ist vorzuziehen. Rein intuitiv erscheint die „Survival Lottery11 keineswegs wunschenswert und in ihrem Kern moralisch falsch; Kritiker haben dies immer wieder darauf zuruckgefuhrt (auch unter Zuhilfenahme von Trammells Argumenten), dass die Aquivalenzthese nicht wahr sei und gerade das von Harris geschilderte Modell als hervorragendes Anwendungsbeispiel dafur angesehen werden kann. Aus meiner Sicht konnen daran jedoch erhebliche Zweifel bestehen.

James Rachels spricht in „Killing and Starving to Death“ im Zusammenhang mit einem beinahe parallel strukturierten Beispiel von Daniel Dinello davon, dass die Wahl eines Arztes, entweder einen Menschen zu toten und mit seinem Herz einen Todkranken zu retten oder den Todkranken seinem Schicksal zu uberlassen, keineswegs die zwischen toten und sterbenlassen sei, sondern eben vielmehr zwischen toten und nicht retten konnen.15 Er zitiert dazu die Definition des Sterbenlassens, wie sie Dinello selbst liefert: „X must be ,in a position[16] to save Y, but not do so.“[17] Laut Rachels sei ein Arzt in der beschriebenen Situation aber keineswegs in der Position, den Todkranken zu retten. Dies sei er nur dann, wenn ein entsprechendes Spenderorgan (in diesem Fall ein Herz) auch zu seiner Verfugung stehen wurde, was eben nicht der Fall ist, solange es von einem anderen „benutzt“ wird, das heiRt im Falle des Herzens, solange dieser Andere lebt.[18] Folglich kann das Toten hier durchaus einen schlechteren moralischen Wert innehaben als das bloRe nicht retten konnen des Todkranken.

Auch im Fall der „Survival Lottery11 scheint es besser zu passen, vom nicht retten konnen von Y und Z zu sprechen, wohingegen A fur die Rettung der beiden getotet werden musste. Letzteres kann hierbei auch aus utilitaristischer Sicht als moralisch ungerechtfertigt zuruckgewiesen werden. Solange A seine Organe verwendet und mit ihnen einen Nutzen generiert, kann man nicht davon sprechen, dass seine Organe zur Verfugung stehen.

[...]


[1] Kant, Immanuel, Logik (Log), AA09: 25.04.

[2] Vgl. etwa Luhmann, Niklas: Ethik als Reflexionstheorie der Moral. S. 358-448 in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 3., Frankfurt a.M 1989.

[3] Vgl. Trammell, Richard L., Saving Life and Taking Life, in: The Journal ofPhilosophy 72 (1975), S. 133.

[4] Ebenda, S. 136.

[5] Vgl. Ebenda.

[6] Vgl. Thomson, Judith J., Killing, Letting die and the Trolley Problem, in: The Monist 59, 1976, S. 217.

[7] Vgl. Ebenda.

[8] Vgl. etwa Thomson, Judith J., Turning the Trolley, in: Philosophy & Public Affairs, Vol. 36 No. 4, 2008, S. 361.

[9] Vgl. Rachels, James, Killing and Starving to Death, in: Philosophy 54, 1979, S. 159.

[10] Vgl. Ebenda, S. 166.

[11] Vgl. Ebenda.

[12] Vgl. Ebenda.

[13] Ebenda, S. 167.

[14] Rachels weist in diesem Zusammenhang auf den Vortrag ,,On Killing and Letting Die“ von David Sanford am 30.04.1976 hin, in dem diese Unterscheidung herausgearbeitet worden ist.

[15] Vgl. zur “Survival Lottery” Harris, John, The Survival Lottery, in: Philosophy 50, 1975, S. 81-87.

[16] Vgl. Rachels, James, Killing and Starving to Death, a. a. O., S. 170.

[17] Ebenda, nach Dinello, Daniel, On Killing and Letting Die, Analysis 31 No. 3, 1971, S. 85.

[18] Vgl. Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Äquivalenzthese und Survival Lottery: “Sterbenlassen”, “Nicht retten können” und die normative Dimension der Ethik
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
6
Katalognummer
V206181
ISBN (eBook)
9783656332848
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
äquivalenzthese, survival, lottery, sterbenlassen”, nicht, dimension, ethik
Arbeit zitieren
B.A. David Liese (Autor), 2012, Äquivalenzthese und Survival Lottery: “Sterbenlassen”, “Nicht retten können” und die normative Dimension der Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206181

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