Handlungsempfehlungen an die kommunale Verwaltungsebene zur Bewältigung demografischer Herausforderungen

Am Beispiel der Stadt Oberhausen


Studienarbeit, 2012

56 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der demografische Wandel in der BRD
2.1. Die Bevölkerung wird weniger
2.2. Die Bevölkerung wird bunter
2.3. Die Bevölkerung wird älter
2.3.1. Die verschiedenen Alterungsprozesse
2.3.2. Ageism, Disengagement und Devianzen

3. Rahmenbedingungen in Oberhausen
3.1. Demografische Rahmenbedingungen
3.2. Finanzwirtschaftliche Rahmenbedingungen

4. Lösungsansätze zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen am Beispiel der Stadt Oberhausen
4.1. Das aktive PAS
4.1.1. Allgemeines
4.1.2. Herausforderungen und Lösungsansätze aufgeteilt nach Produktbereichen
4.2. Das reaktive PAS

5. Ausblick

I. Abkürzungsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

III. Literaturverzeichnis

IV. Quellenverzeichnis

V. Gesetzesverzeichnis

VI. Anhang

VII. Erklärung und Wortstatistik

1. Einleitung

Bereits im Jahr 1965 merkte Alexander Mitscherlich in seinem Pamphlet „Die Unwirtlichkeit unserer Städte – Anstiftung zum Unfrieden“ an, dass die Lebenserwartung samt des Anteils der Personen im Seniorenalter steigen werde, es jedoch „keine humane Stadtplanung gebe, die in entsprechender Zahl bequeme Wohngelegenheiten für alte Menschen mitten unter den Berufstätigen schafft“[1]. Dies setze der Solidarität zu.[2] Dieser Standpunkt lässt schon eine damalige unzureichende Devianz- bzw. Seniorenpolitik erkennbar werden.

Im Jahr 2012 stellt der demografische Wandel[3] den „Megatrend“ unserer Zeit dar und wird sich durch verschiedene gesellschaftliche Veränderungen bemerkbar machen.[4] Offizielle Prognosen sowie Bevölkerungsentwicklungsstudien[5] besagen, dass die Bevölkerung abnehmen, der Anteil an Einwohnerinnen und Einwohnern[6] mit Migrationshintergrund steigen und die Gesamtbevölkerung sinken wird.[7] Besonders stark bemerkbar wird sich die weltweite Bevölkerungsalterung machen. Für das Jahr 2050 wird ein Medianalter[8] der Weltbevölkerung von 38 Jahren prognostiziert, ca. 10 Jahre höher als im Jahr 2005.[9] Dieser Prozess wird sich besonders stark in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ausprägen. Das Alter der Bevölkerung der BRD wird sich schneller als in vielen anderen entwickelten Volkswirtschaften erhöhen. Die daraus resultierenden Entwicklungen werden bereits ab dem Jahr 2015 deutlich erkennbar.[10]

In der neueren Vergangenheit standen die Wirkungen des Wandels und deren Prävention bzw. Milderung häufig im politischen Fokus. Wie wird dadurch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands beeinflusst? Wie sehen die sozialen Sicherungssysteme der Zukunft aus, wenn 100 Personen im Erwerbsalter statt 25 Personen im Rentenalter (Stand: 1970) oder 34 (Stand: 2009) plötzlich mehr als 50 (Prognose: 2030) „finanzieren“ müssen?[11] Dahingegen würde eine kommunale Betrachtungsweise solche Faktoren in geringerem Umfang berücksichtigen. Wichtig wäre dort die Assoziation der demografischen Herausforderungen mit der Erfüllung der kommunalen Pflichtaufgaben. Es wird zu klären sein, welche freiwilligen Ausgaben[12] künftig noch finanziert werden können, um die Standortattraktivität einer Kommune aufrechtzuerhalten.

Im Rahmen dieser Ausführungen erfolgt eine Darstellung der Ausprägung der demografischen Entwicklung in der BRD unter besonderer Berücksichtigung der Bevölkerungsalterung. Es findet eine Analyse des Wandels in Oberhausen für den Zeitraum 2003 bis 2030 auf Grundlage der bisherigen realen sowie der künftig prognostizierten Bevölkerungsentwicklungen statt. Im Anschluss daran werden die Konsequenzen für die kommunale Verwaltungstätigkeit dargelegt und Lösungsansätze sowie Vorschläge zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen im Hinblick auf die individuellen Demografiestrukturen der Stadt entwickelt. Dabei erfolgt stets eine Berücksichtigung der kommunalen Finanzwirtschaft.

2. Der demografische Wandel in der BRD

Kurz und prägnant zum Ausdruck gebracht wird die deutsche Bevölkerung im Wege der demografischen Entwicklungen weniger, bunter und älter. [13] Diese Entwicklungen sind nicht direkt zu beeinflussen. Sie bilden das wichtigste Untersuchungsfeld der Bevölkerungswissenschaften.[14]

Über viele Jahre wurde in der BRD das Thema des demografischen Wandels ignoriert oder allenfalls am Rande erwähnt. Die politische Fokussierung lag auf „wichtigeren“ Themen wie Wirtschaft, Verteidigung oder Arbeit. In der jüngeren Vergangenheit wurde das Thema Demografie als tragende Säule der gesellschaftlichen Entwicklung anerkannt. Durch die jahrzehntelange Vernachlässigung zeichnet sich nun ein großer Nachholbedarf ab.[15] Der demografische Wandel wird sich in drei Dimensionen vollziehen.

2.1. Die Bevölkerung wird weniger

Der demografische Wandel im Hinblick auf die Bevölkerungsanzahl bezeichnet sinkende Geburtenraten in Kombination mit einer steigenden Lebenserwartung. Die deutsche Bevölkerung schrumpfte im Jahr 2007 schneller als in jedem anderen OECD-Land[16]. Bislang konnte durch Zuwanderungen jedoch ein gewisses Bevölkerungswachstum gehalten werden. Bis zum Jahr 2030 zeichnet sich eine weitere Verringerung von ca. 5 Millionen Einwohnern ab.[17] Verantwortlich hierfür ist die prognostizierte Erhöhung des Geburtendefizits[18].[19]

2.2. Die Bevölkerung wird bunter

Derzeit liegt der Ausländeranteil in der BRD bei 8,8 %. Dies ist im Verhältnis zu anderen EU-Mitgliedstaaten bereits jetzt überdurchschnittlich viel.[20] Bis zum Jahr 2014 wird eine sukzessive jährliche Erhöhung des Zuwanderungssaldos auf 100.000 Menschen im Jahr prognostiziert. Diese Zuwanderungszahl soll sich ab 2014 konstant halten.[21] In Verbindung mit der sinkenden Bevölkerungszahl wird dies zu einer weiteren Erhöhung des Migrantenanteils in der BRD führen.

2.3. Die Bevölkerung wird älter

Jeder dritte Mensch der BRD befindet sich bis zum Jahr 2030 im Seniorenalter[22], wohingegen die Anzahl der Kinder und Jugendlichen um 17 % sinken wird. Die Lebenserwartung steigt dabei zunehmend.[23] So betrug die fernere Lebenserwartung[24] der Bevölkerung Deutschlands für 60-jährige im Jahr 2000 19,2 / 23,5 Jahre (Männer / Frauen), für das Jahr 2050 wird eine fernere Lebenserwartung von 23,7 / 28,2 Jahren prognostiziert.[25] In dieser Hinsicht ist die demografische Entwicklung nicht als erdrückendes Problem wahrzunehmen, sondern vielmehr als „eine der größten Errungenschaften der modernen Zivilisation.“[26] Alterungsprozesse der Einwohner vollziehen sich in mehreren Dimensionen und können auch zu sozialen Problemstellungen führen.

2.3.1. Die verschiedenen Alterungsprozesse

Altern bezeichnet nicht nur das lineare Ansteigen einer Zahl oder eine immer weitere zeitliche Distanzierung eines Menschen von seiner Geburt. Es handelt sich um einen weitaus komplexeren Vorgang. Der Alterungsprozess vollzieht sich in verschiedenen Dimensionen. Ein Mensch altert biologisch, psychisch sowie sozial.[27]

Unter biologischer Alterung werden die Alterung des Körpers und die damit einhergehende Gebrechlichkeit verstanden.[28] Typische Anzeichen hierfür können eine abnehmende Sehkraft, Einschränkungen im Gehörsinn, Falten, Abnahme an Muskelmasse, Zunahme an Fetteinlagerungen sowie konditionelle Schwächen sein. Dieser Alterungsprozess kann nicht verhindert werden, lässt sich aber durch einen gesunden Lebenswandel in Bezug auf körperliche Betätigung sowie Ernährung verlangsamen.[29]

Psychische Alterungsprozesse sind nicht in dem Umfang dokumentiert, wie es bei der biologischen Alterung der Fall ist. Es wird angenommen, dass geistige Fähigkeiten, wie bspw. die Lernfähigkeit, Lernmotivation, die Gedankenschärfe oder auch das Gedächtnis, mit steigendem Alter abnehmen. Dieser Vorgang gestalte sich laut alterspsychologischer Forschung wesentlich komplexer. Grundsätzlich nehmen das Gedächtnis sowie die Lernfähigkeit erst in hohem Alter deutlich ab. Dies sei jedoch von Person zu Person unterschiedlich. Inwiefern und in welchem Umfang diese Fähigkeiten im Alter abnehmen, hänge im Wesentlichen mit der Reichhaltigkeit des Lebens der betreffenden Person ab.[30]

Der soziale Alterungsprozess weist den Älteren Rollen sowie Werte und Normen zu. Dieser Prozess bezieht sich folglich auf die Wahrnehmung der Menschen im „Dritten Alter“[31] durch die Gesellschaft. So wird diese Bevölkerungsgruppe in europäischen Gesellschaften als unproduktiv verunglimpft, wohingegen sie in asiatischen Ländern (z.B. China oder Japan) wegen ihrer großen Lebenserfahrung verehrt werden.[32]

2.3.2. Ageism, Devianzen sowie Theorien der Veränderung sozialer Beziehungen

Ageism und Devianzen

Durch die drei Alterungsprozesse können Nonkonformitäten zur Gesellschaft entstehen. So könnte bspw. mit steigendem Alter das Interesse für technische Innovationen sinken oder aber das Verständnis für deren Nutzung. Es könnte auch aufgrund eines hohen biologischen Alters die Notwendigkeit zur Nutzung einer Gehhilfe bestehen. Solche Nonkonformitäten werden als Devianzen bezeichnet. Wo genau eine solche beginnt, bestimmt sich durch die Gesellschaft.[33] Es gibt verschiedene Wege mit devianten Menschen umzugehen. Häufig können Devianzen zu Diskriminierungen des Alters, also Ageism, führen. Ageism bezeichnet Diskriminierungen oder Vorurteile „gegen eine Person aufgrund ihres Alters“.[34]

Theorien der Veränderung sozialer Beziehungen

Es gibt verschiedene Theorien über die Veränderungen sozialer Beziehungen bei zunehmendem Alter. Drei dieser Theorien sind - die Disengagement-Theorie,

- die Aktivitäts-Theorie sowie
- die emotionale Selektionstheorie.

Die Disengagement-Theorie

Die Disengagement-Theorie ist eine funktionalistische Theorie. Danach wird es als funktional angesehen, wenn ältere Menschen ihre vorigen Rollen in der Gesellschaft verlassen, um somit Platz für nachrückende Generationen zu schaffen.[35] Es gehöre ein Disengagement zum natürlichen Alterungsprozess jedes Menschen. „Wenngleich eine gewisse Wahrheit in der Disengagement-Theorie liegt, übernimmt der Gedanke, dass sich Ältere vollständig aus der Gesellschaft zurückziehen sollen, doch das vorherrschende Stereotyp, dass Alter notwendigerweise gleichbedeutend mit Gebrechlichkeit und Abhängigkeit ist.“[36] Dies ist allerdings bei vielen Älteren nicht der Fall. Deswegen ist diese Theorie heutzutage von geringer Aktualität.[37]

Dis Aktivitäts-Theorie

Die Aktivitäts-Theorie unterstellt, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit im hohen Alter sowie der aktiven Betätigung besteht. Durch Aktivität könne die soziale Funktionalität aufrechterhalten und die soziale Teilhabe bis ins hohe Alter ermöglicht werden. Kritikpunkt an dieser Theorie liegt in der (scheinbar) eindimensionalen Kausalität zwischen Aktivität und Zufriedenheit im Alter. Demnach wäre jeder alte Mensch, der aktiv ist, auch glücklich. Dieser allgemeine Gültigkeitsanspruch kann nicht flächendeckend zutreffend sein.[38]

Die emotionale Selektionstheorie

Nach der emotionalen Selektionstheorie verringert sich mit steigendem Alter die Anzahl an sozialen Beziehungen. Ältere Menschen geben demnach emotionalen Beziehungen Vorrang, sodass sie mehr Zeit mit der Familie, dem Partner und anderen engen Bekannten verbringen. Der Fokus liegt auf der Qualität der Emotionen einer Beziehung. Durch die Unterhaltung dieser engen Beziehungen werde das Risiko für Depressionen im Alter sowie der sozialen Isolation verringert.[39]

Zusammenfassung

Der Anteil an Menschen im „Dritten Alter“ steigt stetig an, sodass dieser Bevölkerungsgruppe eine immer größere Bedeutung in unserer Gesellschaft zukommen sollte. Deren individuelle Bedürfnisse sollten künftig durch die öffentliche Hand (sei es die Kommune vor Ort, der Bund umfassend oder ein anderer Träger) ermittelt werden. Obgleich verschiedene theoretische Ansätze über die Veränderung sozialer Beziehungen mit ansteigendem Alter bestehen, deren Annahme teilweise gegenläufig zueinander sind (s.o.), sollte den Älteren die soziale Teilhabe durch entsprechende Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Schaffung von Barrierefreiheit) ermöglicht werden. Da keine der o.g. Theorien allein und für sich abschließend die Zufriedenheit im Alter bei allen Älteren sicherstellen dürfte, scheint eine Kombination dieser Theorien sinnvoll. Es wird Ältere geben, die sich ein Disengagement wünschen, andere wiederum können ihre Zufriedenheit über Aktivität oder über enge emotionale Sozialkontakte sicherstellen. Auch könnten enge emotionale Kontakte in Verbindung mit dem weitestgehenden Rückzug aus der Gesellschaft oder auch der Aktivität zur Zufriedenheit beitragen. Es sollte von der Kommune sichergestellt werden, dass die Veränderung sozialer Beziehungen Älterer in jede Richtung ermöglicht werden kann.

In den folgenden Betrachtungen wird mehrfach Bezug auf die drei Dimensionen des demografischen Wandels genommen. Dies wird durch entsprechende Anmerkungen (weniger, älter, bunter) verdeutlicht.

3. Rahmenbedingungen in Oberhausen

3.1. Demografische Rahmenbedingungen

Die demografischen Rahmenbedingungen für die Stadt Oberhausen können nicht von einer groben Mittelwertbetrachtung des gesamten Bundesgebietes abgeleitet werden. Je nach Region kann die demografische Entwicklung sehr unterschiedlich ausfallen, sodass eine Einzelfallbetrachtung notwendig ist.[40]

Demografietypisierung

Im Rahmen der Untersuchung demografischer Entwicklungen wurden Kommunen von der Bertelsmann Stiftung demografietypisiert. Oberhausen wurde als „Demografietyp G2“ eingestuft. Dieser beschreibt schrumpfende Großstädte im postindustriellen Strukturwandel. Insgesamt werden bundesweit 19 Städte (vorwiegend im Ruhrgebiet – z.B. Dortmund und Essen) zu diesem Demografietypen gezählt.[41] Die Schrumpfung der Bevölkerung durch ein Geburtendefizit als auch durch Binnen(ab)wanderungen ist charakteristisch für G2-Kommunen. Es herrscht zumeist ein durchschnittliches Arbeitsplatzangebot. Aus diesem Grund entscheiden sich nicht nur Familien, sondern auch zunehmend junge Berufseinsteiger und Fachkräfte dazu, aufgrund mangelnder beruflicher Perspektive, ihren Wohnort zu wechseln. Durch die Abwanderung dieser jungen Einwohner altert wiederum die Bevölkerung. Daraus „resultiert eine Altersstruktur, die für Großstädte absolut untypisch ist.“[42]

Individuelle Betrachtung der „G2“-Kommune Oberhausen

Für die Stadt Oberhausen wird eine beinahe linear abnehmende Einwohnerzahl prognostiziert. Wurden im Jahr 2009 ca. 214.000 Einwohner gezählt, so wird zum Jahr 2030 noch mit einer Gesamteinwohnerzahl von ca. 201.500 gerechnet.[43] (weniger) Darüber hinaus wird eine Steigerung des Ausländeranteils vorausgesagt (bunter) sowie eine Erhöhung des Durchschnittsalters von 43,9 (2009) auf 47,3 (2030). Im Jahr 2009 lag der Altenquotient[44] bei 34,8 Personen im Rentenalter pro 100 Erwerbstätige. Dieser Wert soll bis zum Jahr 2030 auf 51,2 steigen. Der entsprechende Jugendquotient sinkt von 31,3 (2009) auf ca. 30,7 (2030) und bleibt damit, relativ zur Oberhausener Bevölkerung, annähernd konstant.[45] (älter)

Der folgenden Abbildung kann ein direkter Vergleich der Oberhausener Bevölkerung des Jahres 2009 (Umrandung ohne Füllfarben) sowie des Jahres 2030 (Bevölkerungspyramide mit den Füllfarben Gelb und Lila) entnommen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 – Bevölkerungspyramide für Oberhausen 2030[46]

Zwischenfazit

Die demografische Entwicklung der Einwohner Oberhausens stimmt in vielen Punkten mit der der BRD überein. Auch in Oberhausen wird die Bevölkerung weniger, älter und bunter. Aus diesem Grund sollte das Angebot an kommunalen Leistungen künftig immer weiter an die ältere sowie buntere Bevölkerung angepasst werden. Darüber hinaus sind Leistungskürzungen in Betracht zu ziehen. (weniger)

3.2. Finanzwirtschaftliche Rahmenbedingungen

Die Stadtverwaltung Oberhausen befindet sich derzeit im sog. Nothaushaltsrecht. Sie darf also aufgrund der strukturellen hohen jährlichen Fehlbeträge nur rechtlichen Verpflichtungen nachkommen oder notwendige Aufgaben weiterführen.[47] Der Grund für diese Verschuldungssituation liegt in der Schließung vieler Kohlezechen, Hochöfen und Stahlwerke in den 1980er Jahren bis in die 1990er Jahre. Dadurch entfielen zehntausende Arbeitsplätze und somit auch Einnahmequellen. Es folgte ein drastischer Anstieg der Sozialausgaben für die nun arbeitslos gewordenen Einwohner. Obwohl Oberhausen Anziehungspunkte wie das Einkaufszentrum „CentrO“, das Sealife-Center oder die Ausstellungsfläche des Gasometers besitzt, vermögen die dadurch generierten Einnahmen nicht das o.g. Defizit zu kompensieren.[48] Die jährliche Neuverschuldung liegt ca. zwischen 145 und 175 Millionen Euro. Die Gesamtverschuldung wird zum Jahr 2012 zwei Milliarden Euro überschreiten. Dies klingt in Anbetracht der Schuldenlage anderer Städte nicht eklatant hoch (Köln: ca. 5,8 Milliarden; Essen: ca. 4,1 Milliarden; Dortmund: ca. 3,8 Milliarden; Duisburg: ca. 3,4 Milliarden; Oberhausen: ca. 1,8 Milliarden Euro), jedoch muss berücksichtigt werden, dass Oberhausen derzeit „nur“ ca. 214.000 Einwohner hat. Die Möglichkeit Einnahmen zu erzielen (z.B. über Abgaben[49] ) ist somit viel geringer und die pro Kopf-Verschuldung liegt deutlich über den zuvor genannten Vergleichsstädten (Oberhausen: ca. 8.429 Euro, Essen: ca. 7.049 Euro, Duisburg: ca. 6.977 Euro, Dortmund: ca. 6.567 Euro, Köln: ca. 5.899 Euro).[50]

Längst schon stehen der Verschuldung Oberhausens keine entsprechenden Vermögenswerte gegenüber. Das bedeutet, dass der Wert des Vermögens der Stadt Oberhausen (Rathäuser, Straßen, kulturelle Einrichtungen, Büroausstattung etc.) nicht die Höhe der Verschuldung erreicht. In Oberhausen überstieg im Jahr 2009 die Verschuldung das Vermögen um ca. 490 Millionen Euro – die Stadt ist also überschuldet. Bei einem jährlichen Fehlbetrag von ca. 156 Millionen Euro (Jahresergebnis 2010) sowie 162 Millionen Euro (Planung 2011) ist zudem davon auszugehen, dass sich dieser Betrag mehr als geringfügig erhöht hat und weiterhin erhöhen wird.[51]

[...]


[1] Mitscherlich, Alexander, Die Unwirtlichkeit unserer Städte – Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main, 1965, S.70

[2] Vgl. Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte – Anstiftung zum Unfrieden, S.70

[3] Im Folgenden wird synonym auch der Begriff der demografischen Entwicklung verwendet.

[4] Vgl. Piepenbrink, Johannes, Editorial, in: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (Hrsg.), Demografischer Wandel, Bonn, 2011, S.2

[5] Im Folgenden bezeichnet „Bevölkerung“ die Summe der Einwohnerinnen und Einwohner. Auf kommunaler Ebene ist Einwohner, wer in der Gemeinde wohnt (§ 21 Absatz 1 Gemeindeordnung für das Land Nordrhein-Westfalen (GO NRW) in der Fassung der Bekanntmachung vom 14. Juli 1994 zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 25. Oktober 2011 (GV. NRW. S.539), in Kraft getreten am 22. November 2011). Die Betrachtung des Bürgers (entscheidendes Merkmal: Wahlberechtigung - § 21 Absatz 2 GO NRW) scheint weniger zielführend für die folgenden Ausführungen, da für einen gewissen Ausländeranteil kein Wahlrecht besteht (Deutsche oder EU-Bürger sind wahlberechtigt – §§ 7, 8, 9 Gesetz über die Kommunalwahlen im Lande Nordrhein-Westfalen (Kommunalwahlgesetz NRW) in der Fassung der Bekanntmachung vom 30. Juni 1998, zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 11. Mai 2011 zur Wiedereinführung der Stichwahl vom 3. Mai 2011 (GV. NRW. S.238)) und somit nur ein eingeschränkter Anteil der in der BRD lebenden Menschen betrachtet werden würde.

[6] Zur besseren Lesbarkeit werden im Folgenden bezogen auf das Geschlecht keine differenzierenden Bezeichnungen mehr verwendet. Unter Hinweis auf Gender Mainstreaming ist damit sowohl die männliche als auch die weibliche Form gemeint.

[7] Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Aspekte der Bevölkerungsentwicklung in den Kommunen, Gütersloh, 2008, http://www.wegweiser-kommune.de/global/service/pressebereich/pdf/1-1_Demographischer_Wandel_in_Kommunen.pdf [24.02.2012]

[8] „Das Medianalter teilt die Bevölkerung nach dem Alter in zwei gleichgroße Gruppen:
50 % sind jünger und 50 % sind älter als das Medianalter.“ (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Medianalter, Wiesbaden, 2011, http://www.bib-demografie.de/nn_1645598/SharedDocs/Glossareintraege/DE/M/medianalter.html [24.02.2012])

[9] Vgl. Kraemer, Moritz, Global Gaving: Aging Societies And Sovereign Ratings, in: Chopra, Ajai; Meier, Johannes; Sinn, Hans-Werner, Sustainable Public Finance in Aging Societies, Gütersloh, 2007, S.152

[10] Vgl. Werding, Martin, Langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Deutschland (2006): Aktuelle Projektionen des ifo-Institutes, in: Chopra, Ajai; Meier, Johannes; Sinn, Hans-Werner, Sustainable Public Finance in Aging Societies, Gütersloh, 2007, S.13

[11] Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder (Hrsg.), Demografischer Wandel in Deutschland (Heft 1: Bevölkerungs- und Haushaltsentwicklung im Bund und in den Ländern), Wiesbaden, 2011, S.3

[12] In Nordrhein-Westfalen ist seit der Einführung des Neuen Kommunalen Finanzmanagements nicht mehr die Betrachtung der Ausgaben / Einnahmen relevant. Vielmehr rückten seither die Aufwendungen / Erträge (Ergebnisrechnung) sowie die Auszahlungen / Einzahlungen (Finanzrechnung) in den Fokus. Da diese trennscharfe Differenzierung für die folgenden Betrachtungen nicht notwendig ist, wird vereinfachend auf die Begriffe Ausgaben / Einnahmen zurückgegriffen. Folgend soll unter Ausgaben der Abfluss liquider Mittel (Bargeld oder frei verfügbares Geld auf einem Konto) und unter Einnahme der Zufluss liquider Mittel verstanden werden. Es handelt sich dabei bewusst um von der Kommunalen Finanzwissenschaft abweichende Definitionen, die jedoch für die Betrachtungen im Rahmen dieser Arbeit ausreichend sind.

[13] Vgl. Bertelsmann Stiftung, Aspekte der Bevölkerungsentwicklung in den Kommunen

[14] Vgl. Mayer, Tilman, Demografie – gestalten oder verwalten?, in: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (Hrsg.), Demografischer Wandel, Bonn, 2011, S.12

[15] So beschloss die Bundesregierung im November 2009 eine Demografiestrategie. Dies verdeutlicht, dass demografische Prozesse nicht mehr aus der politischen Diskussion ferngehalten werden, sondern nunmehr Berücksichtigung finden. (Vgl. Mayer, Demografie – gestalten oder verwalten?, S.11)

[16] OECD: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; den OECD-Ländern gehören insgesamt 34 Staaten an. Es handelt sich um Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien, Schweiz, Türkei, die USA, Großbritannien, Japan, Finnland, Australien, Neuseeland, Mexiko, Tschechien, Südkorea, Ungarn, Polen, Slowakei, Chile, Slowenien, Israel und Estland. (Vgl. Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) (Hrsg.), Die OECD: Mitglieder und Partner, Berlin, 2011, http://www.oecd.org/document/39/0,3746,de_34968570_35009030_ 39992423_1_1_1_1,00.html [24.02.2012])

[17] Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, S.8

[18] Für die folgenden Ausführungen bezeichnet das Geburtendefizit die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen.

[19] Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, S.8

[20] Vgl. WeltOnline (Hrsg.), Kein EU-Land hat mehr Ausländer als Deutschland, Berlin, 2010, http://www.welt.de/politik/deutschland/article9475620/Kein-EU-Land-hat-mehr-Auslaender-als-Deutschland.html [24.02.2012]

[21] Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, S.9

[22] Unter Menschen im Seniorenalter sind für die folgenden Ausführungen alle Menschen zu verstehen, die 65 Jahre oder älter sind.

[23] Vgl. Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Demografischer Wandel in Deutschland, S.8

[24] Weitere Lebenserwartung ab einem bestimmten Alter. Hat eine 60-jährige Person eine fernere Lebenserwartung von 20 Jahren, so hat sie eine Lebenserwartung von 80 Jahren.

[25] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (Hrsg.), Entwicklung der Lebenserwartung, Bonn, 2008, http://www.bpb.de/wissen/YDGMRC [24.02.2012]

[26] Schwentker, Björn; Vaupel, James W., Eine neue Kultur des Wandels, in: Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (Hrsg.), Demografischer Wandel, Bonn, 2011, S.3

[27] Vgl. Giddens, Anthony; Fleck, Christian; Egger de Campo, Marianne, Soziologie, 5.Auflage, Graz und Wien, 2009, S.165 – 166 sowie Kastenbaum, Robert, Theories of Aging, in: Palmore, Erdman Ballagh; Branch, Laurence; Harris, Diana (Hrsg.), Encyclopedia of Ageism, New York, 2005, S. 318-327

[28] Vgl. Kastenbaum, Theories of Aging, Encyclopedia of Ageism, S. 319-321

[29] Vgl. Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.165

[30] Vgl. Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.166

[31] Dabei handelt es sich um eine Bezeichnung des britischen Sozialhistorikers Peter Laslett (1915 – 2001). Gemeint ist damit ein hohes Alter.

[32] Vgl. Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.167 sowie Kastenbaum, Theories of Aging, S. 321-326

[33] Vgl. Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.183

[34] Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.183

[35] Vgl. Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.183

[36] Giddens; Fleck; Egger de Campo, Soziologie, S.168

[37] Vgl. Becker, Stefanie, Stabilität und Veränderung psychologischer Aspekte im höheren Erwachsenenalter, Heidelberg, 2007, S.29

[38] Vgl. Lemon, Bruce; Bengtson, Vern; Petterson, James, An exploration of the activity theory of aging: activity types and life satisfaction among inmovers to a retirement community, Oxford, 1972, S. 511 – 523 sowie Becker, Stabilität und Veränderung psychologischer Aspekte im höheren Erwachsenenalter, S.30

[39] Vgl. Isaacowitz Derek; Smith, Timothy; Carstensen, Laura, Socioemotional Selectivity and mental health among trauma survivors in old age, Stanford, 2008, S.7 sowie Becker, Stabilität und Veränderung psychologischer Aspekte im höheren Erwachsenenalter, S.31-32

[40] Vgl. Meier, Johannes, Der demographische Wandel: Strategische Handlungsnotwendigkeit für die Kommunen, in: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Demographie konkret: Handlungsansätze für die kommunale Praxis, Gütersloh, 2005, S.7

[41] Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Demografietyp G2, Gütersloh, 2005, http://www.wegweiser-kommune.de/datenprognosen/demographietypen/download/pdf/Cl-G2_lfd2.pdf [24.02.2012]

[42] Bertelsmann Stiftung, Demografietyp G2, S.4

[43] Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Wegweiser Kommune: Absolute Bevölkerungsentwicklung 2009-2030 (Oberhausen), Gütersloh, 2011, www.wegweiser-kommune.de [24.02.2012]

[44] Altenquotient: Anzahl der Personen im Rentenalter, die auf 100 Erwerbstätige entfallen

[45] Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Demographiebericht – Ein Baustein des Wegweisers Kommune, Gütersloh, 2011, www.wegweiser-kommune.de [24.02.2012]

[46] Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Bevölkerungspyramide für Oberhausen, Gütersloh, 2011, www.wegweiser-kommune.de [24.02.2012]

[47] Vgl. §§ 82, 76 GO NRW

[48] Vgl. Beucker, Pascal, Oberpleite, Oberhausen, Berlin, 2010, http://www.taz.de/!63495/ [24.02.2012]

[49] Kommunale Abgaben sind Gebühren, Beiträge und Steuern (§ 1 Absatz 1 Kommunalabgabengesetz für das Land Nordrhein-Westfalen (KAG NRW) in der Fassung der Bekanntmachung vom 21. Oktober 1969 (GV. NW. 1969 S.712), zuletzt geändert durch Artikel X des Gesetzes vom 9. Oktober 2007 (GV. NRW. S. 380))

[50] Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Finanzdaten Köln, Essen, Dortmund, Duisburg, Oberhausen, Gütersloh, 2011, www.wegweiser-kommune.de [24.02.2012]

[51] Vgl. Stadtverwaltung Oberhausen (Hrsg.), Haushaltsplan für das Haushaltsjahr 2012 der Stadtverwaltung Oberhausen (Stadt –Entwurf-), Oberhausen, 2011, S. 75

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Handlungsempfehlungen an die kommunale Verwaltungsebene zur Bewältigung demografischer Herausforderungen
Untertitel
Am Beispiel der Stadt Oberhausen
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Veranstaltung
Gesellschaftlicher Wandel
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
56
Katalognummer
V206496
ISBN (eBook)
9783656338888
ISBN (Buch)
9783656339557
Dateigröße
1979 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demografie, Verwaltung, Oberhausen, Haushaltssanierung, Public Administration, Wandel, Kommunal
Arbeit zitieren
Patrick Wiedemann (Autor), 2012, Handlungsempfehlungen an die kommunale Verwaltungsebene zur Bewältigung demografischer Herausforderungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206496

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