Das Sachanlagevermögen, die immateriellen Vermögenswerte und der derivative Geschäfts-
oder Firmenwert stellen wesentliche Vermögenswerte einer Bilanz dar und haben
oft einen maßgeblichen Anteil an der Bilanzsumme der Unternehmen. Dabei gewinnt der
goodwill bei den Gesellschaften, die nach International Financial Reporting Standards
(IFRS) bilanzieren, zunehmend an Bedeutung. Die Firmenwertrestbuchwerte deutscher
kapitalmarktorientierter Unternehmen sind aufgrund erhöhter Akquisitionstätigkeiten im
Zeitraum zwischen 2005 und 2010 von 133,6 Milliarden Euro auf 201,7 Milliarden Euro
gestiegen. Auch der relative Anteil des goodwill an der Bilanzsumme ist in diesem Zeitraum
etwa um die Hälfte von 8,7 % auf 11,9 % gestiegen. Damit bedarf es an Regelungen
für die Folgebewertung, um die Werthaltigkeit der oben genannten Vermögenswerte
sicherzustellen.
Diese finden sich in IAS 36 wieder, einem Standard, der die Folgebewertung des langfristigen
operativen Vermögens verdeutlicht und somit einen zentralen Aspekt der IFRSRechnungslegung
bildet. Diese Ansicht vertritt auch die deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung
(DPR), die seit 2005 Jahres- und Konzernabschlüsse deutscher kapitalmarktorientierter
Unternehmen prüft. Dabei führt sie keine vollständigen Prüfungen durch.
Die Prüfungen beschränken sich eher auf vorher festgelegte Prüfungsschwerpunkte. Seit
2005 gehört dazu die Wertminderung von Vermögenswerten inkl. des Geschäfts- oder
Firmenwertes. Auch in 2011 ist der Impairment Test ein Prüfungsschwerpunkt der DPR.
Auf den ersten Blick erscheint der Standard IAS 36 sehr umfangreich und detailliert. Deshalb
ist zu erwarten, dass der Impairment Test dort so angemessen geregelt ist, dass sich
keine Interpretationsspielräume ergeben. Für die Unternehmen ist es häufig von Interesse,
dass sie den Jahresabschluss durch geeignete Bilanzpolitik in ihre gewünschte Richtung
lenken, um den Investoren ein „entsprechendes“ Bild über die Unternehmenslage zu präsentieren.
In diesem Zusammenhang ist das Ziel der vorliegenden Arbeit, zu untersuchen,
welche Wahlrechte und Ermessensspielräume den Bilanzierenden angeboten werden und
wie die Unternehmen sie bilanzpolitisch ausüben. Dazu werden empirische Studien aus dem Zeitraum von 2005 bis 2011 analysiert, um das Jahresabschlussverhalten von kapitalmarktorientierten
Unternehmen in Bezug auf die Anwendung des Werthaltigkeitstests
gemäß IAS 36 zu hinterfragen.[...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Gang der Untersuchung
2 GRUNDLEGENDE SYSTEMATIK DES IMPAIRMENT TESTS
2.1 Gründe für den Impairment Test und Einordnung in die IFRS Rechnungslegung
2.2 Norm und Anwendungsbereiche
2.3 Verpflichtung zum Impairment Test und Indikatoren für eine Wertminderung
2.4 Struktur des Werthaltigkeitstests
3 BESTIMMUNG DES ERZIELBAREN BETRAGES
3.1 Konzept des erzielbaren Betrages (recovarable amount)
3.2 Nutzungswert (value in use)
3.2.1 Konzept des Nutzungswertes
3.2.2 Planungsmodelle für die Ermittlung der Cashflows
3.2.2.1 Traditioneller Ansatz (traditional approach)
3.2.2.2 Erweiterter Cashflow-Ansatz (expected cashflow approach)
3.2.3 Planungszeitraum
3.2.4 Ermittlung der Cashflows für die einzelnen Phasen der Bewertung
3.2.4.1 Detailplanungsphase
3.2.4.1.1 Schätzung der Cashflows aus der betrieblichen Nutzung
3.2.4.1.2 Behandlung von Investitionen und Restrukturierungen
3.2.4.1.3 Behandlung von Finanzierungsfragen, Ertragsteuern und Cashflows in fremder Währung
3.2.4.2 Fortschreibungsphase
3.2.4.3 Abgang am Ende der Nutzungsdauer
3.2.5 Ermittlung des Diskontierungszinssatzes
3.2.5.1 Risikoloser Zinssatz als Basiszinssatz
3.2.5.2 Berücksichtigung des Risikos im Zinssatz
3.2.5.3 Bestimmung der durchschnittlich gewichteten Kapitalkosten
3.2.5.3.1 Eigenkapitalkosten durch Anwendung des Capital Asset Pricing-Model
3.2.5.3.2 Fremdkapitalkosten
3.2.5.4 Ermittlung eines Zinssatzes vor Steuern
3.2.5.5 Diskontierungszinssatz (WACC) in der Praxis
3.3 Beizulegender Zeitwert abzüglich der Veräußerungskosten (fair value less cost to sell)
3.3.1 Konzept des beizulegenden Zeitwertes
3.3.2 Hierarchie zur Ermittlung des beizulegenden Zeitwertes
3.3.2.1 Marktpreisorientiertes Verfahren
3.3.2.2 Kapitalwertorientiertes Verfahren
3.3.3 Veräußerungskosten
4 ZAHLUNGSMITTELGENERIERENDE EINHEITEN
4.1 Konzept der zahlungsmittelgenerierenden Einheit (Cash Generating Unit)
4.2 Abgrenzung der zahlungsmittelgenerierenden Einheit
4.2.1 Abgrenzungskriterien
4.2.1.1 Abgrenzung durch Generierung unabhängiger Mittelzuflüsse
4.2.1.2 Abgrenzung durch die Existenz eines aktiven Marktes
4.2.2 Abschlusspolitisches Potenzial bei der Abgrenzung
4.3 Buchwert der zahlungsmittelgenerierenden Einheit
4.3.1 Geschäfts- oder Firmenwert (goodwill)
4.3.1.1 Zuordnung des Geschäfts- oder Firmenwertes
4.3.1.2 Goodwill der nicht beherrschten Anteile (Minderheitenanteile)
4.3.2 Gemeinschaftliche Vermögenswerte (corporate assets)
5 ERFASSUNG DES IMPAIRMENT TESTS IM JAHRESABSCHLUSS
5.1 Abbildung einer Wertminderung (impairment loss)
5.1.1 Wertminderung einzelner Vermögenswerte
5.1.2 Wertminderung einer zahlungsmittelgenerierenden Einheit
5.2 Abbildung einer Wertaufholung
5.3 Ausgewählte Anhangangaben
6 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Anwendung des Impairment Tests gemäß IAS 36 durch kapitalmarktorientierte Unternehmen. Ziel ist es, die dem Bilanzierenden angebotenen Wahlrechte und Ermessensspielräume kritisch zu analysieren und aufzuzeigen, wie diese im Rahmen der bilanzpolitischen Gestaltung genutzt werden, um den Jahresabschluss in eine gewünschte Richtung zu beeinflussen.
- Systematik und Anwendungsbereiche des Impairment Tests nach IAS 36
- Bestimmung des erzielbaren Betrages durch Nutzungswert und beizulegenden Zeitwert
- Bilanzpolitische Gestaltungsmöglichkeiten bei der Abgrenzung von Cash Generating Units
- Analyse der Ermessensspielräume bei der Schätzung von Cashflows und Diskontierungszinssätzen
- Empirische Untersuchung des Bilanzierungsverhaltens deutscher kapitalmarktorientierter Unternehmen im Zeitraum 2005 bis 2011
Auszug aus dem Buch
3.2.4.1.2 Behandlung von Investitionen und Restrukturierungen
Die Schätzungen des Cashflows beruhen auf der jüngsten vom Management genehmigte Planung. Diese erfolgt für den gegenwärtigen Zustand des Bewertungsobjektes. Bei der Ermittlung der Mittelflüsse ist von einer CGU auszugehen, „wie sie steht und liegt“.99 Demzufolge dürfen nach IAS 36.44 keine Erweiterungsinvestitionen oder Restrukturierungsmaßnahmen bei der Ableitung der Cashflows berücksichtigt werden, d. h. es erfolgt lediglich eine Bewertung der Erfolgsfaktoren, die aus der Vergangenheit resultieren und unabhängig von der zukünftigen Entwicklung sind.100
Im Sinne von IAS 36.44 (b) sind bei der Berechnung der Cashflows keine Investitionen, die nicht der Erhaltung, sondern der Verbesserung bzw. Erhöhung der Ertragskraft (sog. Erweiterungsinvestitionen) dienen, einzubeziehen. Dementsprechend sind alle Cashflows, die aus Erweiterungsinvestitionen resultieren – also die Auszahlungen für den Erwerb, die Einzahlungen aus der Nutzung und die damit verbundenen Auszahlungen – aus den Planungen zu eliminieren. Lediglich Erhaltungsinvestitionen müssen in den Cashflows enthalten sein.101 Bei einer CGU ist deshalb ihr Geschäftsmodell zu analysieren, wobei nur Investitionen einbezogen werden dürfen, die das Geschäftsmodell der CGU nicht nachhaltig verändern.102 Die Anrechnung von Cashflows aus Erweiterungsinvestitionen ist nach IAS 36.48 erst zulässig, wenn sie tatsächlich bezahlt sind. Eine Ausnahme bilden lediglich die Anlagen im Bau. Bei ihnen werden die Auszahlungen für die aktivierungspflichtigen Herstellungskosten in den Cashflows erfasst.103
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Ermessensspielräume bei der Anwendung von IAS 36 in der Praxis zu untersuchen und gibt einen Überblick über den Aufbau der Untersuchung.
2 GRUNDLEGENDE SYSTEMATIK DES IMPAIRMENT TESTS: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen, die Normen und die Systematik des Impairment Tests nach IAS 36 sowie die Verpflichtung zu dessen Durchführung.
3 BESTIMMUNG DES ERZIELBAREN BETRAGES: Hier werden die zentralen Wertmaßstäbe – Nutzungswert und beizulegender Zeitwert – analysiert, insbesondere hinsichtlich der Planungsmodelle und der Ermittlung der Diskontierungszinssätze.
4 ZAHLUNGSMITTELGENERIERENDE EINHEITEN: Dieses Kapitel behandelt das Konzept der Cash Generating Unit (CGU), deren Abgrenzung sowie die Besonderheiten bei der Behandlung von Firmenwerten und gemeinschaftlichen Vermögenswerten.
5 ERFASSUNG DES IMPAIRMENT TESTS IM JAHRESABSCHLUSS: Hier wird die praktische Umsetzung der Wertminderung und der Wertaufholung sowie die Anforderungen an die Anhangangaben thematisiert.
6 SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und resümiert die bilanzpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten, die Unternehmen durch die Ermessensspielräume bei der Anwendung des Impairment Tests erhalten.
Schlüsselwörter
IAS 36, Impairment Test, Goodwill, Cash Generating Unit, Nutzungswert, beizulegender Zeitwert, Bilanzpolitik, Ermessensspielräume, Diskontierungszinssatz, Kapitalkosten, Werthaltigkeitsprüfung, IFRS, Jahresabschluss, Wertaufholung, Cashflow
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bilanzierung von Wertminderungen gemäß IAS 36, wobei der Fokus insbesondere auf den Wahlrechten und Ermessensspielräumen der Unternehmen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören die Ermittlung des erzielbaren Betrages (Nutzungswert vs. beizulegender Zeitwert), die Bildung von zahlungsmittelgenerierenden Einheiten (CGUs) und die bilanzpolitische Steuerung durch das Management.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ermessensspielräume bei der Anwendung von IAS 36 zu identifizieren und aufzuzeigen, wie Unternehmen diese in der Praxis nutzen, um ihr Jahresabschlussbild zu beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten theoretischen Analyse der Standards sowie der Auswertung empirischer Studien zum Jahresabschlussverhalten kapitalmarktorientierter Unternehmen im Zeitraum 2005 bis 2011.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung des erzielbaren Betrages, das Konzept der zahlungsmittelgenerierenden Einheiten sowie die Erfassung und Berichterstattung von Wertminderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind IAS 36, Impairment Test, Goodwill, Cash Generating Unit, Nutzungswert, Bilanzpolitik und Ermessensspielräume.
Wie unterscheidet sich der Nutzungswert vom beizulegenden Zeitwert?
Der Nutzungswert basiert auf einer unternehmensinternen Perspektive und subjektiven Annahmen zur Weiternutzung, während der beizulegende Zeitwert einen marktbezogenen Verkaufspreis (abzüglich Veräußerungskosten) unterstellt.
Welches Problem entsteht bei der Goodwill-Allokation?
Da Goodwill nicht auf Ebene der einzelnen CGU isoliert messbar ist, erfolgt die Allokation oft auf höheren Ebenen, was den Spielraum für eine interessensgeleitete Verteilung (Saldierungseffekte) erhöht.
- Citation du texte
- Furat Al-Obaidi (Auteur), 2012, Der Impairment Test gemäß IAS 36: Ermessensspielräume und bilanzpolitische Gestaltungsmöglichkeiten in der Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/206512