"Fremde Heimat" - Predigt zur Eröffnung der Interkulturelle Woche, Frankfurt am Main 2008


Essay, 2008

4 Seiten


Leseprobe

FREMDE HEIMAT

Predigt zur Eröffnung der Interkulturelle Woche, Frankfurt am Main 2008

Pfarrer Dr. Athenagoras Ziliaskopoulos

Der süße Klang der Stimme des Muezzins vom Minarett der Dorfmoschee weckt mich sanft aus meinem Schlaf. Nach einigen Minuten läutet die Glocke der Dorfkirche. Draußen im Hof herrscht schon reges Bewegen. Morgen ist Ostern und die Schafe werden zur Schlachtung vorbereitet. Im Namen Gottes werden Sie geschlachtet und symbolisieren das Opfer, das Jesus für uns gebracht hat. Unseren Exodus vom Hades und unseren Eingang in das Reich Gottes. Für das große Fest hat sich die ganze Familie aus allen Ecken der Erde im Heimatdorf meines Vaters gesammelt. Wir aus Deutschland, meine Onkel aus Australien, meine Tanten aus Amerika, meine Cousinen und Cousins aus Athen, Thessaloniki und Konstantinopel. Insgesamt 48 Personen in einem Haus. Morgen ist auch Kurban Bayram, das muslimische Opferfest. Mein Opa hat schon ein Schaf vorbereitet für unseren Nachbar Ugur. Er ist über 80 Jahre alt kann sich kaum bewegen, seine Kinder und Enkel sind alle in Deutschland und kommen nicht zum Fest. Für Ugur wird ein Lamm geschlachtet für sein muslimisches Fest, im Namen Allahs. Mein Onkel wird Ugur später zur Moschee zum Mittagsgebet tragen. Das macht er jeden Tag, denn er hat es seinen Kindern versprochen. Das Dorf meines Vaters an der nordöstlichsten Ecke Griechenlands ist ein gemischtes Dorf. Seit Jahrhunderten leben Christen und Muslime, in dieser Region friedlich zusammen. Wie oft war unser Dorf inmitten kriegerischer Auseinandersetzungen. Kriege, die nur Leid und Schmerz hinterließen. Im Dorf kann man Muslime von Christen kaum unterscheiden, denn alle Frauen tragen ein Kopftuch, alle sprechen türkisch und alle atmen dieselbe Luft der gegenseitigen Liebe. Die einzige Angst die tief in den Herzen aller Dorfbewohner nistet ist, dass Christen und Muslime nicht miteinander heiraten und, dass niemand vom eigenen Glauben abkommt.

Ich fühl mich fremd im Dorf meines Vaters. Ich spreche nur schwäbisch und gebrochenes griechisch. Nur ein paar türkische Wörter kommen mir aus dem Mund, die mir meine Freunde Attila und Arzu in Deutschland beigebracht haben. Ich weiß, dass ich Grieche bin und ich befinde mich an einem Ort, der eher türkisch als griechisch geprägt ist. Gestern in der Kirche hat der Pfarrer noch eine andere, allen fremde Sprache gesprochen: altgriechisch. Ich bin verwirrt.

Ich denke zurück an meine Heimat in Deutschland, an meinem Dorf im tiefsten Schwabenländle. Seit einigen Jahren leben im Dorf Menschen aus allen Ecken der Erde. Verschiedene Kulturen, Religionen und Sprachen bemühen sich aufrecht zu bleiben und den gemeinsamen Weg des Lebens zu finden. Nur eins gibt es nicht im Dorf: Deutsche Katholiken.

[...]

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Details

Titel
"Fremde Heimat" - Predigt zur Eröffnung der Interkulturelle Woche, Frankfurt am Main 2008
Veranstaltung
Interkulturelle Woche
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V207783
ISBN (eBook)
9783656352440
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Predigt zur Eröffnung der Interkulturelle Woche Frankfurt am Main 2008
Schlagworte
fremde, heimat, predigt, eröffnung, interkulturelle, woche, frankfurt, main
Arbeit zitieren
Dr. Christos-Athenagoras Ziliaskopoulos (Autor), 2008, "Fremde Heimat" - Predigt zur Eröffnung der Interkulturelle Woche, Frankfurt am Main 2008, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207783

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