Begünstigt die massenmediale Berichterstattung über School Shootings Nachahmungstaten?

Eine annähernde Argumentation


Essay, 2012

9 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Begünstigt die massenmediale Berichterstattung über School Shootings Nachahmungstaten?

- Eine annähernde Argumentation-

Was haben die Orte Erfurt, Winnenden, Emsdetten oder Columbine gemeinsam? Sie waren allesamt Schauplatz für schwere Gewaltverbrechen, die in der weiten Öffentlichkeit unter dem Begriff Amoklauf bekannt sind. Sie erschütterten einen Großteil der Gesellschaft und riefen fast reflexartig Reaktionen der Politik hervor, mit denen zukünftig Verbrechen dieser Art verhindert werden sollten. Zunächst sollte eine Begriffsspezifizierung vorgenommen werden. Vom malaiischen Wort meng- âmok abgeleitet beschreibt dieser Terminus einen spontanen Ausbruch von Gewalt, bei welcher eine Person in scheinbar blinder Wut wahl- und planlos Menschen angreift und zu töten versucht. Taten dieser Art sind als eine Form des erweiterten Suizids zu werten, denn am Ende steht stets der Tod des Angreifers, welcher von jenem selbst fest eingeplant ist.[1]

Somit ist der Terminus Amok im Kontext von schweren Gewaltverbrechen an Schulen ungeeignet, da diese Definition mit dem typischen Tathergang nicht deckungsgleich ist. Das ist damit zu begründen, dass der benannten Art von Straftaten zumeist eine akribische und langfristige Planung in Bezug auf Ort, mögliche Opfer und Tathergang vorausgeht. Ebenso ist der Tod des Angreifers nicht die Regel, da er in ca. 70 % der Fälle festgenommen wird und somit die Tat überlebt.[2]

Eine mögliche und sinnvoll erscheinende Begriffsbestimmung ist stattdessen der angloamerikanische Terminus School Shooting. Jenem liegt die Definition „Tötung oder Tötungsversuche durch Jugendliche an Schulen, die mit einem direkten und zielgerichteten Bezug zu den jeweiligen Schulen begangen werden“[3] zugrunde.

Bei School Shootings übernehmen die Massenmedien in Form von Rundfunk, Fernsehen, Internet und Zeitungen etc. bewusst zwei Funktionen. Zum einen sind sie bestrebt, das gewaltig erscheinende öffentliche Interesse an solchen Verbrechen befriedigen zu wollen. Zum anderen sind sie aber ebenso Vertreter eigener wirtschaftlicher Interessen, weswegen z.B. Auflagenerhöhungen stets erwünscht sind und angestrebt werden. Beide Aspekte sind fast untrennbar wechselseitig miteinander verbunden.

Somit ist höchstwahrscheinlich die wochenlange, zuweilen als offensiv und spektakulär zu bezeichnende, Berichterstattung über School Shootings zu erklären. Der Spiegel widmete sich 2002

beispielsweise in einem Leitartikel ausführlichst dem Leben des Erfurter School Shooters Robert Steinhäuser.[4] Als weiteres Beispiel kann die BILD im Fall des aus Winnenden stammenden Tim Kretschmer angeführt werden. Dessen Privatleben wurde 2009 wochenlang von Journalisten beleuchtet und veröffentlicht, wobei selbst vor intimsten Details nicht Halt gemacht wurde.[5] Diesem dualen Wechselspiel entspringt das Resultat, dass Massenmedien als eine kultur- sowie identitätsprägende Institution anzusehen sind. Hinzu kommt die Tatsache, dass sie für nicht wenige Menschen die einzige verhältnismäßig einfache Möglichkeit darstellen, zumindest für kurze Zeit Berühmtheit zu erlangen und sich somit selber zu verwirklichen. Somit erscheint es nicht verwunderlich, dass in den letzten l5 Jahren vermehrt medientaugliches Verhalten beobachtet werden kann. Beispielhaft können hierbei Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar oder Das Supertalent angeführt werden . Dies wirft fast unweigerlich die Frage auf, ob insbesondere das genannte Resultat des dualen Wechselspieles im Falle von School Shootings die Wahrscheinlichkeit für Nachahmungstaten erhöht. Oder überspitzt gefragt: Sind „ermordete Lehrer und Schüler als Kollateralschaden der Massenkultur“[6] zu betrachten?

Es muss zunächst festgehalten werden, dass es eindeutige beweisende oder widerlegende wissenschaftliche Fakten bis jetzt noch nicht zu geben scheint. Somit müssen Indizien für die folgende Argumentation ausreichen.

Zunächst soll die epidemiologische Seite solcher Delikte betrachtet werden. Dabei fällt auf, dass bis zum Ende des letzten Jahrtausends School Shootings fast ausschließlich ein Problem der USA waren. Der Wendepunkt für diese Gegebenheiten ist scheinbar am 20. April l999 zu finden. An diesem Tag töteten der damals l8-jährige Eric Harris und der l7-jährige Dylan Klebold an der Columbine High School zunächst l2 Schüler, einen Lehrer und anschließend sich selbst. Diese Tat führte zur ersten groß angelegten internationalen Berichterstattung über ein Verbrechen dieser Art.[7] Begründbar wird die These, wenn die Jahre l999 bis 2007 bezüglich School Shootings analysiert werden, weil weltweit ein sog. Nachahmungssog feststellbar wird. So war im Monat April bzw. am Jahrestag des School Shootings von Columbine eine Clusterbildung von Taten dieser Art zu verzeichnen, insbesondere in Deutschland und Kanada. Dabei muss bedacht werden, dass diese Clusterbildung vor l999 nicht zu beobachten war.[8]

Ein weiteres stützendes Indiz ist, dass zwischen School Shootern und ihren Nachahmern zahlreiche Ähnlichkeiten, z.B. in Hinblick auf Details im Tatablauf wie der Kleidung, ihrer sozialen Stellung vor dem Delikt sowie im Bereich der Persönlichkeit vorzufinden sind. Ebenso verwiesen Täter häufig in Blogs, Tagebucheinträgen oder Verhören auf vorherige School Shootings, i.B. auf das in

Columbine, als eine Form der Inspiration. Es scheint somit, dass diese Tat eine Art Blaupause für viele folgende darstellt, was die These dieses Essays stützt.[9]

Ebenso auffällig ist es, dass beispielsweise Eric Harris und Dylan Klebold in einigen Personenkreisen gewissermaßen eine Art Kultstatus erreicht haben. So äußerte beispielsweise der School Shooter von Emsdetten Sebastian Bosse in seinem Webblog: „Eric Harris ist Gott! Daran gibt es keine Zweifel.“[10] Auch fanden T-Shirts und Sammelkarten mit dem Konterfei der Täter sowie einige ihrer persönlichen Gegenstände, sog. Murderabilia, t.w. großes Kaufinteresse.

Zum einen muss hierbei festgehalten werden, dass die beiden Täter von Columbine wohl nie diese Popularität erreicht hätten, wenn es nicht eine derart großangelegte Berichterstattung gegeben hätte. Zum zweiten wurden in Blogs etc. überwiegend Bilder oder Videos verwendet, die aus der Presse entnommen worden sind. Die in Folge dessen t.w. entstandene Ikonisierung der Täter erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich potenziell gefährdete Jugendliche mit Personen wie Eric Harris identifizieren und sie sich als Vorbild nehmen. Es erscheint somit naheliegend, dass durch die massenmediale Berichterstattung die Wahrscheinlichkeit für eine Nachahmungstat gestiegen ist.[11] Eine weitere Möglichkeit, die These zu bekräftigen oder zu widerlegen besteht darin, den möglichen Zusammenhang zwischen Nachahmungstaten und massenmedialer Berichterstattung zu skizzieren. Dafür erscheint ein psychologischer Denkansatz sinnvoll. Das ist damit zu begründen, dass er durch seine Modelle eine strukturierte und kategorisierende Sichtweise auf komplexe Problematiken erlaubt. Allerdings ist damit der Nachteil verbunden, dass menschliches Denken und Handeln u.U. zu stark vereinfacht dargestellt wird. Ebenso ist anzumerken, dass Modelle niemals die objektive Realität darstellen, sondern vielmehr nur eine mögliche Sichtweise, die bestimmte Aspekte stärker betont und andere wiederum nicht.

Das naheliegenste Modell scheint die Sugesstionshypothese zu sein, die auch als Imitiations – oder Werther - Effekt bekannt ist. Sie besagt, dass der Konsum von Mediengewalt aller Art, die Wahrscheinlichkeit erhöht, diese selber durchzuführen bzw. nachzuahmen.[12]

Trotz der durchaus vorhandenen stützenden Indizien aus dem Bereich der Suizidforschung muss kritisch angemerkt werden, dass ein einfaches Stimulus-Response-Modell der Komplexität menschlichen Denkens und Handelns sowie Entwicklungen nicht gerecht wird. Beispielsweise vernachlässigt die Suggestionshypothese moderierende Faktoren im Bereich der Umwelt und im Menschen selbst. Somit ist diese Wirkungshypothese hinsichtlich ihrer Aussagekraft als zu limitiert zu bewerten.

Dieser Denkweise folgend, müssen zur Erklärung von Nachahmungstaten aufgrund medialer

Berichterstattung mehr Variablen herangezogen sowie höchstwahrscheinlich vorhandene Wechselwirkungen zwischen diesen bedacht werden. Deswegen empfiehlt sich die Verwendung des General Aggression Model ( GAM ). Es handelt sich hierbei um einen integrativen Ansatz, der die Ideen der kognitiven Lerntheorie bzw. des sozialen Lernens, der Exitation - Transfertheorie, das Konzept des Primings sowie die Skript-Theorie miteinander vereint.[13]

Darauf aufbauend wird in diesem Modell angenommen, „dass die Ausübung von Gewalt v.a. auf dem Lernen, der Aktivierung und der Anwendung aggressionsbezogener, im Gedächtnis gespeicherter Wissensstrukturen basiert.“[14]

Das GAM setzt sich aus vier Komponenten zusammen. Das sind die Input-Variablen, gegenwärtiger innerer Zustand, Einschätzungs- und Bewertungsprozesse sowie schlussendlich die daraus folgenden Handlungen.

Die Input-Variablen lassen sich unterteilen in Personen- und Situationsmerkmale. Erstgenannte sind Wesenszüge eines Menschen, wie z.B. Intelligenz, Neigung zu Aggressivität, vorhandene Handlungsskripte sowie Einstellungen. Bei überlebenden und verhinderten School Shootern sowie ihren Nachahmern konnte herausgefunden werden, dass sie über ein reges sowie gewalthaltiges Phantasieleben verfügen. Somit ist eine überdurchschnittlich starke Neigung zu aggressivem Verhalten wahrscheinlich. Ebenso wurde herausgefunden, dass sich die Täter i.a.R. über eine längere Zeit mit der Tat befasst haben und dass dadurch bereits vor dem School Shooting Handlungsskripts vorhanden waren.[15]

Ein weiterer entscheidender Aspekt ist jener, dass bei School Shootern überdurchschnittlich häufig

u.a. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung festgestellt wurde. Dieses Krankheitsbild ist gemäß DSM-IV beispielsweise dadurch charakterisiert, dass die Betroffenen übermäßig stark auf die Anerkennung anderer angewiesen sind. Überdies reagieren sie i.a.R. überaus empfindlich auf Kritik. Dies führt nicht selten zu Wutanfällen, die auch als narzisstische Wut bekannt ist, sowie auf längere Sicht gesehen zu starken Allmachts- und Rachefantasien. Die genannten Verhaltensweisen dienen dazu, einen instabilen Selbstwert zu stabilisieren.[16]

Unter den bereits erwähnten Situationsvariablen werden u.a. aggressive Schlüsselreize wie Schmerz oder Provokation gezählt. Die bereits erwähnte langanhaltende sowie intensive Berichterstattung über School Shootings kann als ein stetiger bzw. sich häufig wiederholender Schlüsselreiz interpretiert werden.

Ebenso erleiden bzw. empfinden Angehörige dieser Tätergruppe bereits lange vor der Tat ein großes Maß an sozialer Missachtung, Demütigung und Ungerechtigkeit. Außerdem wird

unterdurchschnittlich wenig soziale Unterstützung durch die Täter wahrgenommen, weswegen sie sich i.a.R. als Außenseiter fühlen bzw. es auch sind. Die genannten Gegebenheiten sollten aber stets im Kontext einer wahrscheinlich vorhandenen narzisstischen Persönlichkeitsstörung sowie weiteren Wechselwirkungen gesehen werden.

Diese Variablenkomplexe können das innere Befinden einer Person über drei Wirkungspfade beeinflussen, welche sich ebenso reziprok beeinflussen. Zu diesen zählt z.B. die Kognition eines Menschen. So führt die ausgiebige massenmediale Berichterstattung bei potenziellen Nachahmungstätern dazu, dass ihre i.a.R. bereits vorhandenen aggressiven Skripte häufig aktiviert werden, was zu einer chronischen Zugänglichkeit von diesen führen kann. Dadurch ist es möglich, dass Situationen in der Schule stetig vor dem Hintergrund eines möglichen School Shootings betrachtet werden, weil durch die permanente Aktivierung gewaltbezogener Skripte eine Veränderung der Wahrnehmungsschemata stattfindet. Dieser Aspekt konnte beispielsweise bei Sebastian Bosse sicher nachgewiesen werden.[17]

Überdies erleichtert die i.d.R. äußerst detailreiche Berichterstattung über den Ablauf eines School Shootings, wie es z.B. in Columbine der Fall war, die Tatplanung, da bereits Informationen über einen möglichen Ablauf vorhanden sind. Somit liegt eine potenzielle Veränderung im Bereich der Verhaltensskripte vor.[18]

Ein weiter Wirkungsweg ist der des Affektes. Hierbei lässt sich festhalten, dass der gesellschaftlich große Widerhall eines School Shootings für Personen mit einer stark narzisstischen Persönlichkeitsstruktur potenziell sehr reizvoll ist. Zum einen kann durch die Projektion eigener Rache -und Allmachtsfantasien eine Form stellvertretender Befriedigung empfunden werden, weil die Gewissheit gefestigt wird, mit solchen Taten Macht und Kontrolle über das Leben anderer zu erlangen. Untermauert wird diese Hypothese dadurch, dass bei über 60 % der School Shooter Rache als Hauptmotiv nachgewiesen werden konnte. Dieser Effekt scheint umso stärker zu wirken, je ähnlicher sich Täter und Rezipient sind. Das ist damit zu begründen, dass durch die vorhandene Similarität Übertragungsprozesse erleichtert werden.

Zum anderen winkt durch die ebenso bereits beschriebene mediale Ikonisierung postume Popularität, was ebenfalls von zahlreichen stark narzisstischen Persönlichkeiten angestrebt wird. Diese These wird durch den Fakt unterstützt, dass die Planungs – und Vorbereitungsphase in Form von Tagebüchern, Notizen, Webblogeinträgen oder Videoaufnahmen akribisch dokumentiert wird. Täter hoffen, dass diese auf mediales Interesse stoßen und somit die eigene postume Popularität steigern wird. Dies spricht für eine potenzielle Veränderung von Erwartungsschemata.[19] Schlussendlich existiert noch der Wirkungspfad der Erregung bzw. des Arousals. Durch die

[...]


[1] vgl. Scheithauer / Bondü 20ll, S. l5

[2] vgl. Robertz / Wickenhäuser , S. l9

[3] Pollmann 2008, S. 57

[4] vgl. Brinkbäumer et. al. 2002, 68 - 80

[5] exemplarisch vgl. Ley / Brandenburg / Winterstein 2009, S.l

[6] Göricke 2002, S. 2

[7] vgl. Robertz / Wickenhäuser 2008 S. l3 ff.

[8] vgl. Konstinsky / Bixler / Kettl 200l, S. 994 ff.

[9] vgl. Robertz / Wickenhäuser 2008 S. l6 ff.

[10] Robertz / Wickenhäsuer 2008, S. l74

[11] vgl. Coleman 2004, S. 20

[12] vgl. Kunzcik / Zipfel 2006, S. 94

[13] aufgrund der Begrenzheit der Seitenzahl wird auf eine weiterführende Erklärung der Modelle verzichtet; für weiterführende Informationen: vgl: Kunzcik / Zipfel 2006, l49ff., l68ff, l75 - l78 sowie l78 -l83

[14] Kunczick / Zipfel 2006, S. l34

[15] vgl. Anderson et. al. 2003, S.97

[16] vgl. Faust 20l0, S. ll3 ff.

[17] vgl. Robertz / Wickenhäuser 2008, S. l00 ff.

[18] vgl. Pollmann 2009, S. ll0

[19] vgl. Faust 20l0, S. ll3 f.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Begünstigt die massenmediale Berichterstattung über School Shootings Nachahmungstaten?
Untertitel
Eine annähernde Argumentation
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V208323
ISBN (eBook)
9783656356981
ISBN (Buch)
9783656358756
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begünstigt, berichterstattung, school, shootings, nachahmungstaten, eine, argumentation
Arbeit zitieren
Tobias Düsterdick (Autor), 2012, Begünstigt die massenmediale Berichterstattung über School Shootings Nachahmungstaten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208323

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