Ironie in Literatur und Musik

Die Funktion des Handlungsrahmens


Seminararbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

0. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die entpflichtete Rede
2.1 Funktionsweise der entpflichteten Rede
2.2 Die entpflichtete Rede am musikalischen Beispiel

3. Das Rhetorische Inversionsmodell
3.1 Funktionsweise der rhetorischen Inversion
3.2 Die rhetorische Inversion am musikalischen Beispiel

4. Die Rahmen-Analyse nach Erving Goffman
4.1 Primäre und transformierte Rahmen
4.2 Der Rahmen im musikalischen Kontext
4.3 Die Täuschung am Beispiel eines musikalischen Rahmens

5. Ironie als transformierter Rahmen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was bezeichnet ‚Ironie’? Die Benennung des Phänomens weist zurück auf eine alte Tradition, die es an ein Spezifikum der westlichen Kultur koppelt: die demokratische Rechtsordnung und ihre Thematisierung auf der Bühne des antiken Griechenland. […] Die ersten schriftlich fixierten Spuren seiner Verwendung finden sich bei dem Komödiendichter Aristophanes. Es war zunächst ein auf die Sophisten gemünztes Schimpfwort und bezeichnete ihr unaufrichtiges Tun, ihre Verstellungskunst und das mimisch-gestische Spiel, das ihren Prätentionen Glauben verschaffte.[1]

Die Frage, was Ironie eigentlich bezeichnet, ist nicht mit einer simplen Definition zu beantworten. Jede wissenschaftliche Disziplin hat ihre eigene Perspektive auf das Phänomen der Ironie. Seit Aristophanes hat sich einiges getan. Der Begriff der Ironie wandelte und entwickelte sich stets weiter. Während die sehr eigenwillige frühromantische Deutung Friedrich Schlegels in der bisherigen Begriffsgeschichte von Ironie als besonders ungewöhnlich auffiel und in der aktuellen Rezeption des Begriffes Ironie keine große Rolle mehr spielt, haben andere Konzepte dem Begriff der Ironie immer mehr Eigenschaften und Aspekte hinzugefügt. Obwohl sie sich heute vor allem als ein beliebtes Stilmittel der ursprünglich bezeichneten Verstellung und Persiflage schon lange etabliert hat, ist Ironie durch die Sammlung immer neuer Merkmale, Verwendungsweisen und Interpretationsmöglichkeiten mit der Zeit trotzdem zu einem kaum noch fassbaren Abstraktum geworden.

In folgender Arbeit soll versucht werden, die Funktionsweise von Ironie zu klären. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den musikalischen Kontext gelegt werden, indem theoretische Konzeptionen an Beispielen aus der musikalischen Praxis verdeutlicht werden. Zunächst sollen verschiedene Konzepte zur Erfassung von Eigenschaften und Merkmalen von Ironie vorgestellt werden. Im Hauptteil der Arbeit wird auf der Basis der Rahmen-Analyse von Erving Goffmans untersucht werden, auf welche Art und Weise Ironie dort implementiert werden kann und inwiefern sich ihre Funktionsweise mithilfe dieses Modells erklären lässt. Im Fazit sollen die Funktionen der Ironie zusammenfassend dargestellt werden.

2. Die entpflichtete Rede

Das erste Ironiekonzept das vorgestellt werden soll, ist das der entpflichteten Rede. Dieses Modell stammt von dem Literaturwissenschaftler Karl Eibl, der mit seinem interdisziplinärem Buch Animal Poeta eine Kultur- und Literaturtheorie vor dem Hintergrund einer biologischen Rezeption aufstellt. Ursprünglich ist die entpflichtete Rede dort Mittel zur kognitiven Lust- und Genussempfindung von Sprache im Sinne künstlerischer und poetischer Literatur. Das Konzept der entpflichteten Rede lässt sich jedoch erweitern und auch auf den Raum der Ironie und Musik anwenden.

2.1 Funktionsweise der entpflichteten Rede

Hauptfunktion der entpflichteten Rede im Sinne von Ironie ist die der Enttabuisierung. Der Sender entzieht sich der Verantwortung für die Gültigkeit seiner Aussage:

Generell kann man sagen: Die entpflichtete Rede ermöglicht es, über Dinge zu reden, über die man – aus den verschiedensten, trivialen wie erhabenen, Gründen – eigentlich nicht reden kann oder darf oder soll, über die man aber trotzdem reden will oder soll oder muss. Oder in aller Kürze: Die entpflichtete Rede ermöglicht Sprechen über Unaussprechliches, von der Trivialität unaussprechlicher Körperteile und Kleidungsstücke bis zu den unaussprechlichen Geheimnissen der Mystiker.[2]

Diese Art von Ironie kann vom Rezipienten nur unter der Voraussetzung einer Signalisierung des Senders verstanden werden. Die Rezipienten müssen sich hierbei „die jeweilige Rede in Anführungszeichen gestellt denken. Damit wird „Distanz zur Quelle hergestellt und die Formulierung von Verantwortung entlastet.“[3] Allerdings können die erwähnten Anführungszeichen nicht nur in den Gedanken des Rezipienten existieren, sondern ebenso als deutliches Signal in Form einer Gestik seitens des Senders. Hierbei werden Zeige- und Mittelfinger beider Hände gestreckt, kurz gebeugt und anschließend wieder gestreckt, während die restlichen Finger eingeknickt sind. Diese Gestik hat die Funktion, die Ironie einer Aussage überdeutlich zu demonstrieren, indem sie die ursprünglich gedachten Anführungszeichen im Gespräch abbildet.

2.2 Die entpflichtete Rede am musikalischen Beispiel

Die entpflichtete Rede lässt sich zusätzlich ebenfalls in einen musikalischen Kontext einbinden. Das religiöse Leben des Spätmittelalters war geprägt von strengen kirchlichen Hierarchien und ebenso strikt geregelten Konventionen zwischen den unterschiedlichen Ebenen. Besonders Frauen im klösterlichen Umfeld wurden viele Tabus auferlegt. Wie für alle Bereiche ihres Lebens, galten ebenso für den musikalischen Ausdrucksraum vermeintlich unumgängliche liturgische Vorschriften. Trotzdem nutzten die Frauen das musikalische Medium, um Tabu-Themen aufzugreifen: „Humor, Ironie und Satire dienen oft dazu, Freiräume innerhalb einer festgefügten, von Kirchenvätern, Ordensoberen, Administratoren und Landesherren bestimmten Lebenswelt zu schaffen.“[4]

Als konkretes Beispiel ist hier das niederdeutsch-lateinische Lied Asellus in de mola zu nennen. Es „schildert den Ehrgeiz eines Esels, anhand lateinischer Grundkenntnisse zum Kirchenherren aufzusteigen“[5]. Mithilfe eines scheinbar harmlosen Tiervergleiches können die Nonnen, die „gegenüber ihren männlichen Ordensbrüdern stets am unteren Ende der Hierarchie“[6] verortet waren, ihr Wissen über „die Schwächen ihrer seelsorgerlichen und administrativen Vorgesetzten“[7] für jeden zugänglich machen. Da dieses Wissen nur feststellbar ist, wenn man den Liedtext nicht auf der konkreten Wortebene liest, sondern auf einer interpretatorischen Ebene deutet, übernehmen die Schreiberinnen keine Verantwortung für diese interpretationsbedürftige Aussage. Das Wissen kann also nur geteilt werden, wenn der Rezipient eine Interpretationsleistung erbringt und das Gesagte durch eine Wertung erweitert. Diese Interpretationsleistung kann als Decodierung der Ironie und ihrer Signalisierung bezeichnet werden. Fehlt einem Rezipienten das Wissen über den übermittelten Code, weil er kein Eingeweihter ist, so kann er keine Entzifferung der verschlüsselten, also codierten, Botschaft leisten.

[...]


[1] Despoix/Fetscher 2001, 197.

[2] Eibl 2004, 346.

[3] Eibl 2004, 341.

[4] Koldau 2010, 34.

[5] Koldau 2010, 41.

[6] Koldau 2010, 42.

[7] Koldau 2010, 42.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ironie in Literatur und Musik
Untertitel
Die Funktion des Handlungsrahmens
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V208424
ISBN (eBook)
9783656357759
ISBN (Buch)
9783656359562
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ironie, literatur, musik, funktion, handlungsrahmens
Arbeit zitieren
Jasmin Liese (Autor), 2011, Ironie in Literatur und Musik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208424

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