Metaphern im Prozess in Kunst und Religion. Zur Ästhetik im Denken Ernst Blochs und ihrer theologischen Relevanz


Magisterarbeit, 2011
89 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I Zur ontologischen und anthropologischen Grundlage der Blochschen Kunst- und Religionsphilosophie
1. Utopie als Seins- und Bewusstseinsprinzip
1.1. Zu Blochs Ontologie des Noch-Nicht-Seins
1.2. Der Mensch in der unfertigen Welt
2. Zum Tagtraum als „Vorstufe der Kunst“

II Die Ästhetik im Denken Blochs und das mit „Gott“ Gemeinte
1. Blochs ästhetische Kriterien und ihre theologische Relevanz
1.1. Die erkenntniskritische Funktion der Phantasie
1.2. Der Vor-Schein
1.3. Das Novum und das Beispiel der Musik
1.4. Das „Realsymbol“
2. Das Ergebnis ist die Entdeckung: Der Experimental- und Prozesscharakter von Kunst, Utopie und Erkenntnis
3. Der ästhetische Humor und die Unmöglichkeit einer endgültigen „Korrektur“ am Lektürebeispiel Thomas Bernhards
4. Zum „Dunkel des gelebten Augenblicks“ als Ursprungsort von Kunst und Religion
5. Die Bedeutung der Metapher in der Philosophie Blochs
6. Die Bedeutung der Metapher für die Theologie

III Das „Erbsubstrat“ der Religion
1. „Eh‘ je ascher eh‘ je“: Blochs futurischer Gottesbegriff
2. Der „Geist des Exodus“ in Moses, Hiob und Jesus
3. Zum revolutionären Charakter von Religion
4. Zum Problem einer endgültigen Subjekt-Objekt-Vermittlung
4.1. Die Kategorie „Sprung“ und das Wunder
4.2. Blochs Theorie des Todes
4.3. Zur Grenze als Chance
5. Vernunft und Glaube

Schlussbemerkung

LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Die Leugnung der Existenz Gottes ist heute weithin zur Selbstverständlichkeit geworden. Durch den Bruch mit der traditionellen griechisch-abendländischen Philosophie sollte sich nicht nur die bisherige theozentrische Gesamtorientierung, sondern jeder metaphysische Grundgedanke als unhaltbar erweisen. So wurden die Fragen des Menschen nach dem Grund und Ziel seines Lebens seit Anbruch des technisch-industrialisierten Zeitalters mehr und mehr in den Hintergrund verdrängt. Der moderne Mensch befindet sich in dem Dilemma zwischen einem an der Technik orientierten, empirisch-begrifflichen Beweisdenken auf der einen und der Ahnung einer das sinnlich Wahrnehmbare und Beweisbare übertreffenden Wahrheit auf der anderen Seite. In einer durch Medientechnologie radikal beschleunigten Welt, wie wir sie heute erleben, findet der Mensch ein breites Spektrum an Möglichkeiten der Zerstreuung der ihn zutiefst bewegenden Lebensfragen. So verliert sich die menschliche Sehnsucht nach Sinn in der unüberschaubaren Masse äußerer Einflüsse durch die Bereitstellung immer neuer Konsumgüter. W. Pannenberg, dessen Religionsphilosophie wesentlich von der Ernst Blochs geprägt ist, schreibt in einem seiner Aufsätze zu den Grundfragen systematischer Theologie: „Für das Verständnis der Wirklichkeit unserer durch Wissenschaft und Technik bestimmten Daseinswelt scheint die Vokabel Gott entbehrlich zu sein, wenn nicht sogar störend. Ein Leben und Denken ohne Gott bestimmt den Alltag jedes Menschen, auch den des Christen. Dieser gelebte Atheismus ist heute der selbstverständliche Ausgangspunkt aller denkenden Besinnung. Schon die bloße Frage, ob Gott ist und wer er ist, bedarf heute besonderer Rechtfertigung, wenn sie mit dem Anspruch auftritt, wenigstens als Frage ernst genommen zu werden.“[1] Der in unserer Gegenwart breitgestreute Atheismus scheint auf einem schwerwiegenden Verkennen dessen zu beruhen, was seit Jahrhunderten in den abendländischen Philosophien und theologischen Schulen „Gott“ meint. Diese „inhaltsschwere Vokabel“[2] wurde oft leichtfertig in den Mund genommen und zum Schaden für den damit metaphorisch bezeichneten Inhalt zur Untermauerung politischer und kirchlicher Machtstrukturen missbraucht. Schon allein aufgrund dieser Gefahr muss gerade Religion, die in höchstem Maße Wahrheit beansprucht, verbürgt und das von ihr metaphorisch mit „Gott“ Bezeichnete dem Intellekt zugänglich gemacht werden.

Sowohl Blochs Religions- als auch seine Kunstphilosophie sensibilisieren für eine noch unabgeschlossene, verborgene Wirklichkeitsdimension, die sich in unsere Welt zu vermitteln sucht. Den Zusammenhang seiner Religionsphilosophie und Ästhetik zu rekonstruieren, ist das besondere Anliegen dieser Arbeit. In der expressiven Denk- und Ausdrucksweise Blochs, wie sie an entscheidenden Stellen seiner Philosophie auftritt, soll ihre Bedeutung nicht nur für das wissenschaftliche Denken, sondern gerade auch für eine angemessene theologische Redeweise von „Gott“ aufgespürt werden.

In einem ersten Abschnitte wird Blochs Ontologie des Noch-Nicht-Seins den Schwerpunkt bilden. Darin entfaltet er den Gedanken eines noch unerfüllten, im Menschen latent angelegten Zielinhalts, der nicht nur das Fundament seiner Ästhetik, sondern auch seiner metaphysischen Gesamtkonzeption von Mensch und Welt bildet. Es werden die Grundzüge seiner Ontologie sowie die anthropologische Bewusstseinsstruktur des Transzendierens dargestellt, um so die philosophischen Prämissen, die sich durch das gesamte Blochsche Denken hindurch ziehen, transparent zu machen.

Der zweite Abschnitt wird sich auf die ästhetische Seite des Blochschen Denkens konzentrieren und die herausragende Stellung der Ästhetik innerhalb seiner Philosophie aufzeigen. Es wird auch zu fragen sein, was der gemeinsame Zielhorizont künstlerischer Ausdrucksformen und religiöser Vorstellungen darstellt und was sie nach Bloch jeweils zu leisten vermögen. Ausgehend von seinen ästhetischen Kriterien werden bereits wichtige Berührungspunkte mit den Inhalten seiner Religionsphilosophie sichtbar werden. Dadurch soll der Blick geweitet werden für jenen noch ausstehenden Sachverhalt, den Bloch inhaltlich nicht zu bestimmen wagt, sondern in immer neuen Sprachwendungen und expressionistischen Aufzeichnungen andeutet und ins Bewusstsein zu rufen versucht. So kann nicht zuletzt Blochs metaphorische Redeweise als Brücke zur Theologie für eine adäquate Vorstellung und Redeweise von „Gott“ wegweisend sein. Wie in der Sprache, so soll in jedem Geschehen, in allen Gestalten der Welt und in denen, die der Mensch geschaffen hat, etwas gefunden werden, das auf das zukünftige, noch unbestimmte Ziel zeichenhaft hindeutet.

In einem letzten Abschnitt gilt es den Eigenwert der Religion gegenüber der Kunst hervorzuheben. Ferner soll die Dialektik von expressivem und geschichtsmaterialistischem Denken innerhalb der Philosophie Blochs und die damit verbundenen Aporien aufgewiesen werden, um den Weg zu eröffnen zu einer Erkenntnis, dass die beiden Seiten des Menschen, Vernunft und Glaube, nicht zwingend Widersprüche, sondern zwei sich ergänzende Größen in einer spannungsvollen Einheit bilden.

I Zur ontologischen und anthropologischen Grundlage der Blochschen Kunst- und Religionsphilosophie

1. Utopie als Seins- und Bewusstseinsprinzip

Warum schreibe ich?...Um die Welt zu ertragen, um standzuhalten sich selbst, um am Leben zu bleiben... Man möchte gehört werden, man möchte nicht so sehr gefallen als wissen, wer man ist... Man gibt Zeichen von sich...man schreit aus Angst, allein im Dschungel der Unsagbarkeiten... Man hebt das Schweigen, das öffentliche, auf im Bedürfnis nach Kommunikation. Man gibt sich preis, um einen Anfang zu machen. Man bekennt: Hier steh’ ich und weiss nicht weiter. Und all dies ungefragt. (Max Frisch, Öffentlichkeit als Partner 1958)

Grundlage des gesamten Blochschen Systems bildet der Mensch als utopisches Wesen, welches die ihm gesetzten psychischen und biologischen Grenzen permanent überschreitet und sich - revoltierend gegen bestehende Verhältnisse - einer neuen, besseren Welt entgegensehnt. Ob ärztliche Utopien[3], Sozialutopien[4], technische[5] oder architektonische und geographische Utopien[6] - sie alle spiegeln nach Bloch das Streben des Menschen nach einem vollkommenen Seinszustand wieder. Die Utopien mit dem höchsten Intensitätsgrad allerdings scheinen nach Blochs Ausführungen in seinem umfangreichen Werk Das Prinzip Hoffnung die Kunst und Religion zu sein, die das Zentrum dieser Arbeit bilden.[7] Eine Kategorie des Utopischen, die es hier vorerst zu untersuchen gilt, ist das Noch-Nicht, sowohl das Sein der objektiven Wirklichkeit als auch das unmittelbare Subjekt, d.h. das menschliche Bewusstsein mit all seinen Hoffnungen und Wünschen betreffend. Nach Bloch sind die konkret zu verwirklichenden Utopie-Inhalte im Bewusstseinsbereich des Menschen verankert, jedoch im „Noch-Nicht-Bewussten“[8], das die „psychische Repräsentierung des Noch-Nicht-Gewordenen“[9] in der Welt darstellt. Das Noch-Nicht-Bewusste und das Noch-Nicht-Gewordene stellen damit die beiden Zielhorizonte dar, auf die hin Bloch sein Utopie-System entwickelt und die es auch hier noch näher zu entfalten gilt. „Erwartung, Hoffnung, Intention auf noch ungewordene Möglichkeit: das ist nicht nur ein Grundzug des menschlichen Bewusstseins, sondern, konkret berichtigt und erfaßt, eine Grundbestimmung innerhalb der objektiven Wirklichkeit insgesamt.“[10] Während die „ begriffene Hoffnung[11] den Widerstand gegen das Gewöhnliche und die Trägheit bildet, soll die marxistische Theorie der klassenlosen Gesellschaft das notwendige Wissen für die praktische und konkrete Verwirklichung des utopischen Bewusstseinsinhaltes liefern. Obgleich Bloch selbst nie gesellschaftliche Analysen betrieben hat[12], ist nach seiner allgemein gehaltenen philosophischen Auseinandersetzung mit Gesellschaftstheorien die klassenlose Gesellschaft, wenn auch nicht das „ Totum[13] selbst, so doch eine wesentliche Annäherung an das Endziel der Geschichte. So machen die historischen Gegebenheiten einen wesentlichen Teil der objektiven Rahmenbedingungen aus, die sich auf dem Weg zum Endziel als erhebliche Hindernisse erweisen können. Aufgabe der marxistischen Theorie und ihrer Umsetzung soll es sein, eben diese Hindernisse aus dem Weg zu schaffen. Doch die „wirklich metaphysische Frage“[14] ist laut Bloch eine sozial unlösbare Problematik. Es bedarf daher noch einer Instanz, die solcherlei Aufgaben „wie zentrierte Ratgebung, wie Verwaltung des Sinns“ übernimmt, „Etwas, das die Gemüter ordnet und das die Geister lehrt“[15]. So fordert Bloch „eine machtfreie Lehrmacht des Gewissens ums Wohin und Wozu“[16]. Indessen bürgt das menschliche Bewusstsein für die subjektiven Voraussetzungen auf dem Weg zur konkreten Utopie. Wie im Laufe der Arbeit noch zu verdeutlichen sein wird, betrachtet Bloch „das ‚statische‘ Denken als das entscheidende theoretische Hindernis der Verwirklichung seiner sozialen Utopie“[17], wobei vor allem große Kunst das Aufbrechen eines solchen Denkens, welches ausschließlich dem Gewordenen verhaftet ist, bewirken kann. Indem sie mittels der Phantasie noch ungewordene Möglichkeiten entdeckt, vermittelt sie dem menschlichen Bewusstsein eine utopische Perspektive. So besteht nach Bloch die Rolle der Kunst in erster Linie darin, den latent vorhandenen Utopie-Inhalt symbolisch-allegorisch zu artikulieren. Was „im Subjekt als Bewußtsein nämlich die Antizipation ist, wird im Objekt als Vor-Schein begriffen“.[18] Nach Bloch gibt es einen „metaphysischen Gehalt“[19] in der Welt, der alles Gewordene auf seinen rätselhaften Grund hin erscheinen lässt und von dem bereits Vorboten existieren. Bloch bezeichnet diese Vorboten als „Vor-Scheine“, wie er sie auch in der Kunst und Religion wiederfindet. Diese sollen das noch nicht erschienene Utopicum vorwegnehmend andeuten und sind daher wesentlicher Bestandteil der Methode, das Noch-Nicht-Sein zu erschließen. Doch um Blochs Ästhetik des „Vor-Scheins“ verstehen zu können, müssen vorerst die ontologischen Voraussetzungen für diese zentrale Kategorie geklärt werden. Sowohl seine Ästhetik als auch seine Religionsphilosophie sind nur von seinem an der Zukunft orientierten Denkansatz her verstehbar, den vor allem seine Ontologie des Noch-Nicht-Seins zum Ausdruck bringt.[20] die folgende Darlegung der wesentlichen Grundzüge seiner Ontologie ist somit zugleich Ausgangspunkt für den zu rekonstruierenden Zusammenhang von Kunst und Religion. In ihrem Kontext wird deutlich, dass sich hinter Blochs Philosophie eine außerordentlich dynamische Vorstellung des Menschen und der Welt verbirgt, die einen immerwährenden Auszug des Seienden, bereits Gewordenen aus seinem jeweiligen Zustand impliziert. Der ihr zugrunde liegende Gedanke einer noch ungewordenen Welt, die auf ihre Vollendung in der Zukunft ausgerichtet ist, wird im weiteren Verlauf der Studie erneut aufgegriffen und ausgeführt, wenn es um die ästhetischen Kriterien Blochs und ihre theologische Relevanz geht.

1.1. Zu Blochs Ontologie des Noch-Nicht-Seins

In der Tübinger Einleitung stellt Bloch seine Ontologie des Noch-Nicht-Seins auf das „Niveau der alten Metaphysik mit völlig verändertem Gebäude; neue Metaphysik und konkrete Utopie sind dergestalt Synonyme, geeint in Transzendieren ohne Transzendenz.“[21]. Blochs Hoffnung lässt demnach ein Transzendieren, aber keine Transzendenz mehr zu. So sei es gerade die Religion, welche nur allzu oft „das Gebiet der Metaphysik schlechthin mit dem der Transzendenz verwechselt“[22]. Die auf der überweltlichen Transzendenz beruhende Starrheit der bisherigen „Fixum-Metaphysik“[23] solle zugunsten einer Metaphysik der Zukunft aufgebrochen werden. Dabei geht es Bloch, wie K. P. Steinacker-Berghäuser treffend formuliert, „nicht mehr um die Beseitigung eines Unbedingten überhaupt [], sondern um die Einbeziehung dieses Unbedingten in die Welt.“[24] Und einbeziehen kann er das Unbedingte nur, indem er es von der Zukunft her begreift, also nicht mehr als ein von der materiellen Wirklichkeit räumlich abgetrenntes Sein, sondern als eines, dessen Vollendung vom materiell vorhandenen Sein nur noch zeitlich entfernt ist. Anstelle der in sich selbst schon voll entfalteten Transzendenz setzt Bloch die Zukunft vollendeter Vollkommenheit des innerweltlichen Seins, um auf diese Weise eine Vermittlung der bisher voneinander abgetrennten Wirklichkeiten zu ermöglichen. Dabei verschiebt Bloch den Zielinhalt menschlichen Transzendierens, indem er ihn hinein holt in den Menschen als sein eigentliches Wesen. Die Grenze des für gewöhnlich als unverfügbar gedachten wahren Seins liegt so nicht mehr außerhalb von Mensch und Welt, sondern verbirgt sich als „Dunkel des gelebten Augenblicks“[25] in der Immanenz selbst.[26] Demgemäß ist Blochs Ontologie des Noch-Nicht-Seins der Versuch, die strikte Trennung der traditionellen Zweiweltentheorie aufzuheben, um beide Welten wieder in eins zu führen. Was sich als bezeichnende Struktur seiner Ontologie herauskristallisiert, ist das Spannungsverhältnis zweier Wirklichkeits-dimensionen, das den Weltprozess immerwährend anstößt. Innerhalb des prozessualen Spannungsverhältnisses des inwendigen und auswendigen Seins vollzieht sich laut Bloch die Explikation des Utopischen, der noch ausstehenden Vollendung der Immanenz.

1.1.1. Zur Dialektik des inwendigen und auswendigen Seins

Blochs Ontologie geht aus vom Seienden als einem „bewegt Seienden mit Noch-Nicht-Seiendem darin und einem gestaltet Seienden mit stets darin bedeutetem Noch-Nicht-Sein.“[27] Das Noch-Nicht-Seiende gärt in irdischer Latenz, liegt auf dem verhüllten Grund des dauernd aus sich heraus produzierenden Ursprungs, der Fülle des Seins, zu dessen Freilegung, ja Erschaffung das gestaltet Seiende, also bereits Gewordene wie noch Werdende auf dem Weg ist. Der Prozesscharakter allen Seins liegt Bloch zufolge begründet in der dialektischen Verschränkung der in der Innenwelt latent vorhandenen Fülle des Seins als der vollendeten Vollkommenheit von Mensch und Natur mit der äußeren Erscheinungswirklichkeit. Das erfüllte Sein als das wahre doch noch unbestimmte Wesen der Materie, das sich als Wirklichkeit zu manifestieren sucht, ist Bloch zufolge als „In-Möglichkeit-Sein“[28] im unmittelbaren „Dunkel des Augenblicks“[29] angelegt - eine von Bloch in der verborgenen Innenwelt angesiedelte Kategorie. Solange das „In-Möglichkeit-Sein“ als das im „Innen“[30] angelegte wahre Wesen nicht gänzlich in die objektive Wirklichkeit des „Draußen“[31] überführt ist, initiiert es den Prozess der Welt auf ihre erfüllte Endgestalt hin. Das Ziel des Seins äußert sich somit in der fortwährenden Ausgestaltung und prozessualen Verwirklichung des in der Materie angelegten „In-Möglichkeit-Seins“ in Richtung des Vollendungszustandes der Welt. Indessen vollzieht sich eine Drehung vom unmittelbaren Dunkel im Hier und Jetzt, dem Allernächsten in die äußere Wirklichkeit - eine „objektive Drehung aus dem Unmittelbaren heraus, die all unser Sehen und Erkennen ausmacht.“[32] Vom „Dunkel“ spricht Bloch insofern, als der Augenblick eine unmittelbare Seite hat, die sich dem menschlichen Zugriff entzieht und vom Menschen nur als vergangen erlebt werden kann. So zeigt sich das von Bloch auch als „Totum“ bezeichnete ganze mögliche Sein in der besonderen Eigenschaft, unmittelbar und deshalb nur augenblicklich verfügbar zu sein. Als Trostmoment liefert es die Hoffnung auf einen noch ausstehenden vollkommenen Seinszustand von Mensch und Welt und verschwindet wieder im selben Augenblick, in dem es aufleuchtet. „Dieser ungehabte Augenblick in wie unter allem enthält in der Tat das Daseinsgeheimnis, vielmehr er ist es schlechthin.“[33] Sogleich bewahrt er in seiner Flüchtigkeit und der Unmöglichkeit, ihn als reine Gegenwart wahrzunehmen, den offenen Horizont der Welt. So besteht bei Bloch ein „Zusammenhang von Augenblicks- und Zukunftsdunkel“[34], der sich wie ein unsichtbarer Leitfaden durch seine Philosophie hindurchzieht. In jedem Augenblick koinzidieren das Dunkel des Anfangs und das des Endes als der zukünftige, letzte Augenblick. In seiner Metaphysik des Schwebens verdeutlicht W. Schulz: „Von dieser Dialektik her, das heißt den beiden extremen Momenten: dem Dunkel des gelebten Augenblicks als dem Anfang und dem erfüllten Augenblick als dem Ende, der Vollendung – sind alle Gestalten der Hoffnung zu deuten. Wunschbilder, Träume und Utopien sind Entfaltungen des Dunkels und zugleich vorwegnehmende Intentionen auf etwas hin, das jetzt noch nicht ist.“[35] Das Ziel jeglichen Überschreitens unserer gegebenen, bedingten Welt besteht damit für Bloch in der Überführung des im „Innen“ latent vorhandenen wahren Wesens in die äußere Wirklichkeit.

Auf diese Weise gelingt es Bloch, die räumliche Trennung der beiden Wirklichkeitsbereiche nach der traditionellen Zweiweltentheorie in eine rein zeitliche Trennung zu überführen. Zwar ist in beiden Fällen eine Identität der beiden Wirklichkeitsbereiche nicht vorhanden. Doch anders als die Zweiweltentheorie, welche den transzendenten von dem immanenten Bereich noch absolut unterschied, mache sich nun bei Bloch, so Eckert, „eine Differenz in der Immanenz selbst geltend“[36]. Dementsprechend unterscheidet er das konkrete vom abstrakten Transzendieren. Das erstere, „transzendenzlose Transzendieren“[37] zielt auf eine Verbes-serung der Immanenz ab und ist damit ein „Akt des Überholens“[38] nicht abstrakter, sondern konkreter Art. Während hier das Gegebene, gesellschaftlich Unzureichende auf eine vollkommene Immanenz hin überholt wird, „überschlägt“[39] das abstrakte Transzendieren die immanente Wirklichkeit, indem es von ihr absieht, vor ihr flieht. Auch abstrakte Utopien, insbesondere aber die theistischen Religionen, sind nach Bloch ein Hinweis auf das Ungenügen der immanenten Welt. Doch führen ihre Abstraktionen mehr zur Verfestigung statt zur wirklich ersehnten Veränderung und Vervollkommnung des gewordenen Weltzustandes. So gehen die religiösen Vorstellungen Blochs Auffassung zufolge in der Regel über den eigentlichen Zielinhalt hinaus, der nicht im geglaubten Jenseits, sondern im Diesseits als Zukunft liegt. Wie sich im Laufe der Untersuchung verdeutlichen wird, bringen künstlerische Erscheinungsformen dagegen ein konkretes Transzendieren zum Ausdruck. Sie wollen die gegebene Wirklichkeit nicht überschlagen oder „sprengen“, wie Bloch es noch häufiger formuliert, sondern experimentieren im dialektischen Prozess die noch nicht verwirklichte Möglichkeit der vollendeten Immanenz.

Aufgrund der dialektischen Verflochtenheit der beiden Wirklichkeitsbereiche wird die Welt zu einer durchlässigen Welt. Die Grenze zwischen dem „Drinnen“ und „Draußen“ ist somit undicht, porös. Auch braucht zur gelingenden Umsetzung ihrer Träume in die Realität, wie F. Vidal betont, „jede Gesellschaft [] die Möglichkeit des Kommen und Gehens, was Ernst Bloch an der Bedeutung von Häfen zeigte. Nur so gelangt Fremdes und Neues hinein und hinaus, nur so lässt sich Kultur entwickeln gegen ein selbstbezügliches Abgeschlossensein, was nur zu Verkümmerung und Aggression führen kann.“[40] Bloch zufolge befindet sich der Mensch in einem Grenzraum, der in permanenter dynamischer Bewegung ist, da er stets auf die Zukunft bezogen bleibt. So heißt es bei J. Moltmann: „Blochs Denken will ‚Überschreiten‘ sein, will das Neue, Unbekannte der Zukunft ins Nächste des erlebten Augenblicks holen. Es dient der Praxis, der Erfahrung, der Veränderung. Es fährt wie ein Schiff daher, das ständig seinen Standort wechselt und doch eine invariante Richtung hält. Es ist voller Mystik des dunkel gelebten Augenblicks und hat doch offene Augen für die flüchtigen Begegnungen und Merkwürdigkeiten der Oberfläche. ‚Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste‘, hat Hölderlin gesagt.“[41]

Sehr eindrücklich beschreibt auch Walter Benjamin das Phänomen der „Porosität“ anhand seiner Beobachtungen der Stadt Neapel, ihren zeitlichen, räumlichen und sozialen Verhältnissen.[42] So ist es gerade der Mangel an klaren Grenzen und Beständigkeit, welcher die Stadt am Leben hält und sie durchlässig macht für die vielfältigsten Einflüsse. „Porosität ist das unerschöpflich neu zu entdeckende Gesetz dieses Lebens“[43], schreibt Benjamin. Sie zeige sich in der „Durchdringung von Tag und Nacht, Geräuschen und Ruhe, äußerem Licht und innerem Dunkel, von Straße und Heim“[44], im gegenseitigen Ineinandergreifen von Profanem, Alltäglichem und Religiösem, Altem und Neuem, von Privat- und Gemeinschaftsleben, Subjekt und Objekt. Auch die Architektur spiegelt die Porosität wieder, wie sie Benjamin anschaulich schildert. „Bau und Aktion gehen in Höfen, Arkaden und Treppen ineinander über. In allem wahrt man den Spielraum, der es befähigt, Schauplatz neuer, unvorhergesehener Konstellationen zu werden. Man meidet das Definitive, Geprägte. Keine Situation erscheint so, wie sie ist, für immer gedacht, keine Gestalt behauptet ihr ‚so und nicht anders‘.“[45] Benjamin deutet hier an, was auch Blochs Ästhetik zu vermitteln sucht: Unsere Welt befindet sich als unfertige im offenen Prozess. So bestimmt K. Kufeld in Anlehnung an Benjamin wie auch Bloch die unsere Wirklichkeit bestimmende Porosität als einen dynamischen Grenzraum, in dem gleichsam ein grenzenloses Dasein aufscheint.[46] Was sich nach Bloch nun im Durchdringungsprozess der verschiedenen Sphären aktiv herausbilden kann, sind Vor-Scheine des vom Menschen intendierten vollkommenen Glücks, Antizipationen des utopischen Horizonts, auf den hin sich alles Gewordene transzendiert.

1.2. Der Mensch in der unfertigen Welt

Einmal wird alles gut sein, unsre Hoffnung will es so. Daß alles jetzt schon gut sei, das ist Illusion. (Voltaire, Candide)

Auch der Mensch findet sich eingebunden in das Spannungsverhältnis von objektiver Wirklichkeit auf der einen und verborgener Innenwelt auf der anderen Seite, wobei sein eigentliches Wesen noch aussteht, „nicht als Ge-wesenheit am Anfang, sondern als An-wesenheit herausmanifestiert, einzig am Ende.“[47] Das welthafte Sein in seiner möglichen Wandelbarkeit und das im Subjekt angelegte Vermögen zur Veränderung wie Entfaltung neuer Möglichkeiten sind bei Bloch aufs engste miteinander verbunden.[48] Vom Bewusstsein des Menschen hängt der Verlauf des materiellen Entwicklungsprozesses ab. Er nimmt als das „stärkste Subjekt“[49] eine „Schlüsselstellung“[50] in der Weltgeschichte ein.

Mit den eröffnenden Worten seiner Spuren [51] beschreibt Ernst Bloch die prinzipielle Offenheit des Menschen auf seine noch nicht gefundene Identität hin: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Die Sehnsucht des Menschen nach Vollendung zeigt sich in seinem fortwährenden Streben nach Verwirklichung neuer Möglichkeiten. So umfasst sein jeweiliger Zustand immer nur einen Ausschnitt dessen, was möglich zu sein scheint - eine als schmerzlich empfundene Erfahrung, die den Menschen zugleich auf das hinweist, was er seinem Wesen nach noch sein könnte. Ernst Bloch begreift dieses wahre Wesen, von welchem der Mensch sich in seinem als mangelhaft empfundenen Dasein abgespalten fühlt, wiederum im Unterschied zur traditionellen Metaphysik, als ein selbst noch Unbestimmtes, Noch-Nicht-Bewusstes, das es allererst herauszubringen gilt. „Letztlich sind alle kulturellen Schöpfungen durchtränkt von Noch-Nicht-Bewußtem, woraus die Begründung sich ableitet, dieses darin aufzusuchen und freizulegen. Allerdings ist es nicht so, als ob vom Noch-Nicht-Bewußten aus immer eine Einstrahlung ins Bewußtsein stattfände. Es muß vielmehr aktiviert werden, indem das Bewußtsein sich nach vorn richtet.“[52] Der Mensch ist so in seinem Wesen „nach vorwärts noch offen“[53]. Blochs widersprüchlich scheinende Definition des Menschen als ein „riesiger Behälter voll Zukunft“[54] begrenzt zugleich sein Drängen in die Zukunft hinein und bringt die dialektische Verschränkung von „Innen“ und „Außen“ zum Ausdruck. Der Grund allen Geschehens wie auch das wahre Wesen des Menschen liegt in der Identität des „Innen“ und „Außen“, des Subjekts und Objekts, die um sich selbst nicht weiß, aber gärend und drängend da ist. Die grenzüberschreitende, über sich selbst hinauswachsende Tätigkeit des Menschen wird permanent von ihr angestoßen, damit sie aus dem Dunkel des jeweils gelebten Augenblicks heraustreten und Wirklichkeit werden kann. So eröffnet sich uns innerhalb der von Bloch aufgewiesenen Prozesswirklichkeit ein Horizont des Möglichen[55], den wir unserem Leben zugrunde legen können. Wie leere Krüge, die sich mit immer neuen Gedanken und Formen füllen, liegt die noch unbeschriebene Welt der Zukunft im Menschen verborgen und wartet auf ihre Vollendung. Das menschliche Bedürfnis nach Ungewohntem und Neuem, der ersehnte Stachel der Überraschung und der Genuss, wenn etwas geschieht – all das, so hält Bloch zu Beginn seines Hauptwerkes fest, „läuft letzthin einer erwünschten, einer befreienden Nachricht entgegen. An ihr ist der Inhalt durchaus nicht gleichgültig, sondern er macht das Neue zum Erwarteten, endlich Angelangten, Gelungenen.“[56] Entscheidend ist dabei nach Bloch, das latente Wesen der Welt in seiner tendenzhaften Struktur und nicht als eine in sich abgeschlossene Wirklichkeit zu erkennen. Stets intendiert er eine Überwindung des statisch-abgeschlossenen Seinsbegriffs, wonach das Wesen der Welt schon fertig vorliegt. Anstelle des scheinbar dauerhaften Seins setzt er die Veränderung, den Wechsel und die Bewegung. Indem er das Sein in einen prinzipiell offenen Werdeprozess eingebunden sieht, verkehrt er so das alte Prinzip, auf dem sich die gesamte abendländische Philosophie aufbaut.[57] Wie auch die Dialektik der beiden Wirklichkeitsbereiche gezeigt hat, stellt Bloch den Weltaspekt des Heraufziehenden, seinem Wesen nach noch Unbestimmten in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. Dabei betont er die insbesondere seit Marx mitbedachte Objektbezogenheit des Subjekts.[58] Obgleich Bloch in seinen Schriften immer wieder darlegt, Ausgangspunkt der Erkenntnis sei die Tendenzkenntnis des Menschen und ein damit einhergehendes immanentes Transzendieren, ist damit die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit einer gelingenden Vermittlung, d.h. nach einer dem menschlichen Transzendieren zugrunde liegenden Wesenheit, die alles durchwaltet und das Leben und seine Dynamik zu allererst ermöglicht wie auch erhält, nicht beantwortet.[59]

Bloch scheint es vor allem darum zu gehen, das menschliche Verantwortungsbewusstsein zu schärfen. Der Mensch steht in der Pflicht, die Welt zu verbessern, weshalb es Grund genug dafür gibt, „mit der keineswegs ganz veralteten Gesinnung Candides in den Garten zu gehen, um mitzuarbeiten, in die schwierige Möglichkeit eines Weltgartens.“[60] Dazu muss sich auch der menschliche Kern im Streben und Wünschen nach einem Besseren, ja Vollkommenen erst noch herausbilden. „Der Mensch kann das große Geschäft, das ihm aufgetragen ist, nämlich: eine wirklich menschliche, freie Gesellschaft auf dieser Erde zu schaffen, nur betreiben, wenn er ganz bei sich ist, und eben konkret alles zur Verfügung hat, was ER, der Mensch, der homo absconditus, der Mensch-Gott auf Erden, auf dem alle Last der Verantwortung für das Leben des Menschen und der Welt liegt, in der Einen Weltgeschichte bereits vorgedacht, vorgeträumt, vorgebildet, vorgeschaffen hat.“[61]

Eine allgemein menschliche Eigenschaft ist die ureigenste Sehnsucht, die das Subjekt ganz und gar durchdringt und nur schwer in ein philosophisches System zu fassen ist. Bloch, der dennoch den Versuch unternimmt, diese im Menschen verborgene Produktivkraft denkend zu verstehen, hält fest: „Das Desiderium, die einzig ehrliche Eigenschaft aller Menschen, ist unerforscht. Das Noch-Nicht-Bewußte, Noch-Nicht-Gewordene, obwohl es den Sinn aller Menschen und den Horizont allen Seins erfüllt, ist nicht einmal als Wort, geschweige als Begriff durchgedrungen. Dies blühende Fragengebiet liegt in der bisherigen Philosophie fast sprachlos da. […] Das ungeheure utopische Vorkommen in der Welt ist explizite fast unerhellt.“[62] So gleicht dies ungeheure Gebiet einem dunklen, fruchtbaren Boden, dessen Inhalte, zunächst offen in Form von Erwartung und Hoffnung auf noch ungewordene Möglichkeit, eine Manifestation in der immanenten Wirklichkeit intendieren und schließlich als Weltblüten hervorbrechen können. Da Bloch das vom Menschen ersehnte „utopische Totum“[63] von der Zukunft her begreift, entzieht es sich einem logischen Zugriff, ja ist weder als „Wort“ noch als „Begriff“ fassbar. Es liegt tief im menschlichen Bewusstsein verborgen, in den großen schweigenden Feldern des Noch-Nicht-Bewussten, wo es wahrgenommen und verfolgt werden muss. Einzig die vorauseilenden Phantasiegebilde eines künstlerischen Denkens sind in der Lage, in die sich lediglich blitzhaft andeutende Vollkommenheit vorauszugreifen.[64] „Im Rahmen der antizipierenden Bewußtseinsfunktionen kommt mithin der Kunst der erste Rang zu.“[65] Auf dem Weg des Menschen zur Bewusstwerdung sind Kunstwerke als Bedeutungen der noch hervorzubringenden „Figur der Identität“[66] zu verstehen. Es „offenbart uns das geglückte Kunstwerk, wie solche Identität gemeint sein kann: jedes stimmt mit sich und mit allem anderen überein, nichts weist über die vollendete Gestalt des Werks hinaus, aber alles führt hinein in sie, die sich ständig aus sich selbst weiter entfaltet und anreichert“.[67] Der noch unvermittelte Zielinhalt als immanent gelungene Wirklichkeit will „endlich vermittelt, erhellt und erfüllt, als glücklich-adäquat erfüllt sein.“[68]

2. Zum Tagtraum als „Vorstufe der Kunst“

Der Zwiespalt zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht schädlich, wenn nur der Träumende ernstlich an seinen Traum glaubt, wenn er das Leben aufmerksam beobachtet, seine Beobachtungen mit seinen Luftschlössern vergleicht und überhaupt gewissenhaft an der Realisierung seines Traumgebildes arbeitet. Gibt es nur irgendeinen Berührungspunkt zwischen Traum und Leben, dann ist alles in bester Ordnung. (D . I. Pissarew )

Zielinhalt der menschlichen Sehnsucht ist laut Bloch das Erreichen-, ja das Werdenwollen wie das „Ens perfectissimum“[69]. Daher schreitet der Mensch stets aufs Neue fort, von der Hoffnung zur ihrer Erfüllung, von der Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung. Aus dem Einen entsteht das Andere und ist ein Wunsch, ein Traum erfüllt, so wird auch er rasch abgelöst von einem, der noch auf seine weltliche Konkretwerdung aus ist. „Schon das Kind weiß davon: es baut die Sandburg und wendet sich lustlos von ihr ab, sobald sie vollendet ist. In jeder Erfüllung fehlt das, was in der Arbeit an ihr mit gegenwärtig war: die Aktivität des Subjekts, das sich mit seinem Werk schöpferisch vermittelt.“[70] Da es dem Menschen nicht gelingt, den verspürten Mangel an Sein in der äußeren Wirklichkeit gänzlich aufzuheben, beginnt er Vorstellungen zu entwickeln, die die gegebene Welt, dieses „Gefängnis der Entbehrung“[71] durchbrechen. Das bewusstseinsmäßige Übersteigen der unvollkommenen Wirklichkeit spiegelt sich laut Bloch in den Tagträumen wieder, in denen sich solcherlei Vorstellungen niederlassen, und die somit nach Bloch die Basis utopischen Denkens bilden. „Sie kommen allemal von einem Mangeln her und wollen es abstellen, sie sind allesamt Träume von einem besseren Leben.“[72] Aufgrund ihrer Antizipation eines gelungenen, vollkommenen Seinszustandes und dem Versuch des wesenhaften Ans-Ende-Treiben ihrer Gestalten liegen die Tagträume den Nachtträumen voraus.[73] Denn da sie den Mangel verneinen und das Neue, Bessere erhoffen, sieht Bloch in ihnen die Hoffnung als „verneinte Entbehrung“[74] aktiv werden. Im Gegensatz zum Nachttraum, so Bloch, „vergeistige“[75] der Tagtraum seine Wünsche nicht, sondern intendiere als eine „Fahrt ans Ende“[76] deren Erfüllung in echter Zukunft. „Die Tagphantasie startet wie der Nachttraum mit Wünschen, aber führt sie radikal zu Ende, will an den Erfüllungsort.“[77] Der Tagtraum ist insofern auch ein Tat-Traum, eine Fahrt nach vorwärts, welche Bilder eines Noch-Nicht-Bewussten heraufphantasiert und sie in die Immanenz zu übersetzen versucht.

Die in die Zukunft hineinragenden Träume von einem neuen, besseren Leben manifestieren sich nach Bloch auf ausgezeichnete Weise in der Kunst, was mitunter seinen eigenen expressionistischen Stil erklärt, wie er vor allem für sein Frühwerk Geist der Utopie bestimmend ist. So beschreibt er den Tagtraum „ als Vorstufe der Kunst[78] und nennt dabei ein erstes wichtiges Kriterium seiner Ästhetik, das sich auch im Kontext seiner Religionsphilosophie als wichtig erweisen wird: Die Tendenz zur Weltverbesserung. „Menschen, Situationen werden kraft des zu Ende reitenden Tagtraums in großer Kunst selber bis an ihr Ende getrieben: das Konsequente, ja objektiv Mögliche wird sichtbar.“[79] Als Formen der bewussten Antizipation einer zukünftigen vollkommenen Wirklichkeit intendieren die künstlerischen Gestaltungen nicht Weltflucht, sondern -veränderung. Wer der Geschichte auf den Grund blickt, wird erkennen, dass es dort wimmelt von Wunschbildern[80] und mehr oder minder gelungenen Expeditionsversuchen in das ersehnte Heimatland. Unzählige Beispiele deuten auf die noch ungewordene, ungelungene Zukunft hin. „In den geschichtlichen Erscheinungen der verschiedensten kulturellen Sektoren, wie etwa Kunst, Musik, Philosophie, Sozialutopien, aber auch dem Kultursektor Religion, findet ein prognostisches Ausgreifen, Ausprobieren, Experimentieren in bezug auf diesen unfertigen Tendenzinhalt von Mensch und Welt statt, d.h. eine inhaltliche Vorschau auf das Ende der Geschichte (absoluter Hoffnungsinhalt).“[81] Alle Erscheinungen in Kunst, Religion, Dichtung und Philosophie versteht Bloch als Hindeutungen auf das Endziel, die dazu da sind, Tendenzen für Zukünftiges aufzuspüren und somit utopisches Denken zu wecken. „Besonders in der schöpferischen Arbeit wird eine eindrucksvolle Grenze überschritten, die die Übergangsstelle von einem Noch-Nicht-Bewußten (objekthaft: Noch-Nicht-Gewordenen) bezeichnet. An ihr hebt sich, bei gelingendem Durchbruch, das Land, wo noch niemand war, ja das selber noch niemals war. Das den Menschen braucht, Wanderer, Kompaß, Tiefe im Land zugleich.“[82] Kunstwerke sind demnach als zeichenhafte Ausformungen der Utopie, als künstlerisch experimentierte Sichtbarmachung ihrer nach immanenter Verwirklichung tendierenden Möglichkeit zu begreifen.

Bloch zufolge sind es gerade auch die gelungenen Kunstwerke, welche die Distanz von allem Verwirklichten und der unbedingten Wirklichkeit notieren und derart die unzureichende Verfasstheit alles Gegebenen, auch der uns verfügbaren Sprache und Vernunft wachhalten. Gerade die ästhetische Seite der Blochschen Philosophie überwindet den Anspruch auf eine bereits ausgemachte absolute Wahrheit. Sie ruft dazu auf, die Wahrheit als eine unbedingte Wirklichkeit in allen Dingen zu suchen und zu finden und diese Dinge dennoch nicht mit der Wahrheit gleichzusetzen. Das wahre, noch unvollendete Sein, das im „Dunkel des gelebten Augenblicks“ verborgen liegt und nach seiner Vollendung im Diesseits drängt, so sollen die folgenden Überlegungen beleuchten, ist nur als Zeichen da, das im offenen Werdungsprozess der Welt durch immer neue Zeichen abgelöst und übertroffen werden kann. Dies bedeutet im religionsphilosophischen Kontext – soviel sei hier vorweggenommen – dass die theologisch affirmative Redeweise von Gott in ihren dogmatischen Verhaftungen den Zeichen- und Zukunftscharakter von Wahrheit verfehlt und damit das ursprüngliche, nicht statische Wesen von Religion aus dem Auge verliert. So verweist vor allem P. Steinacker auf die Möglichkeit eines neuen Dialogfeldes zwischen Blochs Philosophie und der Theologie auf Grundlage der ästhetischen Seite seines Denkens, wie sie unter anderem im Medium des Zeichens zum Ausdruck kommt. „Auf dieser Ebene könnte die kritische Rezeption vielleicht weiter gehen, ohne sich gleich in dogmatisch sicher notwendigen Kontroversen zu verfangen.“[83] Diese „Spur möglicher Rezeption“, wie sie laut Steinacker „durch die religionsphilosophischen und die (meta)-religiösen Argumente unbeachtet blieb“[84], soll auch in der vorliegenden Studie aufgenommen werden. Zunächst wird es vorwiegend darum gehen, anhand einer Darstellung der von Bloch entwickelten ästhetischen Kriterien[85] die Relevanz der Ästhetik in Blochs Denken noch deutlicher hervortreten zu lassen, um darüber hinaus erste Berührungspunkte mit seiner Religionsphilosophie sichtbar werden zu lassen. Diese gilt es dann im darauffolgenden Abschnitt näher zu entfalten.

II Die Ästhetik im Denken Blochs und das mit „Gott“ Gemeinte

Das Morgen im Heute lebt, es wird immer noch nach ihm gefragt, Glück, Freiheit, Nicht-Entfremdung, Goldenes Zeitalter, Land, wo Milch und Honig fließt, das Ewig-Weibliche, Trompetensignal im Fidelio und das Christförmige des Auferstehungstags danach: es sind so viele und verschiedenwertige Zeugen und Bilder, doch alle um das her aufgestellt, was für sich selber spricht, indem es noch schweigt. (Ernst Bloch, Über Karl Marx)

1. Blochs ästhetische Kriterien und ihre theologische Relevanz

Nach Blochs Verständnis ist das Kunstwerk konkret utopisch, da es sich auf „die Inhalte einer Zukunft, die zu seiner Zeit noch nicht erschienen waren, ja letzthin auf die Inhalte eines noch unbekannten Endzustandes“[86] bezieht. Bezüglich der Verwirklichung qualitativ neuer, utopischer Inhalte stellt sich allerdings die zu erforschende Frage, wie dieses Ungewordene, noch im „Dunkel“ Liegende, also selbst noch Unerforschte aus der bereits bestehenden Welt und ihren gewordenen Zusammenhängen herausbrechen[87], und überdies mit traditionellen Denkmitteln begriffen und zum Ausdruck gebracht werden kann. Hierbei spielt die Phantasie bei Bloch eine wesentliche Rolle. „Die Bewusstseinsfunktion, in der sich die Aktivierung des Noch-Nicht-Bewussten vollzieht, ist die Phantasie.“[88] Jeder Überstieg über die empirisch gegebene Wirklichkeit, der von Bloch als entscheidender Schritt gefordert wird, geschieht mittels der Phantasie. Als eines der ästhetischen Kriterien Blochs vermittelt sie den Prozesscharakter von Erkenntnis, der in allen Bewusstseinsinhalten, vor allem aber im Denken und künstlerischen Schaffen zu Tage tritt. Blochs Erhebung der Phantasie zum Erkenntnismedium zeugt von einem Denken, in welchem Ästhetik und Philosophie kollaborieren. Wie F. Vidal aufzeigt, ist die Ästhetik nicht nur ein Teil seiner Philosophie, sondern „entscheidendes Moment“[89] darin. Philosophisches Denken und künstlerische Ausdrucksweise sind bei Bloch eng miteinander verwoben; der Inhalt seiner Philosophie und die Gestaltungen der Kunst ihrer Intention nach verwandt, aber auch wechselseitig aufeinander verwiesen.

[...]


[1] W. Pannenberg, Die Frage nach Gott 1965, S. 361-386, in: Grundfragen systematischer Theologie, Göttingen 1967, hier: 361.

[2] W. Pannenberg, Der Gott der Hoffnung, 1965, S.387-398, in: Grundfragen systematischer Theologie, Göttingen 1967, S. 388.

[3] Vgl. PH, S. 523-546.

[4] Vgl. PH, S. 547-729.

[5] Vgl. PH, S. 729-817. Im Kontext der technischen Utopien schildert Bloch die ursprüngliche Funktion von Technik als Verlängerung der menschlichen Gliedmaßen mittels der Werkzeuge. Auch Technik kann in den Dienst der Utopien gestellt, und die Natur im angemessen Umgang mit ihr für den Menschen fruchtbar gemacht werden, wie dies mit Francis Bacon begann, der sich von der Technik eine Erlösung des menschlichen Elends erhoffte. Doch sei die Beziehung zum menschlichen Subjekt mit der heutigen Technik kaum mehr gegeben. Vgl. PH, S. 777.

[6] Vgl. PH, S. 819-929.

[7] Zu den künstlerischen Utopien vgl. PH, S. 929-1086, zu den Religionen S. 1392-1628. Auch die göttliche Vollkommenheit ist bei Bloch gleichbedeutend mit der utopischen Realität.

[8] Nach Bloch ist das Noch-Nicht-Bewusste ein Vorbewusstes „des Kommenden, der psychische Geburtsort des Neuen“. PH, S. 132. Damit grenzt er sich ab vom Freudschen Begriff des „Unbewussten“, das als Vergessenes oder Verdrängtes kein Neues, Heraufkommendes in sich birgt, sondern lediglich in Erinnerung ruft. Dazu siehe PH, S. 129ff.

[9] PH, S. 143.

[10] PH, S. 5.

[11] Bloch versteht die docta spes als einen Akt, der zur Erkenntnis führt, einen „ Richtungsakt kognitiver Art “ (PH, S. 10), da er den Tagträumen ihre Richtung gibt. Von der abstrakten Hoffnung unterscheidet sich diese fundierte Hoffnung, indem sie das menschliche Transzendieren der gegebenen Gegenwart auf ein noch mögliches, erfüllteres Dasein hin kennzeichnet, wie es seinen Höhepunkt in Helden- und Heiligengeschichten erreicht. Auch die Kunst steht in einer Wechselbeziehung zu solcher Hoffnung, da sie anschaulich wahrnimmt und vorwegnimmt, was die Hoffnung als Möglichkeit impliziert. Der künstlerische Genius "vermag die Hoffnung zu bebildern und anschaulich zu konkretisieren und sie solchermaßen zu erhellen. Und zugleich gilt: Kunst wird von der Hoffnung getragen, insofern Hoffnung als docta spes selbst objektiv ausgerichtet ist." W. Schulz, Metaphysik des Schwebens. Untersuchungen zur Geschichte der Ästhetik. Pfullingen 1985, S. 78.

[12] Die einzige ausführlichere Darstellung und Interpretation der Elf Thesen Marx über Feuerbach finden sich im PH, S. 288-334.

[13] PH, S. 237.

[14] NR, S. 311.

[15] Ebd.

[16] NR, S. 312. Gemeint ist damit seine Meta-Religion, auf die ich in III.2. noch zu sprechen komme. Blochs Verhältnis zum Marxismus behandelt ausführlich: H. Kimmerle, Die Zukunftsbedeutung der Hoffnung, Bonn 1974. Bloch weiß die Leistungen des Marxismus zu schätzen, doch gibt es seiner Ansicht nach das menschliche Wesen und sein metaphysisches Bedürfnis betreffende Angelegenheiten, welche die bloße Überwindung der ökonomischen Entfremdung übersteigen. Demnach reicht Marx‘ Religionskritik nicht an den eigentlichen Kern der Religion heran. Würde dieser sich allein in der Auflösung gesellschaftlicher Widersprüche erschöpfen, wäre damit das Endziel der Geschichte erreicht. Dabei handelt es sich aber gerade nach Blochs ontologischem Ansatz des Noch-Nicht-Seins um ein dem Menschen Unbekanntes.

[17] E. R. von Diersburg, Zur Ontologie und Logik offener Systeme. Ernst Bloch vor dem Gesetz der Tradition, Hamburg 1967, S. 4. (Hervorhebungen durch die Verfasserin)

[18] H. Holz, Logos spermatikos. Ernst Blochs Philosophie der unfertigen Welt, Darmstadt 1975, S. 117.

[19] TE, S. 340.

[20] Das Verhältnis des Blochschen expressiven Denkens, auf dem der Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung liegen wird, zu seinem ontologischen Systemdenken hat E. Simons problematisiert: Das expressive Denken Ernst Blochs. Kategorien und Logik künstlerischer Produktion und Imagination, München 1983. Wie Simons darstellt, zeichnet sich im Gesamtwerk Blochs eine Entwicklung ab, vom expressiven und imaginativen Denken, wie es v.a. für sein Frühwerk Geist der Utopie von 1918 bestimmend ist, hin zum ontologischen und geschichtsmaterialistischen Systemdenken, das sich dann überwiegend im Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung (1954-56) vorfindet und seinen expliziten Höhepunkt in der Kategorienlehre von Experimentum Mundi erreicht. Das „Problem des Zusammenhangs (bzw. Nichtzusammenhangs) von ontologischem und expressiven Denken“ (Ebd., S. 124) bei Bloch kann im Rahmen dieser Arbeit nicht ausführlich behandelt werden, soll aber immer wieder durchscheinend und im Kontext der im letzten Abschnitt dargestellten Vermittlungsproblematik fruchtbar gemacht werden. Vorwiegend wird der Schwerpunkt dieser Arbeit jedoch auf der ästhetischen Seite der Blochschen Metaphysik liegen, ohne freilich dabei die bestehende Gegenläufigkeit insbesondere zur späteren Ausrichtung seiner Philosophie leugnen zu müssen.

[21] TE, S. 356.

[22] TE, S. 353.

[23] AC, S. 96.

[24] K.-P. Steinacker-Berghäuser, Das Verhältnis der Philosophie Ernst Blochs zur Mystik, Marburg 1973, S. 245.

[25] Auf das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ werde ich noch ausführlich zu sprechen kommen.

[26] Zu Blochs innerweltlichen Transzendenzvorstellung vgl. M. Eckert, Transzendieren und immanente Transzendenz, Wien 1981, auf die im Laufe der Arbeit wiederholt Bezug genommen wird. Eckert entwickelt für den von Bloch als „Transzendenz ohne Transzendenz“ beschriebenen Zielinhalt menschlichen Transzendierens den positiven Begriff der künftigen „immanenten Transzendenz“ und weist in Blochs Philosophie aufgrund ihres besonderen Verständnisses von Transzendenz als Zukunft eine spezielle Umformung der traditionellen Zwei-Welten-Theorie in seine „Zweiseitentheorie“ auf. Zur Verschränkung der Innen- und Außenseite siehe folgendes Kapitel.

[27] TE, S. 216.

[28] PH, S. 271. Blochs Kategorie des „objektiv-real Möglichen“, die er von drei weiteren Schichten der Möglichkeit abhebt (Vgl. dazu PH, S. 258-278), findet er im Aristotelischen Materiebegriff (dynamei on) vorgebildet, entwickelt diesen aber weiter. Zu Blochs Materiebegriff vgl. A. Jäger, Materie und Prozeß 1969, S. 306-325, in: Materialien zu Ernst Blochs ‚Prinzip Hoffnung‘, hg. v. B. Schmidt, Frankfurt a. M. 1978. Zum Zusammenhang von Materie und Möglichkeit bei Bloch vgl. Eckert, Transzendieren, S. 31-38. Materie ist nach Bloch nicht nur mechanisch, sondern selbsttätig sich entfaltendes „In-Möglichkeit-Sein“, hat also selbst utopischen Charakter. In den mannigfaltigen und immer neu entstehenden Manifestationen der „nach vorwärts“ (PH, S. 241) drängenden Materie, spiegelt sich laut Bloch die Offenheit unserer Wirklichkeit und der in ihr verborgene Zielinhalt des „Totum“ wieder. Blochs Versuch, die Utopie in der Materie zu begründen, verstrickt sich in eine Reihe von Problemen und Aporien, die im Rahmen dieser Arbeit nur teilweise angerissen, aber nicht annähernd adäquat behandelt werden können. Wie wir v.a. an seiner Ästhetik noch genauer sehen werden, hält Bloch „einerseits mit der ganzen Leidenschaft utopischen Denkens daran fest, daß es [das objektiv real Mögliche] nicht historisch und empirisch gegenständlich sein kann: es ist Gegenstand der Hoffnung, es steht noch aus und kann darum nicht im Reich der facta angesiedelt werden; der Prozeß ist noch nirgends gewonnen. Andererseits aber ontologisiert er dieses Noch-Nicht: das nur zu Erhoffende soll auch realiter im Kommen sein; Schoß im Nicht, Substanz des Wozu.“ W.-D. Marsch, Nach-idealistische Erneuerung von Teleologie. Bloch: Der homo absconditus auf der Suche nach Identität, 1969, S. 493-502, in: Materialien, hier: S. 497. Mit dem Problem der Aufhebung göttlicher Potenz in die Potentialität der Materie befasst sich M. Eckert, Transzendieren, S. 31ff.

[29] PH, S. 334.

[30] PH, S. 335.

[31] Ebd.

[32] Bloch, Tendenz-Latenz-Utopie, Frankfurt a.M. 1978, S. 124.

[33] AC, S. 46. Das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ kann daher als metaphysisches Zentrum im Blochschen Denken gelten und ist somit für Kunst wie auch Religion von entscheidender Wichtigkeit. Im Verlauf der Untersuchung wird v.a. auch seine theologische Relevanz noch näher betrachtet werden. Mit Blick auf dieses „Dunkel“ wird dann im letzten Abschnitt dieser Arbeit die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit einer Übertragung der inwendigen in die auswendige Wirklichkeit zu erörtern sein.

[34] PH, S. 346.

[35] W. Schulz, Metaphysik des Schwebens. Untersuchungen zur Geschichte der Ästhetik. Pfullingen 1985, S. 75.

[36] Eckert, Transzendieren, S. 13. Wie bereits in Anlehnung an M. Eckert erwähnt wurde, kann bei Bloch auch von „immanenter Transzendenz“ gesprochen werden, da sein Begriff der „Transzendenz ohne Transzendenz“ auf die zukünftige Vollendung der Immanenz abzielt, auf die hin sich alles Gewordene transzendiert. Dennoch stellt sich auch hier erneut die Frage nach der Möglichkeit einer Vermittlung immanenter Transzendenz, insofern diese sich in der Unmittelbarkeit im „Dunkel des gelebten Augenblicks“ einem menschlichem Zugriff entzieht. Der Frage nach der „Aufhebung der unverfügbaren Grenze, in der die endgültige Vermittlung des ‚Innen‘ und des ‚Außen‘ gelingen soll“ (Eckert, S. 14) wird in III.3. nachzugehen sein.

[37] PH, S. 241.

[38] TE, S. 90.

[39] TE, S. 91.

[40] F. Vidal, Lassen Träume Mauern stürzen? S. 7-13, in: Träume gegen Mauern. Bloch-Jahrbuch 2009, hg. v. Francesca Vidal, Mössingen-Talheim 2009, hier: S. 9.

[41] J. Moltmann, Die Apokalyptik im Messianismus, 1967, S. 482-493, in: Materialien, S. 485.

[42] Bloch selbst bezieht sich auf Benjamins Schrift in seinem Aufsatz „Italien und Porosität“ von 1925, in: LA, S. 508-115.

[43] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, IV, hg. v. R. Tiedemann und H. Schweppenhäuser, Denkbilder, Frankfurt a. M. 1972, S. 311.

[44] Ebd., S. 315.

[45] Ebd., S. 310. Bezüglich der Architektur betont auch Bloch stets den Unterschied zwischen „ägyptisch Geordnetem und unstatisch Exodushaftem“ (EM, S. 204), wobei die gotische Architektur mit ihren offenen, aufbrechenden Formen und dem Archetyp Lebensbaum – konträr zur anorganischen Geschlossenheit der Pyramide - für Letzteres steht.

[46] „Das Poröse ist zu gestaltender Raum in Permanenz und zwar in der Aufhebung des Widerspruchs zwischen Draußen und Drinnen.“ K. Kufeld, Über Porosität. Oder: Die Grenze als Raum, S. 217-222, in: Träume gegen Mauern, hg. v. F. Vidal, hier: S. 222.

[47] TE, S. 299.

[48] Auch entsprechen die beiden Sphären nach Bloch der psychologischen Unterscheidung von intro- und extrovertiertem Typ, „als transzendentales Grübeln hier, als stoffhaltiger Weltblick dort.“TE, S. 32. Gleichsam überträgt sich das Innen-Außen-Verhältnis auf die Sprache, wenn sie sich Bilder bedient wie etwa dem des seufzenden Windes oder der in die Höhe strebenden Säule. „Gewiß, nur als unser eigener gereckter Leib strebt die Säule in die Höhe, als unsere eigenen Unlustlaute tönen die chromatischen Windlaute melancholisch.“ TE, S. 34. Die Bedeutung der Metapher in Blochs Sprache wird an späterer Stelle noch eingehender behandelt.

[49] TE, S. 266.

[50] TE, S. 266.

[51] Spuren, Frankfurt a. M. 1978.

[52] H. Holz, Logos spermatikos, S. 86. Zur anthropologischen Bewusstseinsstruktur vgl. S. 80-87 bei Ebd.

[53] AC, S. 119.

[54] PH, S. 135.

[55] „Am vertrautesten lässt sich das utopisch Wirkliche noch ein Sein der Möglichkeit nennen, mit Enklaven der Gärung auch noch im Geworden-Sein, mit einem Horizont des Neuen rings ums Land dieses Geworden-, ja Manifestiert-Seins insgesamt.“ TE, S. 294.

[56] PH, S. 44.

[57] Näheres zu Blochs Kritik des Dualismus am Bsp. der platonischen Ideenlehre und ihren Auswirkungen in der philosophischen Nachwelt in: TE, S. 285ff.

[58] Nur in der praktischen Verwirklichung, die nach Bloch durch die jeweilige historisch bestehende Gesellschaftsform begrenzt werde, könne die Entfremdung aufgehoben werden und der Mensch zu sich selbst gelangen. Die Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit einer Objektivierung des menschlichen Wesens ist jedoch letztlich nicht auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelt, sondern unterliegt der Vermittlungsproblematik des unmittelbaren Augenblicks, die bei Bloch in die Aporie des „Sprungs“ mündet. Dieses Kernproblem der Blochschen Ontologie erörtert M. Eckert, Transzendieren, S. 129ff. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und der Versuch ihrer Überwindung finden ihren Niederschlag in allen Ausdrucksformen der Ästhetik, so auch in der humoristischen Epik, wie sie in II. 3. an Thomas Bernhards Korrektur beispielhaft erläutert wird.

[59] In der gegenwärtigen Philosophie ist eine zwiespältige Entwicklung festzustellen. Einerseits herrscht die nachmetaphysische Philosophie in der indirekten Nachfolge D. Humes, welche die Letztfragen nach den Bedingungen der Möglichkeit des Ganzen, der Welt und des Menschen nicht mehr stellt und somit den bisherigen metaphysischen Gesamtrahmen aufgehoben hat. Andererseits gibt es Ansätze philosophischer Theologie, die eben diese Letztfragen aufnehmen und damit die ursprüngliche Einheit von Vernunft und Glaube zu bewahren versuchen. Entsprechend geht es auch in der vorliegenden Untersuchung darum, ein echtes Dialogfeld zwischen der Theologie und Blochs Philosophie zu erschließen, das vorwiegend in der Aufnahme seiner Ästhetik, genauerhin seiner Symboltheorie sowie seiner expressiven Denk- und Ausdrucksweise bestehen könnte.

[60] TE, S. 298. Auch Voltaire ließ sich nicht besänftigen durch einen leichtfertigen Glauben zugunsten eines Systems, das die bestehende Welt als fremdbestimmte und nicht veränderbare auffasst. Er richtet sich gegen das Bild unserer Welt als die „beste aller Welten“ und entlarvt den von Leibniz, wie auch von Wolff und Pope vertretenen Optimismus als Illusion. Im eigentlichen Kern aber, so D. Hildebrandt, geht es nicht um den Kampf des Pessimisten gegen den Optimisten, des Skeptikers gegen den Leichtgläubigen, sondern „um die Konfrontation von Illusion und Hoffnung, um den Konflikt von Schönfärberei und Wahrhaftigkeit […] Wenn alles schon seine Richtigkeit hat, kann man nicht erwarten, daß es je richtig gemacht werde“. D. Hildebrandt, Voltaire, Candide. Dichtung und Wirklichkeit, Frankfurt a.M., Berlin 1963, S. 22.

[61] Friedrich Herr, Ein Denker des Menschen, 1960, S. 475-481, in: Materialen, hier: S. 476. Zu dem Vorgeträumten und Vorgebildeten zählen auch die großen Weltreligionen, deren unersetzliches Gedankengut auf die Utopie und ihr Reich der Freiheit hindeuten soll. Trotz der eingeforderten Realisierungsmöglichkeit des utopischen Endziels basiert Blochs Utopiebegriff auf einer prinzipiellen Offenheit des Weltprozesses. Das Ende der Geschichte soll ebenso offen bleiben wie ihr latentes Wesen. „Das Ziel insgesamt ist und bleibt noch verdeckt, das Überhaupt des Willens und der Hoffnung noch ungefunden, im Agens des Existierens ist das Licht seiner Washeit, seines Wesens, seines intendierten Grundinhalts selber noch nicht aufgegangen, und doch steht das Nunc stans des treibenden Augenblicks, des mit seinem Inhalt erfüllten Strebens utopisch-deutlich voran.“(PH, S. 1628) Darin unterscheidet sich Blochs Hoffnungsbegriff wesentlich von der christlichen Hoffnung. Denn während die christliche Hoffnung ihren Ausgang – das Kommen Christi - kennt, impliziert Blochs Hoffnung die Möglichkeit des Scheiterns.

[62] PH, S. 4.

[63] PH, S. 241. Nach Blochs Religionsphilosophie stimmt der ersehnte Zielinhalt des „Totums“ mit dem Inhalt des Gottesreiches überein. Überhaupt interpretiert Bloch alle biblischen Bilder als versuchte Umkreisungen der gelungenen Subjekt-Objekt-Identität und somit als Chiffren und „Realsymbole“ der Zielidentität.

[64] Wie sich noch näher zeigen wird, spielt innerhalb dieses Verwirklichungsprozesses, den Bloch nach seinem Begriff der konkreten Utopie durchaus für möglich hält, die Phantasie eine entscheidende Rolle. Sie ist eng verknüpft mit dem noch unerforschten Desiderium.

[65] H. Holz, Logos spermatikos, S. 199.

[66] PH, S. 1549.

[67] H. Holz, Logos spermatikos, S. 117.

[68] PH, S. 15.

[69] PH, S. 1414.

[70] H. Holz, Einsatzstellen der „Ontologie des Noch Nicht-Seins“, S. 263-291, in: Materialien, hier: S. 272.

[71] PH, S. 84.

[72] PH, S. 85.

[73] Vgl. PH, S. 96-111.

[74] PH, S. 86.

[75] PH, S. 107.

[76] PH, S. 107.

[77] PH, S. 107.

[78] PH, S. 106.

[79] PH, S. 106. Zu Blochs Verständnis der Kunstwerke als weltverbessernde Phantasiegebilde vgl. PH, S. 110: „Die weltverbessernde Phantasie landet in ihnen nicht bloß dergestalt, daß alle Menschen und Dinge an die Grenzen ihrer Möglichkeit getrieben werden, all ihre Situationen ausgeschöpft und durchgestaltet. Vielmehr ist jedes große Kunstwerk, außer seinem manifesten Wesen, auch noch auf eine Latenz der kommenden Seite aufgetragen, soll heißen: auf die Inhalte einer Zukunft, die zu seiner Zeit noch nicht erschienen waren, ja letzthin auf die Inhalte eines noch unbekannten Endzustandes.“

[80] Als „Wunschbild“ (PH, S. 51) bezeichnet Bloch jede die vorhandene Wirklichkeit transzendierende Zielvorstellung, die es nach Möglichkeit mit der äußeren Wirklichkeit zu vermitteln gilt. Bloch hat die ganze Bandbreite der Wunschbilder aufgeführt, welche im Rahmen dieser Arbeit nicht einzeln besprochen werden können. Dabei bezieht er sich auf die verschiedensten anthropologischen Befunde, welche sämtlich in Das Prinzip Hoffnung dargelegt sind. Siehe v.a. ab S. 395.

[81] E. Kruttschnitt, Ernst Bloch und das Christentum, Der geschichtliche Prozeß und der philosophische Begriff der "Religion des Exodus und des Reiches", Mainz 1993, S. 392.

[82] TE, S. 217f.

[83] P. Steinacker, Der verkleinerte Held – Gott in höchster Menschennähe. Überlegungen zur Wirkung Blochs auf die Christologie, S. 186-210, in: Ernst Blochs Vermittlungen zur Theologie (Fundamentaltheologische Studien Nr. 6), hg. v. H. Deuser und P. Steinacker, München/ Mainz 1983, S. 201.

[84] Ebd., S. 201.

[85] Obzwar Blochs Ästhetik nicht in Form einer einheitlichen Untersuchung vorliegt, erschließt sie sich dem Leser im Zusammentragen der innerhalb seines Gesamtwerkes verstreuten, mehr oder weniger knapp gehaltenen Ausführungen. Deren hohen Stellenwert in Blochs Philosophie belegt nicht zuletzt seine eigene metaphorische Sprache und die häufige Auseinandersetzung mit Metaphern, Symbolen und Chiffren aus den Bereichen Kunst, Religion und Natur. Eine Analyse der ästhetischen Kriterien in ihrem speziellen Zusammenhang mit Blochs Literarischen Aufsätzen hat H. Wiegmann vorgenommen, auf den u.a. im Folgenden Bezug genommen wird. Vgl. H. Wiegmann, Ernst Blochs ästhetische Kriterien und ihre interpretative Funktion in seinen Literarischen Aufsätzen, Bonn 1976.

[86] PH, S. 110.

[87] Im letzten Abschnitt dieser Arbeit wird diese Frage noch einer gesonderten Betrachtung unterzogen.

[88] H. Holz, Logos spermatikos, S. 86.

[89] F. Vidal, Kunst als Vermittlung von Welterfahrung. Zur Rekonstruktion der Ästhetik von Ernst Bloch, Würzburg 1994, S. 16. Ihre Arbeit stellt den Versuch dar, mittels der ästhetischen Erfahrung - dem Erfahrungsbegriff Jauß‘ folgend - einen Zugang zu Blochs Philosophie zu gewinnen.

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Metaphern im Prozess in Kunst und Religion. Zur Ästhetik im Denken Ernst Blochs und ihrer theologischen Relevanz
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
89
Katalognummer
V208698
ISBN (eBook)
9783668677715
ISBN (Buch)
9783668677722
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
metaphern, prozess, kunst, religion, ästhetik, denken, ernst, blochs, relevanz
Arbeit zitieren
Anne Debora Föttinger (Autor), 2011, Metaphern im Prozess in Kunst und Religion. Zur Ästhetik im Denken Ernst Blochs und ihrer theologischen Relevanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208698

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