Die vorliegende Pilotstudie greift Erkenntnisse und Methoden der Psychotherapie-Forschung auf und überträgt diese auf den Coachingkontext. Untersucht werden die von Coachs und Klienten berichteten Erfolgsfaktoren und Auswirkungen von veränderungsrelevanten Ereignissen im Coaching, sowie deren Ziele. In einem längsschnittlichen qualitativen Design wurden zwei Coach-Klient-Dyaden über den Coachingverlauf hinweg begleitet. Anhand des Interpersonal Process Recall wurden die Sitzungen auf Tonband aufgezeichnet. Den Studienteilnehmern wurden die für sie relevanten Passagen im Anschluss an die Coachings erneut vorgespielt, sie wurden mit Hilfe halbstandardisierter Interviews befragt. Es wurden insgesamt 44 veränderungsrelevante Ereignisse berichtet. Die Coachs erkannten 60% der von den Klienten als relevant erachteten Ereignisse. Die inhaltsanalytische Auswertung der Interviews erbrachte sehr detaillierte Beschreibungen der Ziele sowie relevanter Erfolgsfaktoren und Auswirkungen. Der systematische Vergleich der Aussagen ergab unter anderem, dass die Klienten überwiegend die Lösung konkreter Probleme zum Ziel hatten und erst im Verlauf das Potenzial der Persönlichkeitsentwicklung erkannten, auf die die Coachs von Anfang an stärker abzielten. Als Erfolgsfaktoren wurden Rahmenbedingungen, die Beziehungsqualität sowie Kompetenzen und Haltung des Coachs genannt. Prozesssteuernde Elemente wie eine ganzheitliche Herangehensweise und der Einsatz von Methoden wie Psychoedukation und Visualisierungen wurden als bedeutsam erachtet. Selbstreflexion und die Erarbeitung von Zusammenhängen waren von zentraler Bedeutung. Weiterhin waren Ressourcenaktivierung, Einstellungsarbeit und die Bereitstellung konkreter Umsetzungsmethoden ausschlaggebend. Auswirkungen fanden sich auf emotionaler, kognitiver, beruflicher und Transferebene und in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung. Klienten nannten insgesamt mehr Auswirkungen als Coachs, das umgekehrte Muster zeigte sich bei den Erfolgsfaktoren. Der Interpersonal Process Recall kann in Forschung und Praxis gewinnbringend eingesetzt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Begriffsklärung von Coaching
2.1.1 Definition von Coaching.
2.1.2 Abgrenzung von anderen Interventionsformen.
2.2 Aktueller Stand der Forschung
2.2.1 Ergebnisse der Wirksamkeitsforschung.
2.2.2 Das Strukturmodell der Wirkungen beim ergebnisorientierten Einzelcoaching von Greif (2008).
2.2.3 Das systemische Wirkmodell von Offermanns (2004).
2.2.4 Die vier Berner Wirkfaktoren nach Grawe (2000).
2.2.5 Der Zusammenhang zwischen Wirkfaktoren und Auswirkungen im Coaching.
2.2.6 Veränderungsforschung in der Psychotherapie.
2.2.7 Qualitative Untersuchungen zu Wirkfaktoren und Auswirkungen von Coaching.
2.3 Zielsetzung der Diplomarbeit
3 Methode
3.1 Paradigma qualitativer Forschung
3.2 Vorannahmen der Forscherin
3.3 Untersuchungsdesign
3.4 Setting und Durchführung der Untersuchung
3.4.1 Datenerhebung.
3.4.2 Stichprobe.
3.5 Erhebungsmethode
3.5.1 Das fokussierte Interview nach Merton und Kendall (1946).
3.5.2 Beschreibung des Interviewleitfadens.
3.6 Aufbereitung und Auswertung der Daten
3.6.1 Transkription der Interviews.
3.6.2 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2003).
3.6.3 Gütekriterien qualitativer Forschung.
3.6.4 Ethische Aspekte.
4 Ergebnisse
4.1 Zusammenfassung der Coachings
4.2 Analyse der veränderungsrelevanten Ereignisse
4.3 Ziele und deren Veränderung im Coachingprozess
4.3.1 Ziele der Coachs.
4.3.2 Ziele der Klienten.
4.3.3 Vergleich der Ziele.
4.4 Erfolgsfaktoren der Coachings
4.4.1 Erfolgsfaktoren der Coachings aus der Sicht der Coachs.
4.4.2 Erfolgsfaktoren der Coachings aus der Sicht der Klienten.
4.4.3 Erfolgsfaktoren der Coachings – Vergleich der Sichtweisen.
4.5 Auswirkungen der Coachings
4.5.1 Auswirkungen der Coachings aus der Sicht der Coachs.
4.5.2 Auswirkungen der Coachings aus der Sicht der Klienten.
4.5.3 Auswirkungen der Coachings – Vergleich der Sichtweisen.
5 Diskussion
5.1 Interpretation und Diskussion der qualitativen Ergebnisse
5.1.1 Veränderungsrelevante Ereignisse.
5.1.2 Ziele von Coachs und Klienten.
5.1.3 Erfolgsfaktoren der Coachings.
5.1.4 Auswirkungen der Coachings.
5.2 Kritische Methodenbewertung
5.3 Praktische Relevanz und Implikationen
5.4 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht in einer explorativen, längsschnittlichen qualitativen Pilotstudie die Wahrnehmungen von Coachs und Klienten hinsichtlich veränderungsrelevanter Ereignisse im Coachingprozess. Das Ziel ist es, durch einen direkten Vergleich die Ziele, Erfolgsfaktoren und Auswirkungen dieser Ereignisse herauszuarbeiten und die Übertragbarkeit von Konzepten aus der Psychotherapieforschung auf den Coachingkontext zu evaluieren.
- Vergleich der subjektiven Wahrnehmungen von Coachs und Klienten.
- Anwendung des Interpersonal Process Recall (IPR) als Methode zur Erhebung veränderungsrelevanter Ereignisse.
- Analyse der Ziele und deren Veränderung über den Coachingverlauf hinweg.
- Identifikation von Erfolgsfaktoren und Auswirkungen aus einer prozessorientierten Perspektive.
- Explorative Untersuchung der Prozessgestaltung und -steuerung durch den Coach.
Auszug aus dem Buch
2.2.6 Veränderungsforschung in der Psychotherapie.
In der Psychotherapieforschung wie in der Coachingforschung wird in quantitativen Designs, die die Prozesse und Auswirkungen ganzer Therapien bzw. Coachings untersuchen, die Annahme eines homogenen Prozesses zugrunde gelegt. Da in der Therapieforschung jedoch zum Teil konträre Befunde über Wirkungsweisen von Interventionen vorliegen, entwickelte sich seit den 1980er Jahren zunehmend ein Paradigma, das die zugrundeliegenden Prozesse auf einer größeren Detailebene, nämlich der Ebene einzelner Sitzungsabschnitte untersuchte (Rice & Greenberg, 1984). Da sich zusätzlich herausstellte, dass es keinen psychotherapeutischen Ansatz gab, der den anderen signifikant in seiner Wirksamkeit überlegen war, fokussierten die Forscher deshalb auf die Ereignisse innerhalb der unterschiedlichen Therapieschulen und Sitzungen, die sich für die Patienten als besonders hilfreich herausstellten.
Für die Erkundung dieser als significant change events bezeichneten Sitzungsabschnitte stellte Elliott (1984) eine explorative, entdeckende Herangehensweise vor. Dieses als „discovery-oriented approach to significant change events“ (S. 249) beschriebene Vorgehen basiert auf vier grundlegenden Annahmen (S. 250-252):
1. “An important place to begin research on psychotherapeutic processes is with the experiences and perceptions of the participating clients and therapists.”
Bei diesem phänomenologischen Ansatz gelten die beteiligten Personen als Experten. Wenn auch davon auszugehen ist, dass unterbewusst und vorbewusst ablaufende Prozesse nicht wahrgenommen werden, sind ihre Sichtweisen entscheidend, da eine Einschätzung der subjektiven Zufriedenheit beispielsweise auf den Erfahrungen während der Coachings basiert. Dieser Ansatz kann später ergänzt werden durch Beobachter-Ratings.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz von Coaching als Personalentwicklungsinstrument ein und begründet die Notwendigkeit explorativer Forschung zur Wirksamkeit und Prozessgestaltung.
2 Theoretischer Hintergrund: Es wird ein Überblick über Coaching-Definitionen, den Stand der Forschung sowie gängige Wirkmodelle aus der Psychotherapie- und Coachingforschung gegeben.
3 Methode: Dieses Kapitel erläutert das explorative, qualitative Forschungsdesign, die Datenerhebung mittels Interpersonal Process Recall und die Auswertung durch die Qualitative Inhaltsanalyse.
4 Ergebnisse: Die Untersuchung präsentiert die empirischen Befunde zu Zielen, Erfolgsfaktoren und Auswirkungen, jeweils getrennt für Coachs und Klienten, und vergleicht diese miteinander.
5 Diskussion: Die Ergebnisse werden interpretiert, kritisch gewürdigt, in den theoretischen Kontext eingeordnet und Implikationen für die praktische Coaching-Anwendung diskutiert.
Schlüsselwörter
Coaching, veränderungsrelevante Ereignisse, Wirkfaktoren, qualitative Forschung, Interpersonal Process Recall, Coachingprozess, Selbstreflexion, Ergebnisqualität, Prozessqualität, Psychotherapieforschung, Klienten, Coachs, Zielerreichung, Evaluation, qualitative Inhaltsanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht veränderungsrelevante Ereignisse während des Coachingprozesses aus der subjektiven Perspektive von Coachs und Klienten.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Zentrale Themen sind die im Verlauf des Coachings verfolgten Ziele, die als erfolgreich wahrgenommenen Faktoren (Erfolgsfaktoren) sowie die erzielten Auswirkungen auf kognitiver, emotionaler und beruflicher Ebene.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist ein Abgleich der Wahrnehmungen von Coach und Klient zu identifizieren, um zu verstehen, welche Momente in einem Coachingprozess als besonders veränderungsrelevant empfunden werden und warum.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde ein qualitatives, längsschnittliches Design gewählt. Die Datenerhebung erfolgte über das fokussierte Interview nach Merton und Kendall unter Anwendung des Interpersonal Process Recall (IPR), die Auswertung mittels Qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring.
Was ist Gegenstand des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Aufarbeitung bestehender Wirkmodelle sowie die Darstellung und den systematischen Vergleich der qualitativen Analyseergebnisse aus den Interviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf Coaching, veränderungsrelevante Ereignisse, Erfolgsfaktoren, qualitative Forschungsmethoden und Prozessanalysen.
Welche Rolle spielt die Selbstreflexion im Coaching nach dem systemischen Wirkmodell?
Nach Offermanns (2004) ist die Selbstreflexion das Zentrum des Coachingprozesses und die grundlegende Voraussetzung für Lernprozesse, da sie es dem Klienten ermöglicht, vergangene Sichtweisen zu hinterfragen und neue Handlungsoptionen zu entwickeln.
Was bedeutet der "Rashomon-Effekt" in diesem Kontext?
Der Rashomon-Effekt beschreibt die Tatsache, dass Beteiligte (Coach und Klient) stark voneinander abweichende Schwerpunkte in der Erinnerung, Auswahl und Interpretation von Ereignissen haben, was auch diese Studie in Bezug auf veränderungsrelevante Ereignisse untersucht.
Warum wird der "Interpersonal Process Recall" (IPR) eingesetzt?
Der IPR dient als Form des "stimulated recall", um Gedächtniseffekte zu minimieren und es den Teilnehmern zu ermöglichen, ihre subjektiven Erfahrungen und Gedanken zu spezifischen, bedeutsamen Sitzungsabschnitten detailliert zu rekapitulieren.
- Arbeit zitieren
- Sarah Heid (Autor:in), 2012, Veränderungsrelevante Ereignisse im Coaching, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208761