Das Porträt als Spiegel der öffentlichen Meinung

Eine medien-linguistische Analyse


Bachelorarbeit, 2010

75 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Textsorte Porträt
2.1 Die Begriffe Text, TextfUnktion und Textsorte
2.2DasPorträt
2.2.1 Einleitung
2.2.2 Definition des Porträts
2.2.3 Einordnung des Porträts als Textsorte
2.2.4 Historische Entwicklung des Porträts
2.2.5 Anlass für ein Porträt
2.2.6 Formen des Porträts
2.2.7 Sprache und Aufbau des Porträts
2.2.8 Gefahren des Porträts
2.2.9 Anmerkungen zum Porträt

3. Medien-linguistische Analyse
3.1 Einleitung
3.2 Der Begriff Öffentliche Meinung
3.3Die These
3.4DiePorträts
3.4.1,,In Augsburgangekommen“
3.4.2 „Provokateur mit wenig Geschick“
3.5 Die Zeitung
3.6.Der Autor
3.7 Analyse des Porträts „In Augsburg angekommen“
3.7.1 Zeitliche Einordnung des Porträts
3.7.2 Medien-linguistische Analyse des Porträts
3.8 Analyse des Porträts „Provokateur mit wenig Geschick“
3.8.1 Zeitliche Einordnung des Porträts
3.8.2 Medien-linguistische Analyse des Porträts
3.9 Auswertung

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

Ì. Einleitung

Im August des Jahres 2010 wurden hunderte Roma und Sinti aus Frankreich ausgewiesen und in ihre Heimat gebracht. In dem Online-Nachrichtenportal der ARD - Tagesschau beginnt ein Text zu diesem Thema folgendermaßen:[1]

Ausweisung nach Rumänien

Frankreich schiebt 700 Roma ab

In Frankreich sind mehr als 40 illegal von Sinti und Roma bewohnte Lager nach Angaben von Innenminister Brice Hortefeux aufgelöst worden.

Würde der Bericht hier enden, hätte der Leser alle wichtigen Informationen erhalten, das Thema wohl aber schon nach dem nächsten Beitrag wieder vergessen. Damit dies nicht geschieht, setzt der Autor Christoph Peerenboom den Artikel mit diesen Worten fort:

700 ehemalige Lagerbewohner sollen nun nach Bulgarien und Rumänien ausgewiesen werden. Die Menschen sind verzweifelt, denn dort erwartet sie ein Leben ohne Perspektive.

Darauf folgen Beschreibungen der Armut und Hoffnungslosigkeit der Menschen. Interviews mit Betroffenen und die Anschauungen von rumänischen Aktivisten schließen den Bericht über die Ab­schiebung der Roma aus Frankreich ab. Der ehemals gleichgültige Leser fühlt jetzt mit den Betrof­fenen, versucht die Hintergründe zu verstehen und wird das Thema nicht so schnell vergessen, wie dies bei der reinen Angabe von Zahlen wahrscheinlich ist.

Dass dieser Wandel vom desinteressierten zum aufmerksamen Leser möglich wurde, ist der Ent­scheidung des Autors zu verdanken, die Betroffenen zum Mittelpunkt seines Beitrages zu machen. Da dies ein erprobtes Mittel ist, die Aufmerksamkeit des Lesers, Hörers oder Zuschauers zu gewin­nen, arbeiten alle Medien mit der Personalisierung und Emotionalisierung von Ereignissen. Die Bei­tragsform, bei der diese Funktionen ihren deutlichsten Ausdruck finden, ist das Porträt, dessen Mit­telpunkt stets die Darstellung einer Person bildet. Es ist daher eine der beliebtesten Formen des ge­samten Journalismus und insbesondere der Zeitungen und Zeitschriften. Aus diesem Grund werden in dieser Arbeit Porträts aus den Printmedien analysiert. Da meistens die porträtierte Person einen hohen Bekanntheitsgrad aufweist, existiert zu ihnen in der Regel auch eine öffentliche Meinung. Die Beitragsform Porträt setzt sich mit dem dargestellten Menschen sehr intensiv auseinander und versucht, diesen korrekt darzustellen. Daher ist es interessant zu untersuchen, inwiefern die öffentli­che Meinung über eine Person in deren Porträts wiederzufinden ist.

Um zu analysieren, ob die Textsorte Porträt ein Spiegel der öffentlichen Meinung ist, wurden zwei Porträts über S.E. Hwst. Herrn Bischof Walter Mixa em. ausgewählt. Der Würdenträger stellt inso­fern eine interessante Person für diese Analyse dar, da er in den letzten Jahren mehrfach in der Öf­fentlichkeit präsent war und sich die öffentliche Meinung über ihn in diesem Zeitraum deutlich ver­änderte. Die Porträts aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung „In Augsburg angekommen“ aus dem Jahr 2005 und „Provokateur mit wenig Geschick“, erschienen im Jahr 2010, bilden diese Entwick­lung stellvertretend ab.

Um eine umfassende Analyse zu gewährleisten, wird zunächst die Textsorte Porträt unter zahlrei­chen Gesichtspunkten vorgestellt. Anschließend werden der Begriff Öffentliche Meinung und die der Untersuchung zu Grunde liegende These erläutert. Nachdem die Porträts wiedergegeben und zeitlich eingeordnet wurden, folgt die medien-linguistische Analyse der Texte, sodass anschließend ausgewertet werden kann, ob das Porträt ein Spiegel der öffentlichen Meinung ist. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst.

Weil das Porträt eine beliebte Form aller Medien ist, sei hier angemerkt, dass sich die Darstellungen auf das Porträt in den Printmedien beziehen. Dies gilt selbst dann, wenn es nicht explizit ausge­drückt wird.

Aufgrund der Lesbarkeit wird im Folgenden auf die vollständige Nennung des offiziellen Titels S.E. Hwst. Herrn Bischof verzichtet und Walter Mixa mit seinem Namen benannt.

Da in der deutschen Sprache die Schreibweisen Porträt und Portrait existieren, soll hiermit darauf hingewiesen werden, dass in dieser Arbeit die erstgenannte Variante verwendet wird. Bei zitierten Formulierungen wurdejedoch die ursprüngliche Schreibweise beibehalten.

2. Die Textsorte Porträt

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse ausgewählter Porträts über Walter Mixa. Um ein um­fassendes Verständnis zu gewährleisten, widmet sich dieses Kapitel der Beschreibung und Erörte­rung der Darstellungsform Porträt in den Printmedien. Dafür werden zunächst die Begriffe Text, Textfunktion und Textsorte erläutert. Das Porträt wird anschließend auf dieser Grundlage charakte­risiert.

2.1 Die Begriffe Text, Textfunktion und Textsorte

Als Ausgangspunkt für die Beschreibung der Textsorte Porträt werden zunächst die Begriffe Text, Textfunktion und Textsorte kurz vorgestellt. Dies geschieht im Bewusstsein, dass die Termini, vor allem in der Linguistik, sehr umstritten sind und zahlreiche verschiedene Ansätze zu ihrer Definiti­on existieren. Daher soll hier nicht eine, die gesamte Diskussion umfassende Erläuterung gegeben werden. Denn „eine einheitliche Begriffsbestimmung gibt es nicht und ist auch nicht zu erwarten.“[2] Vielmehr soll das in dieser Arbeit angewandte Verständnis von Text und Textsorte gezeigt werden, um eine Arbeitsgrundlage für die Beschreibung der Darstellungsform Porträt und deren medien­linguistische Analyse zu schaffen.

Zunächst soll geklärt werden, welche Auffassung von Text in der Alltagssprache dominiert. In der Umgangssprache wird zumeist dann von einem Text gesprochen, wenn eine zusammenhängende Darstellung in schriftlicher Form vorliegt. Dabei ist entscheidend, dass mehrere Sätze vorhanden sind, die inhaltlich zusammenhängen. Sätze, die ohne diese Sinn-Verknüpfung aneinandergereiht werden, sind meist unverständlich und erhalten nicht die Bezeichnung Text.

Als interessant erweist sich zudem die Tatsache, dass der Begriff Text nicht nur in der Linguistik unterschiedlich definiert wird, sondern, dass schon in der Alltagssprache und in anderen Fachberei­chen verschiedene Verwendungen zu beobachten sind. So werden in der Musik Begleitworte zu ei­nem Gesangsstück als Text bezeichnet, im Druckgewerbe die Buchstaben im Unterschied zu nicht bedruckten Zwischenräumen oder in der elektronischen Datenverarbeitung das als Datei gespeicher­te Datenmaterial.[3] Gemein ist diesen Verwendungen aber jeweils die Aneinanderreihung mehrerer Sätze mit einer inhaltlichen Kohärenz.

Wie gezeigt wurde, gibt es also mehrere Verwendungen des Begriffes Text. Dies ist in der Textlin- guistik, die sich wissenschaftlich mit diesem Begriff auseinandersetzt, ähnlich. Der Linguist Klaus Brinker verweist hier auf zwei verschiedene Auffassungen[4], im Metzler Lexikon Literatur werden sogar fünf Betrachtungsweisen beschrieben.[5] Als effektivste Arbeitsgrundlage erweist sich dabei die Beschreibung der Gemeinsamkeiten der fünf unterschiedlichen Auffassungen des Textbegriffs:

Der Begriff Text lässt sich als „eine durch Regeln der sprachlichen Kohäsion und Kohärenz zusammenhängende (v.a. schriftliche) Äußerung von mehr als einem Satz bestimmen, in der Sinneinheiten aufgebaut werden, zu deren Konstitution aber zugleich eine Konstruktionsleistung der Rezipienten erfor derlich ist und die verschiedene kommunikative Formen erfüllt.“[6]

Insbesondere die bisher noch nicht angesprochene kommunikative Funktion stellt einen wesentli­chen Aspekt bei der Untersuchung von Texten unter pragmalinguistischen Gesichtspunkten dar. Dies gründet auf der bereits bei dem englischen Philosophen John Langshaw Austin (1911 - I960) und dem amerikanischen Philosophen John Searle (*1932) beschriebenen Auffassung, dass Sprache beziehungsweise das Sprechen immer auch Handeln ist.[7]

Auch Brinker betont dies in seiner Synthese aus sprachsystematischem und kommunikationsorien­tiertem Textbegriff:

„Der Terminus „Text“ bezeichnet eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert.“[8]

Das Metzler Lexikon Sprache betont zusätzlich die Unterscheidung des engen und weiten Textbe­griffs. Letzterer bezieht neben der schriftlichen Form des Textes zudem Mimik und Gestik mit ein.[9] Da hierjedoch Texte der Printmedien analysiert werden, wird auf die Verwendung des weiten Text­begriffs verzichtet.

Ausgehend von diesem Textbegriff, der den kommunikativen Aspekt berücksichtigt, werden nun die Funktionen von Texten vorgestellt. Während frühere Ansätze meist auf das Organon-Modell des deutschen Sprachpsychologen Karl Bühlers (1879 - 1963) zurückgehen,[10] definiert Brinker die Textfunktionen in Anlehnung an Searles Spreachakttheorie aufgrund „der Art des kommunikativen Kontakts, die der Emittent mit dem Text dem Rezipienten gegenüber zum Ausdruck bringt.“[11] Diese Klassifikation der Funktionen hat sich mittlerweile überwiegend durchgesetzt und bildet eine wichtige Grundlage für die Analyse von (Medien-)Texten, da sie Auskunft über den Zweck eines Textes gibt. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich wird, stellt die folgende kurze Beschrei­bung der Textfunktion eine wesentliche Hilfe für die medien-linguistische Analyse des Porträts dar. Folgende Funktionen werden von Brinker aufgeführt:

- Informationsfunktion:
- Der Emittent möchte den Rezipienten informieren

- Appellfunktion:
- Der Emittent möchte den Rezipienten zu einer Einstellung gegenüber einer Sache oder zu einer Handlung bewegen

- Obligationsfunktion:
- Der Emittent verpflichtet sich gegenüber dem Rezipienten eine bestimmte Handlung zu vollziehen

- Kontaktfunktion:
- Der Emittent möchte zum Rezipienten einen Kontakt herstellen oder erhalten

- Deklarationsfunktion:
- Der Emittent erklärt dem Rezipienten, dass der Text eine neue Realität schafft, dass die Äußerung des Textes die Einführung eines bestimmten Faktums bedeutet[12]

Es muss dazu bemerkt werden, dass in einem Text mehrere Funktionen existieren können, bezie­hungsweise ein Text mehrere Funktionen erfüllen kann. In diesem Fall gilt es zu analysieren, wel­che Funktion die bestimmende ist.

Ein weiteres wichtiges Kriterium zur Unterscheidung von Texten sind die Textsorten. Dieser Be­griff setzte sich in der Wissenschaft gegen Bezeichnungen wie Textart, Texttyp, Textform oder Text­muster durch. Dennoch gibt es auch hier verschiedene Ansätze der Definition.

Ausgehend von der Linguistik fand der Begriff auch Verwendung in anderen Wissenschaften. So beschreibt das Metzler Lexikon Literatur Textsorte als Begriff der modernen Literaturwissenschaft, die ihn als Gegensatz zu den Bezeichnungen der klassischen Literaturwissenschaft verwendet. Während letztere demnach Ausdrücke wie Gattung und, spezieller, Epik, Lyrik, Dramatik nutzt, ist der moderne Textsortenbegriff „ein Terminus zur systematischen Klassifizierung von Texten [...] unter formalen, semantischen, situativen und intentionalen Aspekten.“[13] Da die Bezeichnung ur­sprünglich aus der Linguistik stammt, werden dort auch nicht-literarische Texte bei der Einordnung in Textsorten beachtet.

In der Alltagssprache ist der Terminus Textsorte ebenfalls bekannt. So findet er Verwendung bei Be­zeichnungen wie Brief, Protokoll oder Rezension. Auch wenn diese Begriffe allgemein weit ver­breitet sind, untersucht die Linguistik Texte genauer und sorgfältiger als dies in der Umgangsspra­che möglich und nötig ist. Dies belegen zahlreiche Publikation und Debatten zum Begriff Textsor­te, wie die Veröffentlichungen von Wolf-Dieter Krause,[14] Kirsten Adamzik,[15] Christina Gansel,[16] Elisabeth Gülich und Wolfgang Raíble,[17] um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Auch Werke, die mittlerweile zur linguistischen Standardliteratur gehören, operieren wie selbstverständlich mit dem Terminus Textsorte. Dazu gehören unter anderem das Studienbuch Linguistik[18] sowie Werke von Erich Straßner[19], Klaus Brinker[20] und Harald Burger[21].

Als interessant erweist sich die Tatsache, dass im Metzler Lexikon Sprache in der ersten Ausgabe von 1993 die Textsortenforschung noch als „wenig erfolgreich“[22] beschrieben wird. Diese Auffas­sung, das belegen die obigen Aufzählungen, kann heute jedoch nicht mehr gelten, auch wenn si­cherlich noch Diskussionen und Potenzial in der Textsortenforschung vorhanden sind.

In dieser Arbeit wird eine eigene Klassifizierung von Textsorten verwendet, die auf Brinkers Über­legungen zurückgeht, da sich diese für die Einordnung des Porträts als am ergiebigsten erweisen. Brinker geht dabei von den bereits beschriebenen Textfunktionen aus, die er in Anlehnung an Searles Sprechakttheorie entwickelte.

Demnach gibt es fünf Sorten von Texten:

- Informationstexte
- Beispiele: Nachricht, Bericht, Sachbuch, Rezension

- Appelltexte
- Beispiele: Werbeanzeige, Kommentar, Gesetz, Antrag

- Obligationstexte
- Beispiele: Vertrag, Garantieschein, Gelöbnis

- Kontakttexte
- Beispiele: Danksagung, Kondolenzschreiben, Ansichtskarte

- Deklarationstexte
- Beispiele: Testament, Ernennungsurkunde[23]

Diese Unterscheidung ist nachvollziehbar, doch ist sie als Arbeitsgrundlage für die Einordnung des Porträts noch nicht ausreichend. Da es sich beim hier untersuchten Porträt um eine Pressetextsorte handelt, sollen an Brinkers Differenzierung einige Modifikationen vorgenommen werden.

So betont Burger, dass Obligations- und Deklarationstexte in der Presse nicht von Belang sind[24] und diese daher hier nicht weiter beachtet werden. Als Ergänzung zu den drei verbleibenden Textsorten möchte ich noch die Kategorie Unterhaltungstexte hinzufügen, die auf die Darstellung der Kom­munikationswissenschaftlerin Claudia Mast (*1952) zurückgeht.[25]

Mast unterscheidet drei journalistische Darstellungsformen: Dazu gehört die tatsachenbetonte Form, die in Brinkers Begriff informationstexte aufgeht, dajeweils das Mitteilen von Tatsachen und Informationen im Vordergrund steht.

Weiterhin benennt Mast die meinungsbetonte Form, die sich mit der Appellfunktion überschneidet, da ein Emittent durch das Mitteilen einer Meinung an den Rezipienten appelliert, diese Meinung zu übernehmen. Obwohl also bei beiden Formen Parallelen zu Brinker vorhanden sind, behalte ich dessen Formulierung und Unterscheidung bei, da diese linguistisch fundierter erscheinen.

Als dritte und in dieser Arbeit relevante Form deklariert Mast die fantasiebetonten Texte. Dazu zählt sie Zeitungsromane, Kurzgeschichten, Comics und Witze. Diese Texte können nicht sinnvoll in Brinkers Klassifikation eingeordnet werden. Weil sie aber durchaus einen Platz in der Presse ein­nehmen, ist die Hinzunahme von Fantasietexten zu den Textsorten gerechtfertigt. Da diese der Un­terhaltung der Leser dienen und bisher die Funktionen von Texten die Grundlage zur Klassifizie­rung bildeten, verwende ich die Bezeichnung Unterhaltungstext.

Als grundlegend für die Printmedien stellen sich demnach folgende erarbeitete Textsorten dar:

- Informationstexte
- Appelltexte
- Kontakttexte
- Unterhaltungstexte

Selbstverständlich gilt auch hier, dass ein Text mehreren Textsorten angehören kann beziehungs­weise Mischtexte existieren. Es gilt dann ebenfalls die vorherrschende Textsorte zu extrahieren.

2.2 Das Porträt

2.2.1 Einleitung

Bisher konnten die textlinguistischen Grundlagen über die Begriffe Text, Textsorte, Textfunktion dargestellt werden. Darauf aufbauend ist zu klären, wie sich das Porträt in diesen Hintergrund ein­ordnen und definieren lässt. Ebenso signifikant und interessant sind darüber hinaus folgende Fra­gen:

Was ist überhaupt ein Porträt beziehungsweise wie lässt es sich definieren?

Wie entwickelte sich die Textsorte Porträt?

Wann verwendet man die Textsorte Porträt?

Welche Formen des Porträts gibt es?

Welche Sprache und welcher Stil werden verwendet, wie ist das Porträt aufgebaut?

Welche Gefahren und Probleme ergeben sich beim Schreiben des Porträts?

Diese und weitere Fragestellungen werden in diesem Kapitel beantwortet. Dabei wird allein schon durch die Aufzählung der Fragen deutlich, wie interessant und abwechslungsreich sich die Ausein­andersetzung mit der Textsorte Porträt darstellt.

Lediglich bei einer oberflächlichen Betrachtung ist es dabei eine Schwierigkeit, dass sich beim po­pulären Porträt die Quantität in Theorie und Praxis deutlich unterscheidet: „Zeitungen und Zeit­schriften sind voller Porträts und in der deutschen Literatur lässt sich nur relativ wenig zu dieser Darstellungsform finden.“[26]

Zu den wenigen aktuellen Werken über die Textsorte Porträt gehören die Schriften „Das Porträt“ von Sylvia Egli von Matt und ihren Co-Autoren aus dem Jahr 2008, Claudia Masts Buch „ABC des Journalismus“ aus dem selben Jahr sowie Volker Wolffs im Jahr 2006 erschienenes Werk „ABC des Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus“. Ebenso zählt das Buch „Das Porträt in den Printmedien“ von Peter Linden und Christian Bleher aus dem Jahr 2004 zu der aktuelleren Fachliteratur.

Sicherlich wird es aufgrund der vergleichsweise wenigen Sekundärliteratur nicht leichter eine Text­sorte vorzustellen, die „eine der spannendsten, aber auch schwierigsten Darstellungsform des Jour­nalismus“[27] ist. Allerdings ergeben sich dadurch auch Möglichkeiten. So gibt es zum Beispiel für die Textsorte Nachricht zahlreiche Anleitungen und Beschreibungen. Dies erscheint zunächst einer Auseinandersetzung dienlich, schränkt aber den Spielraum des Darstellenden ein. Anders beim Por­trät: Wie noch gezeigt wird, widersprechen sich die zumindest im Vergleich wenigen Werke teilwei­se sehr stark in ihrer Definition dieser Textsorte. Dies, so stellt sich bei intensiver Auseinanderset­zung mit der Thematik dar, gibt die Möglichkeit, nicht lediglich eine feststehende Lehrmeinung wiedergeben zu müssen, sondern einen eigenen Standpunkt zu entwickeln und zu veranschaulichen. Damit ist das Potenzial gegeben, direkt wissenschaftlich tätig zu sein, Teil von Entwicklung und Diskussion zu sein und womöglich etwas dazu beizutragen.

2.2.2 Definition des Porträts

Obwohl dieses Kapitel mit „Definition des Porträts“ betitelt ist, muss bemerkt werden, dass sich die Textsorte Porträt nicht in wenigen Sätzen definieren lässt. Hier werden als wichtige Grundlage Be­griffserklärungen gegeben und signifikante Eigenschaften dargestellt. Um das Porträt in seiner Viel­falt und Funktion wirklich verstehen zu wollen, ist jedoch noch mehr erforderlich. Diese genuine Differenziertheit und Diversität des Porträts wird mit den nachfolgenden Kapiteln über die Funktio- nen, die zu verwendende Sprache sowie die verschiedenen Formen, Anlässe und auch die Gefahren des Porträts zusätzlich zu der grundlegenden Definition ausführlich dargestellt.

Der Begriff Porträt stammt ursprünglich aus der Kunst und bezeichnet die Darstellung einer Person. Anders als in der Malerei geht es jedoch nicht um das Bildnis eines Menschen, sondern vielmehr soll die Textsorte Porträt eine Auseinandersetzung mit einer Person sein, die für Andere interessant ist.[28] Allerdings soll nicht einfach jemand vorgestellt werden, denn „in der Presse geht es um die journalistische Annäherung an den zu Porträtierenden. Das heißt, es geht um eine möglichst sorgfäl­tige, wahrheitsgemäße und distanzierte Darstellung, in der - wenn nötig - auch Missstände aufge­deckt werden und Kritik geübt wird.“[29]

Diese Aussagen stecken den Aufgabenbereich des Porträts ab, müssenjedoch noch weiter konkreti­siert werden. Dazu hilft es, zunächst zu verdeutlichen, was ein Porträt nicht ist.

Dazu ist am wichtigsten, dass eine bloße Wiedergabe der Vita eines Menschen, seine Biografie, noch kein Porträt darstellt. Diese Chronologien stellen zwar zugegebenermaßen die Urform des Porträts dar und sind noch häufig in manchen Zeitungen zu finden, allerdings sind sie fast immer langatmig zu lesen, wie die Journalisten Peter Linden (*1959)[30] und Volker Wolff (*1951)[31] mit mehreren Beispielen belegen.

Dass reine Lebensläufe nicht als Porträts gelten und den Leser meist auch nicht interessieren, hat mehrere Ursachen. So ist der Lebenslauf eines Menschen oftmals nicht so faszinierend, dass der Re­zipient wirklich alle Informationen über den Porträtierten benötigt oder wünscht. Dies mag bei ei­nem Bewerbungsgespräch anders sein, bei einem Porträt ist eine vollständige Vita nicht erforder­lich. Dessen ungeachtet sind zumindest Prominente schon oft dargestellt worden und so bekannt, dass der Großteil der biografischen Angaben bereits ubiquitär ist. Zudem nahmen mit der histori­schen Entwicklung des Porträts, die noch gezeigt wird, die Anforderungen an das Porträt zu. Wäh­rend im 19. Jahrhundert ein biografischer Überblick genügt hat, sind in der Moderne „Nahaufnah­men und Innenansichten gefragt.“[32] Denn „Portraits enthalten in der Regel einen biographischen Anteil mit Fakten zur Person (Alter, Beruf, Familie, Lebensweg etc.) sowie eine Schilderung aktuel­ler Begebenheiten; dabei sollte beides miteinander verflochten werden.“[33] Die biografischen Daten müssen dabei nicht einmal in chronologischer Reihenfolge gegeben werden. Als Darstellung für die wichtigsten biografischen Ereignisse bietet sich zudem ein Kasten neben dem eigentlichen Text an. Ebenso wenig wie eine reine Biografie stellt die alleinige Wiedergabe eines Interviews ein Porträt dar. Ein Interview mag den Mittelpunkt eines Porträts bilden, ein Gespräch mit dem Porträtierten ist sogar ein wichtiger Bestandteil. Um ein gutes Porträt zu schreiben, reicht es allerdings nicht aus. Wie ernüchternd ein als Porträt deklarierter Text unter Missachtung dieser Prämisse wirkt, schildert Linden einleuchtend am Beispiel eines Porträts über den Komiker Michael Mittermeier. Sein Fazit: „Ein einziger Kampf, dieser Text. [...] Er offenbart nichts. Der Text liest sich wie ein Bewerbungs- gespräch.“[34]

Dass dennoch oftmals reine Interviews als Porträt dargestellt werden, hat mehrere Ursachen. So er­freut sich die Personendarstellung bei den Lesern einer großen Beliebtheit. Allerdings erfordert ein gutes Porträt ein hohes Maß an Zeit, teilweise auch an finanziellen Mitteln. Dass dabei kleinere Zei­tungen oder Zeitschriften mit geringem Anspruch an Qualität lediglich versuchen, ein Interview als Porträt darzustellen, ist nachvollziehbar. Guter Journalismus ist diesjedoch nicht. Da verwundert es umso mehr, wenn bei qualifizierten Journalisten der Eindruck entstehen kann, dass sie die Begriffe Interview und Porträt beinah gleichsetzen. Diese Impression entsteht zum Beispiel bei der Schwei­zer Journalistin Sylvia Egli von Matt (*1951), die mit ihren Co-Autoren das Interview zum Mittel­punkt des Porträts macht und bei Zeitmangel sogar ein Kurzinterview per Telefon als adäquate Grundlage betrachtet.[35] Dass die Autorin trotz vieler fundierter Passagen teilweise kritisch zu be­trachtende Ansichten über das Porträt vertritt, wird noch mehrmals deutlich.

Grundlegende Aufgabe des Porträts ist es, dem Leser eine Person näher zu bringen. Dies, so betont der deutsche Medienwissenschaftler Erich Straßner (*1933), ist der entscheidende Unterschied zwischen dieser und anderer Textsorten. Denn „geht es bei anderen publizistischen Textsorten um mehrere, zahlreiche oder viele Menschen, um ihr Tun und Denken, so konzentriert sich das Porträt auf eine Person oder Persönlichkeit.“[36] Die Tatsache, dass im Porträt eine Person vorgestellt wird, ist also das entscheidende Merkmal des Porträts. Das gilt auch, obwohl teilweise gleiche oder ähnli­che sprachliche Mittel wie in der Reportage oder im Feature verwendet werden. Im Porträtjedoch wird der Leser nicht zum Erleben mitgenommen wie in der Reportage und es wird kein komplexer Sachverhalt an Beispielen erklärt wie im Feature. Im Porträt geht es um die lebhafte Darstellung ei­ner Person.[37] Dabei kann „grundsätzlichjeder Mensch porträtiert werden, der für die Öffentlichkeit interessant erscheint.“[38] Allerdings muss gerade dieses Interesse für die Öffentlichkeit genau abge­wogen werden, da ansonsten ein leerer, informationsloser Text entsteht. Ein Porträt über einen un­bekannten Menschen kann dann lohnenswert sein, wenn dieser zum Beispiel einen Banküberfall miterlebt hat. Wird die Person allerdings nur porträtiert, um eine Seite oder Rubrik in der Zeitung zu füllen, dürfte das „öffentliche Interesse“ sehr gering ausfallen. Aus welchen Anlässen oder durch welche Begebenheiten eine Person die Anforderung erfüllt, darstellenswert zu sein, wird im Kapitel 2.2.5 gezeigt.

Damit es im Porträt gelingt, dem Leser tatsächlich eine Person vorzustellen, muss der Text „lebhaft, plastisch, charakteristisch, sorgfältig, distanziert, kritisch“[39] sein. Dabei bemerkt Wolff, dass dies zumindest in der Theorie so sein sollte, in der Realität aber oft nicht vermocht wird. Auch Egli von Matt betont, dass dieses Porträt ein Ideal ist, dass in der Praxis selten erreicht wird.[40] Gute Porträts schaffen es aber dennoch, die genannten Anforderungen zu erfüllen. Da sich dies aber oft als schwierig, zeit- und kostenintensiv darstellt, „ist das Porträt zum Merkmal für Qualitätsjour­nalismus geworden.“[41]

2.2.3 Einordnung des Porträts als Textsorte

Dieses Kapitel stellt vielleicht den interessantesten Teil bei der theoretischen Beschreibung des Por­träts dar. Versteht es sich doch als Teil und Ergebnis einer Debatte, die anscheinend gar nicht ge­führt wird.

Um dieses Phänomen zu erklären, erfolgt zunächst ein Rückgriff auf die erarbeiteten (Presse-) Text­sorten: Informations-, Appell-, Kontakt- und Unterhaltungstexte.

Dass ein gutes Porträt nicht den Unterhaltungstexten zuzuordnen ist, sollte eindeutig sein und wird in den theoretischen Grundlagentexten auch nicht in Betracht gezogen. Divergent verhält es sichje- doch mit den anderen Textsorten. Je nach Autor wird das Porträt einer alternativen Textsorte zuge­ordnet. Dabei entsteht diese Debatte, die eigentlich nicht geführt wird: Jeder Theoretiker präsentiert seine Einordnung des Porträts als selbstverständlich, gegensätzliche Meinungen werden gar nicht erst erwähnt. Daher erfährt der Leser erst bei der Lektüre diverser Sekundärliteratur, dass unter­schiedliche Positionen bestehen.

So kursieren Beschreibungen, die das Porträt als interpretierende oder erzählende Form bezeichnen. Wie leicht zu erkennen ist, sind dies Begriffe, die nicht mit den hier gebrauchten identisch sind. Eine ausführliche Diskussion, ob und wie sie sich vergleichen oder einordnen lassen ist hier über­flüssig. Entscheidend ist, dass die verwendeten Bezeichnungen nicht der Kategorie Informationstex­te zuzuordnen sind. Eine Tatsache, die verwundert. Betrachtet man die oben gegebenen Definitio­nen des Porträts, so ist offensichtlich, dass es sich bei dieser Darstellungsform um einen Informati­onstext handeln muss.

Funktion und Aufgabe des Porträts ist es demnach, den Leser über eine Person des öffentlichen In­teresses zu informieren. Dies sollte möglichst objektiv und korrekt geschehen. Egli von Matt hat durchaus Recht, wenn sie schreibt, dass persönliche Empfindungen, Erfahrungen und Sympathien des Autors in ein Porträt hineinspielen.[42] Allerdings ist es vollkommen übertrieben, Aussagen zu formulieren, die beinhalten, dass die Frage nach der Funktion des Überbringers des Porträts gegen­über dem Porträtierten die zentrale Bedeutung des Textes darstellt.[43] Weiterhin schreibt Egli von Matt, dass eine neutrale Position des Autors nicht möglich sei, da ansonsten der Dargestellte protes­tieren würde. Auch sei die Subjektivität so offensichtlich, dass sie nicht auszuklammern, sondern vielmehr zu explizieren ist. Ein Porträt soll demnach einen Prozess der Annäherung sichtbar ma­chen, die innerpsychischen Prozesse des Autors müssen sich widerspiegeln.[44] Diese Aussagen, mit denen Egli von Matt das Porträt als meinungsbetonte Textsorte deklariert, sind nicht nachvollziehbar. Eine Textsorte, die laut Definition Objektivität anstreben und den Leser um­fassend informieren soll, kann nicht die Subjektivität als oberstes Prinzip beinhalten.

Dabei hat die Autorin völlig recht, dass das (objektive) Porträt ein nur schwer erreichbares Ideal darstellt. Ebenso ist zuzustimmen, dass nahezu jeder Text, so sehr die Objektivität auch Ziel sein sollte, stets subjektive Einflüsse beinhaltet. Darüber hinaus gibt es Porträts, die ganz absichtlich subjektive Meinungen transportieren. Dies gilt zum Beispiel, wenn die Zielgruppen einer Zeitung bedient werden müssen oder Personen des rivalisierenden politischen Lagers porträtiert werden. So ist nur schwer vorstellbar, dass ein rechtsextremer Autor einen linksgerichteten Politiker objektiv darstellen würde. Allerdings ist es fatal, wenn eine Anleitung zum Porträtschreiben das subjektive Formulieren als essentiell deklariert. Die eigentliche Form des Porträts und seine Funktion werden damit unterwandert.

Volker Wolffs Definition des Porträts hingegen, der es als „möglichst sorgfältige, wahrheitsgemäße und distanzierte Darstellung“[45] einer Person beschreibt, ist ein Argument für das Porträt als Infor­mationstext. Denn lediglich ein Text, der dem Leser vorrangig Informationen bietet, kann der Be­griffsbestimmung gerecht werden.

Darüber hinaus muss das Porträt keine subjektive Meinung vermitteln. Dafür gibt es unter anderem die Textsorten Kommentar, Leitartikel, Glosse und Essay. Das informationsbetonte Porträt muss da­her nicht die Aufgaben oder Inhalte der Appelltexte übernehmen.

Es bleibt daher festzuhalten, dass ein Porträt, möchte es seiner Definition gerecht werden, immer ein Informationstext sein muss. Dies kann es auch unter der Prämisse, dass subjektive Einsichten und Wahrnehmungen des Autors in das Porträt einfließen. Es gilt dabei, die größtmögliche Objekti­vität zu bewahren.

2.2.4 Historische Entwicklung des Porträts

Das Porträt gehört in der Moderne zu einer der beliebtesten Textsorten. So beschreibt zum Beispiel Peter Linden das Porträt als „omnipotente“ Textform, da „beinahe jedes zweite Thema über ein In­dividuum erschlossen“[46] wird. Dennoch stellt das Porträt in seiner journalistischen Form eine relativ junge Textsorte dar. Das Interesse an Menschen und ihren Geschichten hingegen ist sehr alt. Sylvia Egli von Matt führt dazu als Beispiel das Gilgamesch-Epos auf, „das erste große Porträt der Menschheit.“[47] Als weitere Belege nennt die Schweizer Journalistin das Alte Testament, in dem Ge­schichten mit Menschen dargestellt werden und das Neue Testament, in dem Jesus mit seinen Gleichnissen das Interesse der Zuhörer am Menschen stillt.[48]

Trotz dieser prominenten Beispiele war der Begriff Porträt meist mit der Bedeutung Bildnis verbun­den. Dies ist auch verständlich, konntenjahrtausendelang die wenigsten Menschen lesen und schrei­ben. Die Bilder auf Münzen, die Statuen, Büsten und Malereien waren die einzigen Begegnungen mit Porträts.

In der Antike sollten sichjedoch, wenn auch langsam, erste Formen des literarischen Porträts entwi­ckeln. Diese waren aber zunächst meist Nachrufe, Fürstenspiegel oder Preisreden, die überwiegend positiv gestaltet waren und daher wenig Anspruch auf Authentizität erheben können. Die wenigen entstehenden Autobiografien waren mehrheitlich Rechtfertigungen gegenüber den Göttern und da­her größtenteils ebenso wenig aussagekräftig.

Im antiken Griechenland entstanden weitere Formen des Porträts, indem Biografien, wie die des Plutarch, Teil der Geschichtsschreibung wurden. Jedoch sollten hier auch nur Idealbilder von Men­schen proklamiert und keine realen Personen dargestellt werden.

Die Idee, die Menschen zu zeigen, wie sie wirklich sind, innerlich und äußerlich, entfaltete sich in der Renaissance. Da sich in dieser Epoche die Hervorhebung des Individuums entwickelte, war ein Interesse an wahrheitsgemäßen Darstellungen bemerkenswerter Personen entstanden.

Je weiter man sich der Gegenwart nähert, ist festzustellen, dass die Porträts immer detaillierter und genauer werden. Im Laufe dieser Entwicklung entstanden auch besondere Kunstformen: So besteht

eine Möglichkeit darin, eine fiktive Person zu beschreiben, um eine gesamte Epoche zu porträtie­ren. Berühmt wurde auch Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.“ Es stellt eines der bekanntesten Porträts einer fiktiven Figur dar, bei welcher der Leser ohne Probleme auf eine reale Persönlichkeit schließen kann.[49]

Bereits im 19. Jahrhundert begann eine Entwicklung, ohne die eine Arbeit über das Porträt in der vorliegenden Form unmöglich wäre: Das Porträt entwickelte sich vor allem in den Printmedien zu einer eigenständigen journalistischen Form. Diese Veränderung gewann besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den nordamerikanischen Tageszeitungen an Dynamik. Zunächst wurden jedoch meist nur männliche Würdenträger vorgestellt, die Schwerpunkte lagen überwiegend auf deren Bio­grafie und ihrem Werdegang, Charakterisierungen waren noch selten.

Nachdem in den 1930er Jahren vermehrt Nachrufe und im Zweiten Weltkrieg die Militärs in das Blickfeld gerieten, wurden ab 1950 viele Künstler dargestellt. In den 1960ern entwickelte sich dann die Regenbogenpresse, die vor allem die Königshäuser porträtierte. Bis 1980 hatte sich das Porträt als eigene Darstellungsform etabliert, die deutsche und nordamerikanische Presse war für hervorra­gende Porträts bekannt. Jedoch war die Textsorte in den 1980ern so beliebt, dass nahezujedes The­ma personalisiert und mit einem Porträt dargestellt wurde. Dieses Übermaß an Porträts sollte beina­he zum Untergang der Textsorte führen, da diese Quantität nur noch selten Qualität hervorbrachte.[50] In der Gegenwart ist das Porträt „journalistisches Prinzip geworden“.[51] Den Untergang muss es je­doch nicht befürchten. Es entsteht zugegebenermaßen immer noch eine zu große Zahl schlechter Porträts oder Texte, die als solche bezeichnet werden. Dennoch wird die Textsorte Porträt zu Recht als eine der spannendstenjournalistischen Darstellungsformen bezeichnet.[52] Dies beweisen zahlrei­che Veröffentlichungen guter Porträtsjede Woche aufs Neue.

2.2.5 Anlass für ein Porträt

Da Porträts zu den beliebtesten Textsorten in den Printmedien gehören, werden sie auch zahlreich geschrieben und veröffentlicht. Allerdings stellt sich die Frage, ob dies stets aus dem richtigen An­lass geschieht oder ob lediglich dem Bedürfnis des Lesers nach einem Porträt entsprochen wird, ohne dass Ziel oder Thema des Textes dies rechtfertigen würden. Daher soll hier beschrieben wer­den, welche Anlässe für eine Verwendung der Textsorte Porträt geeignet sind.

Als grundsätzlich gilt selbstverständlich, dass das Porträt immer dann die ideale Textsorte darstellt, wenn es darum geht einen interessanten Menschen vorzustellen. Behandelt ein Autor jedoch ein Thema, das über die Darstellung einer Person hinausgeht, ist ein Porträt nur dann von Vorteil, wenn der Sachverhalt durch das Vorstellen einer Person lebendiger, aussagekräftiger, facettenreicher oder besser verständlich wird. Entscheidend ist dabei oft die Aktualität, denn „meist werden Portraits aus aktuellem Anlass und ergänzend zur sonstigen Berichterstattung eingesetzt.“[53] Peter Linden fügt hinzu, dass die Relevanz ebenfalls eine entscheidende Bedeutung besitzt.[54] So kann ein Porträt über die Kandidaten für die Wahl des Bürgermeisters in einem kleinen Ort in Bay­ern für die dort lebenden Menschen relevant sein, die Berliner werden sich dagegen höchstwahr­scheinlich nicht dafür interessieren.

Bei dem gewählten Beispiel lässt sich die Frage nach der Aktualität und dem Anlass leicht beant­worten: Es stehen Wahlen bevor, das Porträtieren der Kandidaten bietet sich an. Neben den Wahlen und der Politik, die ein viel genutztes Potenzial für Porträts bieten, gibt es auch weitere Ereignisse, die als typische aktuelle Anlässe dienen: Geburtstage und Jubiläen, Erfolge und Niederlagen sowie nahezujegliche Ereignisse, von denen auch in den Nachrichten berichtet wird.

Peter Linden unterscheidet im letzten Fall zwischen dem „Porträt als Nachricht“[55] und dem „Porträt zur Nachricht.“[56] Im Porträt als Nachricht wird eine Person dargestellt und damit zugleich eine Nachricht übermittelt. Ein Beispiel: Im Sportteil einer Zeitung wird ein Fußballer porträtiert. Der Leser erfährt dadurch, dass der Spieler zu einem neuen Verein wechselt.

Das Porträt zur Nachricht hingegen ist im Vergleich dazu weit häufiger. Dabei wird eine Nachrich­tenmeldung aufgegriffen, welche die genannten Kriterien Aktualität und Relevanz erfüllt. Dazu werden oft Porträts geschrieben, die zum einen die Thematik von einer neuen Seite reflektieren und zusätzlich das Interesse beim Leser aufrechterhalten. Dies ist notwendig, da Porträts Themen perso­nalisieren und emotionalisieren. Sie erfüllen damit eine Funktion, die keine andere Textsorte erfül­len kann. Deshalb gilt, dass „Themen, die sich längerfristig in den Printmedien halten sollen, [...] in Porträts übersetzt werden“[57] müssen.

Ein weiterer Grund, ein Porträt zu schreiben, liegt darin, dass man Hintergründe transparenter ma­chen kann. Dazu wird oft das Prinzip „pars pro toto“ angewendet. Dies geschieht zum Beispiel in­dem ein Professor vorgestellt wird, der seinen Lehrstuhl aufgibt, um somit zugleich die Diskussion über die Bologna-Reform zu erörtern. Weiterhin kann eine alleinerziehende Mutter porträtiert wer­den, damit die Familienpolitik der Bundesregierung in den Blickpunkt gerückt werden kann.

[...]


[1] http://www.tagesschau.de/ausland/roma104.html

[2] Burdorf (2007), 760

[3] Vgl. Nünning (2004), 650

[4] Brinker (1997), 12 ff

[5] Burdorf (2007), 761

[6] Ebd.

[7] Vgl. Austin (1972); Vgl. Searle (1982), (1983)

[8] Brinker (1997), 17

[9] Glück (1993), 636

[10] Brinker (1997), 100 ff

[11] Brinker (2004), 112

[12] Ausführlicher: Vgl. Brinker (1997), 105 ff

[13] Burdorf (2007), 762

[14] Krause (2000)

[15] Adamzik (2007)

[16] Gansel (2008)

[17] Gülich (1975)

[18] Linke (2004)

[19] Straßner (2000)

[20] Brinker (1996); (1997); (2004)

[21] Burger (1990); (2005)

[22] Glück (1993), 638

[23] Vgl. Brinker (1997), 133

[24] Vgl. Burger (1990), 323

[25] Vgl. Mast (2008), 259

[26] Wolf (2006), 216

[27] Egli von Matt (2008), 233

[28] Vgl. Egli von Matt (2008), 17

[29] Wolff (2006), 216

[30] Linden (2004), 15ff

[31] Vgl. Wolff (2006),220

[32] Linden (2004), 15

[33] http://www.tu-chemnitz.de/phil/leo/hauptverz/darstenungsformen.pdf

[34] Linden (2004), 41

[35] Egli von Matt (2008), 47ff; 63ff

[36] Straßner (2000), 81

[37] Vgl. Wolff (2006), 216f

[38] Mast (2008), 305

[39] Wolff (2006), 217

[40] Vgl. Egli von Matt (2008), 233

[41] Wolff (2006), 218

[42] Vg. Egli von Matt (2008), 11

[43] Vgl. ebd., 13

[44] Vgl ebd., 14

[45] Wolff (2008), 216

[46] Linden (2004), 10

[47] Egli von Matt (2008), 127

[48] Ebd.

[49] Vgl. Egli von Matt (2008), 129

[50] Vgl. ebd., 127ff

[51] Linden (2004), 11

[52] Vgl. Egli von Matt (2008), 233

[53] http://www.tu-chemnitz.de/phil/leo/hauptverz/darstellungsformen.pdf

[54] Vgl. Linden (2004), 43

[55] Ebd.

[56] Ebd., 47

[57] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Das Porträt als Spiegel der öffentlichen Meinung
Untertitel
Eine medien-linguistische Analyse
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
75
Katalognummer
V208940
ISBN (eBook)
9783656464839
ISBN (Buch)
9783656469155
Dateigröße
1015 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
porträt, spiegel, meinung, eine, analyse, öffentliche, Medien, Linguistik, Mixa, medien-linguistisch, Textsorte, text, textgattung, funktion, textfunktion, gattung, walter, historisch, entwicklung, portrait, anlass, form, formen, sprache, anmerkungen, zeitung, print, gefahr, gefahren, these, autor, zeit, die ZEIT, zeitlich, einordnung, zusammenfassung
Arbeit zitieren
Sebastian Silkatz (Autor), 2010, Das Porträt als Spiegel der öffentlichen Meinung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/208940

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