Die Mahrtenehe und andere Beziehungsformen in Thüring von Ringoltingens "Melusine"


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Mittelalterliche Alltagspraxis und das fiktive Erzählmotiv der gestörten Mahrtenehe
1.1 Wichtige Aspekte einer rechten und christlichen Ehe
1.2 Sexuelle Tabus und weibliche Intimität
1.3 Das Erzählmotiv der gestörten Mahrtenehe

2. Ehebeziehungen in Thüring von Ringoltingens Melusine
2.1 Die Mahrtenehe von Melusines Eltern
2.2 Die Mahrtenehe von Melusine und Raymund
2.2.1 Melusine als Initiatorin der Eheschließung
2.2.2 Die Hochzeitsfeierlichkeiten
2.2.3 Melusine als Mutter und Herrscherin
2.2.4 Das Geheimnis um Melusine
2.3 Die Eheschließungen der Söhne

3. Exposée und Ausblick

Literaturverzeichnis

Die Mahrtenehe und andere Beziehungsformen

in Thüring von Ringoltingens Melusine

Gleichwol soll der Man der Herschaft vber das Weib sich nicht geprauchen

wie vber leibeigene knecht, oder vber sonst sachen, die er inn besitzung hat,

sonder ganz gleicher masen, wie die Sele vber den leibe herschet,

nämlich inn gleicher libthat vnh freundlichkeit gegen einander stehn,

vnd inn gleichmäsiger naigung zusammen stimmen.[1]

Einleitung

Thüring von Ringoltingens Melusine entstand 1456 in Bern und gilt als eine frühe Form des Prosaromans, die auf den Versroman von Coudrette zurückgeht. Die verwickelte Handlung umspannt drei Generationen und hat fast die gesamte damals bekannte Welt zum Handlungsort. Thüring, „ein Angehöriger des adligen Stadtpatriats von Bern“[2], widmete seine Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche zü eren und zü dienste dem Markgrafen Rudolph von Hochberg, Grafen von Neuchâtel.[3]

Couldrette als auch Thüring versichern, dass die Geschichte um Melusine wahrhaftig ist.

Der ‘Roman de Melusine’ ist nach der Intention des Auftraggebers und des Autors Couldrette volkssprachige genealogische Geschichtsschreibung der Familie Lusignan-Parthenay und dient zur höheren Ehre des lebenden Herrn des Hauses von Parthenay und seiner Gemahlin [...], indem er die Geschichte der geheimnisvollen vornehmen Ahnfrau und von deren Nachkommen erzählt.[4]

Thüring legt großen Wert auf das Verhalten des Grafenpaares Raymund und Melusine ‘in guten wie in schlechten Zeiten’. Doch Raimund und Geoffroy „verstoßen gegen elementare christliche Tugenden und Fürstenpflichten“[5] in Krisenzeiten.

In dieser Ausarbeitung beschäftige ich mich mit den Beziehungsformen in der Melusine. Im Vordergrund steht die Mahrtenehe zwischen Melusine und Reymund. Wo gibt es Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede in den anderen Generationen?

Nach Berger wurden in der Forschung bisher weitestgehend die Frauenfiguren und Geschlechterbeziehungen in der Melusine untersucht und dabei die Darstellungsformen von Herrschaft vernachlässigt.[6] Melusine nimmt neben der Rolle der frommen Gattin und der fürsorglichen Mutter auch die Rolle einer Alleinherrscherin an. Doch wie gelangt eine Frau im Spätmittelalter zu solcher Macht und solchem Ansehen? Wie kann sie ihre Stellung gegenüber ihrem Ehegatten behaupten und wie reagiert das gesellschaftliche Umfeld auf eine weibliche Vormachtstellung?

1. Mittelalterliche Alltagspraxis und das fiktive Erzählmotiv der gestörten Mahrtenehe

1.1 Wichtige Aspekte einer rechten und christlichen Ehe

Im Hochmittelalter definierte die Scholastik (z. B. das Konzil von Lyon 1271) die Ehe als Sakrament. Daraufhin versuchte die Kirche in zunehmendem Maße, die Ehe liturgisch und rechtlich zu ordnen und zu kontrollieren. Vinzenz von Beauvais schuf mit seinen Specula ein Vorbild für die Spiegelliteratur, die am Ausgang des Mittelalters entstand, u. a. aufgrund der theologischen Hinwendung zu einer konkret-praktischen Frömmigkeit.[7] Der Leipziger Prediger und Dominikanermönch Marcus von Weida (ca. 1450-1515) stellte in seinem Spigell des ehelichen Ordens unterschiedliche Predigten über die typischen Fragen zur Ehe im Spätmittelalter zusammen. Das Werk ist Kurfürst Friedrich von Sachsen gewidmet. Durch Bezugnahme auf Thomas von Aquin stützt Marcus seine Argumentation auf verschiedene Kirchenväter und Bibelstellen.[8]

Marcus definiert die Ehe laut Bachorski als standt und orden, setzt sie über das Zölibat und bezeichnet die Ehe außerdem als wichtigsten und besten Stand.[9] Damit wendet er sich von Thomas von Aquin und anderen Autoritäten ab, die den Stand der Jungfräulichkeit höher taxierten.[10]

Als positive Beweggründe für eine Eheschließung nennt Marcus von Weida drei Hauptgründe: der Empfang des Sakramentes, die Zeugung von legitimen Nachkommen und die Vermeidung von Unzucht. Zu den Nebengründen gehören das Knüpfen von Familienbündnissen, die Funktion der Frau als Gesellschafterin und Haushaltshilfe für den Mann, die Schutzfunktion des Mannes für die Frau sowie die Arbeitsteilung zwischen den Eheleuten. Als falsche Gründe für eine Eheschließung galten damals (wie heute) Geld, Schönheit und Lüsternheit.[11]

Die Unterordnung der Frau unter den Mann galt für Marcus als Grundlage für die Zweierbeziehung. Die körperliche Züchtigung der Frau sah er im Alltagsleben begründet, in der das Widerstreben der Frau, sich gehorsam und hörig zu zeigen, zu beobachten war. Vor allem die unzucht des leybes ließ das Bild eines von natyr aus bösen Weibes entstehen.[12]

1.2 Sexuelle Tabus und weibliche Intimität

Die Ehe dient nach Marcus von Weidas Spigell als Institution für die Vermeidung bzw. Reglementierung von Unzucht und Wollust.[13] In Zeiten der Menstruation, Schwangerschaft, Kindbettzeit sowie an kirchlichen Feiertagen sollte sich die Frau dem Mann verweigern.[14] Diese Verbote verlieren nach Marcus jedoch ihre Geltung, wenn die Gefahr eines Ehebruchs von Seiten des Mannes besteht. Insgesamt werden mehr Ausnahmefälle aufgeführt, die zur Aufhebung der Verbote führen, als daß das Einhalten der Verbote im Vordergrund steht.[15]

Auch bei der Unterscheidung zwischen berechtigten und sündhaften sexuellen Handlungen bestehen im Spigell Ausnahmefälle, die z.B. eine sündhafte Handlung in eine läßliche Sünde verwandeln.[16] Zu den genehmigten sexuellen Handlungen gehören bei Marcus der Geschlechtsverkehr aus Gerechtigkeitsgründen dem Gatten gegenüber, zum Schutz vor Unzucht, sowie zur Zeugung von Kindern.[17] Die Beteiligten versündigen sich demnach, wenn sexuelle Handlungen aus Wollust, während der Periode oder Schwangerschaft, ohne Zeugungsabsicht oder auch unter Bruch eines Keuschheitsgelübdes geschehen.[18]

Wie verhalten sich die Gebote und Verbote des Spigell des ehelichen Ordens in Thürings von Ringoltingen Melusine?

1.3 Das Erzählmotiv der gestörten Mahrtenehe

Im Deutschen bedeutet Mahr bzw. Mahrt ein drückendes Nachtgespenst (frz. cauchemar) und assoziiert eigentlich kein Feenwesen. Der Begriff Mahrtenehe bezeichnet eine Ehe oder eheähnliche Verbindung zwischen einem Menschen mit einem überirdischen Wesen. Des Weiteren wird die Bezeichnung für Feenlieben und andere erotische oder sexuelle Verbindungen zwischen Normalsterblichen und mythischen Wesen gebraucht.[19]

Die Historie der Melusine, einer der ersten Prosaromane, läßt sich zu den Feenlieben zählen. Die Feenlieben erzählen von den besonderen Bedingungen, die an die Paarverbindung geknüpft sind – ausgenommen der erotischen Beziehung eines Mannes zu einer Feengestalt. Meist spielen Feenlieben im aristokratischen Umfeld.[20]

Sowohl in der Mahrtenehe als auch in der Feenliebe ist es dem menschlichen Ehepartner nicht möglich, die Tabubedingungen des übernatürlichen Wesens einzuhalten. Dadurch scheitert die Beziehung und es kommt zur Trennung der Partner. Die Tabubedingungen beziehen sich meist auf die weibliche Intimität und sind verbunden mit männlichen erotischen Vorstellungen und Wünschen.[21] Im Gegensatz zu einem ‘Happy-End’ bei Märchen ist die Mahrtenehe gattungstypisch an einen unglücklichen Ausgang geknüpft.[22]

Das dämonische Mischwesen Melusine verwandelt sich samstags stets in eine Meerfrau zurück. An diesem Tag verwandelt sich ihr weiblich-menschlicher Unterkörper in einen Fischschwanz. Reymund erlebt mit seiner Ehefrau eine Zeit voller Glück und sozialem Aufstieg, bis der Tabubruch zur Trennung und schließlich zum Glücksverlust führt.

Im Gegensatz zu normativen Texten, die wie der Spigell des ehelichen Ordens, hoch ritualisiert sind und nur geringe Variationsmöglichkeiten bieten, gelingt es dem narrativen Autor Thüring von Ringoltingen, nicht hinterfragte Normen aufzubrechen und in einem anderen Licht zu präsentieren. Somit schafft es der Roman, seine Bedeutung aus seiner ästhetischen Struktur selbst herzustellen und ist somit unabhängiger von äußeren Strukturen.[23] Dadurch wird auch die Variationsbreite des Romans größer: Er kann andere Gattungen in sich aufnehmen und sie umfunktionieren, indem er den autoritativen Charakter der normativen Texte unter Anwendung fiktiver Mittel aufbricht. Der Leser kann demzufolge einen distanzierten Blick auf die Thematik einnehmen.[24]

2. Ehebeziehungen in Thüring von Ringoltingens Melusine

2.1 Die Mahrtenehe von Melusines Eltern

Die Vorgeschichte um Melusines Eltern wird von Thüring nachgereicht. Erst nach dem Tabubruch erfährt Reymund, daß Melusines Vater König Helmas von Albanien war und demzufolge von hochadeligem Geschlecht ist. In engem Zusammenhang mit dieser Inversion der Chronologie steht das Geheimnis um den Ursprung von Melusines Adelsgeschlecht. Verstärkt wird dieser Aspekt durch Wiederholungsstrukturen. Schon Melusines Eltern führten eine Mahrtenehe. Dem Vater wurde verboten, seine Frau Persina im Kindsbett zu besuchen. Das Sehverbot bezieht sich hier, wie bei Reymund, auf die weibliche Intimsphäre. Melusine sowie Persina fordern Rücksichtsnahme von Seiten ihrer Männer, die an bestimmte Zeiten und Orte gebunden ist. Bei Persinas Bedingung zeigt sich (deutlicher als bei ihrer Tochter) die enge Verbindung zum Geheimnis, welches die Frau als Gebärerin umgibt, sowie die Fragwürdigkeit der Vaterschaft und somit den Ursprung eines Geschlechts.

[...]


[1] Fischart 1974: 167

[2] Ertzdorf - Kupfer 1996b: 447

[3] vgl. Lexikonartikel zu ‘Thüring von Ringoltingen’

[4] Ertzdorf - Kupfer 1996b: 448

[5] ebd.: 461

[6] vgl. Berger 1998: 199

[7] vgl. Falk 1908: 29ff

[8] vgl. Bachorski 1991: 516

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. ebd.: 520

[11] vgl. ebd.: 515f

[12] vgl. ebd.

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. ebd.

[15] vgl. ebd.: 516f

[16] vgl. ebd.: 517

[17] vgl. ebd.

[18] vgl. ebd.

[19] vgl. Enzyklopädie des Märchens: 45

[20] vgl. ebd.

[21] vgl. ebd.: 50

[22] vgl. ebd.

[23] vgl. Bachorski 1991: 535

[24] vgl. ebd.: 536ff

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Mahrtenehe und andere Beziehungsformen in Thüring von Ringoltingens "Melusine"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Sprache und Literatur I)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V209178
ISBN (eBook)
9783656367697
ISBN (Buch)
9783656368410
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mahrtenehe, beziehungsformen, thüring, ringoltingens, melusine
Arbeit zitieren
Nina Jeanette Hofferberth (Autor), 2007, Die Mahrtenehe und andere Beziehungsformen in Thüring von Ringoltingens "Melusine", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209178

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