Marc Anton und Kleopatra: Zerrbilder der Geschichtsschreibung


Seminararbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung: Quellenbasis

2. Marc Anton, Kleopatra und Octavian
2.1 Charakterisierung Kleopatras und Marc Antons
2.1.1 Darstellung bei Plutarch
2.1.1.1 Die Propaganda Octavians bei der Darstellung Marc Antons
2.1.1.2 Die Propaganda Octavians in der Darstellung Kleopatras
2.1.2 Darstellung bei Cassius Dio: Die Propaganda Octavians gegen Marc Anton und Kleopatra
2.1.3 Kritischer Umgang mit den Quellen in der Forschung
2.1.4 Zwischenbilanz: Marc Anton als Liebessklave Kleopatras
2.2. Propagandaschlacht im Vorfeld von Actium
2.2.1 Propagandistische Darstellung der Testamentsveröffentlichung Marcus Antonius bei den antiken Autoren
2.2.2. Kritischer Umgang mit den Quellen in der Forschung
2.2.3 Kriegserklärung an Kleopatra
2.2.3.1 Die Propaganda Octavians in der Darstellung Plutarchs
2.2.3.2 Die Propaganda Octavians in der Darstellung Cassius Dios
2.2.3.3 Kritischer Umgang mit den Quellen in der Forschung
2.3 Diskussion der Ergebnisse im Kontext der Forschung

3. Schluss: Kleopatra als Untergang Marc Antons?

4. Literatur- und Quellenverzeichnis
4.1.Quellenverzeichnis
4.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung: Quellenbasis

„Zu diesem Antonius angeborenen Wesen, gesellte sich nun das letzte Unheil, die Liebe der Kleopatra.“[1]

Dieses Zitat Plutarchs charakterisiert das Bild, das lange Zeit in der Geschichtsschreibung von Marc Anton und Kleopatra vorherrschte und das auch die übrigen antiken Quellen von den beiden mehr oder weniger ausgeprägt zeichnen. Kleopatra gilt als Frau zwischen zwei Extremen: zum einen als Herrscherin, die mit allen Mitteln, die ihr als Königin zur Verfügung standen, ihre politischen Ziele durchsetzte, zum anderen als Geliebte zweier großer Römer.[2] Die Beziehung zu Marc Anton ist es, die sie endgültig in die „Mühlen der propagandistischen Auseinandersetzung“[3] zwischen Antonius und Octavian treibt. Marc Anton wiederum geht in die Geschichtsschreibung ein als ein von Kleopatra beherrschter, gegen das traditionelle Römertum eingestellter und von Octavian besiegter Politiker, und keineswegs als ernstzunehmende politische Persönlichkeit.

Ziel dieser Arbeit soll es nicht sein, mit den Gerüchten um die schillernde Persönlichkeit Kleopatras und ihres Geliebten Marc Antons aufzuräumen, sondern vielmehr sich den Gründen für die verzerrten Bilder der beiden in der historischen Rezeption zu nähern. Dabei wird man feststellen, dass die Art und Weise wie die beiden von der Nachwelt wahrgenommen werden, den Propagandakampf Octavians widerspiegelt. Man kommt nicht umhin, dem späteren Augustus eine große Schuld an der Tatsache zuzuweisen, dass die beiden als Zerrbilder in die Geschichtsschreibung eingegangen sind, Zerrbilder, mit denen erst die moderne Forschung versucht aufzuräumen und sich den wahren Persönlichkeiten, die sich unter dem Schleier augusteischer Propaganda verstecken, zu nähern.

Obwohl neben den antiken Quellen auch zeitgenössische wie Münzen, Inschriften, Tempel und Skulpturen vorliegen, die helfen können, die Sichtweise der antiken Texte zu modifizieren oder zu ergänzen, können wir auf die literarischen Quellen, die mehr oder weniger stark von der Propaganda Augustus geprägt sind, aufgrund der Lückenhaftigkeit und der schweren Interpretierbarkeit unmöglich verzichten.[4]

Die antiken Texte von Plutarch, Appian oder Cassius Dio sind aber stark beeinflusst von der Sichtweise Augustus[5] und dementsprechend verfälschen sie das Bild von Kleopatra und Marc Anton bis in die Neuzeit[6].

Selbst moderne Historiker vertreten teilweise die Meinung, dass in den übertriebenen Darstellungen der antiken Geschichtsschreiber ein wahrer Kern stecken müsse[7] und auch Althistoriker wie Manfred Clauss räumen ein, dass „das Ringen um die historische Wahrheit angesichts der Ausgangslage, der antiken Zeugnisse, schwierig“[8] sei. Es ist also eine Tatsache, dass Kleopatra nicht nur als Frau, sondern auch als Fremde unter der antiken Geschichtsschreibung zu leiden hatte. Dazu trägt maßgeblich ihre Beziehung zu Marc Anton und die propagandistische Sicht durch Augustus eine entscheidende Rolle bei. Besonders letzter Faktor ist verantwortlich für die Zerrbilder, die die Geschichtsschreibung von Marc Anton und Kleopatra zeichnet.

Bis zur Monographie von Hermann Bengston aus dem Jahre 1977 über Marc Anton, deren Qualität fragwürdig ist, war Plutarchs Biographie die einzige über den Triumvirn.[9] Mittlerweile gibt es zwar zahlreiche Werke, wie von Christoph Schäfer[10] oder Manfred Clauss[11], die sich der historischen Kleopatra nähern, aber irrationale Faktoren wie die Liebe lassen sich aus heutiger Sicht nur noch schwer rekonstruieren. Dennoch gelingt Schäfer sogar eine durchweg positive Darstellung von Marc Anton und auch Dietmar Kienast charakterisiert Antonius in seinem Werk über Augustus als „bedeutendsten Gegenspieler“[12] Octavians und keineswegs als „Rohverschlinger“ oder „Grausamwilden“. Helmut Halfmann unternimmt mit seinem Werk „Marcus Antonius“[13] den Versuch, „die Schatten über Antonius so weit wie möglich beiseite zu schieben“[14], während mit dem Werk von Sabine Kubisch und Hilmar Klinkott[15] eine Arbeit zu Kleopatra vorliegt, die nicht nur die Inszenierungsgeschichte Kleopatras vergegenwärtigt, sondern die nüchtern versucht, dem wahren Bild der Kleopatra gerecht zu werden .

Unter Berücksichtigung der modernsten Forschungsansätze soll im Verlauf dieser Arbeit auf Grundlage der antiken Quellen die Propaganda Octavians herausgearbeitet werden und mit möglichen Gegenargumenten konfrontiert werden. Dabei soll verdeutlicht werden, inwiefern Octavian mitverantwortlich ist, dass sich auch die heutige Geschichtsschreibung noch schwer tut, „das Dickicht von Lügen, Halbwahrheiten und Verzerrungen, welche die geschichtliche Überlieferung über Antonius [und Kleopatra] ausgebreitet hat“[16] zu durchdringen.

2. Marc Anton, Kleopatra und Octavian

„Ein Unglück für den Lebenden,

daß er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte,

ein Unglück für den Toten,

daß ihn dieser überlebte und seine Geschichte schrieb.“[17]

Friedrichs Schillers Zitat beschreibt nicht nur eine allgemein gültige Tatsache, die wir in der Geschichtsschreibung beobachten können, sondern auch das Phänomen, das Schuld daran ist, dass wir bis heute nur wenige Forschungsansätze finden, die versuchen, unter den Schleier augusteischer Propaganda zu blicken. Nicht nur, dass Marc Anton in der Schlacht bei Actium dem jüngeren Octavian unterliegt, dieser entscheidet auch die Propagandaschlacht gegen Kleopatra und den römischen Feldherren für sich. Kein Wunder also, dass nach dem Selbstmord der ptolemäischen Königin und Marc Antons beinahe ausschließlich die Sicht Octavians in die antike Geschichtsschreibung, ob gewollt oder ungewollt, einging und so das Bild der beiden bis in die heutige Zeit verzerrt.[18]

2.1 Charakterisierung Kleopatras und Marc Antons

Diese propagandistische Sicht taucht bereits bei der Charakterisierung der beiden auf, die sich als Grundlage für die Kleopatra und Marc Anton feindlichen Argumentationsgänge nutzen lässt und sich in zahlreichen antiken Schriften in mehr oder weniger ausgeprägter Form wiederfindet.

2.1.1 Darstellung bei Plutarch

Auch Plutarchs Biographie über Marc Anton ist nicht frei von der Propaganda des späteren Alleinherrschers, stellt aber dennoch eine der Hauptquellen der Geschichtsschreibung dar.[19] Plutarch, der vermutlich zwischen 46 und 120 nach Christus lebte und somit nicht allzu lange nach Antonius, verfasste zahlreiche Biographien römischer Männer, denen er das Leben griechischer Männer gegenüberstellte. Er ist laut Bleicken „einer der bedeutendsten und vielseitigsten griechischen Schriftsteller der Kaiserzeit“[20]. Trotzdem war eine akkurate Darstellung, die die Propagandatypika herausfiltert, nicht sein Ziel, solange sie sich in sein Konzept einfügte,

„denn [Plutarch] schreib[t] nicht Geschichte, sondern zeichne[t] Lebensbilder, und hervorragende Tüchtigkeit oder Verworfenheit offenbart sich nicht durchaus in den aufsehenerregendsten Taten, sondern oft wirft ein geringfügiger Vorgang, ein Wort oder ein Scherz ein bezeichnenderes Licht auf einen Charakter als Schlachten [...] und Belagerungen.“[21]

2.1.1.1 Die Propaganda Octavians bei der Darstellung Marc Antons

Plutarch schildert in seiner Biographie Antonius zwar als tapferen, leidenschaftlichen, aber auch grausamen und rachsüchtigen Mann[22], der den Luxus, die Theatralik und die Selbstüberhöhung liebt.[23] Trotz der zahlreichen schlechten Attribute, die er seinem Charakter zuschreibt, ist die Darstellung keine rein negative. Allerdings treten die guten Eigenschaften, wie beispielsweise die Fähigkeit ehrliche Reue zu zeigen, Großzügigkeit und Humor, zugunsten der schlechten, wie eine „gewisse gutherzige Einfalt“[24] oder Grausamkeit und Naivität durch die leichte Betörung durch „Lobhudeleien“[25] in den Hintergrund.[26]

Die römische Tugend der Treue deutet Plutarch bei Marc Anton so um, dass sie ihre positive Konnotation gänzlich verliert und somit eher als eine Art Treuherzigkeit erscheint, die es ihm unmöglich machte, gewisse Vorgänge zu durchschauen. Dementsprechend wundert es nicht, dass Marc Anton als eine leicht manipulier- und beeinflussbare Persönlichkeit[27] dargestellt wird, für den Kleopatra jenes Übel darstellt, das zusätzlich zu seinem lasterhaften, übertrieben naiven Wesen seinen Untergang bedeuten sollte.

„Denn [d]urch sie wurden nicht nur viele in ihm verborgen liegenden und schlummernden Leidenschaften rege gemacht und bis zur Raserei entstammt, sondern auch das wenige Gute und Heilsame, das jenem noch etwa die Waage halten mochte, wurde vollends unterdrückt und vernichtet.“[28]

Mit diesem Argumentationsgang folgt Plutarch nicht nur der Sicht Octavians, sondern verdeutlicht auch in zahlreichen Gegenüberstelllungen die vermeintlichen Vorzüge Octavians dem Älteren gegenüber, wie wir unter anderem an folgender Textstelle, die die Zeit Antonius in Asien beschreibt, feststellen können:

„Nachdem [Marc Anton] [...] nach Kleinasien hinübergegangen war, kam er mit den dort angesammelten Reichtümern in nähere Berührung. Könige warteten ihm an seinen Türen auf, die Gemahlinnen von Königen bewarben sich im Wetteifer miteinander mit Geschenken und mit ihren Reizen um seine Gunst. Während Caesar [Octavian] in Rom sich mit inneren Kriegen und Wirren abzumühen hatte, lebte Antonius in tiefer Ruhe und Frieden und ließ sich durch seine Leidenschaften wieder in sein gewohntes Treiben hineinziehen. [] Musikanten der gleichen Art, die an Frechheit, und Schamlosigkeit, das aus Italien mitgebrachte Gesindel noch überboten, strömten herbei und beherrschten seinen Hof, und es gab kein Halten mehr...“[29]

Der Vergleich zwischen den beiden Männern reflektiert deutlich die Propaganda Octavians. Während dieser als ein sich für das Vaterland aufopfernder Politiker dargestellt wird, frönt Antonius lediglich dem schamlosen Treiben an seinem Hofe. Daneben wird das Bild des von Leidenschaften gesteuerten Marc Antons betont und letztendlich auch seine leichte Manipulierbarkeit. Den schamlosesten Musikanten, verschmähter als das römische Gesindel selbst, gelingt es, Marc Anton nicht nur in ihr Treiben hineinzuziehen, sondern sogar seinen gesamten Hof zu beherrschen. Auf Grundlage dieses Argumentationsganges, wird die These Plu­tarchs, Marc Anton sei so leicht beeinflussbar, dass er zur willenlosen Marionette Kleopatras mutiert, verständlicher.

[...]


[1] Plutarch, Ant. 25,1; vgl. auch Plut. Ant. 36,1, und App. b.c. 5,1 und 8f., sowie Cass. Dio 48,27,2 und 28,3

[2] Vgl.: Clauss, Kleopatra, Seite 7

[3] Ebd.: Seite 8

[4] Vgl.: Schuller: Kleopatra, Seite 11

[5] Vgl.: Ebd.

[6] Vgl.: Clauss, Kleopatra, Seite 8

[7] Vgl.: Ebd. Seite 8

[8] Ebd. Seite 8

[9] Vgl.: Andreae, Kleopatra und die historischen Persönlichkeiten in ihrem Umkreis, Seite 89

[10] C. Schäfer, Kleopatra, Darmstadt 2006

[11] M. Clauss, Kleopatra, München, 2010

[12] Kienast, Augustus, Seite 72

[13] Vgl.: H. Halfmann, Antonius, Darmstadt 2011

[14] ebd. Seite 9

[15] Vgl.: Kunisch, Klinkot, Kleopatra

[16] ebd. Seite 9

[17] Friedrich Schiller „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ über Wallenstein

[18] Vgl.: Kubisch, Klinkott: Kleopatra, Seite 83

[19] Vgl.: Halfmann, Marcus Antonius, Seite 10 oder Thomas Schrapel, Das Reich der Kleopatra, Trier, 1996, Seite 9

[20] Bleicken: Geschichte der römischen Republik, 1999, Seite 253

[21] Plut. Alex.1

[22] Plut. Anton. 20,4

[23] Vgl.: Halfmann, Antonius, Seite 179 oder Schäfer, Kleopatra, Kapitel: Heiße Nächte in Alexandria, Seite 185-187

[24] Plut. Anton., 23,2

[25] Ebd. 23,3

[26] Vgl.: Halfmann: Antonius, Seite 198f.

[27] Vgl.: Gall, Kleopatra, Seite 145

[28] Plut. Anton. 24f.

[29] Ebd. 42,1ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Marc Anton und Kleopatra: Zerrbilder der Geschichtsschreibung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar der LMU Alte Geschichte)
Veranstaltung
Vertiefungsseminar: Augustus
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V209210
ISBN (eBook)
9783656370680
ISBN (Buch)
9783656371076
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustus, Kleopatra, römische Geschichtsschreibung, Plutarch, Marc Anton, Octavian, Oktavian
Arbeit zitieren
Miriam Gaßner (Autor), 2013, Marc Anton und Kleopatra: Zerrbilder der Geschichtsschreibung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209210

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