Seit der Industrialisierung erfolgen in der westlichen Welt technologische, wissenschaftliche und kulturelle Veränderungen in rasender Geschwindigkeit.
Diese Entwicklung hat sich sehr stark auf das subjektive Weltbild der Bürger der westlichen Welt ausgewirkt. In den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts kam es in postindustriellen Nationen zu einem regelrechten Ausbruch aus tradierten Werten und Verhaltensmustern (z.B. „Hippie-Bewegung“, „68er“, „No-War-Movement“, Demonstrationen für mehr Gleichberechtigung…). Diese Veränderungen in der subjektiven Wertbeimessung haben weiterhin angehalten, wenn auch nicht in solch radikaler Form, und werden häufig als „Wertewandel“ bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Normen, Werte, Wertewandel
2.1. Begriff „Norm“
2.2. Begriff „Wert“
2.3. Begriff „Wertewandel“
3. Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart
3.1. Die Mangelhypothese
3.2. Die Sozialisationshypothese
3.3. Synthese
4. Materialismus vs. Postmaterialismus
4.1. Ursachen für das Aufkommen postmaterialistischer Werthaltungen
4.2. „Kultureller Umbruch“
5. Einfluss des Wertewandels auf die politische Partizipation
5.1. Politische Aktivität
5.2. Parteien und Wahlverhalten
6. Bewertung
6.1. Kritik an der Empirie
6.2. Kritik an der Mangelhypothese
6.3. Kritik an der Sozialisationshypothese
6.4. Steigender Wohlstand
6.5. Mangelnde Falsifizierbarkeit
7. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Theorie des Wertewandels nach Ronald Inglehart, um die Verschiebung von materialistischen zu postmaterialistischen Werten in westlichen, postindustriellen Gesellschaften zu erklären und deren Auswirkungen auf politisches Verhalten aufzuzeigen.
- Grundlagen von Normen, Werten und dem Phänomen des Wertewandels.
- Die zwei zentralen Säulen der Theorie: Mangel- und Sozialisationshypothese.
- Differenzierung zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werthaltungen.
- Einfluss des Wertewandels auf politische Partizipation und Wahlverhalten.
- Kritische wissenschaftliche Reflexion und Validitätsprüfung der Theorie.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Mangelhypothese
Die Mangelhypothese basiert auf Maslows Bedürfnishierarchie (vgl. Inglehart 1989, S.174).
Abraham Maslow, ein Vertreter der Humanistischen Psychologie, unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Formen der menschlichen Motivation, nämlich zwischen „Mangelmotivation“ und „Wachstumsmotivation“.
Die menschlichen Bedürfnisse sind in einer bestimmten Reihenfolge festgehalten, welche in der sogenannten „Bedürfnispyramide“ beschrieben sind.
Das Fundament dieser Hierarchie bilden die biologischen Grundbedürfnisse, wie z. B. die Bedürfnisse nach Nahrung, Wasser, Sauerstoff, Sexualität…
Darauf folgen die Bedürfnisse nach Sicherheit und Bindung sowie Selbstachtung, Zugehörigkeit und Liebe.
Auf höherer Ebene finden sich die sogenannten Wachstumsbedürfnisse: Das Streben nach Wissen (kognitive Bedürfnisse), das Streben nach Schönheit (ästhetische Bedürfnisse) und die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Transzendenz.
Die Befriedigung der Bedürfnisse erfolgt von „unten“ nach „oben“, d.h., dass der Mensch zuerst die physischen und psychischen Grundbedürfnisse befriedigen muss, bevor er sich den Wachstumsbedürfnissen widmen kann. (vgl. Zimbardo 1992, S.352)
Das wichtigste Bedürfnis laut Maslow ist die Selbstverwirklichung, welche allerdings sehr schwer zu beschreiben und zu erfassen ist, da es sich um einen Prozess und nicht um einen Zustand handelt. (vgl. Lefrancois 2006, S.290)
Die folgende Abbildung soll die hierarchische Ordnung zwischen Grund- und Metabedürfnissen (Mangel- und Wachstumsbedürfnisse) nochmals verdeutlichen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Phänomen des Wertewandels seit der Industrialisierung ein und definiert das Ziel der Arbeit, die Theorie von Ronald Inglehart zu erläutern.
2. Normen, Werte, Wertewandel: Das Kapitel klärt die theoretischen Begrifflichkeiten von Normen, Werten und Wertewandel als Fundament für die weitere Analyse.
3. Die Theorie des Wertewandels nach Inglehart: Hier werden mit der Mangel- und Sozialisationshypothese die beiden zentralen Erklärungsansätze für die Verschiebung von Wertprioritäten vorgestellt.
4. Materialismus vs. Postmaterialismus: Dieses Kapitel erläutert die Unterscheidung zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werthaltungen sowie die Ursachen für deren Entstehung.
5. Einfluss des Wertewandels auf die politische Partizipation: Untersucht wird, wie sich die veränderten Wertorientierungen auf politisches Engagement, Parteienpräferenzen und Wahlverhalten auswirken.
6. Bewertung: Es erfolgt eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Empirie und den Hypothesen der Inglehart-Theorie.
7. Schluss: Zusammenfassend wird die Theorie als plausibler, aber in Bezug auf die gesellschaftliche Komplexität ergänzungsbedürftiger Erklärungsansatz eingeordnet.
Schlüsselwörter
Wertewandel, Ronald Inglehart, Materialismus, Postmaterialismus, Mangelhypothese, Sozialisationshypothese, Bedürfnispyramide, politische Partizipation, Werte, Normen, Selbstverwirklichung, formative Jahre, Wahlverhalten, Politische Didaktik, Gesellschaftlicher Wandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die „Theorie des Wertewandels“ nach Ronald Inglehart, die erklärt, warum sich in westlichen Gesellschaften die Prioritäten von materieller Sicherheit hin zu postmaterialistischen Werten verschoben haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt die soziologischen Grundlagen von Werten, die psychologischen Ansätze nach Maslow, die Entstehung postmaterialistischer Werthaltungen und deren Auswirkungen auf das politische System.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Vermittlung und kritische Einordnung von Ingleharts Theorie, um die Bedeutung dieser kulturellen Entwicklungen für das heutige politische Verhalten besser zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine theoretische Aufarbeitung durch, indem er die Primärliteratur von Inglehart analysiert und diese mit psychologischen Erkenntnissen (Maslow) und kritischen sozialwissenschaftlichen Gegenpositionen abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Säulen (Mangel- und Sozialisationshypothese) erläutert, die empirische Unterscheidung zwischen Materialisten und Postmaterialisten dargestellt sowie die Auswirkungen auf Partizipation und Parteien analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Wertewandel, Mangelhypothese, Sozialisationshypothese, Postmaterialismus, Selbstverwirklichung und politische Partizipation.
Warum spielt Maslows Bedürfnispyramide eine so wichtige Rolle für Inglehart?
Inglehart nutzt Maslows Modell, um zu erklären, dass Menschen erst dann zu "höheren" Werten streben, wenn ihre materiellen Grundbedürfnisse durch wirtschaftlichen Wohlstand gesichert sind.
Warum wird die Theorie im letzten Teil der Arbeit kritisiert?
Kritisiert werden insbesondere die methodische Validität der empirischen Umfragen, die Vernachlässigung des Lebenszyklus und die mangelnde Falsifizierbarkeit der Theorie, da sie für fast jedes Verhalten eine nachträgliche Erklärung bietet.
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- Anonym (Autor:in), 2010, Die Theorie des Wertewandels nach Ronald Inglehart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209491