Der Ausbruch des Bürgerkrieges auf Sri Lanka

Die Instrumentalisierung des Mahāvamsa und die Frage nach der Bedeutung der Religion in diesem Konflikt


Seminararbeit, 2012
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Mah āvamsa
2.1 Darstellung des Aufeinandertreffens von Singhalesen und Tamilen
2.2 Buddhistische Gewaltlosigkeit im Kontrast

3. Die Buddhistische Erneuerungsbewegung und die erste Instrumentalisierung des Mahāvamsa

4. Entwicklung seit der Unabhängigkeit
4.1 Politisches System Sri Lankas
4.2 Der Sangha auf Sri Lanka und die Politik
4.3 Politik der Regierung in Bezug auf Religion nach der Unabhängigkeit

5. Die Verfassung von 1972

6. Wiederaufkommen des buddhistischen Nationalismus und seine Folgen

7. Fazit

8. Quellen- und Literaturverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Literatur

1. Einleitung

Der Buddhismus gilt im Blickfeld der westlichen Hemisphäre zumeist als eine rationale und friedliche Religion. Diese Sichtweise entspricht jedoch keineswegs der Realität, sondern wurde vor allem von der Theosophischen Gesellschaft innerhalb der buddhistischen Erneuerungsbewegung des 19. Jahrhunderts propagiert. Auf Sri Lanka besitzt der Buddhismus durch die Geschichtsschreibung eine große Bedeutung und entwickelt auch eine große Wirkkraft innerhalb der Politik. Diese Wichtigkeit innerhalb der Neuzeit soll nun aufgezeigt werden. Im ersten Teil wird der Mahāvamsa vorgestellt, seine Bedeutung für Sri Lanka und im Kontrast die Gewaltlosigkeit im Buddhismus. Daraufhin wird die erste Instrumentalisierung des Mahāvamsa während des 19./20. Jahrhunderts dargelegt, um zu skizzieren, woher das Gedankengut kommt, dass seit der Unabhängigkeit immer bedeutender geworden ist für den singhalesischen Teil der Bevölkerung.

Darauf folgend wird die Entwicklung seit der Unabhängigkeit dargelegt, was den Sangha auf Sri Lanka und das politische System betrifft. Weiterhin soll die Verflechtung des Sangha mit der Politik innerhalb der Geschichte Sri Lankas dargelegt werden, um aufzuzeigen, dass der Sangha und der Buddhismus schon immer eine gewisse Verstrickung mit der Politik hatte. Abschließend soll in diesem Teilabschnitt die Politik der Regierung in Bezug auf Religion beleuchtet werden. Als einen Höhepunkt der Pro-Buddhismus Politik wird daraufhin die Verfassung von 1972 vorgestellt und ihre vermeintlich egalitäre Haltung bezüglich der Religion. Im folgenden Teil wird nun die erneute Instrumentalisierung des Mahāvamsa in den Fokus gerückt, sowie der Weg zum Bürgerkrieg. Innerhalb der Arbeit soll es um die Frage gehen, ob es sich beim Bürgerkrieg um einen buddhistischen Krieg handelt und welche Rolle die Instrumentalisierung des Mahāvamsa spielt.

2. Mahāvamsa

Auf Sri Lanka existiert der Buddhismus schon sehr lange Zeit und wurde während dieser Zeit immer von einer Schultradition angeführt, was dazu führt, dass es heute eine Vielzahl an Chroniken gibt. Der Legende nach kam der Buddhismus im 3. Jahrhundert v. Christus nach durch den Sohn des legendären Aśokas, Mahinda, nach Sri Lanka. Durch diese lange Tradition hat sich eine Geschichtsschreibung aus buddhistischer Sicht entwickelt, der Dīpavamsa, der Mahāvamsa und Cūlavamsa, die als Pāli-Chroniken bezeichnet werden. Bei ersterem handelt es sich um die älteste Chronik aus dem 4. Jahrhundert n. Christus, während der Mahāvamsa im 6. Jahrhundert n. Christus von einem Mönch namens Mahānāma verfasst wurde. Der Mahāvamsa belegt, dass bereits in früher Zeit Singhalesen und Tamilen aufeinander getroffen sind,[1] was nun im folgenden dargestellt wird. Dabei sollte beachtet werden, dass der bereits genannte Ursprung des Mahāvamsa eine subjektive Färbung der Schrift unumgänglich macht und als dezidiertes Ziel verfolgt, Sri Lanka als buddhistisches Land darzustellen. Sri Lanka wird als dhamma-dîpa dargestellt, die „Insel der Lehre“, die vom Buddha persönlich ausgesucht wurde,[2] was während der Kolonialzeit sehr wichtig und bedeutend wurde.

2.1 Darstellung des Aufeinandertreffens von Singhalesen und Tamilen

Der Mahāvamsa kann in vier verschiedene Teile unterteilt werden. Der erste Teil beschreibt den Besuch des Buddha auf Sri Lanka, um die Insel von den Dämonen zu reinigen, damit auf der Insel Menschen leben können. Dabei steht im Vordergrund, dass es sich bei Sri Lanka um ein von Buddha erwähltes und beschütztes Land handelt. Der Buddha wird als der Besitzer der Insel dargestellt. Der zweite Teil knüpft an den territorialen Gewinn des Buddha an, der die Singhalesen erwählt, um die Insel zu besiedeln und das Sāsana, also die Lehre des Buddha und seine Institution auf der Insel, zu vertreten. Dies unterstreicht wieder einmal die Bedeutung des Buddhismus für Sri Lanka aus der Sicht des Mahāvamsa. Der dritte Teil beschreibt, wie der Buddhismus nach Sri Lanka gekommen ist: Mahinda, ein Sohn von Aśoka, kam während seiner Missionstätigkeit nach Sri Lanka, wo König Devānampiyatissa den Buddhismus sofort in den Status einer Staatsreligion erhob. Der letzte Teil, in dem das Aufeinandertreffen von Buddhisten und Tamilen dargestellt wird, dreht sich vor allem um die Verteidigung des Sāsana, notfalls auch mit Waffengewalt. Dabei spielt König Dutthagamani die Hauptrolle, da er die Insel des Buddha wieder komplett unter die Herrschaft des Buddhismus bringen will. Die Feinde sind hierbei die im Norden der Insel lebenden Tamilen.[3]

Eines der für dieses Thema bedeutendsten Kapitel des Mahāvamsa [4] ist Kapitel 25, in welchem der Sieg des Königs Dutthagamanis über die Tamilen, die die Insel besetzten, geschildert wird. Der Sieg hatte der Legende nach zu urteilen zur Folge, dass ein „goldenes Zeitalter“ des Buddhismus auf Sri Lanka eingeläutet werden konnte und die Vorherrschaft der Buddhisten gesichert war.[5] Das 25. Kapitel beginnt mit der Darstellung des Dutthagamani, der mit seiner Armee auf dem Weg zu Tissamahārāma ist. Dabei wird die Bedeutung der Mönche unterstrichen, da der Anblick von Mönchen, laut Dutthagamani, Segen und Schutz bietet.[6] Des Weiteren wird im folgenden gesagt, „my [Dutthagamanis] strive (has been) ever to establish the doctrine of the Sambuddha“.[7] Daraufhin wird der Verlauf des Krieges berichtet, sowie der Sieg des Königs,[8] was auch die komplette Vernichtung der gegnerischen Armee beinhaltet.[9] Infolge der Vernichtung der Gegner, die die Tötung von einer großen Anzahl an Feinden beinhaltet, fühlt sich Dutthagamani unwohl.[10] Infolgedessen bekommt der Herrscher die Antwort, dass dies „no hindrance in the way to heaven“ ist, da nur „one and a half human beings“ während der Auseinandersetzung gestorben sind. Einer habe Schutz gesucht und wurde getötet, der Andere folgte den fünf Regeln. Zu den restlichen Gestorbenen wurde sich wie folgt geäußert: „Unbelievers and men of evil life were the rest, not more to be esteemed than beasts.“[11] Gleichzeitig wird Dutthagamani dem Mönch nach zu urteilen der Lehre des Buddha Ruhm bringen, weshalb er sich keine Sorge um sein Seelenheil machen solle.[12]

2.2 Buddhistische Gewaltlosigkeit im Kontrast

Der Buddhismus zeichnet sich vor allem durch seine Moral aus, die den Fokus auf das moralische Handeln der einzelnen Person legt. Nicht nur dem Mönch, sondern auch dem Laien sind dabei moralische Regeln auferlegt, wie zum Beispiel, für dieses Thema sehr wichtig, das Verbot des Tötens von Lebewesen. Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass diese Regeln kein starres Gebilde sind, sondern eher flexibel gehandhabt werden, da sich die Buddhisten und vor allem der Sangha oft in eine fremde Gesellschaft integrieren mussten und sich deshalb anpassen konnten. Die Verhaltensregeln sind nicht von einem göttlichen Wesen gegeben, was eben dazu führt, dass diese Regeln flexibel angewandt werden können und danach ausgelegt werden ob sie heilsam oder unheilsam sind für das Karma des Einzelnen. Des Weiteren haben diese Verhaltensregeln auch immer etwas mit der Soteriologie des Buddhismus zu tun, geht es doch immer auch um das Vermeiden von schlechtem Karma und dem Erlangen von guten Karma.[13] Der Buddhismus spricht nur in einer Form von einem „Sieg“, nämlich dem Sieg durch moralische Überlegenheit. Dadurch, dass die Buddhisten ihrem Gegner zeigen, dass sie moralisch überlegen sind, können sie ihr Territorium ausbreiten, nicht jedoch durch den Kampf. Dieser wird nicht als ein Weg zum Sieg dargestellt. Im Gegenteil, so schreibt P.D. Premasiri, dass „The selfish pursuit of sense pleasures (P. Kāma) is considered as the root of conflict.“[14] Bereits hier wird deutlich, dass es kein starres Ethikprinzip gibt, was das Töten prinzipiell verbieten würde, es geht immer auch im die Auslegung der Verbote. Doch der Krieg an sich ist immer schlecht ist und es keine Möglichkeit gibt, dieses Vorgehen zu rechtfertigen.[15]

[...]


[1] Oliver Freiberger/Christoph Kleine: Buddhismus. Handbuch und kritische Einführung, Göttingen 2011, S. 55-57, im Folgenden zitiert als: Freiberger: Buddhismus.

[2] Sven Bretfeld: Gewaltlosigkeit und ihre Suspendierung im Theravada-Buddhismus, in: Walter Dietrich/Wolfgang Lienemann (Hgg.): Gewalt wahrnehmen - von Gewalt heilen. Theologische und religionswissenschaftliche Perspektiven, Stuttgart 2004, S. 52, im Folgenden zitiert als: Bretfeld: Gewaltlosigkeit.

[3] Sven Bretfeld: Zur Institutionalisierung des Buddhismus und der Suspendierung der ethischen Norm der Gewaltlosigkeit in Sri Lanka, in: ZfR, 11. Jahrgang 2003, Heft 2, S. 153-159, im Folgenden zitiert als: Bretfeld: Institutionalisierung.

[4] Bei der vorliegenden Fassung handelt es sich um folgende: Mahavamsa: The Great Chronicle of Ceylon, übersetzt und herausgegeben von Wilhelm Geiger und Mabel Haynes Bode, neu herausgegeben, Charleston 2010, im Folgenden zitiert als: Mahavamsa.

[5] Bretfeld: Gewaltlosigkeit, S. 55.

[6] Mahavamsa: 25,1-4.

[7] Mahavamsa: 25, 16-18.

[8] Mahavamsa: 25, 19-97.

[9] Mahavamsa: 25, 98-100.

[10] Mahavamsa: 25, 108.

[11] Mahavamsa: 25, 109-111.

[12] Mahavamsa: 25, 111f.

[13] Freiberger: Buddhismus, S. 225-228.

[14] P.D. Premasiri: A ,Righteous War‘ in Buddhismus?, in: Mahinda Deegalle (Hg.): Buddhism, Conflict and Violence in Modern Sri Lanka, Oxon 2006, S. 81, im Folgenden zitiert als: Premasiri: War.

[15] Premasiri: War, S. 85.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Ausbruch des Bürgerkrieges auf Sri Lanka
Untertitel
Die Instrumentalisierung des Mahāvamsa und die Frage nach der Bedeutung der Religion in diesem Konflikt
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES))
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V209712
ISBN (eBook)
9783656372479
ISBN (Buch)
9783656372929
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Politik, Sri Lanka, Buddhismus, Singhalesen, Tamilen, LTTE, Eelam, Liberation Tiger Tamils of Eelam, Hinduismus, Konflikt
Arbeit zitieren
Christoph Kohls (Autor), 2012, Der Ausbruch des Bürgerkrieges auf Sri Lanka , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/209712

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Ausbruch des Bürgerkrieges auf Sri Lanka


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden