Zu Robert Schneiders "Schlafes Bruder". Warum der Roman ein Bestseller wurde


Seminararbeit, 2004

18 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Der mühsame Weg zum Erfolg

2. Zur Analyse von „Schlafes Bruder“
2.1. Triviale Züge im Roman
2.2. Hochliterarische Züge im Roman
2.3. Gründe für die anfängliche Ablehnung

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Der mühsame Weg zum Erfolg

Einem unerschütterlichen Vertrauen in sich selbst und seine Arbeit und einem ungemein sturen Kopf, wie man ihn sonst nur von einem gewissen Bergvolk aus Eschberg kennt, ist es zu verdanken, dass Robert Schneiders Schlafes Bruder überhaupt veröffentlicht wurde. Obwohl er bereits für die Arbeit an seinem Erstlingsroman den „Abraham-Wounsell-Award“, ein amerikanisches Privatstipendium zur Förderung junger europäischer Autoren, erhielt, fand er nämlich nach der Vollendung im Jahr 1990 zunächst keinen Verlag, der sich seines Werkes annehmen wollte.

Erst zwei Jahre und 23 Ablehnungen später wagte der Leipziger Reclam Verlag, der bis dahin kaum Gegenwartsliteratur veröffentlicht hatte, eine vorsichtige Erstauflage von 4000 Exemplaren. Doch dank der weitgehend positiven Stellungnahmen der Kritiker in den größten Tages- und Wochenzeitungen und der Mundpropaganda auf der Buchmesse im Oktober waren bis zum Ende des Jahres bereits 40.000 Stück im Umlauf. Trotz des spärlichen Werbebudgets erregte Schlafes Bruder die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit: Die Werksbesprechung im „Literarischen Quartett“ im November 1992, die Aufführung als Ballett durch das Pfalztheater Kaiserslautern, die Umwandlung in eine Oper durch den Komponisten Herbert Willi und vor allem die Verfilmung durch Joseph Vilsmaier trugen dazu bei, dass der Leser zu Robert Schneiders Schlafes Bruder griff. Nach der Erstausstrahlung des Films im Oktober 1995 gingen im Schnitt 90.000 Exemplare pro Monat über den Ladentisch, und auch 10 Jahre später finden sich immer noch zahlreiche Abnehmer.

Kaum zu glauben, dass 23 professionelle Verlage ein derartiges Potenzial eines Werkes nicht erkannt hatten. Und auch der Reclam Verlag bezweifelte einen möglichen Erfolg ihres Schützlings. Wie konnte es dazu kommen? Welche Faktoren trugen dazu bei, dass der Roman so oft abgelehnt wurde und warum konnte er doch noch zu einem derartigen Bestseller werden? Um diese Fragen beantworten zu können, wird im Folgenden versucht, sowohl das triviale als auch das hochliterarische Potential mit Hilfe der jeweiligen Definitionen von Nusser bzw. Heidebrand/Winko sowie einiger Rezensionen herauszufinden, und etwaige Problembereiche bzw. Gründe für die Ablehnung der Verlage herauszufiltern.

2. Zur Analyse von „Schlafes Bruder“

Kennzeichnend für den enormen Erfolg von Schlafes Bruder ist, dass sowohl Literaten als auch „Normalleser“ sich für das Werk begeistern können. Selbst in den Schulkanon wurde der Roman aufgenommen. Damit Schlafes Bruder ein derart vielschichtiges Lesepublikum befriedigen kann, müssen sowohl triviale als auch hochliterarische Züge vorhanden sein. Diese werden im Folgenden anhand des Primärtextes herausgefiltert und genauer untersucht.

2.1. Triviale Züge im Roman

- nach einer Definition von Nusser –

In einem oft zitierten Interview mit Bernhard Arnold Kruse im Jahr 1995 antwortete Robert Schneider auf die Frage nach dem Zweck seines Werkes:

„ Wenn es mir gelungen ist, den Leser einen Nachmittag lang zu vergnügen oder ihn auch zu ärgern, ihn auch an der Nase herumzuführen, es mir zumindest gelungen ist, ihn irgendwo bei der Stange zu halten durch Spannung, und er neugierig geworden ist, wie auch immer, dann hat dieses Ding seinen Sinn gehabt.“[1]

Vorraussetzung für eine derartig intensive Unterhaltung ist laut Nusser, dass eine konstante Dialektik von Sicherheit und Angstlust-Bedürfnis besteht. Diese wird dem Leser in Schlafes Bruder gewährt: Er kann seine Ängste bedenkenlos ausleben und genießen, da Robert Schneider - wie es Martin Doerry in seiner Kritik im Spiegel-Magazin ausdrückte - „sein vom Alltag ermüdetes Publikum mit perfekter Illusion“[2] bedient. Er erfindet mit dem Bergdorf Eschberg eine eigene, kleine, in sich geschlossene Welt, die mit der realen Welt kaum in Verbindung steht. Außerdem spielt der Roman bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. All dies trägt dazu bei, dass der Leser zwar während der Lektüre am Geschehen im Dorf teilnehmen kann, er aber dennoch jederzeit in seine Realität zurückkehren kann. Sowohl die räumliche und zeitliche Distanz, als auch die Betonung des fiktionalen Rahmens tragen dazu bei, dass der Leser die folgenschweren Handlungen und moralischen Verstöße im Dorf nicht auf seine Realität projizieren kann. Für den Leser entstehen keine Konsequenzen und auch sein Weltbild kann nicht verzerrt werden. Dadurch kann er jederzeit unbeschadet aus der Erzählung aussteigen.

Damit einher geht die von Nusser postulierte Dreiteilung von Trivialliteratur, wonach dem Leser zunächst etwas Gewohntes präsentiert wird, sich dann jedoch etwas Ungewöhnliches ereignet, am Ende aber wieder der Anfangszustand erreicht wird. Im Falle von Schlafes Bruder entspricht das Gewohnte dem Dorfroman. Der Leser kennt bereits das schwere Leben des Dorfvolkes, die unmenschlichen Verhältnisse und der harte Alltag sind ihm schon aus anderen Schilderungen bekannt, und auch die Unmöglichkeit einer Liebe wurde bereits des öfteren dargestellt.

Erst die Geburt des Johannes Elias Alder bringt diese bäuerliche Idylle aus dem Gleichgewicht. Plötzlich lebt unter diesem groben, rohen Bergvolk ein musikalisches Genie, das durch seine außergewöhnliche Hörkraft die Welt viel intensiver und sinnlicher wahrnimmt. Sowohl sein Talent als auch sein Aussehen hindern ihn daran, ein alltägliches Leben zu führen und mit Elsbeth glücklich zu werden. Doch ebenso ungewöhnlich wie sein Problem, muss laut Nusser auch dessen Lösung sein, und somit bereitet er auf eine bis dahin noch nie da gewesene Weise seinem Leben ein Ende.

Doch keine Aktion des Helden bringt nach seinem Ableben langfristige Folgen mit sich, es gibt kaum eine Veränderung im Dorf oder bei den Bewohnern, der Alltag, den der Leser zu Beginn der Lektüre kennen gelernt hat, kehrt mitsamt seiner Brutalität wieder ein und die Geschichte rund um den Elias Alder wird vollkommen abgeschlossen. Dies hat zur Folge, dass der Leser nach der Lektüre den selben Bewusstseinsstand bewahrt wie zu Beginn.

Ein weiterer wichtiger, trivialer Aspekt ist das Erzeugen von Spannung. Diese wird, wie es auch von Nusser postuliert wird, vor allem durch Informationsverweigerung erreicht. Es wird nicht explizit auf die Gedanken und Motivationen der Figuren eingegangen, der Leser kann diese nur erahnen, meist bleiben sie aber im Dunkeln verborgen. So wird z.B.: nie richtig erklärt, warum Peter seine Tiere quält oder warum Elias sich nicht weigert, Burga auf der Lichtung bloßzustellen. Auch das Verhältnis zwischen Vater und Sohn bleibt ungeklärt, der Leser weiß nicht, ob der Vater den Sohn seine Liebe spüren lässt oder wie er in der Öffentlichkeit zu ihm steht. Zahlreiche derartige Darstellungen führen dazu, dass sich im Leser eine Spannung aufbaut, er liest immer weiter in der Hoffnung auf Aufklärung und Auflösung.

Dabei scheint es, dass es immer wieder zu einem Wechsel von Auf- und Verklärung kommt. Jedes Mal, wenn der Leser glaubt, dass nun der Moment gekommen ist, an dem sich alles zum Guten wendet, wird er umso mehr aufs Neue enttäuscht. Nach seinem ersten öffentlichen Orgelspiel zum Beispiel scheint Elias endlich seine Bestimmung und einen Platz unter dem Bergvolk gefunden zu haben. Selbst die Seffin, die ihn zuvor sogar tot gewünscht hatte, weint nach dem Gottesdienst vor Stolz über ihren Elias. Und auch er selbst wagt es zu hoffen:

„Elias aber jubilierte. Er war überglücklich, und wenn er des Morgens erwachte, rannen ihm die Freudentränen aus den schlafverklebten Augen. Er liebte die Frühlinge, er verteidigte die Winter, und der Herbst war ihm kein Zeichen des Sterbens mehr“[3]

Aber die unbeschwerte Freude hält nicht lange an: Nachdem Peter ihn böswillig zur Bloßstellung der Burga drängt, ist er von sich selbst derart angewidert und enttäuscht, dass er wieder in den alten Gemütszustand zurückfällt. Trotz einiger positiver Phasen gelingt es Elias nie, in einer solchen länger zu verweilen, hat er einmal Fuß gefasst, verliert er gleich darauf wieder den Halt.

Eine derartige Spannung wird besonders dadurch erreicht, dass sich der Leser mit der Hauptfigur identifizieren kann und durch die Figur mitfühlt und miterlebt, Nusser nennt dies die „Strategie der Emotionalisierung“. Auch in Schlafes Bruder wird versucht, das Mitleid des Lesers zu wecken. Elias wird als eine Figur gezeichnet, die nie eine Chance bekommen hat: Er wird von der Mutter verschmäht, er hat keinen Kontakt zu anderen Menschen, und selbst Gott scheint ein grausames Spiel mit ihm zu treiben. Dennoch wird Elias nicht eindeutig als Held bzw. als Personifikationsfigur dargestellt, da im Lauf der Erzählung auch sehr viele negative Handlungen und Charakterzüge hinzukommen.

Der Leser bleibt seinem Helden aber trotzdem treu. Dies liegt vor allem daran, dass er die Motivation, die hinter den Handlungen und Fehltritten des Elias steckt, zu erkennen glaubt, da er sie von sich selbst kennt. Robert Schneider ist sich bewusst, dass eine Identifikation nur dadurch gelingen konnte:

[...]


[1] Moritz, S.45.

[2] Moritz, S.56.

[3] Schneider, S.118.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zu Robert Schneiders "Schlafes Bruder". Warum der Roman ein Bestseller wurde
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V210295
ISBN (eBook)
9783656378587
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
robert, schneider, schlafes, bruder, warum, roman, bestseller
Arbeit zitieren
Caterina Kostenzer (Autor), 2004, Zu Robert Schneiders "Schlafes Bruder". Warum der Roman ein Bestseller wurde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210295

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