Aspekte narrativer Dialogizität in Benito Perez Galdos´ "La Desheredada"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Redevielfalt und Dialogizität nach Michail Bachtin
2.1. Redevielfalt und Dialogizität im Roman

3. Redevielfalt und Dialogizität in "La Desheredada"
3.1. Gesellschaftliche und literarische Sprachen und eingelegte Stile
3.1.1. Gesellschaftliche Redetypen
3.1.2. Berufliche Fachsprachen
3.1.3. Eingelegte Gattungen und Stile
3.1.4. Soziale Sprachen
3.2. Intertextuelle Bezüge
3.2.1. Bibel
3.2.2. Ritterroman (Don Quijote)
3.2.3. Poesie
3.2.4. Französische Zeitungs(Fortsetzungs-)romane

4. Funktionen von Redevielfalt, Dialogizität und Intertextualität

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin entwickelte während der Kulturrevolution der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts das theoretische Konzept seiner Theorie der Redevielfalt und der Dialogizität. Diese Theorie arbeitete er an Studien zu Dostojewski, Rabelais und der Menippeischen Satire weiter aus. Es folgten Studien zum Karneval und schließlich zur Poetik des Romans. Seine Theorie steht im Gegensatz zur herkömmlichen stilistischen Analyse des Romans, die niemals in der Lage war, befriedigende Ergebnisse zur Beschreibung seines Stils zu liefern. Michail Bachtins Theorie hat die Literaturwissenschaft auf diesem Gebiet ein großes Stück weitergebracht; er geht nicht von einem einheitlichen Stil oder einer einheitlichen Sprache im Roman aus, sondern er sieht den Roman als ein Zusammenspiel von verschiedenen Stilen und Sprachen.

Im Folgenden werde ich Bachtins Theorie von der narrativen Dialogizität auf den Roman „La Desheredada“ von Benito Pérez Galdós anwenden, und diesen auf seine verschiedenen Sprachen und Stile hin analysieren.

Der Roman „La Desheredada“ erschien im Jahre 1881 als erstes Werk der bekannten „Novelas contemporáneas“. Galdós steht, als spanischer naturalistischer Autor, in der Tradition des französischen Naturalismus, sein besonderes Vorbild war Emile Zola. Dennoch weist der spanische Naturalismus gegenüber dem französischen einige Unterschiede auf, so stehen zum Beispiel die mentalen Prägungsvorgänge der Figuren eines Romans mehr im Vordergrund als deren milieubedingte Determinierung.

In „La Desheredada“ findet sich eine Vielzahl von verschiedenen sozialen Sprachen und Stilen; nach einer theoretischen Einführung in die Theorie Bachtins (Kapitel 2), werde ich diese einzeln herausarbeiten und kategorisieren (Kapitel 3), und ihre Funktion erklären (Kapitel 4). Dabei stütze ich mich auf Bachtins Werk „Die Ästhetik des Wortes“, darin vor allem auf das Kapitel „Das Wort im Roman“, sowie auf verschiedene Sekundärtexte zum Thema (Broich/Pfister, Walter, Kristeva, Labanyi...). Einen kleinen Teil meiner Texte habe ich aus dem Internet recherchiert, wo unter www.cervantesvirtual.com/Galdós eine große Auswahl an Texten zum Autor zu finden ist. Als Primärtext benutze ich die Catedra Ausgabe von „La Desheredada“.

Der strittigen Frage, inwieweit Kristevas „Intertextualität“ ein Teil von Bachtins „Dialogizität“ ist, werde ich auch einen kleinen Abschnitt widmen, diese Frage kann aber hier nicht gelöst werden, da sie den Rahmen des Themas sprengt.

2. Redevielfalt und Dialogizität nach Michail Bachtin

Bachtin geht von der Prämisse aus, dass Sprache kein einheitliches System ist. Eine „Nationalsprache“ spaltet sich innerlich in mehrere andere „Sprachen“ auf. Unter diesen Sprachen versteht Bachtin nicht nur die Dialekte, sondern andere „Sprachen“, wie zum Beispiel verschiedene Gattungssprachen, den Berufsjargon, die Soziolekte, Sprachen von verschiedenen Autoritäten, usw.[1]

Wir erfassen die Sprache nicht als ein abstraktes System, sie ist ideologisch gefüllt. Jeder dieser verschiedenen sozioideologischen Sprachen liegt ein anderes Bildungsprinzip zugrunde, die Sprachen vertreten andere Weltanschauungen, verschiedene soziale Klassen, Berufsgruppen und gesellschaftliche Positionen. Mit der Wahl der Sprache gibt der Mensch in der Gesellschaft gleichzeitig auch seinen „sozialen Standort“ preis. Diese Vielfalt der Sprachen innerhalb einer „Nationalsprache“ bezeichnet Bachtin als Redevielfalt.

Ein weiteres Grundkonzept, von dem Bachtin ausgeht, ist das Konzept der Dialogizität. Dialogizität findet auf mehreren Ebenen statt, die kleinste Ebene ist das Wort. Das lebendige Wort steht niemals ungestört zwischen dem Menschen und dem Gegenstand, den es bespricht, es muss sich mit anderen Worten zum gleichen Gegenstand oder Thema auseinandersetzen. Alles, was das Wort berührt, findet es als schon einmal „besprochen“ vor, es muss mit den anderen Worten in einen Dialog treten, mit ihnen „kommunizieren“. Dadurch wird das Wort selbst zum aktiven Teilnehmer am sozialen Dialog.[2]

Nicht nur die Gegenstände sind bereits durch die Worte „belastet“, auch die Worte selbst sind niemals ohne eine bestimmte Wertung, sie sind Repräsentanten eines sozialen Bewusstseins und treffen als solche auf bereits vorhandenes Bewusstsein. An diesem können sie sich entweder bereichern oder sie müssen ihm widersprechen, sie können niemals neutral bleiben, sich dem Dialog nicht entziehen.

Bachtins malerische Beschreibung der dialogischen Beziehung des Wortes mit anderen Worten lässt an die bildliche Darstellung eines physikalischen Versuches zur Lichtbrechung denken:

Wenn wir uns die Intention, d.h. die Ausrichtung auf den Gegenstand eines solchen Wortes in der Art eines Strahls vorstellen, dann wird das lebendige und unwiederholbare Spiel der Farben und des Lichts in den Facetten des von ihm erbauten Bildes nicht durch die Brechung des Wort-Strahls im Gegenstand selbst (...) erklärt, sondern als seine Brechung in jener Sphäre fremder Wörter, Wertungen und Akzente, durch die der Strahl fällt, da er sich auf den Gegenstand richtet: die den Gegenstand umgebende soziale Atmosphäre läßt die Facetten seines Bildes spielen.“[3]

Das Wort ist auch in Bezug auf den Hörer dialogisch. Laut Bachtin ist jede Rede auf eine Antwort ausgerichtet, es nimmt diese vorweg, formt sich auf sie hin. So steht das Wort auch mit seinem Rezipienten in dialogischer Beziehung. Bachtin sagt weiterhin, dass nur ein antwortendes Verstehen auch ein aktives Verstehen darstellt. So sind Verstehen und Antwort dialektisch miteinander verwoben und bedingen sich gegenseitig.

Die nächste Ebene, auf der Dialogizität stattfindet, ist die der vorhin schon besprochenen Redevielfalt. Die verschiedenen „Sprachen“ der Redevielfalt schließen sich gegenseitig nämlich nicht aus, sondern überschneiden einander. Sie existieren im Bewusstsein des Menschen nebeneinander und sind ebenfalls dialogisch aufeinander bezogen. Diese dialogische Beziehung, die die verschiedenen sozialen Sprachen im Bewusstsein des Menschen zueinander haben, machen es möglich, dass der Mensch jede einzelne von ihnen kritisch vom Standpunkt einer anderen Sprache aus bewerten kann. So wird ihm bewusst, dass „(...) die mit diesen Sprachen untrennbar zusammenhängenden ideologischen Systeme und Weltanschauungen einander widersprechen und daß sie keineswegs friedlich nebeneinander bestehen (...)“. Dadurch „(...) waren Unstrittigkeit und Vorbestimmtheit dieser Sprachen vergangen und es setzte die aktive auswählende Orientierung unter ihnen ein.“[4]

Der Mensch kann gerade aufgrund dieser dialogischen Beziehung der Sprachen unter den verschiedenen sozialen Sprachen wählen, er kann seine Sprache seinen jeweiligen gesellschaftlichen und sozialen Bedürfnissen anpassen.

Bringt man das Konzept der Dialogizität auf die Ebene ganzer Texte, so gelangt man zu einer weiteren Dimension dieses Begriffes, zur Intertextualität. Damit ist gemeint, dass ein Text häufig Anspielungen auf einen anderen, früheren Text enthält (markiert oder unmarkiert), er steht also in dialogischer Beziehung zu ihm.

Wendet man Bachtins Theorie von der dialogischen Beziehung zwischen Wort und Antwort auf dieser Ebene an, so bedeutet dies, dass jeder Text auch schon auf spätere, noch nicht entstandene Texte ausgerichtet ist, sich auf sie hin geformt hat, in ihnen eine Antwort provoziert.

Auf die Intertextualität werde ich aber im folgenden Kapitel noch genauer eingehen.

2.1. Redevielfalt und Dialogizität im Roman

Der Roman, als eine künstlerische Gattung, macht sich die Redevielfalt zunutze. Probleme, die die herkömmliche Stilistik bei der Analyse der Romane mit sich bringt, rühren genau daher. Es ist unmöglich, einen Roman auf einen einzigen Stil oder eine einzige Sprache zu reduzieren. Der Roman als Gesamtwerk umschließt viele verschiedene Stile, er enthält verschiedenartige Reden und Stimmen. Bachtin vergleicht den Roman mit einem Orchester, seine Gesamtheit wird gebildet durch eine Kombination vieler verschiedener Elemente. Die Sprache des Romans ist eine Kombination von Sprachen, sein Stil ist eine Kombination von Stilen.

Die Dialogizität ist ein Merkmal des Romans an sich, das Spiel mit dem Dialog der Sprachen ist aber besonders im humoristischen Roman vorzufinden, da dieser in besonderer Weise mit den verschiedenen Formen der literarischen und gesellschaftlichen Hochsprache und der sozialen Redevielfalt spielt.

Bachtin führt fünf Grundtypen kompositorisch-stilistischer Einheiten an, die für gewöhnlich in einem Roman zu finden sind: „Das direkte literarisch-künstlerische Erzählen des Autors (in allen seinen vielfältigen Varianten); die Stilisierung verschiedener Formen des mündlichen, alltäglichen Erzählens (skaz); die Stilisierung verschiedener Formen des halbliterarischen (schriftlichen) Erzählens (Briefe, Tagebücher etc.); verschiedene Formen der literarischen, nicht-künstlerischen Autorrede (moralische, philosophische, wissenschaftliche Erörterungen, rhetorische Deklamationen, ethnographische Beschreibungen, protokollarische Informationen etc.); stilistisch individualisierte Rede der Helden.“[5]

Ein Beispiel für viele dieser Grundeinheiten werden wir später bei der Analyse des Romans „La Desheredada“ noch zu Gesicht bekommen.

Der Autor hat verschiedene Möglichkeiten, sich von der Meinung seiner Figuren zu entfernen. Er kann ihnen natürlich direkt widersprechen, meistens drückt er aber seine eigenen Intentionen aus, indem er mit der Dialogizität der Redevielfalt spielt. Dadurch schafft er Ironie, die teilweise auch mit gutmütigem Humor abwechseln kann. Ein häufig angewandtes Stilmittel, um Ironie auszudrücken, sind die hybriden Konstruktionen. Dies sind Äußerungen, die ihrer Grammatik nach zu einem einzigen Sprecher gehören, in sich aber zwei gegenläufige Meinungen, zwei Horizonte und zwei verschiedene Redeweisen vereinigen. So kann der Autor scheinbar die Position des Sprechers einnehmen, diesem aber innerhalb seiner eigenen Aussage widersprechen. Auch dazu werden wir später noch einige Beispiele sehen.

Durch die Redevielfalt sind dem Autor auch unendliche Möglichkeiten gegeben, seine eigenen Intentionen darzustellen, selbst aber „sprachlich neutral“ zu bleiben. Damit ist nicht gemeint, dass der Autor eine neutrale, unbelastete Sprache spricht, dies ist nach Meinung Bachtins nur in der Lyrik, und auch dort nur begrenzt möglich.[6] Der Autor kann den Dialog der Sprachen nutzen, er kann in einer anderen, ihm fremden Sprache sprechen. Die Autorenrede wird auch sehr oft nicht formal von der fremden Rede abgegrenzt, was vom Leser eine erhöhte Aufmerksamkeit fordert, will er sich keine der sprachlichen und ironischen Nuancen entgehen lassen.

Doch im Roman findet nicht nur ein Dialog der verschiedenen Sprachen untereinander statt. Wie ich im zweiten Kapitel schon angemerkt habe, vertritt jede der verschiedenen Sprachen einen eigenen gesellschaftlichen Horizont oder eine soziale Schicht. So ist der Dialog der verschiedenen Sprachen untereinander gleichzeitig auch ein Dialog der verschiedenen sozialen Schichten, die im Roman zu Wort kommen. Die Figuren des Romans kommunizieren also untereinander sowohl auf der direkten, sprachlichen Ebene, als auch auf einer meta-sprachlichen Ebene. In diesen Dialog der Figuren klinkt sich auch der Autor mit ein (oft verwirklicht durch die hybriden Konstruktionen), er wertet und bezieht Stellung; und durch die Redevielfalt, die ebenso im Bewusstsein des Lesers existiert, wird auch der Leser in diesen unaufhörlichen Dialog mit hineingezogen. Leser, Autor und die Figuren des Romans stehen also in „direktem Kontakt“, keiner kann sich diesem Wechselspiel der Sprachen und Stimmen entziehen, keiner kann „neutral“ bleiben. Für Bachtin erfüllt der Roman damit auch eine soziale Funktion, er ist nicht „l´art pour l´art“.[7]

Schließlich, nicht zuletzt, steht der Roman als Ganzes auch in einem Dialog. Er kommuniziert mit anderen literarischen Werken aus der Vergangenheit, Gegenwart und auch der Zukunft. Das Konzept der Intertextualität Bachtins wurde von Pfister[8] genauer durchleuchtet. Den Begriff „Intertextualität“ prägte allerdings Julia Kristeva[9] in den späten sechziger Jahren.

[...]


[1] Siehe Michail Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, Frankfurt a.M. 1979, S. 165

[2] Siehe Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, S. 169

[3] Siehe Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, S. 170

[4] Siehe Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, S. 187

[5] Siehe Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, S. 156

[6] Siehe Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, S. 171ff

[7] Siehe Lempp, Theresa/Gokeler, Matthias, Protokoll zur Sitzung vom 20.11.2002

[8] Siehe Manfred Pfister, „Konzepte der Intertextualität“, in: Ulrich Broich/Manfred Pfister (Hg.), Intertextualität: Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien, Tübingen 1985, S. 1-30

[9] Siehe Julia Kristeva, „Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman“, in: Jens Ihwe (Hg.), Literaturwissenschaft und Linguistik: Ergebnisse und Perspektiven, Band 3; Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft, II, Frankfurt a.M. 1972, S. 346-375

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Aspekte narrativer Dialogizität in Benito Perez Galdos´ "La Desheredada"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Romanisches Seminar, Neuphilologische Fakultät)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V21052
ISBN (eBook)
9783638247634
ISBN (Buch)
9783638691741
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Dialogizität, Benito, Perez, Galdos´, Desheredada
Arbeit zitieren
Ines Müller (Autor), 2003, Aspekte narrativer Dialogizität in Benito Perez Galdos´ "La Desheredada", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21052

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