Feminisierung der Grundschule als eine (kausale) Ursache für geschlechterspezifische Bildungsungleichheiten


Hausarbeit, 2012

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1.0 Einleitung
1.1 Thematik und Erkenntnisinteresse
1.2 Vorgehensweise

2.0 Argumentationslinien der Feminisierungsthese
2.1 „Die Feminisierungsthese“ und ihre theoretischen Aspekte
2.2 Entwicklung und Problemabriss von Jungen im Grundschulalter

3.0 Gegenstimmen zur Feminisierungsthese

4.0 Die Feminisierungsthese auf dem „Prüfstand“
4.1 Aktueller Forschungsstand zur Feminisierungsthese
4.2 Die Grundschulempfehlung als möglicher Indikator für die Widerlegung der Feminisierungsthese
4.3 Die Feminisierung der Schule und deren Auswirkungen auf die Grundschulempfehlung

5.0 Schlussbetrachtung.

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anteile der Abiturientinnen und Lehrerinnen an allgemeinbildenden Schulen (1953 – 2007). Entnommen bei: Neugebauer, M. (2011): Werden Jungen von Lehrerinnen bei der Übergangsempfehlung für das Gymnasium benachteiligt? Eine Analyse auf Basis der Iglu-Daten. S. 236. In: Hadjar, A. (2011): Geschlechterspezifische Bildungsungleichheiten. Wiesbaden

Abbildung 2: Anteil der Gymnasialempfehlung für Mädchen und Jungen in Abhängigkeit von der geschlechtlichen Zusammensetzung der Klassenkonferenz. bei: Neugebauer, M. (2011): Werden Jungen von Lehrerinnen bei der Übergangsempfehlung für das Gymnasium benachteiligt? Eine Analyse auf Basis der Iglu-Daten. S. 249. In: Hadjar, A. (2011): Geschlechterspezifische Bildungsungleichheiten.Wiesbaden

1. Einleitung

Noch bis vor wenigen Jahren galt das katholische Arbeitermädchen vom Land als Inbegriff für Bildungsbenachteiligung (vgl. Boldt 2008, S. 136). 1953 waren in Deutschland nur etwa 30 Prozent der Abiturienten weiblichen Geschlechts. Diverse Trendstatistiken zeigen jedoch, dass es in den letzten Jahren zu einem geschlechtsspezifischen Wandel in Bezug auf den Bildungserfolg gekommen ist, von dem nicht nur das deutsche Bildungssystem betroffen ist. In Deutschland stieg der Anteil der weiblichen Abiturien seit etwa Mitte der 50er Jahre kontinuierlich an, was zur Folge hatte, dass bereits 1980 im bundesdeutschen Durchschnitt ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen an den Gymnasien vorherrschte. Gleiches gilt für den Anteil weiblicher Lehrer an den deutschen Schulen. Lag dieser an allgemeinbildenden Schulen noch vor etwa 60 Jahren bei ca. 35 Prozent, beträgt er heute über 70 Prozent (vgl. Neugebauer 2011, S. 235). Dieser Wandel ist besonders gut an den deutschen Grundschulen zu beobachten. Hier beträgt der Anteil des weiblichen Lehrpersonals inzwischen ca. 86 Prozent (vgl. Preuss-Lausitz 2008, S. 125). Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass seit Anfang der 90er Jahre mehr Mädchen als Jungen das Gymnasium erfolgreich abschließen. Abbildung 1 bezieht sich auf die bisher beschrieben Entwicklungen und verdeutlicht zudem, dass bereits 2007 56 Prozent aller Abiturienten weiblich waren.

Abbildung 1: Anteile der Abiturientinnen und Lehrerinnen an allgemeinbildenden Schulen (1953 – 2007)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Entnommen bei: Neugebauer 2011, S. 236)

Die beschriebene Entwicklung sorgte dafür, dass in den letzten Jahren immer mehr Stimmen laut wurden, die eine „Krise der Jungen“ prokamieren. Das „starke“ Geschlecht scheint zu schwächeln und in der Schule immer häufiger deutlich schlechter abzuschneiden als die gleichaltrigen Mädchen. Die verbesserte Bildungssituation der Mädchen wird immer öfter als Bildungsmisserfolg von Jungen interpretiert (vgl. Neugebauer 2011, S. 235). Zudem sprechen viele wissenschaftliche Quellen davon, dass sich das katholische Arbeitermädchen vom Land als Sinnbild des Bildungsverlierers gewandelt hat. Heute gelten vor allem die städtischen Jungen mit Migrationshintergrund als besonders gefährdet, den Kampf um höherwertige Bildungsabschlüsse zu verlieren (vgl. Boldt 2008, S. 136).

1.1 Thematik und Erkenntnisinteresse

Die Suche nach Lösungen, welche sich auf das schlechtere Abschneiden des männlichen Geschlechts bezieht, wird inzwischen in breiten gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Kontexten debattiert. Immer wieder wird dabei auch auf die Feminisierung des Lehrerberufes als mögliche Ursache hingewiesen. Grundgerüst dieser Theorie ist, dass der signifikant höhere Anteil von weiblichen Lehrern für das schlechtere Abschneiden von Jungen verantwortlich ist (vgl. Neugebauer 2011, S. 235). Heike Diefenbach warf die Feminisierungsthese bereits im Jahre 2002 in ihrem Aufsatz „Bringing Boys Back in“ auf. Diefenbach geht im genannten Text davon aus, dass Jungen vor allem bei der Bewertung von Schulleistungen schlechter abschneiden, weil ihnen die Lehrerinnen unter anderem weniger Verständnis entgegenbrächten, was vor allem durch den stärkeren Hang der Jungen, sozial unerwünschtes Verhalten zu zeigen, begünstigt wird (vgl. Diefenbach/Klein 2002, S. 938).

Wenn man sich vor Augen führt, dass der Frauenanteil in der Lehrerschaft gleichzeitig mit dem Schulerfolg der Mädchen angestiegen ist (Abbildung 1), erscheint die Feminisierungsthese einigermaßen plausibel. Diefenbachs Arbeit stützt sich jedoch auf keine tiefgehenden empirischen Untersuchungen. Daher gilt es zu fragen, ob der erhöhte Frauenanteil in den Lehrerberufen tatsächlich eine (kausale) Ursache für einen schlechteren Schulerfolg von Jungen darstellt und ob mehr männliche Lehrkräfte zu besseren Schulleistungen der Schüler führen würden.

Zur Beantwortung der aufgeworfenen Frage fokussiert sich der Autor vor allem auf die Grundschule. Sie erscheint im Zusammenhang mit der aufgeworfenen Fragestellung besonders wichtig, weil […] „die Vorgaben zur Vergabe der GSE [Grundschulempfehlung] in den meisten Bundesländern so formuliert [sind], dass sich für die (überwiegend weiblichen) Lehrkräfte der nötige Interpretationsspielraum für geschlechterspezifische Benachteiligung bietet (Neugebauer 2011, S. 236). Darüber hinaus stellt die Grundschulempfehlung eine Art vorgezogene „Weichenstellung“ im Leben der jungen Schüler dar. Nach Ditton und Krüsken (2006) hat diese enorme Auswirkungen auf die weitere Bildungskarriere und somit auch auf das spätere Erwerbsleben, weil sich zum einen die meisten Eltern an der Grundschulempfehlung orientieren und die Kinder zum anderen in recht jungen Jahren in entsprechende Bildungsmilieus rutschen, die sich positiv als auch negativ auf deren weitere Entwicklung auswirken können (vgl. u.a. Ditton/Krüsken 2006, S. 352-361; nach Neugebauer 2011, S. 236). Da die Grundschule, wie oben beschrieben, einen sehr hohen Lehrerinnenanteil aufweist, sollten sich nach Neugebauer vor allem hier signifikante Effekte ausmachen lassen, welche auf eine Benachteiligung von Jungen durch weibliches Lehrpersonal hindeuten (vgl. Neugebauer 2011, S. 263).

1.2 Vorgehensweise

Zunächst soll eine überblicksartige Darstellung der Feminisierungsthese erfolgen. Dazu fokussiert sich der Autor schwerpunktmäßig auf die Ausführungen von Heike Diefenbach (2002) und die grundsätzlichen Argumentationslinien der Feminisierungsthese, um ein ausreichendes theoretisches Verständnis zur Problemlage zu erzeugen. Auf Basis der bis dahin gewonnen Erkenntnisse soll im Anschluss ein kurzer Diskurs zur Entwicklung von Jungen im Grundschulalter geführt werden bei dem auch in Auszügen auf die Stereotypisierung von Verhaltensweisen eingegangen wird. Nach einem kurz gehaltenen Blick auf Argumente, die gegen die Feminisierungsthese sprechen, bezieht sich die vorliegende Arbeit auf aktuelle Studien zur Grundschulempfehlung und der als damit zusammenhängend proklamierten Benachteiligung von Jungen. Der derzeitige Forschungsstand wird somit der Feminisierungsthese gegenübergestellt, um deren Aussagekraft und Haltbarkeit zu untersuchen. Die daraus resultierenden Ergebnisse werden in einem letzten Kapitel final diskutiert und interpretiert.

2.0 Argumentationslinien der Feminisierungsthese

Es scheint der Schulforschung schon seit längerer Zeit bekannt zu sein, dass Jungen im deutschen Bildungssystem häufiger scheitern als Mädchen. Ulf Preuss-Lausitz verweist in seinen Schriften unter anderem darauf, dass Jungen häufiger sitzen bleiben und sich ihre Bildungskarriere im Durchschnitt öfter verzögert als bei Mädchen. In diesem Zusammenhang lässt sich nach Auswertung der vorliegenden Literatur auch feststellen, dass Jungen bei der Einschulung häufiger zurückgestellt werden als Mädchen (Preuss-Lausitz 2008, S. 123).

Weitere Argumente die in der heutigen Schullandschaft für eine signifikante Benachteiligung von Jungen sprechen, ließen sich bereits durch Zahlen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aus dem Jahre 2005 ableiten. Sie verdeutlichten, dass Jungen inzwischen seltener Abitur machen und deutlich häufiger zur Gruppe der sogenannten Schulversager gehören (vgl. Bundesministerium 2005, S. 90). Zieht man zu den letzten Aussagen noch die Argumentationsline der Vertreter der Feminisierungsthese hinzu, welche belegen sollen, dass Jungen bei gleicher Leistung negativer Bewertet werden, als die Mädchen (s.o.), so drängt sich tatsächlich der Verdacht auf, dass der Schulerfolg von Jungen durch die derzeitige Schulstruktur gefährdet ist.

2.1 „Die Feminisierungsthese“ und ihre theoretischen Aspekte

Die bereits erwähnte Arbeit von Heike Diefenbach und Michael Klein („Bringing Boys Back in“) aus dem Jahre 2002 fokussiert und untersucht im Wesentlichen einen Aspekt, der die oben dargestellte Benachteiligung von Jungen erklären soll. Es wird betont, dass die Feminisierung des Lehrerberufes die (kausale) Ursache für die oben dargestellten Sachverhalte darstellt (vgl. Diefenbach/Klein 2002, S. 954). Mit dieser Aussage griffen die Autoren ein Themenfeld auf, dass über viele Jahre wenig Beachtung fand, galt es doch bis dahin als allgemein anerkannt, dass Frauen gegenüber Männern benachteiligt waren (vgl. ebd. 2002, S. 955). Dennoch muss vorweg geschickt werden, dass die Diskussion um eine nachteilige Wirkung von Lehrerinnen auf Jungen kein neues Phänomen darstellte. Beispielsweise versuchte man zwischen den beiden Weltkriegen in verschiedenen Ländern die Männerquote in den Lehrerberufen nach oben zu treiben, weil man befürchtete, dass die Jungen durch den Einfluss von Lehrerinnen „verweichlichen“ würden. Obgleich sich die Begründungsmuster von damals zu heute unterscheiden, ist die Grundaussage der Feminisierungsthese die gleiche geblieben: Weibliche Lehrkräfte beeinflussen die schulische und geistige Entwicklung von Jungen negativ.

Die Argumentationslinien ihrer Vertreter lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Zum einen wird davon ausgegangen, dass weibliche Lehrkräfte einen schlechten Einfluss auf die schulischen Leistungen von Jungen haben. Die Überrepräsentation von Frauen im Lehrerberuf würde dazu führen, dass es zu einem Mangel an männlichen Rollenvorbildern käme. Darüber hinaus wäre die Wissensvermittlung „weiblich“ ausgerichtet, was negative Folgen für die Lernbereitschaft und die Kompetenzentwicklung von Jungen habe (vgl. Neugebauer 2011, S. 240).

Die andere Gruppe, zu der auch Diefenbach und Klein gehören, plädieren dafür, dass Jungen von weiblichen Lehrkräften grundsätzlich etwas schlechter Bewertet werden als Mädchen (vgl. Diefenbach/Klein 2002, S. 950-956). Einer der aufgeführten Hauptgründe für dieses Phänomen seien die bei Jungen stärker ausgeprägten Verhaltensweisen, welche zu einer Störung des Unterrichts und des schulischen Alltages führten. Jungen stünden zudem oft im Zwiespalt zwischen Schule und Peer Group, welche ein sozial konformes Verhalten sanktionieren würde. Die Angst als „Streber“ oder „Weichling“ abgetan zu werden, fördere ein sozial unerwünschtes Verhalten fördern. Man vermutet, dass Lehrerinnen durch schlechtes Benehmen von Schülern, welches unter anderem durch die geschlechterspezifische Sozialisation verursacht wird, stärker irritiert werden als ihre männlichen Kollegen (vgl. Neugebauer 2011, S. 241). […] „Lehrerinnen prägen die Schulkultur, möglicherweise erwarten und prämieren sie solche Verhaltensweisen, die Mädchen im Rahmen ihrer Sozialisation einüben, Jungen aber nicht (in demselben Maß)“ (Diefenbach/Klein 2002, S. 950). Desweiteren würden Lehrerinnen die Jungen, trotz gleicher Leistungen, im Regelfalle mit niedrigeren Erwartungen belegen, was dazu führe, dass sie weniger oft für Schulen mit höherem Anspruchsniveau empfohlen würden. Neugebauer führt in diesem Zusammenhang noch auf, dass es denkbar wäre, […] „dass Schülerinnen und Schüler sich bei gleichgeschlechtlichen Lehrkräften leistungsbereiter zeigen als bei gegengeschlechtlichen Lehrkräften, so dass eine bessere Benotung bei gleichgeschlechtlichen Lehrkräften die Folge höherer Leistungsbereitschaft wäre und nicht Folge bewusster oder unbewusster Bewertung (Neugebauer 2011, S. 241).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Feminisierung der Grundschule als eine (kausale) Ursache für geschlechterspezifische Bildungsungleichheiten
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V210577
ISBN (eBook)
9783656383123
ISBN (Buch)
9783656383703
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
feminisierung, grundschule, ursache, bildungsungleichheiten
Arbeit zitieren
Thomas Berger (Autor), 2012, Feminisierung der Grundschule als eine (kausale) Ursache für geschlechterspezifische Bildungsungleichheiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210577

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