Das morphematische Prinzip in der Geschichte der deutschen Sprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die morphematisch motivierte Schreibung der Umlaute a und au
2.1 Das 16. Jahrhundert
2.2 Das 17. Jahrhundert
2.3 Das 18. Jahrhundert

3. Die graphische Vernachlässigung der Auslautverhärtung
3.1 Das 16. Jahrhundert
3.2 Das 17. Jahrhundert
3.3 Das 18. Jahrhundert

4. Doppelter Konsonantenbuchstabe für die Silbenrandpositionen bei sollen, wollen, können
4.1 Das 16. Jahrhundert
4.2 Das 17. Jahrhundert
4.3 Das 18. Jahrhundert

5. Abschließende Betrachtung

B Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Das morphematische Prinzip dient der graphischen Kennzeichnung der Identität eines Mor- phems ungeachtet phonologischer Abwandlungen durch Flexion und Wortbildung. Die gra- phische Konstanz oder graphische Ähnlichkeit (Umlautzeichen) dient der leichteren Sinner- fassung konstanter semantischer Einheiten beim Lesen“ (MUNSKE 1997:16). Diese Definition des morphematischen Prinzips formuliert klar, was unter selbigem zu verstehen ist. Die Hauptaufgabe des morphematischen Prinzips ist folglich die morphemidentifizierende Funk- tion dieses Prinzips. Dies stellt eine immense Erleichterung für die Schreiberinnen und Schreiber dar, weil somit die korrekte Schreibung eines Wortes nicht aus der „Lautung zu ermitteln ist“ (NERIUS 42007:149), sondern im „Allgemeinen auf bereits gespeicherte […], graphische Erinnerungsbilder“ (NERIUS 42007:149) zurückgreift. Neben der morphemidentifizierenden Funktion kann auch eine morphemdifferenzierende Funktion fest- gestellt werden, mit der die Unterscheidung eines Morphems von homophonen Morphemen vollzogen wird. Beispiele für Homophonie sind Lerche - Lärche, Lied - Lid, Wahl - Wal und Miene - Mine. Diese graphischen Unterscheidungen entstanden entweder durch „Bewahrung historischer Schreibungen oder durch Festlegungen früherer Grammatiker“, insbesondere im 18. Jahrhundert (NERIUS 42007: 149). Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die morphemdifferenzierende Funktion in dieser Arbeit eher sekundär betrachtet wird, vielmehr soll die morphemidentifizierende Funktion im Vordergrund der Untersuchung stehen.

Im Folgenden soll nun untersucht werden, wie sich das morphematische Prinzip seit dem 16. Jahrhundert entwickelt hat. Es wird dabei insbesondere auf die morphematisch motivierte Schreibung der Umlaute a und au, auf die graphische Vernachlässigung der Auslautverhärtung sowie die Schreibung von doppelten Konsonantenbuchstaben in Silbenrandpositionen eingegangen. Ferner soll beleuchtet werden, inwiefern die Grammatiker des 16., 17. und 18. Jahrhunderts diese Entwicklungen unterstützten oder sogar behinderten.

2. Die morphematisch motivierte Schreibung der Umlaute von a und au

Der Umlaut wird bereits seit dem Althochdeutschen lautlich realisiert, jedoch erfolgt keine Realisierung durch ein einheitliches Schriftzeichen. Dies geschieht lediglich im Falle des Primärumlauts. Die Entwicklung der morphematisch motivierten Schreibung der Umlaute von a und au erfolgt geographisch sehr differenziert, sodass ein starkes Nord-Süd-Gefälle zu di- agnostizieren ist (HARTWEG/WEGERA 22005: 129). Ferner gilt es zu sagen, dass die morphe- matisch motivierte Schreibung der Umlaute von a und au im Wechsel von Singular und Plural bei Substantiven, bei der Steigerung der Adjektive und bei Ableitungen von Wörtern, wie beispielsweise Haus - häuslich, auftritt. Weiterhin treten morphembezogene Schreibungen in der Flexion weitaus häufiger auf als in der Derivation. Aufgrund einer morphematisch moti- vierten Umlautrealisierung ist eine Schreibung des Plurals von Haus nicht Heuser, sondern vielmehr Häuser. Ebenso ist eine Steigerung des Adjektivs lang wie folgt inkorrekt: lang - lenger - am lengsten. Aufgrund der lautlichen Realisierung scheinen diese Formen korrekt zu sein, jedoch erschweren diese Schreibungen den Leseprozess und die Identifizierung des Le- xems. Mit Hilfe dieses funktionalen Aspekts der morphematisch motivierten Schreibung der Umlaute, dem sogenannten Stammprinzip, gelingt eine sichere Zuordnung der unterschiedli- chen Lexemvarianten (RUGE 2004: 16ff).

2.1 Das 16. Jahrhundert

Die ersten Prinzipien der morphematischen Umlautkennzeichnung werden im 16. Jahrhundert von den Grammatikern Johann Kolross (1530) und Fabian Frangk (1531) formuliert. So heißt es bei Johann Kolross:

„Der meererntheyl wort / so mit nachuolgenden diphthongis / namlich . . . vnd ügeschriben werden / haben jren vrsprung von anderen worten 7 welche im anfang a o ou vnnd u haben / wie dasselbig nachgeende figur mit exempeln erkl rt.“ (KOLROSS 1530: fol Avv)

Es gilt jedoch zu erwähnen, dass „eine Pluralmarkierung durch entsprechende Umlautsetzung“ (MOULIN 2004: 45f) durch Johann Kolross nicht thematisiert wird, vielmehr findet lediglich eine Schreibanweisung, welche sich nur auf Derivate bezieht, statt (NERIUS 42007: 153). Dieser Aspekt wird jedoch bei Fabian Frangk aufgegriffen. Dessen Regelwerk beinhaltet „Regeln zur Umlautkennzeichnung bei abgeleiteten Formen“ (MOULIN 2004: 46) sowie bei „der Pluralmarkierung“ (MOULIN 2004: 46). Folglich berücksichtigt seine Regel sowohl die Flexion als auch die Derivation (NERIUS 42007: 153).

„Das a/ mit dem kleinen e/ oder zweien punctlin (wie obenuermeldt) betzeichnet/ wirdt gebraucht/ in deriuatiuis/ das ist/ in den worten/ so jr ankunfft von anndern nehmen/ als die namen/ so in die gemehrte zal/ odder auch aduerbia treten vnd absteigen/ darine das a braucht wirdt/ als vom vater kompt v ter/ v terlich/ gnad/ gn dig gn diglich/ vndertan vnndert nglich/ schad sch den sch dlich etc. Vnd wirdt asldenn subtilich vnd gelind/ nach art w lischer odder Behimischer zung ausgedruckt/ vnd allweg erh cht odder lanng genohmen/ Alsi ists auch vast von den anndern halpduplirten stymmern/ als/ / zuuornemen/ als vom horn h rner zorn z rnen/ turn t rner rhum rh men etc.“ (FRANGK 1531: fol- Biiv)

Das morphematische Prinzip der Umlautschreibung von a und au ist bei Martin Luthers Bi- bel übersetzung von 1545 noch nicht erkennbar; dies wird durch die Verwendung der Wörter Lemmer, teglich und Stemme deutlich. In diesen Fällen liegt offensichtlich keine morphemati- sche Umlautschreibung vor. Im Gegensatz zur Bibelübersetzung Martin Luthers weist die Zürcher Bibelübersetzung aus dem Jahre 1531 eindeutig das morphematische Prinzip auf. Die Umlaute von a und au werden hier mittels der Diakritika < > und < u> dargestellt. So findet man in diesem Werk die Wörter L mmer, t glich und St mme. Durch diese Differenzen in der Schreibung wird deutlich, dass hinsichtlich der geographischen Verteilung deutliche Unter- schiede in der Umlautschreibung vorliegen. Im Ostmitteldeutschen ist im Zeitschnitt 1590 „noch keine Tendenz der Umlautauslösung zu erkennen“ (RUGE 2004: 94), sodass die Durch- setzung bei der Flexion lediglich 11,48 % beträgt, die Durchsetzung der Derivation ist hinge- gen nur bei 4,00 % anzusiedeln (RUGE 2004: 94). Im Gebiet des Westoberdeutschen beträgt die Umlautdurchsetzung in der Flexion im selbigen Zeitschnitt bereits 36,14 %, in der Deriva- tion 35,21 % (RUGE 2004: 92). Bei genauer Betrachtung dieser Zahlen lässt sich sagen, dass das morphematische Prinzip sich in der Flexion stärker als in der Derivation zeigt (RUGE 2004: 96ff).

2.2 Das 17. Jahrhundert

Die Entwicklungen im 17. Jahrhundert sind stark von Justus Georg Schottelius geprägt. Dieser schreibt in seinem 1663 erschienenen Werk:

„Weñ ein Teutsches Stammwort zu seiner Kennletter (Litera characterstica) ein A hat/ und dieselbe Kennletter/ entweder in der mehreren Zahl (Numero plurali,) oder in der Ergr sserung (Comparatione) oder sonst verändert wird/ alsdañ pfleget daraus zuentstehen der Kleinlaut / und wird das Wort auch damit geschrieben/ als Grab/ die Gr ber; Schlag/ Schl ge; Mann/ M nner/ und nicht Greber/ Schlege/ Menner/ etc. weil die Kennletter a/ nicht ein e/ sondern in geendert wird.“ (SCHOTTELIUS 1663: 204)

Es gilt jedoch zu bemerken, dass der „Ansatz der morphemidentifizierenden Schreibung im Umlautbereich“ (MOULIN 2004: 61) von J. G. Schottelius ohne Ausnahme durchgeführt wur- de. Dieser Aspekt ist bereits in der obigen Anweisung zu finden, in der Schottelius die konju- gierte Form geendert anstatt geändert verwendet. Ferner findet man in seinem Werk weitere Verben, die nicht nach dem morphematischen Prinzip gebildet wurden; Beispiele hierfür sind er fengt und er helt (SCHOTTELIUS 1663: 584). Allgemein kann jedoch festgehalten werden, dass die morphematisch motivierte Schreibung der Umlaute a und au von den Grammatikern des 17. Jahrhunderts deutlich befürwortet wird (MOULIN 2004: 61).

2.3 Das 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert weist eine Fülle von orthographischen Werken und demzufolge auch Grammatikern auf. Hieronymus Freyer und Johann Christoph Adelung sind bezüglich der morphematisch motivierten Umlautschreibung von immenser Bedeutung. Nach Freyer sei die „Pronuntiation vorrangig zu beachten“ (FREYER 1722: 11) und die Derivation sei dieser nach- geordnet.

„Es ist aber auf Derivation fleißig zu sehen: 1) weil sie viele Buchstaben, welche in der Pronuntiation einen gleichen Laut haben und also aus derselben allein nicht mit v lliger Gewißheit zu erkennen sind, unterschei- det. […] 2) weil sie vielmals gantze W rter, welche in der Pronuntiation einerley Laut und doch gantz unter- schiedene Bedeutungen haben, unterscheidet. […] 3) weil sie gar sehr hilft, den rechten Verstand und Nach- druck vieler W rter zu erkennen. Zum Exempel, ein L sterer ist, der einem andern allerley Laster aufb rden will […]: welches man nicht so bald und so deutlich erkennet, wenn man Lesterer […] schreiben wollte.“ (FREYER 1722: 11f)

Durch diese Anweisung zu Beginn des 18. Jahrhunderts „bietet Freyer eine komplexe Begründung morphematischer Schreibungen, die sowohl deren Aufzeichnungs- wie auch Erfassungsfunktion Rechnung trägt“ (EWALD 2007: 83). Neben Hieronymus Freyer ist weiterhin Johann Christoph Adelung von großer Bedeutung. Mit seinem „klar strukturierten, umfassenden Regelwerk“ (EWALD 2007: 106) erreicht die „Kodifizierung der deutschen Orthographie am Ende des 18. Jahrhunderts“ (EWALD 2007: 106) eine hohe Entwicklungsstufe. Besonders intensiv widmet sich Adelung der „Leitgröße Abstammung und Ableitung“ (EWALD 2007: 106), sodass die Umlautschreibung von ihm wie folgt gefordert wird:

„Wenn die Ableitung so nahe und klar ist, daß sie die gew hnlichen F higkeiten der meisten Schreibenden nicht bersteigt, so schreibe man ein “ (ADELUNG 1783: 77). Ferner „zeigt das in seinem jetzigen eingeschr nkten Gebrauche in allen gebogenen und abgeleiteten W rtern unmittelbar auf das n chste Stammwort.“ (ADELUNG 1783: 137)

Es sei darauf hingewiesen, dass Adelung für die <äu>-Schreibung analog verfährt (EWALD 2007: 109). Für weiterführende und vertiefende Informationen zur Entwicklung der morphe- matisch motivierten Schreibung von a und au siehe BESCH (2003) und MOULIN (1991).

Das morphematische Prinzip ist bis heute weitgehend vollständig durchgeführt; dieser

Stand wurde ca. 1710 erreicht (RUGE 2004: 92). Demzufolge verwendet man Band - Bänder (nicht Bender), Haus - Häuser (nicht Heuser) und laut - läuten (nicht leuten). Es ist jedoch zu erwähnen, dass die Schreibung der Umlaute in der Flexion nahezu 100 % erreichte, in der Derivation 1710 jedoch erst ca. 95 % vorhanden waren (RUGE 2004: 92).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das morphematische Prinzip in der Geschichte der deutschen Sprache
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Deutsches Institut)
Veranstaltung
Frühneuhochdeutsch
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V211901
ISBN (eBook)
9783656396765
ISBN (Buch)
9783656396956
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prinzip, geschichte, sprache
Arbeit zitieren
Johannes Mücke (Autor), 2012, Das morphematische Prinzip in der Geschichte der deutschen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211901

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