Wenedikt Jerofejew "Die Reise nach Petuschki". Auf der Suche nach einem Moskauer Meta-Text


Hausarbeit, 2012
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Erklärung über die eigenständige Erstellung der Hausarbeit

1. Einleitung und erste Überlegungen

2. Jurij M. Lotman. Ein raumsemantischer Ansatz

3. Petersburger Text und Moskauer Text. Eine versuchte Abgrenzung

4. Die theoretische Konstruktion eines Moskauer Meta-Textes

5. Methodisches Vorgehen

6. Das Poem „Die Reise nach Petuschki“ von Venedikt Jerofejew
6.1. Autor
6.2. Inhalt des Poems
6.3. Moskauer Meta-Text im Poem Jerofejews
6.3.1. Die Ringstruktur des Poems
6.3.2. Die Einzelkapitel in der Ringstruktur
6.3.3. Der abwesende Anwesende: Der Kreml
6.3.4. Die Bedeutung der Zugfahrt als Metapher der Flucht
6.3.5. Die Gottesbezüge und der Tod Venedikts
6.3.6. Minin und Posharskij

7. Abschlussbetrachtungen

Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einleitung und erste Überlegungen

Russland, ein weites, riesiges Land. Das größte Land der Erde. Moskau, die große Unbekannte. Zumindest für das westliche Europa. Bis vor wenigen Jahren wusste ich so gut wie nichts über diese Millionenstadt und das eurasische Land. Erst nach einem Besuch der russischen Hauptstadt im Sommer 2010 und der Lektüre einiger Texte (u. a. Anna Politkowskaja, Anton Čechov, Leo Tolstoj) erschloss sich mir ein kleiner Zugang zum Geist der russischen Seele. Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass man von einer eigenen Perspektive, einem westeuropäischen Standpunkt aus in den Osten blickt. Niemals wird der Einblick so tief sein, wie der eines Moskowiters. Deutlich wird das vor allem darin, dass mir russische Namen so fremd sind wie die russische Sprache. Zwar kann ich inzwischen relativ zügig die kyrillischen Schriftzeichen in phonetische Laute umwandeln, doch der Sinn bleibt mir dahinter verborgen. Lesen ohne Verstehen.

Umso mehr fordert die Arbeit mit deutschen Übersetzungen den Scharfsinn, das vorsichtige Vorgehen und die Ansprüche an die Umsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung über Texte der russischen Literatur. Besonders Venedikt Erofeevs (oder Wenedikt Jerofejew geschrieben) Roman „Die Reise nach Petuschki“1 (oder in einer neueren Übersetzung lediglich mit dem russischen Originaltitel „Moskau - Petuški“2 benannt), als postmodernes Stück zu bearbeiten, fiel nicht immer leicht (alleine schon aufgrund der Vielzahl von intertextuellen Bezügen und Zitaten aus anderen Werken, wie der Bibel, war es fast unmöglich eine konkrete Abhandlung mit fassbaren Argumenten zu verfassen, die auch einem Werkunkundingen zugänglich wäre).

Meine Auffassung von literaturwissenschaftlichen Arbeiten ist es, sich einer Interpretationsgrenze für den entsprechenden Text anzunähern (vgl. Umberto Eco, Die Grenze der Interpretation, 1999). Die Auslotung dieser Leitplanken soll mit der vorliegenden Arbeit Rechnung getragen werden. Besonders spannend wird es immer dann, wenn man unterschiedliche Auffassungen zu einem zu Grunde liegenden Text debattieren und ausfechten kann. Deswegen flossen hier auch die Anmerkungen aus dem Vortrag über den Roman und dem darin enthaltenen Elementen des Moskauer Textes vom 19. Januar 2012 ein.

Mit Juri M. Lotmans Theorie über die Struktur literarischer Texte und der Raumbeziehungen in einem literarischen Werk möchte ich eine theoretische Grundlage erarbeiten und auf dieser aufbauen, auf dessen die Existenz eines Moskauer Textes und eines Moskauer Meta-Textes bewiesen werden kann und soll. Die Rückgriffe auf das literarische, sujethafte Narrativ des Ereignisses wird dabei eine zentrale Rolle einnehmen.

2. Jurij M. Lotman. Ein raumsemantischer Ansatz

Für die Analyse des Poems „Die Reise nach Petuschki“ möchte ich den literaturtheoretischen Ansatz Jurij M. Lotmans (1922-1993) wählen, weil ich denke, dass seine Abweichung von einer rein auf das Zeitliche fixierten Theorie auf die räumlichen Gegebenheiten eines literarischen Textes ausführlicher zum Tragen kommen kann, da es sich, wie der Name des Seminars auch schon zeigt, um die Verbindung zwischen Literatur und Räumen handelt und eben auch, welche Räume in der Literatur konstruiert und beschrieben werden.

Nach dem ersten Lesen des Erzählung Erofeevs (auch Jerofejew geschrieben) wurde klar, dass sich eine Orientierung an der rein zeitlichen Folge (wie etwa nach Genette3 ) als hinderlich erweisen könnte. Neben Lotman hat Michail M. Bachtin in seinem Werk „Chronotopos“ (2008, erstmals 1975 auf Russisch) die Verbindung des Räumlichen mit dem Zeitlichen versucht in einen Einklang zu bringen, dass es sich eben nicht um konkurrierende Bereiche handelt, sondern um sich gegenseitig vervollständigende und ergänzende Teile eines literarischen Werkes. Das sich diese strukturelle Sicht nicht erst in der modernen Literatur etabliert hat, zeigt Bachtin am Beispiel des griechischen Romans (Bachtin, 2008: 9-36) und weiterer Epochen der Literaturgeschichte sowie am Beispiel ausgewählter Figurenkonstellationen im Roman, z. B. dem Schelm, dem Narren und an dem Tölpel (ebd: 87-95).

An dieser Stelle kann leider keine ausführliche Beschreibung der Theorie Lotmans erfolgen, weswegen ich die zentralen Elemente kurz umreißen möchte. Für eine genauere Studie Lotmans verweise ich auf die Angaben im Literaturverzeichnis.

Seinen erzähltheoretischen Ansatz entwickelte Jurij M. Lotman im Rahmen seiner Abschrift „Die Struktur literarischer Texte“ (4. Auflage, 1993) in der er, wie bereits angesprochen, die räumliche Struktur literarischer Texte als Basis für die Entwicklung seiner Theorie heranzieht. Lotman verfolgt hierbei im Gegensatz zu vielen anderen Texttheoretikern keine zeitliche Ordnung und Struktur der Erzählung sondern zieht den Fokus auf die räumlichen (Aus-)Gestaltung des Textes (Lotman, 1993: 92 ff.). Das strukturalistisch-semiotische Raummodell Lotmans, also eine Analyse der vorhandenen sichtbaren und nicht-sichtbaren Ordnungen der textlichen Struktur sowie der darin gegebenen Zeichen und Signale (vgl. Barthes 1988, 187 ff.), die erst eine Einteilung in Einheiten erlauben, hat sich als praktikables Verfahren der Analyse erzählender Texte erwiesen - wie sich zeigen wird.

Eine Folge von Ereignissen, ob von der Handlung oder einer Figur im Text bestritten ist dabei unwesentlich, bilden ein „Sujet“, das als Begriffe bei Lotman für eine zusammenfassende Struktur der Handlung verstanden werden muss (ebd: 329). Die reale Welt, so Lotman, ist eine unendliche, da wir ihre Grenzen nicht fassen können. Im Text ist es dagegen das genau Gegenteil. Man erlebt dauernd Grenzen, ob von einer Figur oder durch die Handlung für sich. Das Anstoßen an Grenzen scheint geradezu ein wichtiges, zentrales Charakteristikum in literarischen Texten zu sein. Das Sujet umfasst diese Welt, die nicht nur räumlich als Ort zu sehen ist, sondern eben auch als Kultur, Beziehungen, nicht-räumliche Eigenschaften. Das Sujet umfasst dabei den Raum und seine Grenzen und das, was darüber hinaus zu gehen scheint.

Das Sujet hat drei Bestandteile (Lotman, 2010: 19): Erstens ein semantisches Feld (die erzählte Geschichte als Welt), das in zwei Mengen (Handlung und Figur) aufgeteilt wird, die sich ergänzen. Zweitens die Grenze zwischen den Mengen, die vom Helden normalerweise nicht überschritten wird, durch die sujethafte Erzählung aber doch überschritten werden kann, allerdings ausschließlich vom Helden der Erzählung. Die sonst unüberwindbaren Hindernisse der zeitlichen Erzählstruktur werden durch die räumliche Perspektive überwindbar. Drittes Element des Sujet ist der Held der Geschichte selbst.

Den Aufbau des erzählenden Textes gliedert Lotman in drei Ebenen (2006: 541):

1. Die Ebene der sujetlosen semantischen Struktur.
2. Die Ebene der typisierten Aktionen innerhalb der gegebenen Struktur.
3. Die Ebene des konkreten Handelns.

Diese drei Ebenen stehen in ständiger Wechselwirkung zueinander. Je nachdem, welche Ebene gerade als die Ebene betrachtet werden muss, die in der Erzählung stattfindet, ergeben die beiden anderen ebenen den dahinter liegenden Kode. Allerdings kann hierbei die dritte Ebene (konkretes Handeln) niemals als Kode getragen werden, sondern ist immer Nachricht (ebd.), ebenso ist die erste Ebene (sujetlose semantische Struktur) niemals Nachricht, sondern stets Kode. Also bleibt eine tatsächliche Wechselbeziehung nur mit der zweiten Ebene (typisierten Aktionen innerhalb der gegebenen Struktur) bestehen. Die zweite Ebene gewinnt damit zunehmend an Bedeutung und wird für die Begründung eines Moskauer Meta-Textes eine entscheidende Rolle spielen, da sie sowohl sichtbar (im Text benannt) als auch unsichtbar (durch den Text benannt) sein kann.

Für das semantische Feld sind Gegensätze wichtig, die in drei Gruppen aufgeteilt werden können: topologisch (hoch-tief, links-rechts, innen-außen), die um topographische Merkmale ergänzt und konkretisiert wird (Berg-Tal, Stadt-Provinz, Himmel-Hölle, Moskau-Petersburg) und semantisch (gut-böse, vertraut-fremd, natürlich-künstlich). Topographische Raumgrenzen (z. B. Landesgrenzen) werden allerdings erst dann zur „echten“ Grenze, wenn sie zusätzlich topologisch oder semantisch aufgeladen sind (Lotman, 2010: 174). Wie sich zeigen wird, ist die semantische Komponente zur Identifizierung des Moskauer Textes wesentlich (siehe nächstes Kapitel).

Lotman sieht allerdings nicht nur die benannten Räume (und Orte) als literarische Räume an, sondern auch nicht-räumliche Beziehungen zwischen Figuren, Gegenständen und eben anderen Räumen als ausdrückliche Ordnungselemente des semantischen Feldes (Lotman, 1993: 202). Allerdings sind diese nicht-räumlichen Elemente immer mit einem Ereignis verbunden und können auch nur dann überschritten werden, wenn ein Ereignis stattfindet. Die reine Relation reicht nicht, um nicht-räumliche Elemente als räumliche zu werten.

Erzählende Texte können „verändernd“ und „wieder-herstellend“ sein (ebd: 158 ff.). In „verändernden“ Texten findet eine Grenzüberschreitung statt, das heißt der Held der Geschichte kann eine unüberwindbare Hürde nehmen und dadurch eine Wandlung in der Geschichte hervorrufen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar gewesen ist. Man könnte diese „Veränderung“ auch mit dem retardierenden Moment vergleichen, der definitiv in diese Kategorie zu setzen ist. In „wieder-herstellenden“ Texten scheitert diese oder wird rückgängig gemacht, wenn sie doch erfolgte. Das heißt, dass die scheinbare Wandlung gar keine Wandlung ist, sondern wieder an den Ausgangspunkt der Geschichte führt. Wie sich zeigen wird, spielen beide Kategorien im Werk Erofeevs eine bedeutende Rolle, wenn es darum geht, den Ort Pokrow genauer zu analysieren.

Lotman geht davon aus, dass unsere kulturelle Welt topologisch strukturiert ist (ebd: 404), was bedeutet, dass soziale, religiöse, politische und moralische Modelle und Ansichten über räumliche Vorstellungen und Gestaltungen geographisch erzeugt werden. Diese These lässt sich dahingehend bestätigen, dass das Gedächtnis räumlich funktioniert. Man kann sich zwar nicht mehr an „die Worte“ eines Ortes erinnern, aber an dessen Struktur. Eine veränderte Struktur ruft damit aber auch Unsicherheiten hervor. Die Figur bzw. der Leser möchte aber keiner Unsicherheit ausgesetzt werden, da damit die Kontrolle aufgegeben werden müsste und somit keine eigene Kraft mehr begründet wäre, die das eigene Schicksal bestimmen könnte, sondern eine völlige Fremdbestimmung den Eindruck erwecken könnte, man sei dem sowieso ausgeliefert. Damit wäre bewiesen, dass Erzähltexte topologisch strukturiert sein müssten, um vom Leser überhaupt wahrgenommen werden zu können.

Wie lässt sich nun Lotmans Theorie heranziehen, wenn ich davon sprechen möchte, dass es nicht nur einen Moskauer Text gibt, sondern auch einen Moskauer Meta-Text?

3. Petersburger Text und Moskauer Text. Eine versuchte Abgrenzung

Die Frage nach dem Moskauer Text ist in den Literaturwissenschaften eine umstrittene. Die Existenz eines Petersburger Textes mit den klassischen Attributen und Aspekten der Petersburger Schriftstellerei wird hingegen als Gegeben angesehen. Seit Puschkins Gedicht „Der eherne Reiter“ von 1833 kann man von einem Iconic Turn in der russischen Literatur sprechen (Sazontchik, 2008: 13-18). Die Bilder, die gezeichnet werden, egal welche Geschichte man erzählt, gleichen sich in vielen, wenn nicht sogar in allen Texten, die Petersburg als Thema, Ort oder Aspekt der Handlung haben. Dabei ist unerheblich, um welche Art von Literatur es sich handelt.

Um den Petersburger Text zu beschreiben sind einige Gesichtspunkte zu nennen, die ein rundes Bild eines klassischen Petersburger Textes erzeugen (ebd: 13 ff.): Väterlichkeit, Kühle und Kälte, Rationalität, Wasser, Nicht-Religiosität, Vernunft, Ordnung, Planung und Winter. Natürlich ist es in einem Werk nicht erforderlich, alle Aspekte aufzugreifen, jedoch wird es, je weniger es sind, umso schwieriger klassifizierbar, ob es sich nun um ein Werk des Petersburger Textes handelt oder nicht. Als letztes stichhaltiges Argument wird angeführt, dass der jeweilige Literat aus Petersburg kommt, oder zumindest dort lebt(e).

Die Aspekte des Petersburger Textes sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern direkt mit der Topographie der Stadt verwurzelt, damit ist auch der mögliche Petersburger Text direkt mit den geographischen, klimatischen und sozialen Bedingungen einer, der ihn betreffenden Stadt verbunden. Petersburg wurde eben im Sumpf, also auf Wasser gebaut; zudem ist die Stadt ein Planungskonstruktut, nach rationalen Aspekten wurde sie wie ein Schachbrett geplant und ist nicht - wie zum Beispiel Moskau - natürlich gewachsen. Da sie weit im Norden Russlands liegt, genauer gesagt am Ostseezugang des Riesenreiches, herrscht dort über einen langen Zeitraum des Jahres Winter. Als Zarenstadt, seit Peter II., kann Petersburg mit „Vater“ Russlands bezeichnet werden.

Wird der Petersburger Text als eigenständig, klar mit der Stadt in Korrelation stehendes Muster gesehen, so steht der Moskauer Text vor allem deshalb dagegen, weil der Moskauer Text nur als eine Abgrenzung zum Petersburger Text gesehen wird. Damit hat er keinen Anspruch auf Eigenständigkeit. Das begründet sich darin, dass die Gesichtspunkte des Moskauer Textes im genauen Gegensatz zum Petersburger Text stehen (vgl. Franz, 2002: 87-96): Mütterlichkeit, Wärme und Hitze, Irrsinn, Feuer, Religiosität, Karneval, Chaos und Natürlichkeit und Sommer.

Die Texte des Moskauer Textes lassen sich auch nicht so einfach den Attributen zurechnen, wie das die Texte des Petersburger Textes tun. So ist immer eine gewisse Spitzfindigkeit des Wissenschaftlers notwendig, die Texte in das Schema zu pressen, anstatt das Schema aus dem Text heraus zu extrahieren, wie es wohl beim Petersburger Text der Fall ist. [Im Weiteren der Arbeit werde ich aber genau dies versuchen.]

Zudem lässt sich eben nicht, wie beim Petersburger Text, ein konkreter Punkt festmachen, ab dem es eine Veränderung in der Struktur der Texte gegeben hätte, die aus, über oder mit Moskau geschrieben sind. Es hat den Anschein, als wären alle Texte, die je in Verbindung mit Moskau gebracht werden und wurden, gezwungen in dieses Schema zu passen.

Lotmans semantisches Konzept ist an dieser Stelle unabdingbar, um einen Moskauer Text als ein vom Petersburger Text durchaus losgelöstes literarisches Feld verstehen zu können. Für Lotmans semantisches Feld sind Gegensätze wichtig, die sich in topologische topographische und semantische Elemente einteilen lassen. Zieht man nun die Gesichtspunkte des Moskauer und Petersburger Textes heran, so lassen sich folgende Einteilungen vornehmen:

Topologisch: Moskau wird als das Dritte Rom bezeichnet, alle Wege führen nach Rom explizit nach Moskau, dagegen ist Petersburg eigenständig, anderes als Russland, Petersburg ist nicht Russland, Moskau ist die Mutter Russlands.

Topographisch: Moskau ist über Jahrhunderte gewachsen an der Moskwa in eine Hügel- und Tälerlandschaft eingebettet. Petersburg dagegen geplant und gebaut auf flachem Sumpf.

Semantisch: Die Petersburger sind zurückhaltend, vernunftgelenkt, argwöhnisch allem Fremden gegenüber und künstlich. Die Moskauer sind sind offenherzig, komisch (im Sinne von karnevalesk), vertrauensselig und natürlich (echt).

Die Überwindung von Grenzen ist ein zentrales Element der literarischen Raumtheorie Lotmans. Der Moskauer Text steht hierfür geradezu ein. Der ständige Kampf seiner Protagonisten mit anderen (wie z. B. Venedikt) im Bezug auf die Stadt (z. B. ihr Verhältnis zum Kreml) als topographische Raumgrenzen wird zur „echten“ Grenze, wenn sie zusätzlich topologisch (z. B. Flucht aus Moskau) oder semantisch (z. B. Kreml als das Böse) aufgeladen ist.

Mit Lotman kann man allerdings nicht nur die benannten Räume (Moskau und Petersburg) als literarische Räume ansehen, sondern auch nicht-räumliche Beziehungen zwischen Figuren, Gegenständen und eben anderen Räumen des semantischen Feldes (S. o.). Wie sich in „Die Reise nach Petuschki“ zeigen wird, sind diese nicht-räumlichen Elemente mit einem Ereignis verbunden und können damit überschritten werden.

Die „Veränderung“ im Moskauer Text ist die ständige Veränderung der Stadt, Moskau sieht nie gleich aus. Auch von Autor zu Autor wird Moskau anders betrachtet, es gibt nicht „das“ Moskau schlechthin, es sind viele „Moskaus“. „Wieder-herstellend“ ist der Moskauer Text auch deshalb, weil die Veränderung der Stadt auch als Wagnis, das mit einer gewissen Skepsis, aber auch Zuversicht gesehen wird.

Folgt man Lotmans Struktur literarischer Texte, so existiert ein Moskauer Text - zumindest in der Theorie, ein empirischer Nachweis kann mit dieser Arbeit nicht abschließend erbracht werden, da nur ein Werk des Moskauer Textes behandelt wird - der gerade wegen seiner Abgrenzung zum Petersburger Text und nicht als dessen vermeintlich negative Ergänzung steht.

4. Die theoretische Konstruktion eines Moskauer Meta-Textes

Wie kann nun, nach den vorherigen Ausführungen, ein Moskauer Meta-Text beschrieben werden, wenn man die Faktoren des Moskauer Textes in Abgrenzung zum Petersburger Text sehen kann und darf? Die Greifbarkeit eines Meta-Textes ist schwieriger aus einem Text herauszuarbeiten als die reine, immanente Textarbeit, da es sich hier vor allem um das handelt, was zwischen den Zeilen geschrieben steht.

[...]


1 Übersetzung von Natascha Spitz aus dem Jahr 1978.

2 Neuübersetzung von Peter Urban aus dem Jahr 2005.

3 Gérard Genette: Die Erzählung, 3. Auflage, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn, 2010. (siehe hierzu auch meine Ausarbeitung „Die Novelle Oberst Chabert“ auf www.mkrieger.de/forschung)

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Wenedikt Jerofejew "Die Reise nach Petuschki". Auf der Suche nach einem Moskauer Meta-Text
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Topographie Moskau
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V212848
ISBN (eBook)
9783656410065
ISBN (Buch)
9783656413226
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moskau, Metatext, Literaturwissenschaft, Hausarbeit, Topograhie, Jerofejew, Schmyschliaeva
Arbeit zitieren
Michael Krieger (Autor), 2012, Wenedikt Jerofejew "Die Reise nach Petuschki". Auf der Suche nach einem Moskauer Meta-Text, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212848

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