Spannung in Annette von Droste-Hülshoffs "Der Knabe im Moor"


Hausarbeit, 2012
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Die schaurige Atmosphäre im Knaben im Moor
2.1 Lexikalische, semantische, syntaktische und metrisch-phonetische Mittel zur Erzeugung von Spannung
2.2 Inhaltliche Mittel zur Erzeugung von Spannung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Wie kaum eine andere deutsche Schriftstellerin hat sich die 1797 im westfälischen Münsterland geborene Annette von Droste-Hülshoff in das literarische Gedächtnis der deutschen Kulturnation eingebrannt. Ihr vielseitiges Schaffen, das von naturmagischen Gedichten über heimatliche Prosa bis hin zu eigenen Kompositionen reicht, machten sie zu einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit – ein Ruhm, der bis in die heutigen Tage gewürdigt wird, wie die vierte Serie der ehemaligen 20-DM-Banknote beweist, auf der das Konterfei der Droste – wie sie auch heute noch ehrfürchtig genannt wird – zu sehen war.

Dabei ist es nicht gerade einfach, eindeutige Gründe dafür zu benennen, was genau den literarischen Reiz des Droste’schen Schaffens ausmacht. Eine Vielzahl komplexer Phänomene mag hierfür ausschlaggebend sein und genauere Anhaltspunkte dafür liefern, weshalb auch heutige Leser noch eine gewisse ästhetische Freude bei der Rezeption des Œuvres der westfälischen Dichterin verspüren können. Egal, ob es sich bei diesen Phänomenen um das Hadern mit den Glaubensaussagen des Christentums, wie es sich z. B. in Werken wie Am dritten Sonntage nach Ostern finden lässt, um die Verarbeitung von tragischen Jugenderlebnissen, wie wir sie in Der Taxuswand nachweisen können oder um die Eröffnung zahlreicher Interpretationsspielräume, wie sie in ihrem einzigen vollendeten Prosastück, der Judenbuche, eröffnet werden und den Leser bei der Aufdeckung des Ereignisherganges zum Komplizen einer immer numinos bleibenden Kriminalgeschichte macht – immer wieder schafft es die Autorin, in ihren Werken einzigartige Spannung zu vermitteln und auch die heutige Leserschaft noch zu begeistern.

Als eines ihrer populärsten Gedichte, das unzähligen Generationen von Schülern durch eine eingehende Interpretation und Analyse aus dem Deutschunterricht bekannt sein dürfte, lässt sich zweifellos das aus sechs Strophen zu je acht Versen bestehende Werk Der Knabe im Moor[1] nennen. So manch einen Interpreten regte es zu schwärmenden Worten an, wie beispielsweise Lotte Köhler, von der folgende Worte stammen:

In harmonischem Zusammenklang von Stimmung, Stil und Rhythmus verdichtet sich in dieser Ballade in einer Verschmelzung von Naturmagie und Totenmagie ein numinoses Erleben, das in seiner Gefühlswahrheit zu einer wesenhaften Darstellung des Numinosen schlechthin wird.[2]

Annette von Droste-Hülshoff schrieb das Gedicht im Winter 1841/1842 in Meersburg. Erschienen ist es am 16.02.1842 im Morgenblatt für gebildete Leser. Obwohl die Autorin dieses Gedicht als erstes ausgearbeitet hatte, setzte sie es an den Schluss des Gedichtzyklus der Haidebilder, während sie das am spätesten verfasste Werk, Die Lerche, an den Anfang des Zyklus setzte.

Diese Arbeit setzt es sich zum Ziel, die wichtigsten Stilmittel und Techniken herauszuarbeiten, mit denen die Droste die schaurige Atmosphäre des Gedichtes erzeugt. Mit welchen sprachlichen Mitteln kreiert die Autorin die unheimliche Spannung, die den Leser bei der Lektüre dieses Werkes heimsucht? Welcher Techniken bedient sie sich bei der Ausgestaltung des vermeintlichen Spuks, dem sich der Knabe schutzlos ausgeliefert fühlt?

Die Arbeit ist aus zwei Unterpunkten aufgebaut, von denen sich der erste dem groben sprachlichen Gestaltungsrahmen widmen wird. Lexikalische Gesichtspunkte – beispielsweise die Erzeugung von Spannung mittels bestimmter Wortfelder – werden dabei ebenso gut untersucht wie semantische, syntaktische oder metrisch-phonetische Aspekte, derer sich die Droste bedient, um dem Leser das Fürchten zu lehren. In der Auseinandersetzung mit diesen rein formgebenden Merkmalen des Schauergedichts werden zentrale Erkenntnisse hinsichtlich der Frage gewonnen, wie es zum Auf- und Ausbau der Gruselatmosphäre kommen kann.

Der zweite Unterpunkt, der angesichts des Umfangs des ersten weit geringer ausfallen muss, wird die inhaltlichen Aspekte, die für die Erzeugung von Spannung im Knaben in Betracht kommen, näher beleuchten: Welche Gespensterfiguren treten im Gedicht auf und worin bestehen ihre kriminologischen Hintergründe? Welche der Figuren ist die zentralste und welche Rolle nimmt sie im Gedicht ein? Was hat es mit der verdammten Margreth (V. 35) auf sich?

Diesen Fragen will sich die vorliegende Arbeit annehmen.

2. Die schaurige Atmosphäre im Knaben im Moor

2.1 Lexikalische, semantische, syntaktische und metrisch-phonetische Mittel zur Erzeugung von Spannung

Der Knabe im Moor zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Verben aus, von denen ein Großteil akustische Vorgänge beschreiben. Allein in der ersten Strophe finden sich – in flektierter Form – die Verben zischen (V. 6), singen (V. 6) und knistern (V. 8), zu denen sich im weiteren Verlauf noch in der zweiten Strophe sausen (V. 11) und rascheln (V. 12), in der dritten Strophe knittern (V. 21 ), in der vierten Strophe brodeln (V. 27) und pfeifen (V. 28) sowie in der fünften Strophe bersten (V. 33) und rufen (V. 35) gesellen. Zwar tauchen im Text noch weitere Wörter auf, die im weitesten Sinne dem akustischen Wortfeld zugeordnet werden können und die keine Verben sind (Ohr in V. 19, Melodei in V. 29, Geigemann in V. 30), doch sind die Verben die dominierende Wortart im Knaben.

Neben der allgemeinen Eigenschaft von Verben, einen Text dynamischer und lebendiger wirken lassen zu können, übernehmen die Tätigkeitswörter in dem Gedicht auch noch eine weitere Funktion. So spricht Margarete Fuchs in ihrem Aufsatz [3] von drei Ebenen der Angsterfahrung, die der Knabe auf seinem Weg nach Hause macht. Der Bereich der akustischen Wahrnehmung stellt für sie die zweite Ebene dar:

[…] ein Knabe, der kaum näher beschrieben wird, erlebt auf seinem Weg durchs Moor höchst Beängstigendes. Diese Erfahrung erwächst zunächst aus der sich im Zwielicht verändernden Natur, dann aus akustischen Naturphänomenen und entwickelt sich schließlich bis zur Projektion von Gespensterglauben auf diese Sinneswahrnehmungen.[4]

Ähnlich sieht es auch Woesler[5], der ebenfalls die Bedeutung des akustischen Aspekts für die seelische Verfasstheit des Jungen erkennt:

Beschränkt ist auch der Blick des Knaben, nur wenig und nur allernächstes sieht er in der hereinbrechenden Dunkelheit. Dafür setzt ihn die Autorin einer Fülle akustischer Reize aus, was ihr gutes Einfühlungsvermögen in die Psyche eines ängstlichen Kindes zeigt.[6]

Es wäre absolut verfehlt, behaupten zu wollen, dass eine tatsächlich existierende Sphäre des Übernatürlichen, wie auch immer diese geartet sein möge, das Thema des Gedichts sei, wenngleich andere Interpreten dies anders gesehen haben mögen. So merkt Köhler, eine Gemeinsamkeit mit Goethes Erlkönig entdecken wollend, zwar an:

Für beide Balladen [also sowohl für Goethes Erlkönig als auch für Drostes Der Knabe im Moor, K.S.] gilt, dass die von dem Knaben erlebte Naturmagie nicht als Hirngespinst gedeutet werden kann. Goethe wie Annette ging es um das Sichtbarmachen wirklicher, der Natur innewohnender Mächte. Während bei Goethe erst eine besondere seelische Disposition zum Aufnehmen dieser dämonischen befähigt […], werfen sie sich bei Annette mit elementarer Gewalt über den einsamen Knaben, so dass […] die überwältigende Wirklichkeit der gespürten Mächte unterstrichen wird.[7]

Doch denke ich, dass man dem Knaben viel eher gerecht wird, wenn man das Werk als nicht von realen Geistern oder einer verfluchten Moorlandschaft handelnd liest; stattdessen geht es dem lyrischen Ich vielmehr um die Schilderung einer Art psychologischen Kammerspiels: Im Mittelpunkt steht ein von Angst erfüllter Junge, der auf dem Weg nach Hause von gewöhnlichen „Phänomene[n], die an und für sich nichts Beängstigendes an sich haben, sondern in ein Moor gehören“[8] in Panik versetzt wird. Es bleibt jedoch „unklar, was nun genau den Knaben ängstigt: die Naturlaute oder der Gespensterglaube, innere oder äußere Wahrnehmung“[9].

Die Darstellung dieser Innenperspektive des Knaben gelingt Droste-Hülshoff durch die Nutzbarmachung des bereits oben beschriebenen akustischen Wortfeldes, dem sie jedoch ein mindestens ebenso wichtiges motorisches Wortfeld, also ein Wortfeld, das „hauptsächlich durch Verben der Bewegung“[10] gekennzeichnet ist, gegenüberstellt. In der Tat finden wir im Gedicht viele Tätigkeitswörter wieder, die im Zusammenhang mit Bewegung stehen: wimmeln (V. 1), drehen (V. 3), häkeln (V. 4), springen (V. 5) und viele weitere. Zusammen mit dem akustischen Wortfeld und im Einklang mit dem düsteren Eingangsvers O schaurig ist’s übers Moor zu gehn (V. 1) generieren sie dabei „eine höchst konkrete Metaphorik, die die Realität beängstigend verlebendigt“[11]. Bei diesen Verben handelt es sich, so Fuchs, um „Verben, die sonst nur auf lebendige Wesen und deren Aktivitäten zutreffen und die hier zusammen mit dem einleitenden und beängstigenden ‚O schaurig’ das Grauen heraufbeschwören“[12]. Die Einführung des jeweils neuen metaphorischen Wortfeldes – das anfänglich visuelle wird vom akustischen abgelöst – dient der stärkeren Identifizierung des Lesers mit dem Knaben:

[...]


[1] Droste-Hülshoff, Annette von: Der Knabe im Moor. In: Gedichte. Hrsg. von Bernd Kortländer.
Stuttgart: Reclam 2003. S. 49f.

[2] Köhler, Lotte: Der Dualismus in Wesen und Werk der Annette von Droste-Hülshoff unter besonderer
Berücksichtigung der Balladen. Diss. Münster 1948. S. 167.

[3] Fuchs, Margarete: Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848): Der Knabe im Moor. In:
Geier, Andrea/Strobel, Jochen (Hrsg.): Deutsche Lyrik in 30 Beispielen. Paderborn: Wilhelm Fink
Verlag 2011. S. 103-113.

[4] a.a.O., S. 106.

[5] Woesler, Winfried: Annette von Droste-Hülshoff: Der Knabe im Moor. In: Lewandowski, Theodor/
Rölleke, Heinz/Schemme, Wolfgang (Hrsg.): Wirkendes Wort. Deutsche Sprache in Forschung und
Lehre. 31. Jahrgang 1981. Heftnummer IV. Düsseldorf: Pädagogischer Verlag Schwann. S. 241-252.

[6] a.a.O., S. 246.

[7] Köhler, a.a.O., S. 168f.

[8] Fuchs, a.a.O., S. 108.

[9] a.a.O., S. 110.

[10] a.a.O., S. 108.

[11] ebd.

[12] ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Spannung in Annette von Droste-Hülshoffs "Der Knabe im Moor"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Die Lyrik der Annette von Droste-Hülshoff
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V213333
ISBN (eBook)
9783656418665
ISBN (Buch)
9783656419136
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spannung, annette, droste-hülshoffs, knabe, moor
Arbeit zitieren
Kim Schlotmann (Autor), 2012, Spannung in Annette von Droste-Hülshoffs "Der Knabe im Moor", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213333

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