Dinge und ihre Bedeutung für die materielle Kultur


Hausarbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Materielle Kultur – eine eigene Annäherung

2. Begriffe materieller Kultur
2.1 Der Dingbegriff
2.2 Wahrnehmung von Ding und Dingbedeutsamkeit
2.3 Beziehungen zu Dingen

3. Formen von Ding
3.1 Dinge als Fetisch
3.2 Dinge als Konsumgüter – der Wandel der Dingkultur

4. Eigenschaften von Dingen

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Materielle Kultur – eine eigene Annäherung

In diesem Semester hörte ich das erste Mal von einem Seminar mit dem Titel materielle Kultur. Da der Titel sehr interessant klang und es etwas völlig Neues im bisherigen Soziologiestudium bot, entschloss ich mich zur Teilnahme. Vorab begann ich mir Gedanken zu machen, was man denn unter materieller Kultur verstehen kann und von welcher Seite man den Begriff am Besten angehen kann. Der einfachste und schnellste Weg führt natürlich erst einmal über Wikipedia, um sich einen groben Überblick zu verschaffen. Neben der Einordnung der materiellen Kultur in die verschiedenen Forschungsbereiche findet sich auch folgende Definition: „Als materielle (auch: materiale) Kultur wird die von einer Kultur oder Gesellschaft hervorgebrachte Gesamtheit der Geräte, Werkzeuge, Bauten, Kleidungs- und Schmuckstücke und dergleichen bezeichnet. Die Forschung zur materiellen Kultur beschäftigt sich mit der Rolle dieser materiellen Gegenstände für die Menschen. Studien zur materiellen Kultur fragen danach, welche Bedeutung Dingen zugesprochen wird und auf welche Weise Gegenstände die Wahrnehmung beeinflussen.“[1] Um sich einen Überblick zu verschaffen mag diese Definition genügen, sie beantwortet aber nicht konkret die Frage danach, was materielle Kultur eigentlich ist. Eine andere Herangehensweise wäre es, den Begriff in seine beiden einzelnen Termini zu zerlegen und über deren Definition genaueres zu erfahren. Der Begriff Material ist einleuchtend, bezeichnet er nach unserem allgemeinen Wissen doch Stofflichkeiten von Gegenständen, zum Beispiel bei Kleidung legt man Wert darauf, aus welchem Material ein Kleidungsstück ist. Aber auch zur Grundlage von Produktion dient Material, beim Hausbau zum Beispiel in Form von Baumaterial, in Firmen und Werkstätten gibt es Materiallager und schon im Kindergarten wird man mit dem Begriff in Form von Bastelmaterial vertraut gemacht. Material hat demnach zwei Bedeutungen, einmal dient es als Sammelbegriff für verschiedne „Dinge“, die man für die Produktion benötigt, zum anderen bestehen diese „Dinge“ selber wieder aus Material im Sinne von Stofflichkeit. (Anm.: Ich setze den Begriff Ding bewusst in Anführungszeichen, um zu dem später folgenden Dingbegriff keine Verwirrung aufkommen zu lassen.) Der Begriff Material ist also zunächst einleuchtend. Nun heißt es aber nicht Material, sondern materielle Kultur. Materiell hat laut Duden verschiedne Bedeutungen, nämlich einmal stofflich, körperlich greifbar, dann, auf Besitz und Gewinn bedacht, wozu der Begriff des Materialisten passt, der nur auf Werte und hohen Umfang des Besitzes aus ist, und als dritte Bedeutung, die Materie betreffend. Nach der Lektüre im Duden kommt also noch ein weiterer Begriff, nämlich der der Materie, hinzu. Materie kommt vom lateinischen Wort materia und bedeutet Stoff. Hier schließt sich ein erster Kreis zurück zu dem Begriff Material beziehungsweise materiell. Materie ist aber vornehmlich ein Begriff der Naturwissenschaften und bezeichnet Gegenstände, die eine Masse besitzen. Jedoch gibt es auch eine philosophische Bedeutung, nach der Materie die Wirklichkeit ist, die außerhalb unseres Bewusstseins existiert.[2]

Nun gilt es als nächstes sich mit dem Begriff der Kultur zu befassen. Auch Kultur ist von einem lateinischen Wort abgeleitet, nämlich von colere was unter Anderem pflegen und bearbeiten bedeutet. Auch diesen Begriff habe ich wieder im Duden nachgeschlagen und bin auf folgende Definition gestoßen: „(…) Gemeinsamkeit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft (…) (,) feine Lebensart, Erziehung u. Bildung.“[3] Bei einer Kultur handelt es sich also um etwas, was eine Gemeinschaft als Gemeinsamkeit hat. Vor allem Tradition, Bräuche und Sitten, die in verschiedenen Gesellschaften ganz unterschiedlich sein können und von anders denkenden Gesellschaften zum Teil als merkwürdig und abstoßend erlebt werden können zählen zu dem Begriff der Kultur. Eine andere Definition von Kultur habe ich in einer Einführung der Ethnologie gefunden: „that complex whole which includes knowledge, belief, art morals, law, custom, and any other capabilities and habits acquired by man as a member of society.”[4] Eine Definition dieser Art kann nie vollständig sein, da es sich um eine Aufzählung handelt. Deutlich wird aber am letzten Teil des Zitats, dass es sich bei der Kultur nicht um etwas Angeborenes handelt, sondern von jedem einzelnen Menschen während der Sozialisation erlernt werden muss. Kultur an sich existiert demnach bereits vor dem Individuum und muss von diesem im Laufe des Lebens internalisiert werden. Bei der oben zitierten Definition von Edward Burnett Tylor handelt es sich um eine Definition, die zu den historischen Definitionen gehört, sie stellen eben den Aspekt in den Mittelpunkt, dass die Kultur von jedem erlernt werden muss. Neben diesen historischen Definitionen gibt es noch die strukturellen, die Kultur als ein „ (…) organisatorisches Prinzip (…)“[5] beschreiben. Die genetischen Definitionen befassen sich mit der Entstehung der Kultur. Alle einzelnen Definitionen sind für sich alleine nicht ausreichend um Kultur präzise zu erklären. Einleuchtend erscheint mir die Schlussfolgerung: „dass Kultur und Gesellschaft Abstraktion von menschlichen Verhalten auf derselben Ebene seien, nur mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Gesellschaft betone die sozialen Beziehungen innerhalb von Gruppen, während das Kulturkonzept die erlernten Muster von und für Verhalten in den Mittelpunkt stelle.[6]

Heute ist der Kulturbegriff auch ein Modebegriff, der in vielen verschiedenen Bereichen auftritt. Kultur auf Reisen, so sprechen Reisende, oft von einem Kulturprogramm neben Shopping oder Sightseeing. Hierunter fallen dann Aktivitäten wie Museums- und Theaterbesuche, oder das Anschauen von berühmten Denkmälern oder Bauten. Aber auch in Ausdrücken wie Jugendkultur, oder Rockkultur, oder in Kulturhauptstadt findet sich der Begriff wieder.

Nach meiner eigenen Annäherung ist materielle Kultur etwas, was auf jeden Fall eine Gemeinschaft betrifft, etwas was mit Stofflichkeiten und Gegenständen zu tun hat und auch etwas mit Pflegen von Traditionen oder Riten. Nach Wikipedia geht es auch um Bedeutungen von Dingen und deren Wahrnehmung und um Einflüsse, die Dinge auf Menschen haben können. Aber auch nach dieser Annäherung bin ich nicht darüber informiert, was materielle Kultur ist, darum soll auf folgenden Seiten eine wissenschaftliche Annäherung erfolgen. An Hand verschiedner Autoren sollen Begriffe wie Ding, Wahrnehmung und Bedeutung erläutert werden, und gezeigt werden, wie sie mit materieller Kultur in Verbindung stehen, beziehungsweise, was materielle Kultur eigentlich ist.

2. Begriffe materieller Kultur

Der Begriff Ding wird im Alltag sehr oft gebraucht. Ohne wahrscheinlich näher darüber nachzudenken, bezeichnen wir alle möglichen Gegenstände mit Ding. Oder einfach nur weil einem die richtige Bezeichnung nicht einfällt, dient der Begriff Ding als Lückenfüller. Was genau ist jedoch ein Ding, welche unterschiedlichen Bedeutungen gibt es von dem Begriff, was macht ein Ding aus und welche verschiedenen Funktionen kann es erfüllen.

2.1 Der Dingbegriff

Der Ethnologe Hans Peter Hahn nimmt zunächst den Begriff der materiellen Kultur als Grundlage. Seiner Meinung nach setzt der Terminus eine Trennung zwischen materieller und immaterieller Kultur voraus. Jedoch ist diese Trennung unzulässig, da innerhalb einer Gesellschaft weder nur die materiellen Dinge von Bedeutung sind, noch nur Handeln oder Wissen. Vielmehr ist „ (d)ie Verbindung von Materiellem und Immateriellem (.) dabei als etwas Gleichzeitiges aufzufassen.“[7] Daraus lässt sich schließen, dass Materielles und Kultur ohneeinander nicht möglich sind. Dies gibt erstmal einen Einblick in den Zusammenhang zwischen Materiellem und Immateriellem, beantwortet aber noch nicht die Frage nach dem Dingbegriff. Hierfür soll eine weitere Definition herangezogen werden: „Materielle Kultur umfasst alle in einer Gesellschaft gebrauchten oder bedeutungsvollen Dinge. Geräte, Werkzeuge und andere Gegenstände begleiten den Alltag des Menschen und sichern in vieler Hinsicht sein Überleben.“[8] Nun wird ersichtlich, was man unter einem Ding verstehen kann und dass es für den Alltag der Menschen wichtig ist. Autoren definierens den Dingbegriff unterschiedlich und grenzen verschiedene Bedeutungen voneinander ab. So wird in der europäischen Kultur oft von der Sachkultur gesprochen, die der Materiellen Kultur gleich ist. Die Unterscheidung zwischen Sache und Ding erfolgt hier lediglich in der Beteiligung des Menschen an der Herstellung. Sachen sind nur die von Menschen geschaffenen Gegenstände und Dinge sind alle materiellen Gegenstände, eben auch die von Menschen nicht hergestellten.[9]

Der österreichische Ethnologe Christian Feest hingegen unterscheidet Artefakte, Naturfakte und Exofakte. Die Artefakte sind gleichzusetzen mit den oben genannten Sachen. Es handelt sich um alle von Menschen erzeugten Gegenstände. Naturfakte sind alle Gegenstände, die ohne menschliches Zutun existieren, so zum Beispiel ein Geröllstein oder ein Berg. Durch die Zuschreibung von Bedeutung, beispielsweise in Form von Verehrung eines Berges, weil auf ihm übernatürliche Wesen existieren, erlangt das Objekt, in diesem Fall der Berg, den Zustand eines Kultobjekts und wird somit zu Materieller Kultur. Exofakte schließlich sind solche Gegenstände, die einzigartig sind, die man innerhalb einer Gesellschaft nicht selbst herstellen kann, weil das nötige Wissen hierfür fehlt.[10]

Martin Heidegger, der sich schon sehr früh (1950) mit dem Begriff der materiellen Kultur auseinandersetzte, unterscheidet zwischen Ding, Zeug und Werk.

Als Beispiel für ein Ding nennt Heidegger einen Granitblock. Dieser kann sich mit der Zeit wandeln, der Mensch hat jedoch keinen Einfluss darauf. Im Gegensatz dazu ist Zeug etwas, was der Mensch selbst herstellt und sich dann zum Nutzen macht. Hier nennt er als Beispiel ein Paar Schuhe, diese sind vom Mensch hergestellt, was sie von einem Ding unterscheidet. „Ding und Zeug, der Granitblock und die Schuhe sind beide vom Menschen unabhängig; im Gegensatz zum Ding ist das Zeug aber nicht eigenwüchsig.“[11] Erst nach der Fertigstellung der Schuhe, werden diese in Beziehung mit dem Menschen funktionsfähig. Erst wenn die Bäuerin auf dem Feld die Schuhe trägt, werden zu dem was sie sind.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Materielle_Kultur (Zitat im Original teilweise hervorgehoben; letzter Aufruf am: 19.11.2011.

[2] Duden: Das Fremdwörterbuch 7., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Bibliografisches Institut & F.A. Brockhaus Ag, Mannheim: 2000, S. 612.

[3] Duden: Das Fremdwörterbuch 7., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Bibliografisches Institut & F.A. Brockhaus Ag, Mannheim: 2000, S. 557.

[4] Fischer, Hans/ Beer, Bettina: Ethnologie, Einführung und Überblick, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2003, Neufassung, S. 61f.

[5] Fischer, Hans/ Beer, Bettina: Ethnologie, Einführung und Überblick, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2003, Neufassung, S. 62.

[6] Fischer, Hans/ Beer, Bettina: Ethnologie, Einführung und Überblick, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2003, Neufassung, S. 63.

[7] Hahn, Hans-Peter: Materielle Kultur. Eine Einführung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2005, S. 9.

[8] Hahn, Hans-Peter: Materielle Kultur. Eine Einführung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2005, S. 17.

[9] Hahn, Hans-Peter: Materielle Kultur. Eine Einführung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2005, S. 19.

[10] Feest, Christian F.: Materielle Kultur, in: Fischer, Hans/ Beer, Bettina: Ethnologie, Einführung und Überblick, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2003, Neufassung, S. 239 – 255, S. 240f.

[11] Hahn, Hans-Peter: Materielle Kultur. Eine Einführung, Dietrich Reimer Verlag, Berlin: 2005, S. 20.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Dinge und ihre Bedeutung für die materielle Kultur
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V213581
ISBN (eBook)
9783656418429
ISBN (Buch)
9783656418849
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Materielle Kultur, Dingkultur, Dinge als Fetisch
Arbeit zitieren
Renee Safarowsky (Autor), 2011, Dinge und ihre Bedeutung für die materielle Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213581

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