Macht und Gender in der Politik - Eine körperrhetorische Analyse des Gebrauchs von Lachen und Lächeln im TV-Duell 2005

Bitte lächeln, Herr Merkel und Frau Schröder!


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
28 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Körperrhetorik, Gender und Politik
2.1. Körpersprache
2.1.1. Bitte lächeln!
2.2. Gender und Politik
2.3. Merkel vs. Schröder
2.4. Das Duell

3. Schluss

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

Körpersprache spielt innerhalb der Rhetorik eine ebenso große Rolle, wie in jeder Kommunikationssituation. Worte können noch so gut vorbereitet, ausgewählt und auswendig gelernt sein – eine Rede funktioniert nur, wenn auch die Körpersprache funktioniert. Seien es zu viele Gesten, zu wenig Gestik, zum Inhalt inkongruente Merkmale – Körpersprache kann nicht ohne Inhalt, ohne logos, persuasiv wirken; sie kann den Inhalt aber in ungewollte Richtungen lenken. Ebenso ist es durch Körpersprache möglich, Gesagtes zu unterstützen und persuasiv erfolgreich zu sein.

Des Weiteren schafft Körpersprache Rollenbilder. Kleidung, Schminke, Schmuck, Körper, Blicke – alles zusammen formt vom Menschen ein Bild, das vom Gegenüber wahrgenommen wird und Auswirkungen hat auf die Wahrnehmung des Gesagten. Diese Bilder können nun den erwarteten Rollen eines Menschen und Redners gerecht werden oder ihnen widersprechen, seien es Genderrollen, gesellschaftliche oder politische Rollen. Im schlimmsten Fall haben nun unerfüllte Rollen negative Auswirkungen auf die Überzeugungskraft des Orators und verhindern damit persuasive Erfolge, die höchsten Ziele der Rhetorik.

Diese Arbeit beschäftigt sich daher mit körpersprachlichen Merkmalen und Genderrollen in einer der wohl persuasivsten Situationen in der Bundesrepublik: der Kanzlerwahl. Nach einer theoretischen Fundierung in den Bereichen Körpersprache, Gender und Politik, wird ein Fallbeispiel zur Analyse des Feldes untersucht: das TV-Duell 2005 zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder. Ausgesuchte und vergleichbare Szenen dieses Fernseh-Duells werden unter besonderer Berücksichtigung des Lachens und Lächelns beider Bundeskanzlerkandidaten analysiert und Rollenkonzepte aufgedeckt werden.

2. Körperrhetorik, Gender und Politik

2.1 Körperrhetorik

Körpersprache – unzählige Theorien, unzählige Ratschläge und unzählige Mythen umkreisen sie. „Achten Sie auf Ihre Körpersprache, Körpersprache transportiert mehr Informationen als der Inhalt Ihrer Aussage, lesen Sie die Körpersprache Ihres Gegenübers und reagieren Sie angemessen!“ – doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Konstrukt?

Körpersprache lässt sich definieren als nonverbale nonvokale Kommunikation. Kommunikation minus Sprache minus Stimme. Übrig bleibt eine komplexe Mischung aus Gestik und Gebärde, Mimik, Blick, Proxemik, Kinesik sowie Kleidung, Frisur, Körper.

An dieser Stelle soll der Schwerpunkt auf die Mimik gelegt werden. Noch genauer: auf das menschliche Lachen und Lächeln.

2.1.1 Bitte lächeln!

„Komik, Scherz, Satire, Parodie, Karikatur, Groteske, Witz, Humor, Ironie. Das Lachen gehöre zum Wesen des Menschen, konstatierten schon Lehrer der klassischen Rhetorik wie Aristoteles und Quintilian“ (Grieswelle, 2000, S.64). In der Tat ist das Lächeln ein wesentliches Element der mimischen Kommunikation: „Es hat einen positiven Einfluss auf die Reaktionen der Interaktionspartner“ (Nagel, 2011, S. 36). Studien belegen, dass Lächeln „positive interpersonale Beziehungen wie Vertrautheit und gegenseitige Sympathie [bewirkt], so verringerten z. B. Personen in einem Fahrstuhl ihre Distanz zur Testperson, wenn diese ihnen zulächelte; auch fielen die Trinkgelder für eine bewusst häufig lächelnde Bedienung höher aus“ (ebd., 2011, S. 36). Lächelnde Menschen wirken, so Nagel weiter, sympathischer, anziehender und insgesamt persuasiver. Doch Lächeln sei nicht gleich Lächeln.

Nach Ekman/Davidson/Friesen (1990) entscheidet die Aktivierung der Ringmuskulatur um die Augen, ob ein Lächeln echt oder falsch ist: Bei echtem Lächeln, also dann, wenn tatsächlich positive Emotionen vorhanden sind, lächeln die Augen mit (Duchenne oder ‚felt‘ smile), beim unechten Lächeln heben sich nur die Mundwinkel. Rezipienten differenzieren automatisch zwischen den beiden Arten von Lächeln, wobei echtes Lächeln zu besseren Bewertungen des Sprechers führt (vgl. Surakka/Hietanen 1998). (Nagel, 2011, S. 36)

Auch Werner Dieball (2002, S. 33) greift diesen Gedankengang auf: Wer es verstehe, sein Lächeln bewusst einzusetzen, könne mit positiven Reaktionen rechnen, da das Lächeln eines der stärksten Signale des Menschen sei.

Wie zu jedem Aspekt der Körperrhetorik finden sich auch zum Thema Lachen und Lächeln theoriefreie Hinweise in allgemeiner Ratgeberliteratur. Hier ein Auszug aus Rahild Neuburgers Kapitel „Was verrät das Lachen?“ aus seinem Werk „Rhetorik: Überzeugend formulieren bei jedem Anlass“:

- Lautes Loslachen auch bei geringsten Anlässen gilt als Zeichen für die Labilität, Arglosigkeit und eine gewisse Schlichtheit.
- Kurzes, stilles und eher seltenes Lachen gilt als Zeichen für Intelligenz, Zurückhaltung, Verschwiegenheit, Arbeitseifer und Treue.
- Lachen mit aufgerissenem Mund, wobei der ganze Körper mitzulachen scheint, gilt als Zeichen für Unbeständigkeit im Verhalten, Schadenfreude, Neid oder auch jovialen Umgang.
- Lachen mit einem spöttischen Zug um den Mund gilt als Zeichen für Fanatismus, Herzlosigkeit oder auch für eine Neigung zu Wut und Hass.
- Seltenes, vorsichtiges Lachen gilt dagegen eher als Zeichen für Bedachtsamkeit, Spürsinn, Geduld und Entschlossenheit.
- Meckerndes, unangenehmes Lachen gilt als Zeichen für Wankelmut, Neigung zu Verleumdung oder auch Heimtücke und Hass.
- Lächeln mit schiefem Mund gilt als Zeichen für Zugeknöpftheit, Unentschlossenheit und Scheinheiligkeit.
- Lächeln mit geschlossenem Mund, ohne die Zähne zu zeigen, gilt als Zeichen für Verschlossenheit und fehlende Kommunikationsfähigkeit (ebd., 2008, S. 128).

Ratgeberliteratur ist für Rhetoriker und Oratoren als solche natürlich von keiner Bedeutung. Aufgrund ihrer Beliebtheit und Popularität bei den Bürgern und damit beim möglichen Publikum eines jeden Redners sollte jedoch Vorsicht gelten und hin und wieder auch ein Blick auf neueste Ratschläge und Hinweise gerichtet sein.

2.2 Gender und Politik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1, Kushner (2012)

In diesem durchaus landesweit populären Ratgeber „Rhetorik für Dummies“ klingt ein entscheidendes Kriterium an: Seriosität, Geschäftswelt, Verantwortung – unumstritten verknüpft mit dem männlichen Geschlecht. Redner, Geschäftsmänner, Herren über Fakten und Zahlen. Natürlich handelt es sich hierbei nur um Begrifflichkeiten und ohne Mühe könnte man sich die Rednerinnen, Geschäftsfrauen und Herrinnen über Fakten und Zahlen dazu denken. Auf der anderen Seite spiegelt diese Ausdrucksweise eine gesellschaftliche Denkweise wider, die nicht abzustreiten ist.

Und noch einen Gedankengang liefert dieser Ausschnitt: Zum Geschäftsmann, zum Redner mit Verantwortung wird man durch ein ‚Pokerface‘. Durch die Unterdrückung des lächelnden Gesichtsausdruckes.

Auch wissenschaftliche Literatur beschäftigt sich mit diesen Aspekten. So ist allgemein anerkannt, dass Frauen üblicherweise häufiger lächeln als Männer (vgl. Nagel, 2011, S. 37). „Das Lächeln […] – laut Goffman (1988) der ‚weibliche Wesenszug‘ schlechthin, nach Bertini (2002) ein Zeichen der ‚anthropologischen Verfügbarkeit‘ von Frauen […]“ (Lünenborg, 2009, S. 136). Ebenso wird darüber diskutiert, ob Nichtlächeln Dominanz kommuniziere (vgl. Nagel, 2011, S. 37).

Lächeln ist weiblich, Dominanz ist männlich – so der Konsens über die Wahrnehmung von Rollen. Auch die Rhetorik nimmt klare Position ein: „Die Rhetorik ist in ihrer historischen Ausprägung zweifellos eine männliche Disziplin.“ (Tonger-Erk & Wagner-Egelhaaf, 2011, S. 14). Cicero und Quintilian selbst stellten einst fest, dass ein guter Redner nur der sein kann, der sich abwendet von allzu weiblichen Ausdrucksweisen stattdessen virilitas gelten lässt, männliche Kraft und Tugend.„Als Topoi weiblicher Rede gelten demgegenüber weithin Schwatzhaftigkeit, Klatsch, Geschrei, [...], hysterische Äußerungen (Körpersprache) etc., mithin logosferne Artikulationsweisen, die nicht Teil eines rhetorischen (Regel-) Systems sind, sondern von diesem ausgeschlossen werden" (Bischoff & Wagner-Egelhaaf, 2010, S. 7). Dem entspricht auch die Forschung über männliche und weibliche Redestile, die zu dem Entschluss kommt, dass Frauen einen partnerschaftlichen, kooperativen und integrativen Redestil pflegen, Männer dagegen einen statusorientierten, agonalen Stil, der vor allem sachorientiert ist und damit zur Persuasion führen kann (vgl. Tonger-Erk, 2010, S. 37).

All diese Forschungen sind Teil der Geschlechterforschung, der Gender-Studien. Sie fragen nach der „Bedeutung des Geschlechts für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaften […]. Sie untersuchen, wie sich ein solcher Begriff in den verschiedenen Zusammenhängen jeweils herstellt bzw. hergestellt wird, welche Bedeutung ihm beigemessen wird und welche Auswirkungen er auf die Verteilung der politischen Macht, die sozialen Strukturen und die Produktion von Wissen, Kultur und Kunst hat“ (Von Braun & Stephan, 2006, S. 3).

Silke Kinzig verknüpft nun die Genderstudien mit der Politikforschung und untersucht die Unterrepräsentation der Frau in der Politik:

Unter gender, einem Begriff, der ursprünglich aus der Grammatik stammt, versteht man ‚soziokulturelle Funktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit‘ (Feldmann & Schülting, Gender, S. 217). Gender ist dabei nicht kausal mit dem biologischen Geschlecht verknüpft, sondern ist eine kulturelle Interpretation, die dem Individuum über eine Geschlechterrolle einen Platz innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung zuweist. In diesem Zusammenhang ist eine Grundannahme dieser Arbeit, dass zwischen Geschlechterrollen (gender roles) und politischen Rollen eine Beziehung besteht (Kinzig, 2007, S. 21).

Kinzig vergleicht Gipfeltreffen mit dem alt bekannten ‚Gruppenbild mit Dame‘ von Heinrich Böll: „versprengte Politikerinnen, Fremdkörper auf der Gratwanderung zwischen dem vorgeblich geschlechtsneutralen Amt und der irritierend weiblichen Person (ebd., 2007, S. 7). Weiter schreibt sie: „Noch immer wirkt die Macht in Händen und in den Kleidern von Frauen wie eine aus männlicher Potenz und Potestas abgeleitete einmalige Sonderausgabe“ (ebd. 2007, S. 7).

Nachdem 1891 die SPD als erste Partei die Stimmrechtsforderung der Frauen ihr Programm aufnahm und 1918, mit der Einführung einer Republik, die Frauen in Deutschland erstmals landesweit das aktive und passive Wahlrecht erhielten (vgl. Kinzig, 2007, S. 33), wurde 1949 das Gleichberechtigungsgebot Bestandteil des Grundgesetzes (vgl. ebd. 2007, S. 34). Doch das bedeutete noch lange nicht, dass Frauen auch in der Rolle von Politikerinnen akzeptiert wurden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Macht und Gender in der Politik - Eine körperrhetorische Analyse des Gebrauchs von Lachen und Lächeln im TV-Duell 2005
Untertitel
Bitte lächeln, Herr Merkel und Frau Schröder!
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Allgemeine Rhetorik)
Veranstaltung
Körpersprache
Autor
Jahr
2013
Seiten
28
Katalognummer
V213768
ISBN (eBook)
9783656423201
ISBN (Buch)
9783656423379
Dateigröße
1689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
macht, gender, politik, eine, analyse, gebrauchs, lachen, lächeln, tv-duell, bitte, herr, merkel, frau, schröder
Arbeit zitieren
Frauke Schoon (Autor), 2013, Macht und Gender in der Politik - Eine körperrhetorische Analyse des Gebrauchs von Lachen und Lächeln im TV-Duell 2005, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213768

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