Nordwest-Argentinien. Dynamik im Tiefland – Stagnation im Hochland?

Ein Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Nordwesten Argentiniens

3. Historischer Überblick
3.1. Vorkoloniale Phase
3.2. Kolonialzeit
3.3. Industrialisierung
3.4. Urbanisierung am Beispiel der Provinz Tucumán

4. Aktuelle Strukturen
4.1. Siedlungsstruktur
4.2. Bevölkerungsverteilung
4.3. Wirtschaftliche Strukturen
4.3.1. Tiefland
4.3.2. Hochland

5. Sozialgeographische Disparitäten
5.1. Armutsgeographie
5.2. Bevölkerungsentwicklung

6. Verkehr

7. Moderne Verflechtungen zwischen Hoch- und Tiefland

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Weinanbaugebiete im NOA

Abbildung 2: Saltas Weinstraße

Abbildung 3: Haushalte mit nicht befriedigten Grundbedürfnissen

Abbildung 4: Bevölkerungsentwicklung im NOA

Abbildung 5: Relative Bevölkerungsänderung in Catamarca

Abbildung 6: Relative Bevölkerungsänderung in Jujuy

Abbildung 7: Relative Bevölkerungsänderung in Salta

Abbildung 8: Relative Bevölkerungsänderung in Tucumán

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerungsdaten der Región Noroeste Argentino

Tabelle 2: Rebflächen in Nordwestargentinien

Tabelle 3: Die bedeutendsten Lagerstätten in Nordwestargentinien

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich im Allgemeinen mit den sozioökonomischen Verhältnissen in Nordwestargentinien. Jedoch soll es sich hierbei nicht um eine reine siedlungs- und wirtschaftsgeographische Analyse der Region handeln. Im Gegensatz zu der geläufigen Differenzierung auf Provinzebene, soll der Ansatzpunkt darin bestehen, dynamische Räume von stagnierenden zu unterscheiden. Der Titel dieser Arbeit postuliert die These, dass in Argentiniens Nordwesten das Tiefland ein dynamischer „Aktivraum“ sei, während das Hochland in Stagnation verweilt bzw. verfällt. Inwieweit diese These der Realität entspricht soll in der vorliegenden Arbeit erörtert werden. Selbstverständlich kann sie in diesem Rahmen nur einen Überblick liefern. Um den heutigen Zustand zu begreifen, werden zunächst historische Zustände aufgearbeitet, auf welchen gegenwärtige Strukturen aufbauen. Auf den vielfältigen Naturraum kann im Umfang dieser Arbeit nicht eingegangen werden. Jedoch soll auf die große Bedeutung der unterschiedlichen naturräumlichen Ausstattung des Nordwestens hingewiesen werden. Jede der naturräumlichen Einheiten birgt individuelle Chancen und Risiken. Die ungleichen natürlichen Voraussetzungen, aber auch das regionale historische Erbe prägen daher die sozio-ökonomische Entwicklung jeder regionalen Einheit. Das Resultat sind eine räumliche Fragmentierung und soziale Disparitäten auf verschiedenen Maßstabsebenen, welche hier etwas näher beleuchtet werden sollen.

Dynamik und Stagnation

Auf dem Konzept von Coy und Kraas für städtische Regionen basierend, versteht auch Stadel (2006: 66-67) die ländlichen Anden als „fragmentierte Räume“, welche sich durch die Gegensätze Dynamik und Stagnation in unmittelbarer räumlicher Nähe charakterisieren. Die stagnierenden „Passivräume“ zeichnen sich durch Marginalisierung, Resignation und/oder Abwanderung aus, während die „Aktivräume“ durch wirtschaftliche und soziale Dynamik und erfolgreiche Entwicklungsimpulse geprägt sind. Allerdings können auch innerhalb dieser fortschrittlichen Raumeinheiten lokal stagnierende Nischen bzw. Bevölkerungssegmente auftreten. Diese wirtschaftlich und sozial benachteiligten Gruppen müssen Überlebensstrategien entwickeln und pflegen gegebenenfalls ein ganz anderes Lebensmuster als jene in den Aktivräumen. Eine Definition von Stagnation oder Dynamik ist nicht trivial. Ein dynamisches System ist „ein System, das einer dauernden Wandlung unterliegt (…) [wozu] auch Regulationsmechanismen [gehören], die ein von außen gestörtes dynamisches Gleichgewicht wiederherstellen können.“ Stagnation hingegen definiert die Wirtschaftstheorie als „Stillstand der wirtschaftlichen Entwicklung (…)“. Gewiss sind dies rein wirtschaftliche Definitionen und klammern soziokulturelle Aspekte aus. In dieser Arbeit sollen zur Vereinfachung wenige Faktoren diese Zustände charakterisieren. Kennzeichen eines dynamischen Raums seien Bevölkerungszuwachs, eine steigende Wirtschaftskraft, eine wachsende Anzahl von Erwerbsmöglichkeiten und eine Diversifizierung der Wirtschaft. Stagnation andererseits sei gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit, Armut und einen negativen Migrationssaldo bzw. saisonale Migration.

Hochland und Tiefland

Eine klare Differenzierung von Hoch- und Tiefland ist ebenfalls recht schwierig, da der Ostrand der Anden keine scharfe Linie bildet und daher Übergangszonen existieren. Hier sollen die subandinen Senken mit den Städten San Salvador de Jujuy (1.201 m) und Salta (1.187 m) trotz ihrer relativen Höhe dem Tiefland hinzugerechnet werden.

2. Der Nordwesten Argentiniens

Die Región Noroeste Argentino, kurz NOA, ist eine Großregion im Nordwesten Argentiniens und umfasst die fünf Provinzen: Catamarca, Jujuy, Salta, Santiago del Estero und Tucumán. Manchmal wird die Provinz La Rioja mithinzugezählt, diese soll aber in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. Der Nordwesten ist mit 470.184 km² etwa so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Beim Zensus von 2010 wurden 4.577.700 Einwohner gezählt, die Einwohnerdichte beträgt 9,74 Ew./km² (INDEC, 2010).

Die Anden stellen einen Kernraum menschlicher Besiedelung und Ressourcennutzung dar. Aufgrund der ökologischen, landwirtschaftlichen und kulturellen Höhengliederung, weisen sie eine Vielfalt kleinräumiger Strukturen auf und beinhalten sowohl Gunst- als auch Ungunsträume (Stadel, 2006: 64-65). Dies trifft besonders auf Nordwestargentinien zu, da hier über die andine Höhengliederung hinaus der Übergang zum Tiefland eintritt. Der NOA beinhaltet eine Vielzahl dieser besagten naturräumlichen, sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Strukturen und ist in dieser Hinsicht die komplexeste Makroregion Argentiniens. Er ist gekennzeichnet durch ständige Migrationsströme, eine relativ schwache Wirtschaftsleistung und eine ungleiche Ressourcenverteilung. Seit vielen Jahrzehnten ist die Region von Auswanderung und einer zunehmenden Land-Stadtmigration betroffen (Siehe 3.4). Dazu kommen eine gegenüber dem restlichen Argentinien relativ große Armut (Siehe 5.1), hohe Arbeitslosigkeit und eine relativ verbreitete Mangelernährung, besonders bei Kindern. Die entscheidende charakteristische Eigenschaft des Nordwestens ist allerdings die ungleiche Bevölkerungsverteilung (Siehe 4.2). Aus seiner Geschichte und dem ethnografischen Erbe entwickelte sich im NOA eine reiche, kulturelle Vielfalt (Lara, 2008: 589-590).

3. Historischer Überblick

3.1. Vorkoloniale Phase

Hochkultur im Hochland? – Das Tiefland als Zulieferer?

Die Anden sind ein Raum jahrhundertealter Kulturtradition. Dies gilt auch für die Landwirtschaft. Eine Vielzahl von Kulturpflanzen und einige Nutztiere wurden hier domestiziert. Darüber hinaus wurden Anbau- und Bewässerungssysteme und Techniken entwickelt, welche teilweise noch bis heute angewandt werden. Obwohl im präkolumbianischen Nordwesten durchaus städtische Strukturen und Traditionen bestanden (z.B.: Quilmes), war die soziale und kulturelle Bedeutung der kleinbäuerlich geprägten Dorfgemeinschaften des ländlichen Raums groß (Stadel, 2006: 64-65).

„ [Auch] Nordwestargentinien ist uraltes Kulturland.“ Zwar existierten im Nordwesten Argentiniens seit mehreren Tausend Jahren mehrere präinkaische Kulturen, aber es war die Herrschaft der Inka, welche das Hochland im Nordwesten entscheidend bis heute prägte. Spuren der Inka finden sich nicht nur in Musik, Kunsthandwerk (besonders der Weberei) und vielen Ortsnamen, auch die Bewässerungskultur geht auf diese Herrschaftsperiode zurück. Als Teil des Inkareiches verlief auch ein Teil des Inkapfades durch den heutigen Nordwesten (Quebrada de Humuahuaca), sodass die Kultur stark vom bolivianischen Hochland beeinflusst wurde. Bereits die Inka kannten die Bodenschätze der Puna und beuteten einzelne Lagerstätten bereits aus. Auch Kochsalz wurde aus den Salaren schon sehr früh gewonnen. Hirten tauschten ausgehackte Salzziegel gegen Nahrungsmittel aus dem Tiefland ein. Zahlreiche Gräber und Reste von Steinabdämmungen, Befestigungsbauten und Bewässerungsanlagen bezeugen, dass die Tallandschaften der Vorpuna einst dichter besiedelt waren als zur Mitte des 20. Jh.. Diese vorkolonialen Dörfer waren, entgegen der heutigen Lage, auf den höheren Flussterrassen angelegt. Das Schwemmland an den Ufern wurde für die Landwirtschaft genutzt (Wilhelmy & Rohmeder, 1963: 431-434). Jedoch war bereits damals die Nutzung der Ressourcen nicht immer nachhaltig. Auch gesellschaftliche Ausbeutungsformen bestanden bereits damals (Stadel, 2006: 64-65).

Im Gegensatz zum Hochland waren die indigenen Kulturen im Tiefland nicht vom kulturellen Ausstrahlungsraum der Inka betroffen und bildeten keine vergleichbare „Hochkultur“ aus. In gewisser Weise dienten sie jedoch als Zulieferer der indigenen Völker des Hochlands – sie lieferten ihnen Nahrungsmittel und Arbeitskräfte (Julien, 2003: 90-91).

3.2. Kolonialzeit

Ausbeutung des Hochlands? – Ausbeutung des Tieflands ?

Der Nordwesten Argentiniens wurde von den Konquistadoren seit der Mitte des 16. Jh. vom heutigen Bolivien und Chile aus besiedelt. 1563 fasste man das Gebiet zur Gobernación del Tucumán zusammen und unterstellte es dem Vizekönig von Lima. Die spanische Kolonialverwaltung baute auf den Regierungsformen der Inka auf (Wilhelmy & Rohmeder, 1963: 431). Die älteste Städtegründung der Spanier war Santiago del Estero im Jahre 1553. Hier baute man hier Baumwolle an und verkaufte die Stoffe nach Peru. Ebenso wurden Pferde und Maultiere für die Bergwerke in Peru gehandelt. Von hier aus wurde der Nordwesten erschlossen und weitere Städte gegründet. Die 1565 gegründete Stadt San Miguel de Tucumán gewann aufgrund ihrer günstigeren Lage am Fuße des Berglandes schnell an Bedeutung. Santiago del Estero wurde bis auf seine Funktion der Provinzhauptstadt schon während der Kolonialzeit wieder relativ unbedeutend (Bünstorf, 1992: 122).

Am Innenrand des Hochlandes verlief eine Verkehrsverbindung nach Bolivien, wohin man Maultiere und Esel trieb und im Gegenzug Edelmetalle und Coca-Blätter zurückbrachte. Vor allem das Silber aus den Minen von Potosí (Bolivien) wurde über eine Handelsstraße zur Atlantikküste befördert. San Miguel de Tucumán war zu jener Zeit Zollstation und der wichtigste Umschlagplatz zwischen Peru und dem La-Plata Gebiet. Hier mussten zwischen den Ochsenkarren des Flachlandes auf die Tragtiere für die Anden gewechselt werden. Daraus entstand eine Produktionsstätte für Ochsenkarren, eine wichtige Maultier- und Ochsenzucht und ein Ledergewerbe, spezialisiert auf die Herstellung von Sattelzeug. Noch heute kann man diese Tradition in Tucumán wiederfinden (Wilhelmy & Rohmeder, 1963: 438; Bünstorf, 1992: 122; Müller, 1994: 57). Die neuen Kolonialherren brachten nicht nur ihre Nutztiere, sondern auch neue Kulturpflanzen aus Europa mit in ihre Provinzen. In Tucumán, Salta und Jujuy begann man bereits im 16. Jh., während gerade die ersten Städte entstanden, mit dem Anbau von Zuckerrohr (Bünstorf, 1992: 74).

Die Puna und Hochtäler Nordwestargentiniens waren früh vom Bergbau geprägt. Silber wurde mit Hilfe einfacher Schmelzen gewonnen. In den Talwinkeln der Puna siedelten die indigenen Atacameño und lebten als Lama, Schaf- und Ziegenhirten. Von Zeit zu Zeit verdingten sie sich in den Minen oder beim Eisenbahnbau oder stiegen herab ins Tiefland um dort mit Salz, selbstgewebten Wollstoffen, Wolldecken, Fellen, Ziegenhäuten oder Heilkräuter zu handeln (Wilhelmy & Rohmeder, 1963: 441-442).

3.3. Industrialisierung

Kulturelle Retardierung des Hochlands? – Aufstieg des Tieflands?

Die Unabhängigkeit Argentiniens wurde 1816 durch den ersten Nationalkongress von Tucumán verkündet. Von nun an genoss die Stadt durch die Zuckerproduktion in ihrem Umland einen raschen Aufstieg (Bünstorf, 1992: 122). Es entwickelte sich eine monostrukturelle Agrarkultur, deren Besitz auf wenige Familien verteilt war. Der Zuckerhandel hatte allerdings aufgrund der hohen Transportkosten zunächst noch eine geringe Reichweite (Müller, 1994: 54-63). Die erste industrielle Anlage zur Verarbeitung des Zuckerrohrs entstand 1858. Doch erst die Anbindung an das Eisenbahnnetz nach Buenos Aires 1876 und wenig später nach Córdoba förderte die Entwicklung moderner Produktionsformen. Von nun an konnte ganz Argentinien als Absatzmarkt genutzt werden. In entgegengesetzter Richtung konnten schwere Maschinen für neue Industrieanlagen in den Nordwesten befördert werden (Bünstorf, 1992: 74, 122).

Die hohe wirtschaftliche Anfälligkeit der Region aufgrund ihrer Monostruktur zeigte sich als der Zuckerpreis in den 1960er Jahren sank. Die Regierung unter Onganía setzte daraufhin auf eine Diversifizierung der Wirtschaft; besonders der Anbau von Zitrusfrüchten wurde gefördert. Dennoch herrscht seitdem eine hohe Arbeitslosigkeit, während der informelle Sektor wächst (Müller, 1994: 54-63). Die Betriebsstruktur im Zuckerrohranbau unterschied sich in Tucumán entscheidend von jenen in Salta und Jujuy. In Tucumán gab es nach dem drastischen Rückgang immer noch 4.725 Zuckerrohrbetriebe mit Anbauflächen zwischen 2,5 und 7000 ha. Der Großteil wurde in Handarbeit geerntet. In Salta und Jujuy gab es nur 46 Betriebe mit Flächen von 20 bis 22.000 ha. Diese Betriebsstruktur erleichterte die Mechanisierung bei Feldarbeit, Ernte und Transport. Aufgrund eines günstigeren Klimas, aber auch aufgrund der günstigeren Betriebsstruktur, verlagerte sich die Zuckerindustrie zunehmend nach Salta und Jujuy (ebd., 1992: 77).

Vor dem zweiten Weltkrieg war fast das gesamte Valle de Lerma mit Alfalfa-Fettweiden für die Rindermast bedeckt. Im Herbst und Winter trieb man dann mehrere Tausend Rinder über die Puna in die Schlachthäuser der Salpeter- und Kupferbergwerke Nordchiles. Jedoch beendeten der Zollkrieg und die chilenische Krise der Kupfer- und Salpeterindustrie diese Form des Lebendviehhandels. Die Bauern wechselten zu einem Anbau von Mais, Tabak, Wein, Obst, Reis und Kartoffeln. Mit dem Wiederaufblühen des argentinisch-chilenischen Handels ging man auch zur einstigen Weidewirtschaft und dem Rinderexport zurück (Wilhelmy & Rohmeder, 1963: 437).

3.4. Urbanisierung am Beispiel der Provinz Tucumán

Die für argentinische Verhältnisse extrem hohe Bevölkerungsdichte Tucumáns beruht auf der Ausweitung der Zuckerindustrie nach 1876. Rund um die Fabriken sind Dörfer und Städte entstanden. Zwischen 1869 und 1895 verdoppelte sich die Einwohnerzahl, 1914 hatte sie sich verdreifacht. Mit der ersten Zuckerkrise um 1960 und dem Schließen der Fabriken zogen sehr viele der landlosen, von der Zuckerindustrie abhängigen Bauern in die Hauptstadt San Miguel de Tucumán bzw. in die urbanen Zentren in deren unmittelbaren Umgebung um dort Arbeit zu finden. So entstanden die Vorstädte und Marginalsiedlungen von San Miguel de Tucumán. Die umliegenden Ortschaften (Banda del Rio Sali, Yerba Buena, Alderetes, Las Talitas, Lules, Tafi Viejo) wurden zu Städten und bilden heute zusammen mit der Hauptstadt die Agglomeration „ Gran San Miguel de Tucumán “. Deren knapp 740.000 Einwohner verteilen sich über 5 Departamentos, die Einwohnerdichte beträgt 6.478 Ew./km². Heute leben 80 % der Bewohner Tucumáns im urbanen Raum. 92 % leben auf einer ca. 100 km langen linienhaften Struktur in der fruchtbaren Ebene entlang der Ruta 38. Trotz der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung konnte San Miguel de Tucumán seine Vormachtstellung bis heute aufgrund seiner Funktion als Handelszentrale und Sitz der Verwaltung behaupten (Lara, 2008: 606-607).

4. Aktuelle Strukturen

Stagnation im Hochland ? - Dynamik im Tiefland ?

4.1. Siedlungsstruktur

Der Nordwesten Argentiniens ist heute bis in die Höhenzone der tierra helada besiedelt, jedoch ist die Verteilung sehr ungleich. Früher befand sich die höchste Siedlungsdichte in den leichter zugänglichen innerandinen Regionen. In diesem Altsiedelland hatte sich ein relativ dichtes Netz von ländlichen und städtischen Siedlungen ausgebildet. Die miteinander verbundenen Siedlungskerne befanden sich in den Hochbecken und den Tälern der Vorpuna. Hier befand sich vor der Kolonialisierung die höchste Siedlungsdichte und die intensivste landwirtschaftliche Nutzung. Die tierra helada (ca. 3500-4800 m), der Übergangsbereich von der obersten Zone des Feldbaus und dem Bereich der extensiven Weidewirtschaft der Puna, ist bis heute stets dünn besiedelt gewesen (Stadel, 2006: 64-65). Mehrere Ortschaften im Nordwesten befinden sich auf über 4.000m Seehöhe, am höchsten liegt Olaroz Chico (4.180 m) in Jujuy (Google Earth, 2006).

Auch kulturell lassen sich verschiedene Höhenlagen (bzw. Nischen) gliedern. Noch heute findet man die indigenen Gemeinschaften eher in den innerandinen Bereichen, während die Kolonisten vor allem am Gebirgsfuß siedelten (Stadel, 2006: 64-65). Das anschließende Tiefland, die tierra caliente, wurde zur Pionierzone, dem Bereich der wirtschaftlichen Erschließung und Entwicklung.

In der Puna und den andinen Tälern sind die sozio-ökonomischen Bedingungen besonders schwierig, da die Möglichkeiten für nachhaltiges Wirtschaften äußerst begrenzt sind. Darüber hinaus erschwert der Mangel an Energieträgern und die schlechte Infrastruktur das von Viehzucht und Subsistenzlandwirtschaft geprägte Leben im Hochland. Eine weitere Form der Anpassung an die Knappheit der Ressourcen ist eine temporäre Migration. Viele Hochlandbewohner ziehen deshalb, meist zur Erntezeit, in entsprechende, tiefer liegende Agrarregionen (Lara, 2008. 592). Als Folge dessen konnten sich im Hochland keine dicht besiedelten Zentren ausbilden. Es entstanden Streusiedlungen mit vielen saisonal nicht bewohnten Häusern (Albeza, Acreche Wak, & Caruso, 2002: 120).

Sowohl im Hochland, als auch im Tiefland gibt es viele leere Regionen, häufig sind dies Regionen, in welchen die Armut die Bevölkerung zur Abwanderung zwingt (Lara, 2008: 603).

Die Land-Stadt-Verteilung im Nordwesten unterscheidet sich wenig zwischen den Provinzen. Der Urbanisierungsgrad übersteigt in allen Provinzen 60 %. Jedoch sind 45 % aller Einwohner in den Provinzhauptstädten konzentriert. Die jeweils zweitgrößten Städte jeder Provinz nehmen im Städtesystem nur untergeordnete Rollen ein (INDEC, 2010).

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Details

Titel
Nordwest-Argentinien. Dynamik im Tiefland – Stagnation im Hochland?
Untertitel
Ein Überblick
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Die Dritte Welt im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Nachhaltigkeit
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V214052
ISBN (eBook)
9783656423928
ISBN (Buch)
9783656434252
Dateigröße
1374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nordwest-argentinien, dynamik, tiefland, stagnation, hochland, überblick
Arbeit zitieren
B.Sc. Matthias Breuer (Autor), 2011, Nordwest-Argentinien. Dynamik im Tiefland – Stagnation im Hochland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214052

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