Die Rollenverweigerung von Kaiserin Elisabeth von Österreich


Seminararbeit, 2013

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

Vita

1. Quellen- und Forschungslage

2. Rollenverweigerung
2.1. Monarchische Rolle
2.2. Mutterrolle, Ehefrau, Frauenrolle

3. Verweigerungsstrategien
3.1. Flucht
3.1.1. Reisen als räumliche Flucht
3.1.2. Dichtung und Phantasiewelten als emotionale Flucht
3.2. Selbstgewähltes Umfeld
3.3. Schönheitskult

4. Schlussbetrachtung

5. Quellen-, Literatur- und Abbildungsverzeichnis

Anhang

Strategien der Verweigerung

Kaiserin Elisabeth von Österreich

Vita

Elisabeth Amalie Eugenie (Sisi)

* 1837 in München als Prinzessin aus der herzoglichen Nebenlinie Zweibrücken-Birkenfeld- Gelnhausen des Hauses Wittelsbach

1854 Heirat mit Kaiser Franz Joseph I. von Österreich

ab 1867 auch Königin von Ungarn

1898 Ermordung durch einen italienischen Anarchisten in Genf

1. Quellen- und Forschungslage

Die Quellen- und Forschungslage zu Elisabeth von Österreich ist recht ertragreich; besonders Ende der 1990er Jahre lässt sich ein deutlicher Anstieg an (Forschungs-)Literatur und Quelleneditionen verzeichnen, was sicherlich auf den 100. Todestag der Kaiserin 1998 zurückzuführen ist. Dennoch gilt seit 1989 die Elisabeth-Biographie[1] der deutsch-österreichischen Historikerin Brigitte Hamann als Standardwerk: Hamann stieß bei Forschungen über Elisabeths Sohn, Kronprinz Rudolf[2], auf ein 500-seitiges Manuskript von bisher unbekannten Gedichten der Kaiserin. Auf der Grundlage des 1984 edierten Quellenfunds[3] zeichnete Hamann ein vollkommen anderes Bild der Kaiserin, welches der traditionellen und „kaisertreuen“ Sichtweise des ersten Elisabeth-Biographen Egon Ceasar Conte Corti[4] aus dem Jahr 1934 in vielem widerspricht. Neben den persönlichen Gedichten der Kaiserin liefern die Tagebuchaufzeichnungen ihrer ältesten Tochter Marie Valérie[5], ihres griechischen Vorlesers und Vertrauten Constantin Christomanos[6] sowie die edierten[7] und handschriftlichen[8] Erinnerungen ihrer Hofdamen weitere Quellenmaterialien. Ferner zu nennen sind freilich auch Quellen, die nicht primär die Person Elisabeth fokussieren, aber dennoch das diesbezügliche Forschungs- und Erkenntnisspektrum erweitern.[9]

Für die Elisabeth-Forschung weiterhin bereichernd sind die Publikationen der österreichischen Historikerinnen Gabriele Praschl-Bichler[10] sowie Katrin Unterreiner, die bis 2007 wissenschaftliche Leiterin der Kaiserappartements der Wiener Hofburg und Kuratorin des dortigen Sisi-Museums war.[11] Eine quellenfundierte Untersuchungder Todesumstände Elisabeths veröffentlichte Santo Cappon.[12] Evelyn Knappitsch untersuchte anhand zeitgenössischer Zeitungsmeldungen die öffentliche Wahrnehmung der Kaiserin nach ihrer Ermordung 1898.[13]

Umfassende Photosammlungen über Kaiserin Elisabeth veröffentlichten Gerda Mraz zusammen mit Ulla Fischer-Westhausen[14] ebenso wie Hamann[15] und Praschl-Bichler[16].

Ferner bieten Ausstellungskataloge eine zusätzliche quellenerschließende Publikationsform.[17]

Dadurch dass sich Veröffentlichungen über Kaiserin Elisabeth generell gut verkaufen lassen und dementsprechend eine relativ breite Publikationsdichte vorhanden ist, erscheint es zwingend notwendig, die quellenfundierte Forschungsliteratur von den „Boulevard-Büchern“[18] zu selektieren.

Anlässlich des 175. Geburtstags der Kaiserin im Dezember 2012 sind weitere Publikationen erschienen bzw. geplant.[19] Die jüngsten Erscheinungen fokussieren jedoch lediglich bestimmte Lebensabschnitte bzw. Lebensbereiche Elisabeths; neue Erkenntnisse können sie nicht liefern, da die Sisi-Forschung momentan stagniert.

Nach dem Tod Otto von Habsburgs im Sommer 2011, besteht die Hoffnung, dass seine Angehörigen weitere Teile des Familienarchivs für ausgewählte Historiker freigeben. Der Sohn des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn gewährte zeitlebens nur Einblicke in spezielle Teile des Familienarchivs.

2. Rollenverweigerung

2.1. Monarchische Rolle

Bereits am Tag ihrer Hochzeit mit Kaiser Franz Joseph am 24. April 1854 fühlte sich die 16-jährige Elisabeth in ihrer neuen Rolle unwohl, versuchte aber dennoch, die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Doch ihre kaiserlichen Pflichten wurden ihr von Tag zu Tag unangenehmer: Repräsentation und das strenge spanische Hofzeremoniell in Wien waren der jungen Kaiserin, die in Bayern fern jeglicher aristokratischer Etikette erzogen wurde,[20] lästig.

Sie verabscheute die Intrigen des Wiener Hofes und die dort starren hierarchischen Strukturen. Sich ständigen kritischen Blicken ausgesetzt fühlend und unter permanenter Beobachtung stehend, verlor Elisabeth zunehmend ihre gewohnte persönliche Freiheit.[21] Bereits vierzehn Tage nach ihrer Hochzeit dichtete Elisabeth:

„Ich bin erwacht in einem Kerker,

und Fesseln sind an meiner Hand.

Und meine Sehnsucht immer stärker-

Und Freiheit! Du mir abgewandt!“[22]

Mit Verschlechterung ihrer seelischen Verfassung, stellten sich auch körperliche Krankheitssymptome in Form von Schlaf- und Appetitlosigkeit und stetigem Husten ein. Auf Anraten der Ärzte reiste Elisabeth 1860 zur Kur nach Madeira. Hier fühlte sich die Kaiserin frei von jeglichen aristokratischen Verpflichtungen und höfischen Zwängen. Obwohl sich ihr Gesundheitszustand schon zu Beginn des Kuraufenthaltes merklich verbesserte, zögerte Elisabeth die Rückkehr nach Wien zwei Jahre hinaus. Die Abwesenheit aus Wien löste bei Elisabeth eine deutliche Steigerung ihres Selbstbewusstseins und das Erkennen ihrer Machtposition am Hof aus.[23] Ab dato setzte ungefähr der Zeitpunkt der bewussten Rollenverweigerung als Monarchin ein. Sie hielt sich immer seltener in Wien auf und nahm kaum noch an öffentlichen Auftritten des Kaiserhauses teil. Mit ihrem demonstrativen Desinteresse und ihrer offensichtlichen Repräsentationsverweigerung verärgerte sie immer häufiger das Volk. So wurde beispielsweise die große Eröffnung der Wiener Oper extra kurzfristig verschoben, da sich die Kaiserin wider aller Erwartungen länger in Ungarn aufhielt. Zur Eröffnung erschien sie trotzdem nicht und begründete ihr Fehlen, wie meistens, mit Unwohlsein.[24] Bei der jährlichen Gründonnerstagszeremonie, bei der das Kaiserpaar jeweils an zwölf armen Greisen und Greisinnen die traditionelle Fußwaschung vollzog, fand über vierzig Mal ohne die Kaiserin statt. Elisabeths Fortbleiben ist jedoch nicht als Desinteresse an der notdürftigen Bevölkerung zu sehen, sondern vielmehr als Flucht vor der Öffentlichkeit.[25] So stattete sie ihre Besuche in Waisen- und Armenhäusers, Spitälern und bevorzugt Irrenanstalten meistens unangemeldet und nur von einer Hofdame begleitet, ab um die damit verbundenen, festlichen Empfänge und Ansprachen zu vermeiden.

Mit Elisabeths Rolle als ungarische Königin nach dem Ausgleich 1867 verhielt es sich hingegen sichtlich anders. In dieser Rolle trat sie stets als Fürsprecherin der ungarischen Interessen auf und inszenierte sich auch für die Öffentlichkeit als ungarische Königin, was eine umfangreiche Fotostrecke, die Elisabeth in ungarischer Krönungsrobe und Landestracht zeigt. Ihre Zuneigung für Ungarn ist wohl auch auf die Ablehnung der Wiener Hocharistokratie gegenüber den Ungarn zu begründen – eine Tatsache, die Elisabeths Sympathie für Ungarn zusätzlich bestärkte. Ferner konnte sie sich als Königin von Ungarn konnte dort fern des Wiener Hofes „legitim“ aufhalten und verstärkt ihren persönlichen Neigungen nachkommen. Dennoch sah sie sich nicht als Monarchin die ihrem Volk dient – weder dem österreichischen noch dem ungarischen.[26]

2.2. Mutterrolle, Ehefrau, Frauenrolle

Im Jahr 1855 wurde Elisabeth zum ersten Mal Mutter. Bereits ein Jahr später folgte auf Tochter Sophie erneut ein Mädchen, Gisela. Zu Beginn ihrer Mutterschaft ging die junge Kaiserin vollends in ihrer neuen Rolle auf. Die Kinder sollten in ihrer unmittelbaren Nähe aufwachsen und von ihr persönlich erzogen werden. Elisabeths Vorstellung der Mutterrolle traf hingegen auf Gegenwehr seitens der Schwiegermutter Erzherzogin Sophie, welche die Rolle einer Kaiserin in erster Linie als Repräsentantin der Monarchie an der Seite ihres Mannes sah. Die Kindererziehung sollte speziellen Erziehern überlassen werden.[27] Erst als Tochter Sophie im Alter von zwei Jahren an den Folgen einer Durchfallerkrankung starb -Elisabeth hatte die beiden Töchter entgegen aller Vorschriften mit auf eine strapaziöse Reise genommen- gab sie, von Schuldgefühlen geplagt, den anfänglichen Kampf um ihre Kinder auf.[28]

[...]


[1] Hamann, Brigitte: Elisabeth. Kaiserin wider Willen, Wien/München 1989.

[2] Dies.: Rudolf. Kronprinz und Rebell, Wien 1978.

[3] Dies. (Hrsg.): Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch (Fontes Rerum Austriacarum. Österreichische Geschichtsquellen 1. Abteilung, Bd. 12), Wien 1984.

[4] Conte-Corti, Egon Caesar: Elisabeth. Die seltsame Frau, Graz 1934.

[5] Schad, Martha u. Horst (Hrsg.): Marie Valerie. Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth von Österreich, München 1998.

[6] Heyden-Rynsch, Verena von der (Hrsg.): Elisabeth von Österreich. Tagebuchblätter von Constantin Christomanos, München 1983.

[7] Sztáray, Irma Gräfin: Aus den letzten Jahren der Kaiserin Elisabeth, Wien/Leipzig 1909.

[8] Tagebuch der Gräfin Marie Festetics, Széchényi Nationalbibliothek, Budapest.

[9] Unter anderem: Hamann, Brigitte (Hrsg.): Meine liebe gute Freundin. Die Briefe Kaiser Franz Josephs an Katharina Schratt, Wien 1992; Dies. (Hrsg.): „Majestät, ich warne Sie…“. Kronprinz Rudolf. Geheime und private Schriften, Wien 1979; Nostitz-Rieneck, Georg (Hrsg.): Briefe Kaiser Franz Josephs an Kaiserin Elisabeth, 2 Bände, Wien 1966; Schnürer, Franz (Hrsg.): Briefe Kaiser Franz Josephs I. an seine Mutter 1838-1872, München 1930.

[10] Unter anderem: Praschl-Bichler, Gabriele: „Unsere liebe Sisi.“ Die Wahrheit über Erzherzogin Sophie und Kaiserin Elisabeth. Aus bislang unveröffentlichten Briefen, Wien 2008; Dies./Cacheé, Josef: „Von dem müden Haupte nehm´die Krone ich herab.“ Kaiserin Elisabeth privat, Wien 1995.

[11] Unter anderem: Unterreiner, Katrin: Sisi. Kaiserin Elisabeth von Österreich. Ein biografisches Porträt, Freiburg 2010; Dies.: Sisi. Mythos und Wahrheit, Wien 2005; Dies./Grand, Werner: Kaiserzeit. Vom Alltagsleben der Habsburger, Erfurt 2010.

[12] Cappon, Santo (Hrsg.): „Ich bereue nichts!“ Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, Wien 1998.

[13] Knappitsch, Evelyn: (Nach-)Blicke auf die Kaiserin. Zur Konstruktion von Sisi-Bildern in der Wiener Presse um 1900, Graz 2012.

[14] Mraz, Gerda/Fischer-Westhausen, Ulla: Elisabeth. Wunschbilder oder die Kunst der Retouche, Wien/München 1998.

[15] Hamann, Brigitte: Elisabeth. Bilder einer Kaiserin, Wien/München/Berlin 1986.

[16] Praschl-Bichler, Gabriele: Das Familienalbum von Kaiser Franz Joseph und Elisabeth, Wien 1995.

[17] Unter anderem: Elisabeth von Österreich. Einsamkeit, Macht und Freiheit. 99. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Hermesvilla – Lainzer Tiergarten, 22. März 1986 – 22. März 1987, Wien 1986; Kaiserin Elisabeth. „Keine Thräne wird man weinen…“ 235. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Hermesvilla – Lainzer Tiergarten, 02. April 1998 – 16. Februar 1999, Wien 1998.

[18] Zum Beispiel: Stecher, Christine: Kaiserin Sisi. Einzigartig, vielgeliebt und unvergessen, München 2011; Schäfer, Martin: Sissi. Glanz und Tragik einer Kaiserin, Fränkisch-Crumbach 2000; Caso, Angeles: Sissi. Tagebuch einer Kaiserin, München 1998.

[19] Unter anderem: Lindinger, Michaela: „Mein Herz ist aus Stein.“ Die dunkle Seite der Kaiserin Elisabeth, Wien/München/Berlin 2013.

[20] Die Familie ihres Vaters Herzog Maximilian in Bayern gehörte der Nebenlinie Zweibrücken-Birkenfeld-Gelnhausen des Hauses Wittelsbach an und hatte am königlichen Hof keine Funktion. Die Familie konnte ein ausgelassenes und unreglementiertes Leben führen, was sich auch in der Erziehung Elisabeths und ihrer Geschwister widerspiegelt. Die Ehe zwischen Elisabeth und Franz Joseph war dennoch standesgemäß, da Elisabeths Mutter eine Tochter des bayrischen Königs Maximilian IV. (I.) Joseph war. Siehe hierzu: Hamann, Brigitte: Elisabeth. Kaiserin wider Willen, 10. Auflage, Wien/München 1996, S. 19.

[21] Vgl. Unterreiner: Sisi. Mythos und Wahrheit, S. 39.

[22] Zitiert nach: Hamann: Kaiserin wider Willen, S. 82.

[23] Vgl. Hamann, Brigitte/Hassmann, Elisabeth (Hrsg.): Elisabeth. Stationen ihres Lebens, Wien/München 1998, S. 17-18.

[24] Vgl. Unterreiner: Mythos und Wahrheit, S. 43.

[25] Vgl. Hamann: Kaiserin wider Willen, S. 290.

[26] Vgl. Dies.: Die Habsburger, Wien/Graz/Klagenfurt 2011, S. 120.

[27] Vgl. Hamann: Kaiserin wider Willen, S. 112-113.

[28] Vgl. ebd., S. 120.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Rollenverweigerung von Kaiserin Elisabeth von Österreich
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V214252
ISBN (eBook)
9783656426110
ISBN (Buch)
9783656438502
Dateigröße
9792 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habsburg, k.u.k. Monarchie, Sisi, Monarchie, Machtinszenierung, Österreich-Ungarn
Arbeit zitieren
Mette Bartels (Autor), 2013, Die Rollenverweigerung von Kaiserin Elisabeth von Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214252

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Rollenverweigerung von Kaiserin Elisabeth von Österreich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden