Obwohl Franz Schubert und Ludwig van Beethoven jahrzehntelang Bürger derselben Stadt waren, ja sogar gemeinsame Bekannte hatten, sind sich beide augenscheinlich kaum begegnet. Selbst der oft erwähnte Besuch Schuberts an Beethovens Sterbebett ist umstritten.
Berichten zufolge beobachtete Schubert nach einer Fidelio Aufführung Beethoven aus der Ferne und mischte sich im Hause des Verlegers Steiner unter diejenigen, die den dort regelmäßig einkehrenden Beethoven über italienische Musik herziehend erleben wollten. Passend dazu bemerkt Beethovens Neffe Karl in dessen Konversationsheft, man lobe den Schubert sehr, man sage aber, er verstecke sich.
Trotz seiner Scheu vor Beethoven war Schubert Zeit seines Lebens ein großer Bewunderer der beethovenschen Kunst und umgekehrt wohl der Einzige unter den jüngeren Komponisten, den Beethoven anerkannt hat.
Durch die Aufführungen im Konvikt-Orchester war Franz Schubert schon früh die Möglichkeit gegeben, Werke Haydns, Mozarts und Beethovens kennen zu lernen. Vor allem Beethovens Werke machten dabei einen tiefen Eindruck auf ihn. Sein Freund Joseph von Spaun berichtet, dass Beethovens zweite Sinfonie „sein Entzücken auf das äußerste steigerte“, und nach einer Aufführung der Fünften Sinfonie soll der damals vielleicht achtzehnjährige Schubert zu Spaun gesagt haben:
„Heimlich im Stillen hoffe ich wohl selbst noch etwas aus mir machen zu können, aber wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen?“
Anhand dieses Ausspruchs werden zwei Dinge deutlich, die charakteristisch sind für Schuberts Umgang mit Beethoven: Zum Einen seine Bewunderung für Beethoven, zum Anderen die große Bedrängnis, die er mit diesem Namen verbindet.
Der Maßstab Beethoven lässt Schubert nicht mehr zur Ruhe kommen. War die Zeit vor 1813 noch mit relativ unbekümmertem Komponieren verbunden, so setzt bereits nach 1813 eine Phase ein, in der er sich mit den Problemen des Sonatensatzes und der gründlichen motivisch-thematischen Arbeit auseinandersetzt. Vor allem in den Jahren ab 1816 beginnt dann eine Phase der verstärkten inneren Auseinandersetzung mit Beethoven...
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung:
1.1 Franz Schuberts Umgang mit dem Erbe Ludwig van Beethovens
1.2 Entwicklung der Aufgabenstellung
1.3 Darstellung und Erläuterung der Vorgehensweise
2 Ludwig van Beethoven
2.1 Biographie
2.2 Zur Persönlichkeit und Ästhetik
3 Franz Schubert
3.1 Biographie
3.2 Zu Persönlichkeit und Ästhetik
3.2.1 Der liebenswerte „Liederfürst“?
3.2.2 Franz Schuberts komplizierte Künstlernatur
3.3.3 Persönlichkeit und Ästhetik im Kontext des Idealismus der Zeit
4 Schuberts Traum und Beethovens Heiligenstädter Testament
5 Franz Schuberts Vierte Sinfonie c-Moll (D 417)
5.1 Der Kopfsatz
5.1.1 Die großformale Anlage
5.1.2 Die langsame Einleitung
5.1.3 Hauptthema und Fortführung
Exkurs: Zur Problematik der Themenformulierung in der Vierten Sinfonie Franz Schuberts
5.1.4 Seitensatz und Schlussgruppe
5.1.5 Die Durchführung
5.1.6 Reprise und Coda
5.1.7 Zusammenfassung:
6 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe und zwiespältige Verhältnis Franz Schuberts zu Ludwig van Beethoven, geprägt von tiefer Bewunderung sowie einer traumatischen empfundenen Unterlegenheit. Im Zentrum der Analyse steht Schuberts Vierte Sinfonie (D 417), an der der Autor die ästhetischen Reibungspunkte sowie das Scheitern bei dem Versuch aufzeigt, Beethovens motivisch-thematische Arbeitsweise in sein eigenes, von einer anderen Ästhetik geprägtes Schaffen zu integrieren.
- Biographische und ästhetische Grundlegung von Beethoven und Schubert
- Analyse von Schuberts „Mein Traum“ als psychologischer Schlüssel
- Vergleich von Schuberts Traum-Allegorie mit Beethovens „Heiligenstädter Testament“
- Detaillierte Werkanalyse der Vierten Sinfonie im Spiegel der Beethoven-Rezeption
- Untersuchung von Schuberts „Bizarrerie“-Vorwurf gegenüber Beethoven
Auszug aus dem Buch
Der Anfang der Klaviersonate d-moll op. 31, 2 (Der Sturm)
Der Anfang der Klaviersonate d-moll op. 31, 2 (Der Sturm) [schafft] mit dem Übergang des aus dem A-Dur-Sextakkord wie aus einem Urnebel aufsteigendem Largo zum rhythmisch-melodisch scharf konturierten, atemlosen Allegro auf engstem Raum eine kaum auszuhaltende, aber eben auch kaum in Worte zu fassende Spannung:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Stellt das zwiespältige Verhältnis Schuberts zu Beethoven vor und entwickelt die Forschungsfrage anhand des „Bizarrerie“-Zitats.
2 Ludwig van Beethoven: Bietet einen biographischen Abriss sowie eine Zusammenfassung seiner Ästhetik als „Kämpfer“ und „Gestalter“.
3 Franz Schubert: Beleuchtet Schuberts Leben, sein kompliziertes Künstlertum und die Rolle des Schmerzes sowie des „Weltschmerzes“ in seinem Werk.
4 Schuberts Traum und Beethovens Heiligenstädter Testament: Vergleicht diese beiden Dokumente, um die tiefen psychologischen Wurzeln von Schuberts Auseinandersetzung mit Beethoven freizulegen.
5 Franz Schuberts Vierte Sinfonie c-Moll (D 417): Analysiert das Werk als Paradebeispiel für Schuberts Ringen mit Beethovens Erbe und seine eigene, davon abweichende ästhetische Formsprache.
6 Schluss: Fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Schubert trotz der starken Orientierung an Beethoven in letzter Konsequenz seinem eigenen Weg treu blieb.
Schlüsselwörter
Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Vierte Sinfonie, Musikästhetik, Bizarrerie, Motivisch-thematische Arbeit, Sonatenform, Heiligenstädter Testament, Mein Traum, Wanderer-Motiv, Identitätskrise, Musikpsychologie, Wiener Klassik, Romantik, Traumata.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die intensive, ambivalente Auseinandersetzung Franz Schuberts mit dem Werk und der Persönlichkeit Ludwig van Beethovens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft biographische Aspekte mit musiktheoretischen Analysen, insbesondere den Unterschieden in der ästhetischen Auffassung und der formalen Kompositionsweise.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das „Bizarrerie“-Zitat von Schubert zu deuten und zu erklären, warum seine Versuche, im Sinne Beethovens zu komponieren, bei der Vierten Sinfonie zu einer ästhetischen Zerrissenheit führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich neben musikwissenschaftlichen Analysen stark auf psychologische und psychoanalytische Ansätze, um die „Künstlernatur“ und die Motivation hinter Schuberts Schaffensprozessen zu ergründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Nach einer biographischen und ästhetischen Einleitung beider Komponisten erfolgt eine detaillierte Analyse der Vierten Sinfonie, wobei besonders der Kopfsatz mit Beethovens Fünfter Sinfonie verglichen wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie „Auseinandersetzung“, „Identitätskrise“, „Ästhetik“, „Sinfonie“ und „psychologische Traumabewältigung“ geprägt.
Warum spielt die Vierte Sinfonie eine so zentrale Rolle?
Sie gilt als das Paradebeispiel für Schuberts direkten Versuch, sich mit Beethoven zu messen, und zeigt besonders deutlich die Diskrepanz zwischen Beethovens „zielgerichteter“ Form und Schuberts „episodenhaftem“ Ansatz.
Welche Bedeutung hat das Dokument „Mein Traum“ für die Untersuchung?
Es dient als individualpsychologischer Schlüssel, der Schuberts schwieriges Verhältnis zum Vater und zur Mutter sowie seine Identifikationsversuche mit Vorbildern wie Beethoven in einen Zusammenhang bringt.
- Arbeit zitieren
- Max Heidenreich (Autor:in), 2008, "Bizarrerie". Franz Schuberts Auseinandersetzung mit Ludwig van Beethoven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/214913