Die „fünf Geschlechter“ im südlichen Sulawesi

Identität und Gender


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie: Sexualität, Gender Roles und sexuelle Identität

3. Transsexualität in Indonesien

4. Soziale und sexuelle Geschlechtsidentität im südlichen Sulawesi
4.1 Das „dritte“ Geschlecht bei Macassar und Bugis
4.2 Fallbeispiel: kawe-kawe bei den Macassar

5. Fazit
Verzeichnis der verwendeten Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bissu aus dem Süden von Sulawesi

Abbildung 2: Die „fünf Geschlechter“ der Bugis

1. Vorwort

Im vormals unter dem Namen Celebes bekannten Sulawesi leben mit den Bugis und den Macassar zwei kulturell nahe verwandte Völker, die im Westen vorwiegend für ihre komplexe kriegerische Gesellschaft und vergangene beachtliche Leistungen in Seefahrt (und Piraterie) bekannt geworden sind. Weniger bekannt ist, dass beide Völker zu der geringen Anzahl ethnischer Gruppierungen gehören, bei denen instititutionalisierte Formen von Gender-Transgressionen zu finden sind. Schon kolonialzeitliche christliche Seefahrer berichteten über für sie merkwürdige Formen von Transsexualität, und trotz Konvertierung beider Gruppen zum - nicht unbedingt toleranteren - Islam im 17. Jahrhundert sind sie auch heute noch in ihren traditionellen Rollen zu finden. Nun erfreuen sie sich, im Zuge einer gewissen Zunahme der Popularität der waria, der indonesischen Transsexuellen, verschärfter Aufmerksamkeit von indonesischen Medien und Öffentlichkeit.

Im Gegensatz zu anderen Formen ethnischer Transsexualität sind die Verhältnisse im südlichen Sulawesi aber recht komplex, so komplex, dass eine Ethnologin (Graham 1999) hier nicht nur von dem hinlänglich bekannten „dritten Geschlecht“, sondern gar von fünf Geschlechtern spricht. Die vorliegende Arbeit hat sich das Ziel gesetzt, diese Formen genauer zu untersuchen; Leitfrage ist dabei, wie sich das Verhältnis von sozialer und sexueller Identität bei diesen transsexuellen Formen darstellt und wie man es begrifflich am besten fassen kann. Zu diesem Zweck ist die Arbeit wie folgt aufgeteilt:
Im folgenden Teil (2) soll zuerst ein skizzenhafter Überblick über die Theorie der Gender-Forschung gegeben werden, gefolgt von einem Überblick über die gegenwärtige Situation der indonesischen Transsexuellen allgemein (3). Anschließend wird die Transsexualität im südlichen Sulawesi genauer untersucht (4). Dazu wird erst ein Überblick über die verschiedenen Formen bei den Bugis und Macassar gegeben, um dann beispielartig die kawe-kawe der Macassar näher zu beleuchten; ein Fazit zur Beantwortung der Forschungsfrage schliesst sich an (5.)

2. Theorie: Sexualität, Gender Roles und sexuelle Identität

Die Welt sexueller Orientierungen und Rollen ist in den letzten Jahrzehnten recht komplex geworden. Zusammen mit einer Ausdifferenzierung von Lebensstilen und sexuellen Präferenzen entwickelt sich auch in den Sozialwissenschaften eine Terminologie zur Klassifikation, die kaum noch zu durchschauen ist. Neben „normaler“ Hetero- und Homosexualität mit zwei Geschlechtern samt tradierten Rollen werden in eigener und fremder Gesellschaft andere Formen von Sexualität und/oder Rollenverhalten unterschieden, die entweder unter dem veralteten Stichwort Transvestitismus, der medizinisch-pathologischen Kategorie „Transsexualität“ (Medizin) oder dem auf Rollenverhalten abhebenden Begriff „Transgender“ (Sozialwissenschaften) kategorisiert werden. Dabei wird im Fach- wie auch im öffentlichen Diskurs[1] meist noch weiter differenziert, etwa zwischen Cross-Gender (Wechsel des sexuellen Rollenverhaltens), Bigender (Integration beider Rollenmerkmale) oder „Third Gender“ bzw. Intersexualität (Hermaphroditen).

Biologisch betrachtet, sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau dabei, nach aktuellem Forschungsstand, geringer als gedacht (und meist dann auch so sozial tradiert). Bis zur sechsten Woche der Embryonalentwicklung sind die Geschlechtsteile Ungeborener noch nicht differenzierbar, und der männliche Körper gilt allgemein eher als Sonderfall weiblicher Biologie als als eine, eine solch fundamentale soziale Unterscheidung rechtfertigende, biologische Tatsache (Eschenberg 1998: 23). Somit ist der viel beschworene „kleine Unterschied“ tatsächlich kleiner als gemeinhin angenommen (Eschenberg 1998:23). Auch diese Erkenntnis, neben der (seltenen) natürlichen Transsexualität und den medizinischen Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung, spricht für die Annahme einer gewissen Kontinuität zwischen den Geschlechtern, die sich nicht nur auf die Gender Roles, sondern auch die humanbiologischen Aspekte erstreckt (Eschenberg 1998:23-24).

Gender Roles. Schon Margaret Mead (1935) differenzierte zwischen biologischem Geschlecht und den sozialen Rollen. Diese haben den Charakter von gesellschaftlichen Idealen, denen Männer und Frauen entsprechen sollen. Nicht alle Männer besitzen die mit der jeweiligen „Idealmännlichkeit“ verbundenen Qualitäten, und manche geben daher ihren Kampf, diesen zu entsprechen, auf - und nehmen eine frauenartige Rolle ein (Chadot 1996 [1950]: 193). Im Rahmen der Gender-Forschung wurden diese Überlegungen weiter geführt; auch gerade vor dem Hintergrund komplexerer Gender-Taxinomien bei anderen Kulturen (siehe unten) wurde das dichotomische westliche Mann/Frau-Konzept etwas genauer untersucht. Je nach Fach wird dabei differenziert, etwa zwischen biologischem Geschlecht, erotischer Präferenz, sexueller Identität und „gender roles“, den sozialen Institutionen. Bekannt ist die Unterscheidung zwischen Geschlechts- oder sexueller Identität als unbewusstem oder bewussten Wissen um die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht sowie der Geschlechtsrolle - als äußerlichem Verhalten in einer Gesellschaft - die zuerst von Robert Stoller (1968) gemacht wurde. Die sexuelle Identität als letztlich für das Individuum im Alltag wohl wichtigster Aspekt wird laut gegenwärtigem Forschungsstand dabei von verschiedenen Faktoren wie genetischen Bedingungen, hormonellen Einflüssen vor der Geburt und während der Pubertät sowie sozialen Einflüsse geformt (Money 1994: 165). Aus Perspektive des Einzelnen wird man dabei zuerst mit den Geschlechtern der Eltern konfrontiert und später allgemeiner mit den entsprechenden Rollen, gefolgt vom eigenen Geschlecht (Düring 1994: 192).

Transsexualität und Transgender. (Nicht nur) in der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft sind sexuelle Identität und Geschlechtsrolle kaum noch vollständig binären Frau-Mann-Mustern zuzuweisen. In der gegenwärtigen Gesellschaft trennen sich beide vom dualistischen biologischen Geschlechtsschema, wobei die Fülle an Kombinationsmöglichkeiten erschlagend ist. Frauen übernehmen männliche Verhaltensweisen und Lebensorientierung, die sexuelle Identität wechselt in verschiedenen Lebensphasen und Homosexualität in verschiedenen Varianten ist gesellschaftlich akzeptiert. Dabei folgen Männer und Frauen zwei unterschiedlichen Strategien: Während sich vor allem lesbische Frauen zwecks Vermeidung der „patriarchalen Entwertung des eigenen Geschlechts“ (Düring 1992: 194) kulturell typisch männliche Verhaltensweisen bzw. gender roles aneignen, ist ein feminines Rollenverhalten in Kombination mit heterosexueller Orientierung bei Männern kaum zu beobachten. Nur homosexuelle Männer zeigen vereinzelt feminine Manierismen oder behaupten sich in weiblichen Berufen. Meistens trennen sie aber Rolle und sexuelle Orientierung strikt und treten primär gemäß den Anforderungen des westlichen Männerbildes auf. Wie Studien ergaben, spielen sie dann, bei ausgeprägtem Bewusstsein über die eigene männliche Identität, entweder in homosexuellen Partnerschaften mit femininen Attributen oder lehnen diese in jeder Form ganz ab (Düring 1992: 198).

Third Gender. In einer Vielzahl außereuropäischer Gesellschaften existieren institutionalisierte Transgender-Formen. Bekannte Beispiele hierfür sind die Two-Spirit nordamerikanischer Indianer wie der Ojibwa, die in Erscheinung und Verhalten weiblichen Fakaleiti-Männer in Polynesien oder die kulturell institutionalisierten Transvestiten Pakistans, die Khusra. Prototypische außereuropäische Transgender-Form (Schröder 2002) sind die Hijras Indiens, institutionalisierte (und z.T. auch gesellschaftlich angesehene) Transvestiten, die meist (ursprünglich) männlich sind, sich aber häufig einer Kastration unterziehen und einen weitgehend femininen Habitus pflegen. Sie werden gemeinhin als „Third Gender“ gesehen, wobei sie Schröder differenziert als „Third Sex“ (aufgrund der Kastration), aber im Rollenverhalten bzw. Gender als weiblich einordnet (Schröder 2002: 152).

3. Transsexualität in Indonesien

Allgemein sind auch die indonesischen „nationalen Transvestiten“ (Kortschak 2007) recht bekannt; gemeinhin werden sie unter dem Begriff waria zusammengefasst. Der Begriff ist ein Kompositum aus wanita (Frau) und pria (Mann), Mann und Frau; waria sind also die „Fraumänner“. Vergleichbar der typischen westlichen Auffassung von Transvestiten werden die waria meist als in Kleidung und Habitus Frauen imitierende Männer verstanden, die aber ihre männliche Identität beibehalten. Boellstorff definiert sie beispielsweise, mit Bezug auf eben dieses populäre indonesische Verständnis, nicht als Spielart eines dritten Geschlechtes, sondern als „male feminity“ (2007: 82): „There are two toilets, not three, and since at least 1992 the sign on one of these toilets read pria/waria... Why are warias grouped with men rather women, or not given a third toilet, since it would not be too expensive to build ?

Im heutigen Indonesien subsummieren sich unter dem Begriff allerdings unterschiedliche Individuen und Gruppen, und eine exakte Definiton ist problematisch (Kortchak 2007). Prototypische waria sind, dank öffentlicher Präsenz, natürlich mit übertriebenen femininen Attributen ausgestattete Sexarbeiter und „Drag Queens“, aber die Kategorie umfasst auch Personen, die sich entweder, trotz eines bleibenden Selbstbildes als Mann, mit bestimmten femininen Attributen wie Makeup schmücken oder einen derart weiblichen Habitus an den Tag legen, dass sie in täglichen Interaktionen als „normale“ Frauen betrachtet werden. Auch wenn für viele waria eine zumindest gelegentliche (berufliche) Berührung mit dem Rotlichtmilieu obligatorisch ist, sind auch viele der indonesischen Transsexuellen eher oberen sozialen Strata zuzuordnen. Einige sind hochgradig gebildet und arbeiten in Jobs der oberen Mittelklasse wie in Kosmetik- und Pharmazieunternehmen, der Modebranche oder in NGOs (Kortschak 2007).

[...]


[1] Siehe beispielsweise wikipedia im Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Portal:Transgender,_Transsexualit%C3%A4t_und_Geschlechtervielfalt

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Details

Titel
Die „fünf Geschlechter“ im südlichen Sulawesi
Untertitel
Identität und Gender
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika-Institut Berlin)
Veranstaltung
Identität und Geschlecht
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V215007
ISBN (eBook)
9783656428336
ISBN (Buch)
9783656435006
Dateigröße
945 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechter, sulawesi, identität, gender
Arbeit zitieren
M.A. Christopher Knapp (Autor:in), 2002, Die „fünf Geschlechter“ im südlichen Sulawesi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215007

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