Als Hegel seine Vorlesungen über die Philosophie der Religion hielt, stellte er die dringliche Forderung auf, dass sich die Religionsphilosophie bei der Untersuchung der verschiedenen Religionen der Welt nur mit Gott zu beschäftigen habe. Damit reduzierte er das „Religionsphänomen“ auf einen einzigen Kern, der für die westlichen Konfessionen Ursprung und Quelle des Glaubens ist: theos – der Schöpfergott. Was passiert aber mit unserem Selbstverständnis, wenn dieser heilige „Grund der Welt“ entweiht wird; wenn die (Religions-)Philosophie ihren Gegenstand verliert und an dessen Stelle die ‚Leerheit‘ tritt? Eine Welt, die keine metaphysischen Fragen hat, scheint für uns nicht denkbar zu sein. Und doch gibt es eine „Haltung“, die ganz vom Transzendenten Abstand nimmt und genau im Hier und Jetzt fußt: die Rede ist vom fernöstlichen Buddhismus.
Was macht eine Religion wie den Buddhismus überhaupt zu einer Religion, wenn es eben nicht ‚Gott‘ ist? Haben wir mit der Gottesfrage vielleicht etwas Wesentliches verfehlt, nach dem wir eigentlich fragen wollten?
Die in dieser Studienarbeit vorgelegte Auseinandersetzung mit dem Buddhismus lässt die Sinnhaftigkeit philosophischer Gottesbeweise möglicherweise in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Inhaltsverzeichnis
1 Kollision der abendländischen Religionsphilosophie mit dem Buddhismus
1.1 „Gott und nichts als Gott.“ – Eine Einleitung
1.2 Ziele, Methoden und Stolpersteine
2 Der Buddhismus – Religion ohne Gottesprädikat?
2.1 Eine Begriffsbestimmung zur Religion
2.2 Buddhismus als kulturelle Praxis (Außenperspektive)
2.2.1 Siddhartha Gautama – verehrt und vergöttert
2.2.2 „Ohne Gott ist nicht alles erlaubt.“ – Die buddhistische Ethik
2.3 Der buddhistische Weg (Innenperspektive)
2.3.1 Die „vier edlen Wahrheiten“ und der „edle achtteilige Pfad“
2.3.2 Das Nirvana als nicht-ontologisches Heilsziel
3 Kollisionsspuren: Was uns der Buddhismus lehrt
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Fragestellung, ob ein personaler Gottesbegriff ein notwendiges Kriterium für die Definition einer Religion darstellt. Durch die kritische Gegenüberstellung abendländischer religionsphilosophischer Traditionen mit der nicht-theistischen Praxis des Buddhismus wird hinterfragt, inwieweit das Fehlen eines Schöpfergottes das Wesen religiöser Sinngebungssysteme berührt.
- Kritik an der theistischen Zentralperspektive der westlichen Religionsphilosophie
- Religionswissenschaftliche Analyse des Buddhismus als kulturelle Praxis
- Vergleich der buddhistischen Ethik mit abrahamitischen Moralvorstellungen
- Untersuchung des Nirvana als nicht-ontologisches Heilsziel
Auszug aus dem Buch
„Ohne Gott ist nicht alles erlaubt.“ – Die buddhistische Ethik
Dostojewskis vorschneller Schluss, dass man im Falle der Nichtexistenz eines (transzendenten) Gottes einen moralischen Freischein hätte, lässt sich mit dem Blick auf den Buddhismus nicht bestätigen. Der Buddhismus hat sehr wohl ein ausgeklügeltes System moralischer Gebote und Verbote entwickelt, wobei er in dieser Hinsicht den anderen Religionen in nichts nachsteht. Dabei speist sich die buddhistische Ethik aus zwei Quellen, einer expliziten und einer impliziten. Die explizit ausformulierten Verhaltensregeln finden sich u.a. in den fünf Sila-Geboten (Pancasila), an die sich jeder Buddhist zu halten hat.
In den Überlieferungen Buddhas werden darüber hinaus immer wieder Feindesliebe, Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit und Güte betont. Ein erlittener Angriff wird als Ergebnis der eigenen Fehlerhaftigkeit und Unmoral gewertet. Die größte Priorität in der buddhistischen Ethik hat das Ahima-Gebot, welches besagt, dass ein Lebewesen unter keinen Umständen verletzt werden darf. Bemerkenswerterweise sind Buddhisten aber nicht per se an eine vegetarische Kost gebunden. Fleischgenuss ist erlaubt, wenn man das Tier nicht selbst getötet hat. Dies erklärt auch die Tatsache, dass die Berufsgruppe der Metzger in vielen buddhistischen Ländern einer anderen Religion angehört.
Insgesamt ist der Buddhismus also als besonders friedliche und tolerante Glaubenspraxis unter den großen fünf Weltreligionen einzustufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kollision der abendländischen Religionsphilosophie mit dem Buddhismus: Dieses Kapitel hinterfragt die theistische Fixierung der westlichen Religionsphilosophie und führt in die methodischen Ansätze zur Untersuchung des Buddhismus ein.
2 Der Buddhismus – Religion ohne Gottesprädikat?: Hier wird der Buddhismus als nicht-theistische kulturelle Praxis analysiert, wobei besonders die Rolle Buddhas sowie das spezifisch buddhistische Verständnis von Ethik und Erlösung beleuchtet werden.
3 Kollisionsspuren: Was uns der Buddhismus lehrt: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und argumentiert, dass der Gottesbegriff für die persönliche Spiritualität und das Ziel des Buddhismus entbehrlich ist.
Schlüsselwörter
Religion, Buddhismus, Gottesfrage, Theismus, Religionsphilosophie, Ethik, Siddhartha Gautama, Nirvana, Leerheit, Sunyata, Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft, Transzendenz, Immanenz, Dharma
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der abendländischen Religionsphilosophie, die stark auf den Gottesbegriff fixiert ist, und dem Buddhismus als einer bedeutenden nicht-theistischen Weltreligion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Religion, die Analyse des Buddhismus als kulturelle Praxis, der Vergleich ethischer Systeme und die Erörterung von Heilszielen ohne transzendenten Gott.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, ob ‚Gott‘ ein konstitutives Element für eine Religion ist und ob der Buddhismus dieses westliche Religionsverständnis in Frage stellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein kulturwissenschaftlicher Ansatz verfolgt, der verschiedene Disziplinen wie Philosophie, Soziologie und Theologie kombiniert, um den Buddhismus sowohl aus einer Außen- als auch aus einer Innenperspektive zu betrachten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Figur Siddhartha Gautamas, die buddhistische Ethik (Sila-Gebote) sowie das Nirvana als Heilsziel und den Begriff der „Leerheit“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Religion, Buddhismus, Gottesfrage, Ethik, Nirvana, Leerheit, Transzendenz und Immanenz.
Inwieweit lässt sich das Nirvana als „Zustand“ beschreiben?
Das Nirvana ist rational nicht direkt fassbar; der Autor beschreibt es eher als eine Metapher für das „Verlöschen“ von Gier und Streben, womit das Leiden beendet wird.
Warum wird der Buddhismus als eine „Religion der Immanenz“ bezeichnet?
Anders als theistische Religionen, die auf eine transzendente Instanz hinter der Welt verweisen, fußt der Buddhismus im „Hier und Jetzt“ und verzichtet auf einen separaten, transzendenten Gott.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Wendt (Autor:in), 2013, Religion und Buddhismus: Braucht die Welt also einen Gott? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215449