Rolle der Syntax bei der Laut-Bedeutung-Zuordnung


Seminararbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Theoretischer Rahmen
1.1. Das Verhältnis zwischen Lexikon und Universalgrammatik
1.2. Welche Informationen enthalten die lexikalischen Einheiten?
1.3. Formaler Aufbau lexikalischer Einheiten
1.4. Lexikalische Einheiten als Regeln

2. Praktischer Teil
2.1. Aufbau der Lexikoneinträge zu den russischen Verben otkryvat‘/otkryt‘ und otkryvat‘sja/otkryt‘sja im “Slovar’ sovremennogo russkogo literaturnogo jazyka”
2.1.1. Zwei einführende Anmerkungen
2.1.2. Grundschema für den Artikelaufbau
2.2. Bedeutungsanalyse
2.2.1. otkryvat‘/otkryt‘
2.2.2. otkryvat‘sja/otkryt‘sja

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Thema meiner Hausarbeit ist die Rolle der Syntax bei der Laut – Bedeutung – Zuordnung

Mein Beitrag besteht aus zwei Teilen.

Im ersten, theoretischen Teil werde ich anhand des Aufsatzes von Manfred Bierwisch “Lexikon und Universalgrammatik”[1] den modernen Forschungsstand zum Thema Lexikon abreißen, indem ich Fragen nachgehe wie in welcher Beziehung das Lexikon und die Universalgrammatik zueinander stehen, welche Informationen die Lexikoneinheiten beinhalten und wie sie aufgebaut sind, sowie welche Prinzipien es im Lexikon gibt.

Im zweiten Teil meiner Arbeit analysiere ich den Aufbau zweier traditioneller Lexikoneinträge, nämlich die für die russischen Verben otkryvat‘/otkryt‘ und otkryvat‘sja/otkryt‘sja im “Slovar’ sovremennogo russkogo literaturnogo jazyka”[2] und vergleiche anschließend die darin aufgeführten Bedeutungen mit den im Seminar herausgearbeiteten.

1. Theoretischer Rahmen

1.1. Das Verhältnis zwischen Lexikon und Universalgrammatik

Die Begriffe Lexikon und Universalgrammatik beziehen sich auf zwei verschiedene Aspekte der natürlichen Sprache, die nur im Zusammenhang Spracherwerb und Sprachverhalten erlauben. Unter Universalgrammatik (UG) versteht man das sprachübergreifende, generelle Sprachsystem, das allgemeine Organisationsschema, das das Grundgerüst natürlicher Sprachen ausmacht. Das Wissen vom generellen Aufbau und der Funktion der Sprache ist dem Menschen angeboren, was mit dem problemlos verlaufenden Erstspracherwerb zu beweisen ist. Im Unterschied dazu steht der Begriff Lexikon für die „Gesamtheit der Einzelkenntnisse, der Besonderheiten und Idiosynkrasien”[3] jeder einzelnen natürlichen Sprache. Lexikalisches Wissen ist somit als einzelsprachliches Wissen aufzufassen.

Diese zwei Aspekte natürlicher Sprachen hängen essentiell zusammen, auch wenn sie gewissermaßen komplementär zueinander stehen. In seinem Aufsatz zeigt Bierwisch, dass nicht jede beliebige Kombination von idiosynkratischen Elementen und Merkmalen eine Lexikoneinheit sein kann, sondern nur solche, die die von der UG vorgeschriebenen Regeln erfüllen. Anders ausgedrückt, die Arbitraritäten und Zufälligkeiten, die das Wesen des Lexikons ausmachen, müssen immer im von der UG vorgegebenen Rahmen liegen. Andererseits können aber die UG-Prinzipien nur dann wirksam werden, wenn sie mit lexikalischem Material ausgefüllt werden, auf Grundlage dessen sie operieren können.

Bierwisch fasst den Zusammenhang zwischen diesen zwei Aspekten der natürlichen Sprache in Kantscher Weise folgendermaßen zusammen: „UG ohne Lexikon ist leer, das Lexikon ohne UG ist blind (oder bloßes Chaos)“.[4]

Zwischen Lexikon und UG besteht weiterhin auch ein formaler Zusammenhang: Die Prinzipien der UG bestimmen den Aufbau lexikalischen Einheiten, sowie auch die Regeln, Bedingungen und Restriktionen für deren Verknüpfung zu komplexen Strukturen.

Lexikoneinheiten und komplexe sprachliche Ausdrücke sind vom Format her gleich strukturiert. Dabei folgt der von der UG determinierte Aufbau lexikalischer Einheiten direkt aus der Struktur komplexer Ausdrücke, und umgekehrt wird die Struktur dieser komplexen Ausdrücke, die nach den Prinzipien der UG aus den lexikalischen Einheiten gebildet werden, von der Information bestimmt, die in den lexikalischen Einheiten enthalten ist.[5]

1.2. Welche Informationen enthalten die lexikalischen Einheiten?

Im Lexikon stehen primär Informationen über die spezifischen Eigenschaften der einzelnen Einheiten in Bezug auf Lautform, Bedeutung und grammatische Klassifizierung. Dabei bedarf der Normalwert einer Eigenschaft (der Regelfall nach der Markiertheitstheorie) keiner Kennzeichnung und bleibt unmarkiert. Eine lexikalische Einheit enthält also nur Informationen über Abweichungen vom Regelfall.

Bierwisch verdeutlicht dies unter anderem am Beispiel der Einheit an, deren spezifischen Eigenschaften darin bestehen, dass sie „eine Präposition ist, den Akkusativ oder Dativ regiert, mit einem offenen, hinteren Vokal bekinnt und eine Kontaktbeziehung bezeichnet“.[6] Nach der Markiertheitstheorie ist aber der Vokal a gegenüber allen anderen Vokalen der unmarkierte Fall, weshalb an für den ersten Laut ihrer phonetischen Struktur nur mit dem Merkmal [vokalisch] gekennzeichnet werden muss, wohingegen in mit den Merkmalen [vokalisch, hoch].

Die lexikalischen Einheiten enthalten also die spezifischen, idiosynkratischen Eigenschaften einer Sprache, die sich nicht aus allgemeinen Regeln ableiten lassen, also nicht vorhersagbar sind.[7]

1.3. Formaler Aufbau lexikalischer Einheiten

Die lexikalischen Einheiten bestehen aus drei Teilkomplexen:[8]

(a) Phonetische Form PF(E) der Einheit E;
(b) Semantische Form SF(E) der Einheit E;
(c) Grammatische Form GF(E) der Einheit E.

Jeder Teilkomplex besteht aus Grundelementen - phonetischen, semantischen, grammatischen Merkmalen oder Einheiten - die nach den Prinzipien der UG miteinander verknüpft werden:

- PF(E) ist eine Kette linear verknüpfter phonetischer Merkmale;
- SF(E) ist eine aus Konstanten und Variablen bestehende Struktur, die die begriffliche Interpretation sprachlicher Ausdrücke bestimmt;
- GF(E) besteht aus syntaktischen und morphologischen Merkmalen und determiniert die grammatische Struktur komplexer Ausdrücke.

Beispiel: Die Datenstruktur der Präposition bei[9]:

/bay/ [-V, -N, -Dir] λx λy [y LOC [PROX x] ][10]

PF GF SF

Erklärung:

Die PF(E) stellt die redundanzfreie Kette phonetischer Merkmalen dar.

Die GF(E) hat zwei Teilkomplexe:

1. [-V, -N, -Dir] klassifiziert bei als nichtdirektionale Präposition;
2. λx und λy definieren die syntaktischen Aktanten (mit Komplementenstatus) der Präposition.

Die SF(E) ist folgendermaßen zu lesen: Die Variable y ist in der unmittelbaren Umgebung der Variable x lokalisiert.

Nach dem generativistischen Modell der Grammatik bilden die Phonetische und die Semantische Form lexikalischer Einheiten „Schnittstellen“ des Sprachsystems mit zwei potentiell unendlichen Systemen mentaler Repräsentationen: Die PF(E) korrespondiert mit dem artikulatorisch-perzeptiven und SF(E) mit dem begrifflich-intentionalen System. Die Zuordnung zwischen den Elementen der beiden Systeme erfolgt auf der Ebene der GF(E), indem die kombinatorischen Eigenschaften von E determiniert werden – die morphologische Klassifizierung von E und ihre Argumentenstruktur. Diese zwei „Schnittstellen“ und ihre Korrespondenz werden als Mindestbedingungen für die begriffliche Erfassung der Sprachfähigkeit angesehen (Minimalistisches Programm der linguistischen Theorie). Bierwisch fasst diese Mindestbedingungen folgendermaßen zusammen:

(a) Systematischer Zugriff auf die Repräsentationen in A-P[11] , repräsentiert auf der Ebene der Phonetischen Form PF;
(b) Systematischer Zugriff auf die Repräsentationen in C-I[12] , repräsentiert auf der Ebene der Semantischen Form SF;
(c) Kombinatorische Abbildung der Strukturen von PF und SF, gesteuert durch die Grammatische Form GF.[13]

1.4. Lexikalische Einheiten als Regeln

Es wurde bereits erläutert, dass die lexikalischen Einheiten systematisch organisierte, jedoch aber idiosynkratische Informationen liefern, die sich nicht aus den allgemeingültigen Prinzipien der UG ableiten lassen. Trotzdem funktionieren sie selbst als eine Art lokaler Regeln, die die Zuordnung zwischen Lautform und Bedeutung sprachlicher Ausdrücke definieren. In Anlehnung an Jackendoff skizziert Bierwisch das allgemeine Schema davon, wie der Regelcharakter lexikalischer Einheiten funktioniert (Allerdings nur bezogen auf die Verbindung von Köpfen mit Komplementen, nicht aber mit Adjunkten). Ausgangspunkt dazu sind die in der GF enthaltenen Informationen über die kombinatorischen Eigenschaften des Ausdrucks, die mit Hilfe der generellen Prinzipien der UG als direkte Operationsanweisungen für die Verknüpfung eines Kopfes A mit einem Komplementen B interpretiert werden. Dabei sind die folgenden Teiloperationen zu durchlaufen[14] :

(1) Es wird anhand von den kategorialen und semantischen Eigenschaften des Ausdrucks B untersucht, ob er die Bedingungen erfüllt, um ein Komplement des Ausdrucks A zu sein. Es wird geprüft, ob:

a) seine Kategorisierungsmerkmale K(B) die Merkmalsbedingungen der Argumentstelle λx aus der Argumentenstruktur AS(A) von A erfüllen

und

b) seine Semantische Form SF(B) dem Typ der Argumentstelle λx von A entspricht

(2) Wenn B ein passendes Komplement für A ist, dann kann ein komplexes Ausdruck A’ mit folgenden Eigenschaften gebildet werden:

a) A’ enthält alle Informationen von A und B;
b) A’ übernimmt die Kategorisierungsmerkmale des Kopfes A;
c) Die Argumentstelle λx in AS(A) wird durch SF(B) gesättigt und getilgt, indem die Variable x in SF(A) substituiert bzw. gebunden wird;
d) Die Argumentstruktur AS(A’) des komplexen Ausdrucks besteht aus der verbleibenden Argumentstruktur AS(A) des Kopfes A.

Beispiel: Verbindung von den Lexikoneinheiten bei und ihm

Datenstruktur des Kopfes A - der Präposition bei[15]:

/bay/ [-V, -N, -Dir] λx λy [y LOC [PROX x] ]

PF GF SF

Datenstruktur des Komplements B - des Pronomens ihm [16] :

/i:m/ [-V, +N, -Plur., +Dat] [X][17]

PF GF SF

Die Argumentstelle λx in der Argumentenstruktur von A muss von einem nominalen Ausdruck im Dativ besetzt werden. Die kategorialen Merkmale von B erfüllen diese Bedingung. Auch die Semantische Form von B entspricht den Anforderungen für x in der Semantischen Form von A. D.h. der Ausdruck B erfüllt die beiden Bedingungen, um ein Komplement des Kopfes A zu sein und es kann ein komplexer Ausdruck A' gebildet werden.

Datenstruktur des komplexen Ausdrucks A' - bei ihm [18] :

/bay i:m/ [-V, -N, -Dir] λy [y LOC [PROX [X]]]

PF GF SF

A’ hat die Kategorisierungsmerkmale des Kopfes A - [-V, -N, -Dir].

Die Argumentstelle λx ist durch das Komplement B gesättigt und deshalb getilgt worden. Die Argumentstruktur AS(A') besteht aus der Argumentstruktur AS(A) des Kopfes ohne die substituierte Argumentstelle λx.

Bierwisch unterstreicht ausdrücklich, dass es sich hier um ein sehr vereinfachtes und weitgehend präzisierungsbedürftiges Schema handelt, das aber immerhin im Allgemeinen die Realisierung des Regelcharakters der Lexikoneinheiten illustriert.

Im letzten Abschnitt seines Artikels beschäftigt sich Bierwisch mit der Frage, wie weit und auf welche Art und Weise einzelsprachliche Besonderheiten und Regeln in das Lexikon einer Sprache einzubetten sind. Da es sich hier um recht spezifische Probleme handelt, etwa Parameterfixierung, funktionale Köpfe, Morphologie etc., die für den praktischen Teil meiner Arbeit kaum relevant sind, werde ich darauf nicht eingehen.

[...]


[1] Bierwisch 1996, 129-165

[2] Černišev (glav. red.), 1950-1965, 1417-1427

[3] Bierwisch 1996, 130

[4] ders., 130

[5] Vgl. dazu ders., 135-136.

[6] ders., 133, Rechtschreibfehler „bekinnt“ wegen wörtlichen Zitats

[7] Vgl. dazu ders., 134: (10) Die lexikalischen Einheiten enthalten alle und nur die idiosynkratischen Spezifikationen einer Sprache.

[8] Diesen Abschnitt entnehme ich mit einigen Veränderungen Bierwisch 1996, 135-137.

[9] ders. ,135

[10] Anmerkungen zu den Symbolen: [±V] = verbal, [±N] = nominal – kategoriale Merkmale λx, λy – Lambda-Operatoren, zeigen Argumentstellen an x, y - Variablen LOC = lokalisiert, PROX = Proximität, Nähe

[11] artikulatorisch-perzeptives System

[12] begrifflich-intentionales System

[13] ausführlichere Erklärungen dazu bei Bierwisch 1996, 136-137

[14] Die Teiloperationen entnehme ich mit einigen Veränderungen Bierwisch 1996,143

[15] ders., 135

[16] ders., 135

[17] X = deiktische oder anaphorische Referenz

[18] ders., 135

Allerdings würde ich die Argumentstelle λy in der GF und nicht in der SF darstellen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Rolle der Syntax bei der Laut-Bedeutung-Zuordnung
Hochschule
Universität Leipzig  (Slavistik)
Veranstaltung
Lexikalische Eigenschaften russischer Verben
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V21547
ISBN (eBook)
9783638251341
ISBN (Buch)
9783656096832
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Syntax, Laut-Bedeutung-Zuordnung, Russisch, Lexikon, Universalgrammatik, Verb
Arbeit zitieren
M.A. Adriana Slavcheva (Autor:in), 2003, Rolle der Syntax bei der Laut-Bedeutung-Zuordnung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21547

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