Untreue als Motiv in Giovanni Boccaccios "Dekameron"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

27 Seiten, Note: 11 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung ins Thema

1. Giovanni Boccaccio und das Dekameron
1.1 Giovanni Boccaccio und seine Werke
1.2 Das Dekameron

2. Ehe und Ehebruch im Mittelalter
2.1 Ehe und Ehebruch
2.2 Ehe und Ehebruch in der Literatur des Mittelalters

3. Ehe und Ehebruch im Dekameron
3.1 Listige Frauen und ihre Liebhaber
3.2 Ehebruch durch Heirat wider Willen
3.3 Ehebruch und Gewalt
3.4 Ehebruch und Klerus

4. Vergleich der Ehe und des Ehebruchs in Literatur und Realität

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Einführung ins Thema

Mit der erklärten Absicht, die Frauen zu amüsieren, schrieb Giovanni Boccaccio um 1350 das Dekameron, eine Sammlung von hundert in einer Rahmenerzählung eingebetteten Novellen. Die Erzählung handelt von zehn Leuten, die aufs Land gehen, um vor der in Florenz wütenden Pest geschützt zu sein. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie sich abwechselnd Geschichten. Weil sie fürchten, von anderen Leuten gestört zu werden, kehren sie schließlich nach vierzehn Tagen in die Stadt zurück.

Im ersten Kapitel dieser Arbeit werden das Leben und die früheren Werke des Giovanni Boccaccio näher beschrieben. Weiterhin wird auf das Dekameron eingegangen. Zuerst darauf, wie es entstanden und wodurch es so berühmt geworden ist. Dann soll erläutert werden, welche Stoffe darin bearbeitet werden. Außerdem wird der Inhalt beschrieben, um die Rahmenhandlung zu verdeutlichen.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit Ehe und Ehebruch im Mittelalter. Es wird dargestellt, wie eine Ehe im Mittelalter zustande kam und welches Mitspracherecht der Vater bei einer Eheschließung hatte. Weiterhin soll aufgezeigt werden, was ein Ehebruch für beide Partner bedeutete, wie er bestraft wurde und ob Ehebruch bei Männern anders gewertet wurde als bei Frauen.

Der zweite Teil dieses Kapitels beschäftigt sich mit der Darstellung von Ehe und Ehebruch in der Literatur des Mittelalters. Hierbei wird zwischen einzelnen Gattungen unterschieden.

In Kapitel 3 geht es um Ehebruch im Dekameron. Die ausgewählten Novellen beschäftigen sich ausschließlich mit Eheskandalen. An ihnen soll erläutert werden, wie Boccaccio die Ehen und den Ehebruch im Mittelalter darstellt. Unterteilt ist dieses Kapitel in die Geschichten, die von listigen Ehefrauen und ihren Geliebten handeln, in Erzählungen von Ehebruch durch Heirat wider Willen, von Ehebruch in Verbindung mit Gewalt und zuletzt in Ehebruch und Klerus.

Kapitel 4 beschäftigt sich mit dem Vergleich zwischen Literatur und Realität. Die Frage ist hier, ob Boccaccio mit seinen Geschichten die Realität widerspiegelte oder ob er die Inhalte der Erzählungen frei erfunden hat.

1. Giovanni Boccaccio und das Dekameron

1.1 Giovanni Boccaccio und seine Werke

Giovanni Boccaccio wurde im Juni oder Juli 1313 in Certaldo oder Florenz geboren.[1] Er war italienischer Dichter und Humanist[2] und wird als Zeitgenosse der Dichter Dante (1265 - 1321) und Petrarca (1304 - 1374) als einer der drei Dichterfürsten der italienischen Renaissanceliteratur des 13. Jahrhunderts genannt.[3] Boccaccio wuchs in Florenz auf. Sein Vater war ein florentinischer Kaufmann und Bankier namens Boccaccio di Chellino, während man über seine Mutter nichts weiß. Boccaccio ging 1330 nach Neapel, nachdem er seine kaufmännische Lehre in Florenz begonnen hatte, wo er sich auch dem Studium der alten Sprachen widmete. 1332 beendete er seinen Beruf als Kaufmann und studierte Recht. Boccaccios Vater war Teilhaber des Bankhauses Bardi, wodurch Boccaccio sehr vertraut war mit dem Königshof in Neapel. Durch diese Verbindung konnte er einige Jahre am königlichen Hof in Neapel verbringen, wo er auch erstmals als Dichter tätig war. 1339 kehrte er allerdings für zwei Jahre nach Florenz zurück, wo er als Richter und Notar arbeitete. 1365 ging er aufgrund diplomatischer Missionen zu Papst Urban V. zunächst nach Avignon und später, 1367 nach Rom.[4]

Giovanni Boccaccio veranlasste die erste vollständige Übersetzung Homers ins Lateinische und bemühte sich außerdem gemeinsam mit Petrarca um die Wiederbelebung der lateinischen und auch der griechischen Studien. 1373 hielt er noch Vorlesungen über Dantes ,,Göttliche Komödie", dann zog er sich auf sein Landgut in Certaldo bei Florenz zurück, wo er am 21. Dezember 1375 starb.[5]

Neben seinem berühmtesten Werk, dem "Dekameron, beigenannt der Erzkuppler", verfasste Boccaccio noch antike Fabeln und zeitgenössische Abenteuer, schrieb in Versen und Prosa, sowie in lateinischer als auch italienischer Sprache. Mit seinen Geschichten wollte er belehren und erheitern.[6] In seiner Jugend schrieb Boccaccio die Romane "Il Filostrato", „Filocolo“, „Teseide“, „Ameto“ und „Ninfale Fiesolano“. Später verfasste er die „Genealogie deorum gentilium“, also Stammbäume der griechischen und römischen Götter und Halbgötter, sowie „De claris mulieribus“, ein Werk das romanhafte Lebensbeschreibungen mythischer und historischer Frauen erzählt. Zu Boccaccios Werken gehört außerdem der Versroman "Fiammetta", die bisweilen frauenfeindliche Satire "Il Corbaccio", eine Anzahl gelehrter wissenschaftlicher und poetischer Schriften in lateinischer Sprache sowie die Biographie seines großen Vorbilds "Dantes Leben".[7] Seine unvollendeten Werke sind eine Beschreibung des Lebens Petrarcas und eine des Lebens des heiligen Petrus Damianus.[8]

1.2 Das Dekameron

Das Dekameron setzt sich aus 100 Novellen zusammen, die in eine Rahmenhandlung eingebettet sind. Begonnen hat Giovanni Boccaccio sein Dekameron im Jahr 1348 oder im Jahr drauf, als in Florenz die Pest wütete. Wahrscheinlich hat er sein Werk im Jahr 1353 beendet.[9]

Das Dekameron wird während der Renaissance als ,,tesoro di lingua"[10], was Sprachschatz bedeutet, und als ,,insuperabile esempio dell′uso del volgare"[11], also als unübertreffliches Beispiel im Gebrauch der Volgare bezeichnet. Es galt sogar als Vorbild einer gepflegten, der lateinischen Sprache ebenbürtigen volkssprachlichen Ausdrucksweise.[12]

Abschriften des Dekameron verbreiteten sich sehr schnell in Italien. Schon vor dem Jahre 1400 widmete man dem Dekameron in England einen Abschnitt in Chaucers „Canterbury Tales“.[13]

Der Titel ,,Dekameron" setzt sich aus den griechischen Wörtern „déka“, also zehn und „heméra“, was Tag bedeutet, zusammen und bedeutet damit ,,Zehntagewerk".[14]

Boccaccio war in keinem seiner Werke Erfinder von literarischen Stoffen. Auch beim Dekameron war die literarische Form der Novelle in Prosa durch die mündliche Anekdote in Italien bereits entstanden. Die Hundertzahl der Novellen im Dekameron schließt sicherlich an die Sammlung der ,,Ciento novelle antike" an, die „Novellino“ genannt wurde.[15]

Die Rahmenhandlung dieses Novellenzyklus liefert die realistisch beschriebene Pestepidemie von 1348. Die Gruppe der Rahmenhandlung besteht aus sieben Frauen und drei Männern. Die Frauen sind alle im Alter zwischen 18 und 28 Jahren und miteinander befreundet oder verwandt.[16]

Sie sind allesamt "verständig, schön von Gestalt, von reinen Sitten und von anständiger Munterkeit".[17]

Die älteste von ihnen und ihre Wortführerin heißt Pampinea, die zweite heißt Fiammetta, die dritte heißt Filomena, die vierte Emilia, die fünfte Lauretta, die sechste Neifile und die siebte Elisa.[18]

Da ihre Familien nicht mehr am Leben sind, beschließen die Sieben, aufs Land zu gehen, wo sie vor der Pest besser geschützt sind, sich an der Natur erfreuen und noch dazu gesund und ohne Not leben können.[19]

Sie werden von drei jungen Männern begleitet, die ebenfalls mit den Frauen bekannt oder verwandt sind.[20] Boccaccio bezeichnet sie als "artig und gebildet"[21]. Den schrecklichen Erfahrungen durch die Pest zum Trotz lieben diese Männer drei von den Damen, wodurch, durch zahlreiche Geschichten noch verstärkt, eine gespannte, erotische Atmosphäre entsteht. Dennoch wird von keinerlei anzüglichen Worten, von keinen unsittlichen Handlungen berichtet.[22]

Auf einem Landgut wollen die zehn jungen Leute nun Lust und Freude nachgehen. Damit dabei der Anstand nicht verletzt wird, erklären sie jeden Tag einen von ihnen zum "König". Dieser darf über ihren Zeitvertreib bestimmen und jeder muss ihm Ehre und Gehorsam entgegenbringen. Jeden Nachmittag versammelt sich die Gesellschaft an einem schönen, schattigen Platz im Garten, wo sie reihum Geschichten erzählen. Dabei gibt es an einigen Tagen Leitthemen, an die sich die Erzähler halten müssen.[23]

Aus den zehn Personen hebt sich der Dioneo als der Lustigste heraus. Dieser hat das Sonderrecht, seine Geschichte immer zuletzt zu erzählen und muss sich nicht an das vorgegebene Thema halten. Damit sorgt er stets für einen heiteren Ausklang des Tages.[24]

Nach vierzehn Tagen kehren die jungen Leute wieder in die Stadt zurück, nicht weil die Epidemie vorüber ist, sondern weil sie fürchten, von anderen gestört oder aber kritisiert zu werden, dass sie mit großer Vertraulichkeit miteinander umgehen.[25]

Hauptthema der Geschichten in Boccaccios Dekameron ist meist die Liebe. So wird zum Beispiel in der Falkennovelle (Dekameron V, 9) eine aufopfernde Zuneigung beschrieben. In anderen Geschichten kommen dagegen Eifersucht, Ehebruch und voreheliche Beziehungen vor. Aber auch Partnertausch (Dekameron VIII, 8) und Homo- und Bisexualität (Dekameron V, 10) sind durchaus ein Thema.

Ein weiteres beliebtes Thema scheint die Unzucht in Klöstern zu sein. Boccaccio macht sich augenzwinkernd über die Scheinheiligkeit und Sittenlosigkeit der Mönche und Nonnen lustig. Er stellt außerdem die menschliche Dummheit in all ihren Variationen dar. Auch dies tut er durch Satire und ironische Darstellung.[26]

Aber auch ernste Themen werden im Dekameron behandelt, so zum Beispiel in der Falkennovelle (Decameron V, 9). Ebenso zeigt uns Boccaccio die menschlichen Gefühlshöhen und –tiefen in seinen Liebesgeschichten mit unglücklichem Ausgang auf, dem Thema des vierten Tages.

[...]


[1] Vgl. Hardt, Manfred: Geschichte der italienischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Düsseldorf/ Zürich 1996, S. 148.

[2] Vgl. Hardt, S. 148.

[3] Vgl. Brockmeier, Peter: Boccaccios Decameron. Darmstadt 1974, S. 6.

[4] Vgl. dtv-Lexikon, Bd.2, ,,Boccaccio". München 1999, S. 315.

[5] Vgl. ebd..

[6] Vgl. Papini, Giovanni: Ewiges Italien. Salzburg/ Leipzig 1940, S. 270 f..

[7] Vgl. Kindlers neues Literaturlexikon. Bd. 2. Hg. v. Walter Jens. München 1989, S. 821 ff..

[8] Vgl. Papini, S. 270 f..

[9] Vgl. Gröber, Gustav: Über die Quellen von Boccaccios Decameron. Straßburg 1913, S. 1.

[10] S. Brockmeier, S. 6.

[11] S. ebd..

[12] Vgl. ebd..

[13] Vgl. Gröber, S. 1 f..

[14] Vgl. Leube, Eberhard: Boccaccio und die europäische Novellendichtung. Wiesbaden 1980, S. 134.

[15] Vgl. Gröber, S. 2.

[16] Vgl. Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. Düsseldorf 2001, S. 22.

[17] S. Boccaccio, S. 22.

[18] Vgl. ebd., S. 23.

[19] Vgl. ebd., S. 25.

[20] Vgl. ebd., S. 27.

[21] Vgl. ebd..

[22] Vgl. ebd., S. 28.

[23] Vgl. Boccaccio, S. 30 ff..

[24] Vgl. ebd., S. 77 f..

[25] Vgl. ebd, S. 843 f...

[26] Vgl. Leube, S. 133.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Untreue als Motiv in Giovanni Boccaccios "Dekameron"
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Fachbereich Geschichte)
Veranstaltung
Oberseminar: Eheskandale und Skandalehen im Mittelalter
Note
11 Punkte
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V21739
ISBN (eBook)
9783638252829
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untreue, Motiv, Giovanni, Boccaccios, Dekameron, Oberseminar, Eheskandale, Skandalehen, Mittelalter
Arbeit zitieren
Christina Meiser (Autor), 2003, Untreue als Motiv in Giovanni Boccaccios "Dekameron", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21739

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