Bewegungsorientierte Jugendarbeit - eine Analyse der Möglichkeiten, Grenzen und der Strukturellen Voraussetzungen


Diplomarbeit, 1999
133 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugendarbeit im Wandel der Zeit
2.1 Geschichtliche Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Deutschland
2.2 Quantitative Entwicklung der Einrichtungen in der BRD
2.3 Trägerstruktur von Jugendfreizeiteinrichtungen

3. Untersuchungsgegenstand Jugendzentrum (JZ)
3.1 Definition und Merkmale des Untersuchungsgegenstandes
3.2 Allgemeine Aufgaben der Jugendarbeit
3.3 Offene Jugendarbeit in Bielefeld
3.4 Anforderungsprofil und Aufgaben der offenen Jugendarbeit in der Stadt Bielefeld
3.4.1 Zum Anforderungsprofil der Bielefelder Jugendarbeit Stand
3.4.2 Anforderungen und Ziele der offenen Jugendarbeit in Bielefeld aktueller Stand
3.5 Mobile Jugendarbeit - eine Ergänzung –
3.5.1 Möglichkeiten der Mobilen Jugendarbeit
3.5.2 Eigenverständnis der mobilen Jugendarbeit
3.6 Mitarbeiterqualifikation in Jugendzentren
3.7 Ausbildungsstruktur der Mitarbeiter
3.7.1 Sport in der Erzieherausbildung
3.7.2 Sport in der Ausbildung zum Diplom-Pädagogen
3.7.3 Sport in der Ausbildung zum Diplom –Sozialpädagogen
3.7.4 Sport in der Ausbildung zum Diplom-Sozialarbeiter
3.8 Grundlegendes Anforderungsprofil an Sportanbieter in der offenen Jugendarbeit
3.9 Abschließende Betrachtung

4. Soziale und persönlichkeitsstärkende Effekte im und durch den Sport
4.1 Identitäts- und Persönlichkeitsbildung
4.1.1 Beiträge des Sports zur Identitätsförderung
4.1.2 Identitätsförderung durch eigene sportliche Leistungen
4.1.3 Identitätsförderung durch Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper
4.1.4 Beiträge des Sports zur Identitätsförderung durch Geselligkeit
4.2 Moderator-Funktionen des Sports bei der Bewältigung von
4.3 Beiträge des Sports zur Selbst- und Mitbestimmung
4.4 Beiträge des Sports zur Emanzipation
4.5 Beiträge des Sports zur Gesundheitserziehung
4.6 Beiträge des Sports zur Erweiterung des Erlebnis- und Übungsfeldes von Jugendlichen durch Sportfreizeiten
4.6.1 Pädagogische Begründung
4.6.2 Umgang und Erlebnis mit der Natur
4.6.3 Individuell - selbständiges Handeln
4.6.4 Feste Regeln und soziale Verhalten
4.6.5 Alltagsbedeutung
4.7 Abenteuersport/Erlebnispädagogik (EP)
4.7.1 Gegenstandsbestimmung
4.7.2 ERZIEHUNG UND ERLEBEN

5. Ausländer und Sport
5.1 Einstellungen der Ausländer zum Sport
5.2 Mögliche Gründe für eine Sportabstinenz ausländischer Jugendlicher
5.2.1 Außerhäusliche Freizeitgestaltung
5.2.2 Soziale Schichtung
5.2.3 Ausländerklausel
5.3 Gründe für Sport mit Ausländern
5.3.1 Wohnumwelt
5.3.2 Freizeitgestaltung
5.4 Die Gruppe der Aussiedler/Übersiedler

6. Integration durch Sport:
6.1 Mögliche Maßnahmen für ein verbessertes Sportangebot für Ausländer

7. Empirische Untersuchung
7.1 Einleitung
7.2 Untersuchungsgegenstand
7.3 Art der Untersuchung
7.4 Aufbau des Fragebogens
7.5 Pretest
7.6 Auswertung des Fragebogens
7.7 Fragebogenerhebung

8. Architektonische und räumliche Voraussetzungen in den JZ
8.1 Anzahl der Räume
8.2 Größe der Einrichtungen
8.3 Die Situation der für Sport genutzten Räume
8.4 Freiflächen der Einrichtungen
8.5 Weitere Platz- bzw. Raumnutzungsmöglichkeiten für Sport
8.6 Zusammenfassung

9. Finanzielle Rahmenbedingungen
9.1 Höhe des Jahresetats
9.2 Ausgaben für den Bereich Sport
9.3 Zusammenfassung

10. Sportgeräte
10.1 Funktionsfähige Sportgeräte
10.2 Nutzungshäufigkeit der Sportgeräte
10.3 Zusammenfassung

11. Personalstruktur
11.1 Anzahl der Mitarbeiter
11.2 Geschlechterverteilung
11.3 Altersstruktur der Mitarbeiter im Sport, nach Geschlecht unterschieden
11.4 Persönlicher Zeitaufwand für Sport
11.5 Zusammenfassung:

12. Ausbildung der Sportanbieter
12. 1 Beruf der Sportanbieter
12.2 Sportbezogene Ausbildung
12.3 Persönliches sportliches Engagement
12.4 Lieblingssportart
12.5 Zusammenfassung

13. Aus- und Weiterbildung
13. 1 Stellenwert des Sports in der Ausbildung
13.2 Sportbereiche, denen in der Ausbildung mehr Bedeutung zu gemessen werden soll
13.3 Teilnahme an Fort-/ Weiterbildungsmaßnahme
13.4 Notwendige Fortbildungsthemen
13.5 Zusammenfassung

14. Besucherstrukturen
14.1 Altersstruktur der JZ Besucher
14.2 Zielgruppe des Sportangebots
14.3 Nutzung des Sportangebots
14.4 Einzugsgebiet der Jugendzentren
14.5 Schulbildung der Besucher
14.6 Ausländische Besucher
14.7 Sportteilnahme ausländischer Jugendlicher
14.8 Zusammenfassung

15. Sportangebot
15. 1 Anfänge des Sports in JZ:
15.2 Angebotene Sportarten
15.3 Geschlechtsspezifische Verteilung in den Sportarten
15.4 Besucherreaktionen auf das Sportangebot
15.5 Motive für das jeweilige Sportangebot
15.6 Ziele der Sportanbieter
15.7 Bedeutsamkeit des Sports in den Augen der Sportanbieter
15.8 Zusammenfassung

16. Sportorganisation
16.1 Organisationsform der Sportangebote
16.2 Feste Sportgruppen
16.3 Angebotsform Freizeit
16.4 Zusammenfassung
16.5 Teambesprechungen
16.6 Sportkonzeption
16.7 Aspekte bei der Planung von Sportaktivitäten
16.8 Haupttätigkeit der Mitarbeiter im Sport
16.9 Probleme bei der Planung und Durchführung
16.10 Kooperation mit anderen im Sport
16.11 Zusammenfassung

17. Schlußbetrachtung
17.1 Grenzen und Möglichkeiten des Sports
17.1.1 Gesundheitserziehung
17.1.2 Sportfreizeiten
17.1.3 Emanzipation
17.1.4 Integration von Ausländern
17.1.5 Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung
17.1.6 Selbst- und Mitbestimmung
17.2 Fazit

18. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird unter dem Titel:

‚Bewegungsorientierte Jugendarbeit‘

- eine Analyse der Möglichkeiten, Grenzen und der strukturellen

Voraussetzungen -

die Problematik des Sports in der (offenen) Jugendarbeit thematisiert.

Der Sport bzw. sportliche Aktivitäten rücken zunehmend wieder stärker in Bereiche der offenen Jugendarbeit vor. Immer mehr Jugendeinrichtungen erweitern seit Jahren ihr pädagogisches Programm mit sportlichen Angeboten. Verschiedene Sportangebote und Formen, angefangen vom Besuch eine Fußballspiels, über wechselnde, sporadische Sportangebote wie Bowling und ‚ins Squash-Center gehen‘, bis hin zu fest etablierten, regelmäßig trainierenden Sportgruppen bestimmen heute das Sportangebot in den (offenen) Jugendeinrichtungen.

Nach langjähriger kritischer Distanz, die bis zur Ablehnung des Sports in der Jugendarbeit reichte, wird der Sport heute wieder als ein wichtiger Schwerpunkt in der Jugendarbeit genannt (vgl. MÜNDER u.a. 1999, 165-166) .

Im Gegensatz zu anderen Sport­bereichen wie Vereinssport, Schulsport, Breitensport oder Behindertensport, spielt das Phänomen Sport in der offenen Jugendarbeit bzw. die bewegungsorientierte Jugendarbeit in der Sportwissenschaft, als auch in den ‚Wissenschaften der Pädagogik‘ eine eher untergeordnete Rolle. Der Boom in der Praxis hat kein Äquivalent in der Theorie gefunden.

Dementsprechend kann der aktuelle Diskussionsstand über die Art, Bedeutung, Möglichkeiten und Aufgaben des Sports in o.g. Bereich als unzureichend bezeichnet werden.

Dieser Arbeit liegt die Annahme zugrunde, daß auch oder gerade in der offenen Jugendarbeit der Sport einen wichtigen Stellenwert einnehmen kann und soll.

Die zentrale Frage die in diesem Zusammenhang die gesamte Arbeit durchzieht ist, in wieweit die Institution Jugend­zentrum (­päd­agogische) Effekte des Sports nutzen und ergänzend zum S­chul­sport und Sport­verein wirken kann, welche strukturellen Voraussetzungen hierzu zur Verfügung stehen bzw. geschaffen werden müßten und wo der Sport in Jugendeinrichtungen seine Grenzen findet bzw. was er nicht zu leisten vermag.

Um die Frage nach dem Nutzen und den Grenzen des Sports in Jugend­zen­tren beantworten zu können, bedarf es einer genaueren Untersuchung der aktuellen Situation. Erst der Über­blick über die institutionellen, personellen, finan­ziellen und kon­zeptionellen Bedingungen, sowie der internen Zielsetzung und dem Kontext, unter denen Sport in diesen Ein­richtungen be­trieben wird, erlaubt eine differenzierte Aus­sage über Nut­zen, Grenzen und Möglichkeiten des Sports in diesem Be­reich der Jugend­arbeit.

Die Motive für die Behandlung dieses Themas waren und sind unterschiedlicher Art. Zum einen ist es der oben erwähnte mangelhafte Diskussionsstand zum anderen stellte sich mir immer wieder die Frage, weshalb in der sport - pädagogischen Debatte die Vertreter der Sportvereine ihre Institution Verein als diejenige ansehen, die am geeignetsten sein soll, sportliche Jugendarbeit zu leisten. Dies scheint fragwürdig vor dem Hintergrund, daß Sportvereine als Intention in erster Linie nicht ein pädagogisches Ziel verfolgen, sondern sportliche Interessen in den Vordergrund stellen. Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, daß mit der vorliegenden Arbeit der Versuch unternommen wird, die Arbeit der Sportvereine zu diskreditieren. Der Sport in der Jugendarbeit soll als Ergänzung verstanden werden für diejenigen Jugendlichen die:

- keine Bindung zum Sportverein besitzen und auch nicht aufbauen wollen
- dort sportlich sein wollen, da wo sie auch ihre Freizeit verbringen
- aufgrund ihrer Lebenslage den Anforderungen in den Sportvereinen nicht gerecht werden können
- die sportlichen Anforderungen nicht erfüllen, aber dennoch Freude an der Bewegung besitzen
- dem ‚durchorganisiertem‘ Sport ablehnend gegenüber stehen.

Anhand diese Aufzählung, die sich noch erweitern ließe, zeigt sich deutlich, daß Bedarf für pädagogisch flankierte sportliche Jugendarbeit besteht.

Im weiteren wird von einem weiten Sportbegriff ausgegangen, der als Sammelbegriff für alle bewegungsorientierten Aktionen zu verstehen ist. Hierunter fallen auch Tätigkeiten wie Bewegungsspiele, Geländespiele, Gymnastik uvm.. Um einen genauen Eindruck vom Gegenstand der Untersuchung zu bekommen, werden im Teil I dieser Arbeit zunächst die geschichtliche Entwicklung der Jugendarbeit sowie ihre Aufgaben und Ziele aufgegriffen. Im Mittelpunkt dieser Betrachtung werden die weitverbreiteten Institutionen der Jugendarbeit, die

Jugendfreizeitheime bzw. Jugendzentren (die begriffliche Unterscheidung erfolgt zum späteren Zeitpunkt), stehen.

Die Ausbildung der in den Einrichtungen angestellten Pädagogen wird betrachtet, um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Qualifikationsvoraussetzungen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Hinblick auf sportliche Betätigungsfelder mitbringen.

Im folgenden Abschnitt werden die von verschiedenen Autoren beschriebenen sozialen, pädagogischen und psychologischen Effekte, die eine sportliche Situation unter bestimmten Voraussetzungen hervorbringen kann, vorgestellt.

Teil II, die empirische Untersuchung, befaßt sich mit den für den Sport in Jugendzentren gegebenen Rahmenbedingungen, Strukturen und Zielsetzungen; insbesondere wird hier auf die Einrichtungen in der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) eingegangen.

An Hand der gewonnen Daten lassen sich der Stellenwert des Sports, die oben erwähnten Rahmenbedingungen und Strukturen aufzeigen. Ebenfalls lassen sich entsprechenden Konsequenzen (Teil III) für die weitere Arbeit der Sportanbieter in den Jugendzentren ziehen.

Um eventuell auftretenden Einwänden seitens der Leserschaft vorzubeugen, möchte ich an dieser Stelle schon darauf hinweisen, daß alle im folgenden Text auftretenden Funktionsbegriffe wie ‚Übungsleiter‘, ‚Sportanbieter‘ auch immer in ihrer weiblichen Form zu lesen sind und dementsprechend auch gemeint sind. Die Entscheidung für diese Schreibweise erfolgt ausschließlich aus stilistischen Gründen.

2. Jugendarbeit im Wandel der Zeit

2.1 Geschichtliche Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Deutschland

Die historischen Wurzeln der Jugendarbeit in Deutschland las­sen sich zu­rückverfolgen bis ins 19. Jahrhundert. Neben der staatlichen Jugend­fürsor­ge, dem Vorläufer der staatli­chen Jugendpflege, spielten die soge­nann­ten Jugendbewegungen eine große Rolle in der Jugendarbeit. 1896 rief Karl Fischer in Steglitz einen Schülerverein ins Leben, aus dem 1901 die Wan­dervogelbewegung hervorging, die sich bald darauf über das gesamte Deut­sche Reich ausbreitete. Parallel zu den eher bürgerli­chen Wandervögeln ent­standen ab Her­bst 1904 ver­schiedene sog. Lehrlings- bzw. Gesellenver­eine, in denen sich junge Ar­beiter organisierten, um sich besser gegen die Willkür ihrer Meister und Vorgesetzten wehren zu können.

Später wurden "unter dem Druck der damaligen repressiven Ver­einsgesetzge­bung alternative Jugendausschüsse eingerich­tet, die die Ar­beiterjugend auffangen sollten, ohne sie zu organi­sie­ren" (BIERHOFF 1983, 62).

Ungefähr zeitgleich mit der Entwicklung außerstaatlicher Ju­gendbewegungen und Vereine wurde der erste staatliche Jugend­pflegeerlaß im Jahre 1911 verabschie­det. Im Gegensatz zur früheren Ju­gendfürsorge, die sich vor­nehmlich mit hilfsbe­dürftigen1 Ju­gendlichen beschäftigte, wollte die Ju­gendpfle­ge sich "för­dernd in das eigenständige öffentliche Gruppen­leben der Jugend einschalten" (BIERHOFF 1983, 63) und pro­phylaktisch wir­ken.

Im ersten staatlichen Jugendpflegeerlaß in Preußen (1911 bis 1945) wird die Notwendigkeit pädagogischer Freizeit­gestal­tung - insbeson­dere für die arbei­tende Jugend - mit der "fehlenden Befriedigung am Ar­beitsplatz, ihrer Abge­schlos­sen­heit von der Natur, ihrem schlechten Lese­stoff, den trostlosen räumlichen Verhältnissen im Elternhaus, den dro­hen­den Gefahren des Straßen­lebens, der Langeweile, den Alko­holge­fahren und den nicht ausreichenden Möglichkeiten zur sport­lichen Betätigung" (HAUPT 1991, 12) begründet.

Ebenso wie HAUPT verweist auch BIERHOFF (1983) in seinem Buch ‚Außerschu­lische Jugend­arbeit' auf einen früheren Erlaß der öffent­lichen Jugend­pflege zu den konfessionellen Jüng­lings-, Lehr­lings- und Gesellen­vereinen. Mit diesem Erlaß vom 24. November 1901 be­grüßt die öffentliche Jugendpflege die Arbeit der o.g. Ver­eine, da dort "aus der Schule entlas­sene Jünglinge, die eines ge­eigneten Familienanschlusses entbehren, die Möglichkeit gebo­ten [ist], ihre freien Abende und Sonntage in einer Weise zu zubringen,

die ihnen zusagt und ihrer körperlichen und geisti­gen Entwicklung förderlich ist" (BIERHOFF 1983, 64).

Nach der Gleichschaltung der pluralistischen Jugendbewegun­g zur Hitler­jugend im Zuge der Machtergreifung wurden nach Kriegsende im besetzten Deutschland die ersten offenen Ju­gend­freizeiteinrichtungen ge­gründet. Diese sog. Heime der ‚Ger­man Youth Activi­ties' (GYA-Heime) können als die ‚Urgroßvä­ter' unserer heutigen Jugendzentren bezeichnet werden.

Ziel dieser durch die Amerikaner gegründeten Einrichtungen war die Ein­führung und Vermittlung demokratischer Grundprin­zipien. Auf Grund der sich ausdehnenden Jugendarbeit in den Kommunen wur­de 1949 die Arbeitsgemein­schaft für die Jugend­pfle­ge und Ju­gendfürsorge gegründet, die später (1953) unter dem Namen ‚Gautinger Beschlüsse‘ bekannt gewordenen Richt­linien für die ‚Heime der Offenen Tür‘ (Nachfolger der GYA-Heime) erar­beitet hatte. Ziel­gruppe der Nach­kriegs­jugendar­beit waren vor­nehmlich Jugendliche, die nicht in Verbänden organi­siert wa­ren. Die neue Jugend­arbeit unterschied sich von den tradi­tionellen Verbänden vor allem darin, daß sie sich von den ver­bindlichen Freizeitan­geboten abwandte und sich hin zu unverbind­lichen Angeboten mit zwang­losem Cha­rakter orientierte. Obwohl die traditionellen Ver­bände stark an dem erzieheri­schen Wert dieser ‚unverbindli­chen' Jugend­arbeit zweifel­ten, ging sie - gezwungen durch stagnierende Mitglieder­zahlen - nach und nach dazu über, ihre Verbands­häuser auch für Nichtmit­glieder zu öffnen. In dieser Zeit entstand der Begriff ‚ToT-Heim‘ (teiloffene Tür), der bis heute Verwendung findet.

Ziele und Aufgaben der ‚HOT`s‘ (Heime der offenen Tür)2 bestanden, defi­niert durch die Frank­furter Rich­tlinien von 1956, in einer "ergänzenden Funktion in der fami­liären, schulischen, kirchlichen und beruf­lichen Erziehung"

(HAUPT 1991, 13).

Mit Ausnahme der in den 70er und Anfang der 80er Jahren ent­standenen alternativen bzw. selbstverwalteten Jugendzen­tren hat sich an der Struktur der Jugendfreizeitstätten bis heute nicht viel ge­ändert. Zielsetzung und Programme unterliegen dagegen ständiger Veränderung.

Stand noch Ende der 60er, An­fang der 70er Jahre die pro­gressive, emanzi­pato­rische Erziehung im Vorder­grund (HAUPT 1991, 13), präg­ten in den 70er Jahren h­auptsäch­lich die Fol­gen der Arbeits­losigkeit das Erschei­nungsbild der Jugend­einrich­tungen. Nach den Zeiten der 'Müs­li', 'Pun­ker' und 'Null-Bock' Generationen treten immer häufiger Themen der Auslän­der-, bzw. der Aus­siedlerproblematik, in den Ju­gendzen­tren auf (vgl. Kap. 5).

2.2 Quantitative Entwicklung der Einrichtungen in der BRD

Seit 1953 stieg die Anzahl der HOT's stetig an. Waren es in diesem Jahr erst 110 Ein­richtungen, hatte sich die Anzahl bis 1965 schon mehr als ver­zwölf­facht (auf 1448). Nach den letzten offi­ziellen An­gaben aus dem Jahr 1976 betrug die Anzahl bis dato 4036 (vgl. HAUPT 1991, 10).

Trotz intensiver Suche und einer Anfrage beim Jugendamt Bielefeld ist es nicht gelungen, aktuellere Daten über den Be­stand von Jugendfrei­zeit­heimen zu erlangen. Anzu­nehmen ist, daß die Zahl bis 1990 noch stark angestiegen ist und daraufhin im Zuge der Sparmaßnahmen der Bundesregierung (und der damit verbundenen Kürzungen im so­zialen Bereich, sowie der Umwandlung bestehender Häuser in Kulturzentren oder auch Wohnheime) zumindest stagniert, wenn nicht sogar absinkt.

2.3 Trägerstruktur von Jugendfreizeiteinrichtungen

Fragt man danach, welche Träger die unterschiedlichen Jugendfrei­zeit­einrichtungen heute unterhalten, so kann man diese nach GRAUER (1973, zit. bei NAHRSTEDT 1982, 109) zu den folgenden drei Gruppen zusammenfassen:

a) Konfessionelle Träger
b) Öffentliche Träger (Kommunen)
c) Initiativgruppen, Vereine, Verbände, sonstige Träger

Nach einer quantitativen Spitzenstellung der konfessionell geführten Häuser in den 60er Jahren, stieg die Zahl der öffentlichen Einrichtungen ab 1970 beträchtlich an (vgl. NAHRSTEDT 1982, 110).

Für das Jahr 1975 benennt GRAUER (zit. bei NAHRSTEDT 1982, 110) den Anteil der öffentlichen Träger mit 51,8 % und den der konfessionellen Träger mit 22,3 %. Die unter Punkt c) genannte Trägergruppe (z.B. DGB, AWO, Falken, etc.) schneidet mit 25,9 % immer noch besser ab, als die Gruppe der kirchlichen Träger.

Ebenso wie bei der Frage nach dem Bestand an Jugendfreizeit­stätten über­haupt, ist es auch hier, bei der Frage nach den Anteilen der Träger nicht gelun­gen, an neuere Daten zu gelangen. Neuere Untersuchungen zu dieser Thematik scheinen daher dringend notwendig.

3. Untersuchungsgegenstand Jugendzentrum (JZ)

3.1 Definition und Merkmale des Untersuchungsgegenstandes

Ju­gendzentrum

In den 50er Jahren taucht zum ersten Mal der Begriff der Jugendfrei­zeitstätte auf. Er dient auch heute noch als Sam­melbegriff für alle Ein­richtungen, die Jugendarbeit für die Gesamtheit aller Jugendlichen betrei­ben. Heute häufig ge­bräuchliche Begriffe wie Jugendtreff, Jugend­freizeit­ein­richtung, Jugendfreizeitheim, Jugendzentrum, etc. sind im allgemeinen Bezeichnungen, die synonym verwendet werden. Die unterschied­lichen Benen­nungen der einzelnen Einrichtungen sind vorwiegend auf ver­schiedene Sprachre­gelungen der einzelnen Bundesländer sowie unterschiedlicher Träger zurück­ zuführen. Im folgenden wird der Begriff ‚Jugendzen­trum' (JZ) verwendet, da es sich hierbei um die regional typische Bezeich­nung für die zu untersuchenden Ein­richtungen handelt.

Wichtiger als die Benennung der Einrichtungen sind die Merkmale, die diese ausmachen:

- JZ sind lokale Einrichtungen, die den jeweiligen Strukturen ihres Einzugs­berei­ches unterworfen sind
- JZ bieten ein kontinuierliches und langfristiges Konkur­renzangebot zu

kommerziellen Anbietern an

- die Zielsetzungen der JZ orientieren sich vorwiegend an situations-/ und

personen­bedingten Bedürfnissen der Besucher

- JZ sind gekennzeichnet durch freiwillige Teilnahme, ohne Zwang bzw. die Übernahme verbindlicher Mitgliedschaften, sowie geringer finanziel­ler Gegenleistung
- JZ sind abhängig von der Inanspruchnahme durch die Besu­cher
- JZ sind offene, allen Bevölkerungsschichten zugängliche Einrichtungen
- JZ sind abhängig von staatlicher Unterstützung sowie der Beschäftigung von hauptberuflichen Arbeitskräften (vgl. HAUPT 1990, 9-10).

3.2 Allgemeine Aufgaben der Jugendarbeit

Zu den allgemeinen Aufgaben der Jugendarbeit gehören nach dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) vom 26.Ju­ni 1990 u.a. die Bereit­stel­lung von Angeboten, die der För­derung der Ent­wick­lung junger Menschen dienen. Angeboten wird diese Jugendarbeit von Verbänden, Gruppen und Initiativen der Jugend, Trägern der öffentlichen Jugend­ar­beit sowie anderen Trägern (vgl. KJHG 1999. §11 Abs. 2; In: MÜNDER u.a. 1998)3. Ein Schwerpunkt der Jugendarbeit soll die Ju­gendarbeit in Spo­rt, Spiel und Gesellig­keit sein (vgl. KJHG § 11 Abs. 3 Nr. 2; In: MÜNDER u.a. 1998) .

Zu den Hauptzielen von Jugendzentren gehören nach den Vor­stellungen der Gautinger Beschlüsse, den Frankfurter Richt­linien sowie dem 4. Nürnber­ger Jugendhilfetag:

- die Emanzipation und die Erziehung zur ‚Mündigkeit als oberstes Lern­ziel'
- die Förderung der Persönlichkeitsentfaltung zu einer freien, selbstständi­gen und selbstverantwortlichen Persönlichkeit
- die Förderung von ‚brachliegenden Fähigkeiten und Neigungen‘
- der Ausgleich/die Ergänzung zu Schule, Beruf und Elternhaus
- die ‚Vermittlung von Gemeinschaftserlebnissen‘ sowie das Ermöglichen von ‚aktiver Mitwirkung‘ (vgl. HAUPT 1990, 14).

Mit Bezug auf das ‚neue‘ KJHG (Stand 1999) läßt sich diese Aufzählung und die daraus resultierende Zielsetzung für die offene Kinder – und Jugendarbeit um folgende Punkte ergänzen:

Ziele der offenen Kinder- und Jugendarbeit sind insbesondere:

- die Freizeitgestaltung der Besucherinnnen und Besucher im Rahmen eines sozialpädagogischen Konzepts
- die Hilfe zur sozialen Integration
- das Herstellen von Chancengleichheit
- der Ausgleich von Defiziten und Abbau von Benachteiligungen
- das Einüben von partnerschaftlichem und sozialem Verhalten, von Mitbestimmung, Mitwirkung und Mitverantwortung
- die Toleranz gegenüber Menschen anderer Herkunft, Weltanschauung und Lebensweise (vgl. KJHG § 13 Abs. 1; In: MÜNDER u.a.1998).

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, daß dem Sport eine größere Bedeutung in der Jugendarbeit beigemessen wird, als es früher der Fall war. In

den Frankfurter Lehr- und Praxiskommentaren (Stand 1999) wird der Sport

explizit als ein Mittel in der Jugendarbeit bezeichnet (vgl. MÜNDER u.a. 1998, 165).

Während sich die Jugendarbeit lange Zeit von einem leistungs- und konkurrenzorientierten Sport distanziert hat, wird heute der Einsatz von Sport in der Jugendarbeit wesentlich positiver gesehen. “Es ist inzwischen anerkannt, daß der Sport vielfach in der Lage ist, die sich aus der allgemeinen gesellschaftlichen Strukturen ergebenen Einengungen und Trennungen z.T. aufzuheben und die Mitwirkenden zu sonst nicht erfahrbaren Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten zu führen” (KREFT 1996; zit. in MÜNDER 1998, 166 ).

Die distanzierte Haltung zum Sport scheint sich, zumindest nach Meinung des Verfassers des Kommentars zum KJHG in eine neue, sportfreundliche Auffassung gewandelt zu haben. Es hat sich die Meinung durchgesetzt, daß das “Sporttreiben von Kindern und Jugendlichen in (Freizeit-) Gruppen und vor allem in (Sport-) Vereinen schon förderungswürdig im Sinne des KJHG sei, weil es bereits Elemente dessen enthalte, was allgemein Jugendarbeit kennzeichne” (KREFT 1996b; in MÜNDER 1998, 166-167).

Inwieweit diese Ansicht der Realität in der Praxis entspricht bzw. welche Möglichkeiten der Sport bzw. das Sporttreiben bietet wird in den folgenden Kapiteln näher betrachtet. Festzuhalten bleibt an dieser Stelle, daß die Bedeutung des Sports in der (offenen) Jugendarbeit in den letzten Jahren einen Wandel erfahren und an Bedeutung gewonnen hat (vgl. MÜNDER 1998, 165-166).

Ebenso scheint es Anzeichen dafür zu geben, daß auch der leistungsorientierte Sport in der Jugendarbeit an Bedeutung gewinnt. Indizien dafür sind z.B. die von Jugendämtern und insbesondere der Sportjugend, als Träger der offenen Jugendarbeit, durchgeführten Streetball- oder Soccerevents, bei denen neben dem Spaß das Leistungs- bzw. das Wettbewerbsprinzip einen zentralen Bestandteil bildet.

3.3 Offene Jugendarbeit in Bielefeld

Die offene Jugendarbeit in Bielefeld wird betrieben :

a) in stationären Jugendfreizeiteinrichtungen,
b) als mobile Jugendarbeit,
c) in Einrichtungen der Stadtteilarbeit.

Kennzeichen der offenen Jugendarbeit ist die freiwillige Teil­nahme der Kinder und Jugendlichen an Angeboten der An­bieter.

3.4 Anforderungsprofil und Aufgaben der offenen Jugend­arbeit in der Stadt Bielefeld

Ausgehend von der Überlegung, daß sich Jugend und somit die Merkmale und Ansprüche der Jugend in stetigem Wandel befinden, unterliegt das Anforderungsprofil bzw. die Zielsetzung der offenen Jugendarbeit permanenten Veränderungen.

Im folgenden wird exemplarisch auf die offene Jugendarbeit der Stadt Bielefeld eingegangen, da davon ausgegangen werden kann, daß Bielefeld als Siedlungsschwerpunkt der Region OWL trotz lokaler Unterschiede Signalwirkung auf umliegende Regionen ausüben kann.

Als Grundlage der Betrachtung dienen das Sitzungsprotokoll des damalige Jugendwohlfahrtsausschuß der Stadt Bielefeld vom 03.11.1988 sowie die Konzeption der offenen Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Bielefeld, beschlossen am 8.05.1996.

An Hand dieser ‚Längsschnittbetrachtung‘ sollen zum einen Veränderungen in der Konzeption deutlich werden, mit denen versucht wird, auf neue Erscheinungen zu reagieren. Zum anderen lassen sich kontinuierliche Merkmale der Jugendarbeit benennen, die unabhängig vom aktuellen Zeitgeist ihre Gültigkeit besitzen. Basierend auf den Veränderungen bzw. auf den konstanten Merkmalen der Bielefelder Jugendarbeit zeichnet sich ein Profil ab, das Aufschluß über die derzeitigen Schwerpunkte der Jugendarbeit gibt.

3.4.1 Zum Anforderungsprofil der Bielefelder Jugendarbeit Stand 1988

a) Auf Grund einer wachsenden Orientierung der Jugendlichen an Konsum- und Gebrauchswerten hat sich in der offenen Jugendarbeit eine breite Programmvielfalt entwi­ckelt, die den Freizeitbedürf­nissen der Jugendlichen und Kindern entspricht.

Dienstleistungsähnliche Angebote mit professionel­ler Aus­richtung kenn­zeichnen die Arbeit. Diese Angebotsausrichtung hat eine ständige Ergän­zung des Mitarbeiterstabs durch Hono­rar­kräfte sowie die ständige Weiter- und Fortbildung der Mitarbeiter zur Folge (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 1-2).

b) Für die wachsende Freizeitindustrie und andere Anbie­ter sind die Jugendlichen zu einem interes­san­ten Kundenpotential geworden. Offene Jugend­arbeit hat durch die Konkur­renz zu den kommerziellen Anbietern die Chance erhalten, bestimmte Ar­beitsformen der offen Jugendarbeit (Projektarbeit u.a. ) in die Welt der kommerziellen ‚Freizeitanbieter' (STADT BIELEFELD 1988, 3) zu transportieren. Sie kann somit als Vermittlungssystem einen Beitrag zum Wertetransport (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 3) leisten. Gleichzeitig setzt sie sich aber auch dem ständig steigenden Konkurrenzdruck durch die kommerziellen Anbieter aus.

c) Die in der letzten Zeit häufiger vergessene Zielgruppe der arbeitslosen Jugendlichen tritt in Zeiten wirt­schaftlicher Stagnation wieder stärker in den Vordergrund. Die STADT BIELEFELD hat schon 1988 auf diese Gruppe hingewie­sen und sah für sie die offene Jugendarbeit als ein "zentrales Orientierungs- und Erlebnisfeld" (STADT BIELEFELD 1988, 3). Die Möglichkei­ten der Frei­zeithilfen sind allerdings beschränkt, denn "Frei­zeit­hilfen können den Übergang in das Beschäftigungssystem nur begleiten und nicht selber be­wir­ken." (STADT BIELEFELD 1988, 4). Eine überproportional große Gruppe unter den Arbeitslosen bilden die ausländischen Jugendli­chen, die in Ermangelung anderer Infrastruk­tureinrichtungen verstärkt Jugendzen­tren aufsu­chen.

d) Der immer größer werdende Einfluß unserer Medien- und Com­pu­ter­gesell­schaft auf die Kinder und Jugendlichen führt zu einer Verarmung an Hand­lungsmustern. Die Reduzierung von Konfliktlö­sungsmöglichkeiten auf die Strategie eines ‚Ninja Kämpfers‘ aus der vorabendlichen Fernsehserie oder die Orien­tierung an den neuen Kinderidolen der 90er Jahre, die ‚Wrest­ling - Kampf­maschinen‘, führt häufig dazu, daß "komplexe gesell­schaftliche Zu­sammenhänge von Jugendlichen auf Schablonen reduziert werden" (STADT BIELEFELD 1988, 4). Joseph WEIZENBAUER, Computerwisenschaftler am ‚Massachusetts Institut of Technolo­gie' warnt: "Computerspiele lehren unseren Kindern eine furcht­bare Un­abhängig­keit von Tat und Konsequenzen" (WEIZENBAUER 1992).

Aufgabe der offenen Jugend­arbeit ist es hierbei, tragfähige Orientier­ungssysteme zu entwickeln, die dem fortschreitenden Realitätsverlust durch die neue Medienwelt entgegenwirken (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 4).

e) Durch das Defizit an naturgegebenen Spielmöglichkeiten in der Stadt sind spielpädagogische Angebote in der offenen Jugend­arbeit notwendig. Die offene Jugendarbeit kann und muß Pro­gramme schaffen, die dem Bedürf­nissen von Kindern und Jugendlichen nach Aktivitä­t gerecht werden (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 4).

f) Wegen der besonderen Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen in der heutigen Gesellschaft ist eine partei­liche Mäd­chenarbeit notwendig.

Auch die geringe Teilnahme weiblicher Besucher in der offenen Jugendarbeit hat zu ver­stärkten Bemühungen geführt, vermehrt Mädchen und junge Frau­en in die Arbeit ein­zube­ziehen und sie dort besonders zu fördern (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 5).

g) Das heute zu beobachtende Abwenden der Jugendlichen von der Politik und die schon genannte Or­ien­tie­rungslosig­keit erfordert die Förderung einer politi­schen Alltags­kultur (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 6).

h) Die Themenbereiche Liebe, Sexualität, Freundschaft, Gefühle und der eigene Körper neh­men einen großen Raum in dem Alltag von Jugendlichen ein. Auf der Suche nach der eigenen Identität in diesem wichtigen Ent­wicklungsabschnitt kann die offene Jugendar­beit ein guter Wegbe­gleiter sein (vgl. STADT BIELEFELD 1988, 6).

Inwieweit es sich bei diesen Aussagen um wissenschaftlich haltbare Annahmen handelt ist nicht ganz eindeutig. Zum Teil scheint es sich um sehr plakative Thesen zu handeln, die einer genaueren Überprüfung nicht standhalten würden (z.B. Absatz d). Eine Überprüfung dieser Aussagen kann aber an dieser Stelle nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Es reicht zunächst für die weitere Betrachtung aus, daß sie als Grundlage der Bielefelder Jugendarbeit dienen bzw. gedient haben und somit die Basis für weitergehende Entscheidungen bilden.

3.4.2 Anforderungen und Ziele der offenen Jugendarbeit in Bielefeld aktueller Stand 1996

Nach eingehender Durchsicht der aktuellen Konzeption für die offene Kinder- und Jugendarbeit der Stadt Bielefeld muß an dieser Stelle festgestellt werden, daß im wesentlichen kaum Veränderungen stattgefunden haben. Im Einzelnen entsprechen die vorangegangenen Aussagen exakt dem Wortlaut der ‚neuen‘ Konzeption; insbesondere die unter Abschnitt a/ b/ c/ d/ und e genannten. Inwieweit hieraus die Schlußfolgerung gezogen werden kann, daß sich die Bedürfnisse oder die Situationen des jugendlichen Klientels nicht geändert haben, ist zumindest fraglich. Zumal in der ‚neuen‘ Konzeption selbst von den “Individualisierungsprozessen und der Pluralisierung von Lebensformen” sowie den sich “schnell verändernden (Lebens-)Stilen bei Jugendlichen” ausgegangen wird (STADT BIELEFELD 1996, 27). Aus welchen Gründen die Zielsetzungen und Maßnahmen dennoch dem Stand von 1988 entsprechen, muß an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.

Lediglich in zwei Punkten unterscheidet sich die ‚alte‘ Konzeption von der ‚neuen‘ deutlich.

Diese sind:

- die parteiliche Mädchenarbeit
- die Kooperation/Vernetzung

Beide genannten Punkte werden weiter ausdifferenziert und im Falle der Mädchenarbeit mit einer eigenen Konzeption und einem Finanzierungsplan als Schwerpunkt für die offene Jugendarbeit in Bielefeld aufgenommen (vgl. STADT BIELEFELD 1996, 32).

Für den Aspekt Sport resultieren insoweit folgende Konsequenzen, daß zum einen verstärkt Kooperationspartner (z.B. Sportvereine etc.) gesucht, zum anderen sportliche Elemente in bzw. aus der Mädchenarbeit (Selbstverteidigungskurse, Abenteuersportangebote u.ä.) finanziert werden können. Ein expliziter Bezug zum Sport wird in der Konzeption zur parteilichen Mädchenarbeit allerdings nicht hergestellt (vgl. STADT BIELEFELD 1996,

31-32).

3.5 Mobile Jugendarbeit - eine Ergänzung –

Wie schon zur Konzeption der offenen Jugendabeit angemerkt wurde, gilt auch in der Mobilen Jugendarbeit, daß keine Veränderung in der Konzeption stattgefunden hat und somit die Konzeption vom 02.07.1992 wörtlich in die aktuelle Konzeption übernommen wurde. Sie bildet daher die Grundlage für die aktuelle Mobile Jugendarbeit. Dementsprechend gilt:

Die Mobile Jugendarbeit ist eine Ergänzung zu den existie­ren­den Ein­richtun­gen. Ausgangslage für die Mobile Jugend­arbeit sind die veränder­ten gesellschaftlichen Bedingungen und die dar­aus resultierende Inter­essenlage jugend­licher Menschen. Gemeint ist damit insbesondere:

- Ausdifferenzierung jugendlicher Lebensstile mit entspre­chenden

Abgrenzungs tendenzen

- Privatisierung / Individualisierung eigener Lebensentwürfe
- Aneignung von Territorien in den Stadtteilen
- Geringe Bereitschaft junger Menschen, sich auf traditio­nelle Jugendver­bände, Vereine usw. einzulassen ( vgl. STADT BIELEFELD 1992, 1-5).

3.5.1 Möglichkeiten der Mobilen Jugendarbeit

Die Mobile Jugendarbeit ist auf Grund ihrer besonderen Ar­beitsformen in der Lage, flexibel auf veränderte Bedürfnisse und Entwicklungen zu reagieren. Veränderungen in der demo­graphi­schen Entwicklung sowie der sozialen Situation der Jugendlichen kön­nen schnell erfaßt werden. Dement­sprechend flexibel ist das Angebot für die Jugendlichen. Auf Grund der niedrigen Betriebskosten

(keine Unterhaltskosten für Gebäude etc.) und der Zusammenarbeit mit unterschiedli­chen Gruppen und Initiati­ven ist die mobile Jugendarbeit in der Lage, ver­schiedene Kompetenzen zusammenzufassen und ein "at­traktives Angebot mit hohem Erleb­nisswert"[4] (STADT BILEFELD 1992, 2) anzubie­ten. Voraussetzungen für die mobile Jugendarbeit sind Anlaufstel­len für die Jugendlichen in ihrem Stadtteil (z.B. Räume in einer Schu­le, einem Gemeindezen­trum o.ä.) sowie Fachkräfte, die die Projekte und Angebote der mobilen Jugend­arbeit beglei­ten. Oftmals handelt es sich hier um Honorarkräfte, die speziell für bestimmte Pro­jekte unter Vertrag genommen werden.

3.5.2 Eigenverständnis der mobilen Jugendarbeit

Die mobile Jugendarbeit versteht sich nicht als eine sozialpäd­agogi­sche Betreuung für z.B. verhaltensauffällige Kinder und Jugend­liche, sondern wirkt mehr initiierend und koordinierend. Gemeinsam mit anderen Einrichtungen, Ver­bänden und Vereinen baut die mobile Jugendarbeit eine gemeinsame Infra­struktur für Kinder und Ju­gendliche im Freizeitbereich auf (vgl. STADT BIELEFELD 1992, 3). Diese besteht einerseits aus den bereits erwähnten Räumen, andererseits aus einem Kursprogramm, das in seiner Vielseitigkeit auf unterschiedliche Interessen Jugendlicher eingeht, denn “auf diesem Wege können über ‚Schnupperangebote‘ Jugendliche ihre Neigungen entdecken und ausprobieren” (STADT BIELEFELD 1992, 3).

3.6 Mitarbeiterqualifikation in Jugendzentren

Wichtig für die in den Jugendzentren zu bewältigende Arbeit sind die Qualifikationsvoraussetzungen, die die Mitarbeiter u.a. durch ihre Aus­bildung mitbringen. Unter Quali­fikation versteht man in diesem Sinne ein "Ar­beitsvermögen" und die “Gesamtheit der je subjektiv - individuellen Fähig­kei­ten, Kenntnisse und Fertigkeiten, die es dem Einzelnen er­lau­ben, eine bestimmte Arbeitsfunktion zu erfüllen" (BAETHGE 1974, zit. bei NAHR­STEDT u.a. 1982, 44).

Sport bzw. sportliche Aktivitäten sind ein Bestandteil des vielseitigen Aufgabenbereiches von Mitarbeitern in Jugend­zentren. Seine Ausübung und Gestal­tung ist neben den persön­lichen Einstellungen, Zielsetzungen und Wertschätzungen im wesentlichen abhängig von der persönlichen Qualifikation der Mitarbeiter. Vor diesem Hintergrund wird im folgenden die Ausbildungs­struktur der Mitarbeiter mit Blick auf ihre Befähigung untersucht, Sportkurse jugendgerecht anbieten und gestalten zu können.

3.7 Ausbildungsstruktur der Mitarbeiter

Neben berufsfremden Mitarbeitern wie Lehrer u.a. läßt sich die Mitarbeiter­struktur in den Jugendzentren wie folgt einteilen:

a) Diplom - Pädagogen

(Ausbildung an Universitäten, pädagogischen Hochschulen und

Gesamthochschulen)

b) Diplom - Sozialarbeiter und Diplom - Sozialpädagogen

(Ausbildung an Fachhochschulen)

a) Erzieher

(Ausbildung an Fachhochschulen, Akademien für Sozialpädagogik)

Bei den o.g. Gruppen handelt es sich um die gängigsten Berufsgruppen, die in Jugendzentren arbeiten (vgl. NAHRSTEDT 1982, 156; eigene Untersuchung). Im Zusammenhang mit dem Sportangebot in der offenen Jugendarbeit ist von Interesse, inwieweit die drei genannten Berufsgruppen in ihrer Ausbildung auf sportrelevante Themen vorbereitet werden und welchen Stellenwert die Sport­ausbildung in der Gesamtausbildung einnimmt.

Durch ihre Tätigkeit werden die o.g. Berufsgruppen mit zahlreichen Anforderungen aus dem Bereich Sport konfrontiert. Eine konsequente, pädagogisch und reflektierte Einbeziehung des Sports in die pädagogische Praxis ist ohne fundiertes Wissen über die sozialen und persönlichkeitsstärkenden Effekte, Wirkungsweisen und möglichen Gefahren (sowohl psychischer, als auch physischer Art) des Sports schwer realisierbar.

Die bloße Erkenntnis, daß durch Sport z.B. Gesundheit und Wohlbefinden, Motorik, die kognitive, affektive und soziale Entwicklung gefördert werden kann, reicht bei weitem nicht aus (vgl. KRÜGER 1985, 63).

Sollen die Möglichkeiten des Sports genutzt werden, bedarf es differenzier­ter Kenntnisse in den Teilgebieten der Sport­wissenschaft. Im Einzelnen lassen sich mit KRÜGER vier mögliche Quali­fikationsfelder nennen:

a) sporttheoretische Grundlagen
b) fachdidaktisch/methodische Grundlagen
c) sportmethodische Kenntnisse und Erfahrungen
d) praktisch - methodische Fähigkeiten

Von den hier genannten Bereichen kommt den praktisch - me­thodischen Fähig­keiten eine zentrale Bedeutung zu, da hier der unmittelbare Berührungspunkt des Mitarbeiters mit dem sozialpädagogischen Tun besteht (vgl. KRÜGER 1985, 98).

3.7.1 Sport in der Erzieherausbildung

Betrachtet man die Kompetenz- und Erfahrungsvermittlung in der Erzieherausbildung, insbesondere in den sportlichen Bereichen, so bedarf es einer zweigeteilten Betrachtungsweise, da die Erzieherausbildung (in NRW) einer Neukonzeption im Jahre 1994 unterliegt.

Im ersten Teil werden die Ausbildungssituation/ die Ausbildungsschwerpunkte bis August 1994 dargestellt. Der zweite Teil befaßt sich mit der Ausbildungskonzeption die ab August 1994 in Kraft getreten ist. Auf eine Auseinandersetzung mit der alten Ausbildungssituation kann an dieser Stelle nicht verzichtet werden, da anzunehmen ist, daß ein nicht unerheblicher Teil der Arbeitskräfte die heute in der Praxis stehen, nach dem alten Ausbildungskonzept ausgebildet worden sind.

a) bis 1994

In der Ausbildung zum Erzieher umfaßt das Fach ‚Leibeserzie­hung' in Nord - Rheinwestfalen (NRW) zwei Wochenstunden in einer Gesamtausbildungszeit von zwei Jahren (mit anschließendem einjährigen Praktikum). Im Vergleich dazu andere Bun­des­länder:

- unter zwei Stunden: Niedersachsen, Baden - Würtemberg, Hamburg
- bis zu drei Stunden: Hessen
- vier Stunden: Rheinlandpfalz

Geht man von 40 Wochen Unterricht pro Jahr aus, so umfaßt die Stun­denzahl für Sport in den meisten Fällen nur ca. 80 Doppelstunden im gesamten Ausbildungszeitraum. Die in der Praxis häufig auftretenden Stundenausfälle sind hier­bei nicht berücksichtigt (vgl. KRÜGER 1985, 124).

Zusammengefaßt lassen sich folgende Ziele des Faches Leibeserziehung in der Erzieherausbildung defi­nie­ren:

a) das Kennenlernen des eigenen Körpers als ein geordnetes Ganzes, die richtige Einschätzung der physischen Kräfte und ihre sinnvolle Betätigung
b) theoretische und praktische Einführung in die Gestaltung von Bewegungs­übungen mit Klein- und Schulkindern zur Ver­meidung und Korrektur von Haltungsschäden
c) das Verständnis für rhythmische Bewegungsabläufe zu wecken und an selbst gestalteten Aufgaben zu erproben (vgl. KRÜGER 1985, 142).

Zielgruppe sind in diesem Zusammenhang Kindergarten- und Heimkinder. Ziel­gruppen aus möglichen anderen Betätigungs­feldern finden in den amtlichen Vorstellungen zum Fach ‚Leibeserziehung' in NRW keine Berücksichtigung.

Zum Vergleich: Der Lehrplan in Bayern berücksichtigt in der Erzieheraus­bildung verschiedene Bereiche wie Kindergarten, Hort, Heim und die Jugend­arbeit (vgl. KRÜGER 1985, 138).

Insgesamt muß gesagt werden, daß die sportliche Ausbildung zeitlich und qualitativ eine untergeord­nete Rolle in der Erzieheraus­bildung in NRW spielt. Zielsetzung und inhaltliche Aussagen zu den Unterrichtsgegen­ständen sind sehr allgemein und abstrakt gehalten und beschränken sich auf die Bereiche Kindergarten und Heimerziehung.

Sportwissenschaftliche Bereiche, ebenso wie die praktisch – methodische Ausbildung, haben einen unzureichenden Stel­lenwert in diesem Lehrplan. Die Mehrzahl der Sportausbilder und –lehrer in den Fach­schulen setzt sich aus der Berufsgruppe der Gymnastiklehrer zusammen (56%).

b) ab 1994

Der Leitgedanke der gesamten Neuordnung der Erzieherausbildung ist die Verbesserung der Ausbildungsqualität für Erzieher und Erzieherinnen, um den gesteigerten Anforderungen und Erwartungen in der sozialpädagogischen Praxis gerecht zu werden. Das pädagogische Ziel des Gesamtkonzeptes des Bildungsganges ist es, die Auszubildenen zu handlungskompetenten Erziehern und Erzieherinnen zu qualifizieren. Die Ausbildung soll von den Lernenden als Entwicklungsprozeß verstanden werden “an dessen Ende sozialpädagogische Fachkräfte stehen, die über zentrale Fähigkeiten zur Bewältigung beruflicher Aufgaben verfügen” (KRÜGER 1995,48). Darüber hinaus wird von den Erziehern und Erzieherinnen eine Berücksichtigung zeitgeschichtlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und deren Veränderung erwartet. Sie sollen sich über den einmal erreichten beruflichen Abschluß hinaus selbständig mit neuen gesellschaftlichen Situationen auseinandersetzen (können). Zur beruflichen Kompetenz gehört ebenfalls der Erwerb von sozialpädagogischen Handlungskompetenzen in nicht ausbildungsimmanenten Arbeitsfeldern (vgl. HIELSCHER 1998, 79). Mit dem Ziel, die berufliche Kompetenz zu optimieren, wurde die Ausbildung bzw. die Lehrpläne in vier Phasen unterteilt und der gesamte Ausbildungsgang fachübergreifend organisiert.

Das Fach Sport/Bewegungserziehung ist im Bildungsgang formal festgeschrieben. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, daß dem Fach alleinige Kompetenz für die berufliche Qualifizierung im Bereich Sport/ Bewegungserziehung zugewiesen wird. Das Fach wird in zwei Bereiche differenziert: es soll berufsqualifizierende und allgemeinbildende Aufgaben – die Lernenden sind selbst Adressaten von Bewegung und Sport – übernehmen. “Priorität gegenüber allgemeinbildenden Anliegen besitzt jedoch die berufsbezogene Kompetenzvermittlung” (MINISTERIUM FÜR ARBEIT, GESUNDHEIT UND SOZIALES NRW 1994, 246). Im Lehrplan ist verankert, daß die Sportlehrkräfte die Lernenden in der jeweiligen sozialpädagogischen Praxis (Praktika) vor Ort betreuen und beraten. Das Ausbildungsdeputat umfaßt drei Wochenstunden und erhält einen gleichberechtigten Stellenwert im Fächerkanon. Zudem wird die bewegungsorientierte Ausbildung mit dem Fach Rhythmik [d1] [d2] [d3]um eine Wochenstunde erweitert.

Der Inhalt des Lehrplans wurde nicht nach Sportarten und Sportspielen systematisiert, sondern er unterscheidet nach Themenbereichen/Themen und didaktisch - methodischen Hinweisen. Dementsprechend werden Sportarten und Sportspiele danach befragt, was sie konkret zur Bearbeitung eines Themas leisten können. Die Strukturierung der Ausbildung zielt nicht auf eine Spezialisierung nach Berufsfeldern oder Adressatengruppen der pädagogischen Arbeit von Erziehern und Erzieherinnnen in den unterschiedlichen Praxisfeldern ab. Im Vordergrund steht vielmehr eine breite Verfügbarkeit (vgl. HIELSCHER, 1998, 81).

Ohne an dieser Stelle noch weiter auf inhaltliche oder methodische Schwerpunkte in der Erzieherausbildung einzugehen, kann generell gesagt werden, daß die neue Konzeption des Faches Sport/Bewegungserziehung für die Fachschule für Sozialpädagogik in NRW im Vergleich zu dem vorläufigen Lehrplan aus dem Jahre 1971, der bis Mitte 1994 Gültigkeit besaß, eine quantitative und qualitative Erweiterung der Rahmenbedingungen bedeutet. Die Bedeutung der Bewegungserziehung in der Ausbildung für Erzieher und Erzieherinnen hat erheblich zugenommen und Bewegungserziehung hat eine Gleichstellung zum übrigen Fächerkanon erfahren.

Zudem läßt sich erkennen, daß in der Neuordnung dem Umstand Rechnung getragen wurde, daß die Betätigungsfelder von Erziehern und Erzieherinnen vielfältiger geworden sind. Desweiteren läßt sich erkennen, daß Erzieher und Erzieherinnen nicht mehr ausschließlich auf den ‚Kindergartenbereich‘ hin ausgebildet werden und sie deshalb in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt werden (können).

Inwieweit dieser erweiterte Einsatz wünschenswert und ob dieser Wandel inhaltlich oder aber finanziell bzw. arbeitsmarktpolitisch begründet ist, sei an dieser Stelle zunächst nebensächlich. Aus sportpädagogischer Sicht kann festgehalten werden, daß dem Sport, der Bewegung in der Ausbildung von Erziehern/ Erzieherinnen mit der Neuordnung eine wesentlich größere Bedeutung beigemessen wird, als es bisher der Fall war.

3.7.2 Sport in der Ausbildung zum Diplom-Päd­agogen

(exempla­risch betrachtet an Hand der Studienordnung für den Diplomstudiengang Erziehungswissenschaften der Univer­sität Bielefeld)

Ein Sportanteil in der Ausbildung zum Diplom-Pädagogen ist laut der o.g. Studienordnung nicht verpflichtend vorgesehen. Als Nebenfächer können nur Psychologie und Soziologie (vgl. UNIVERSITÄT BIELEFELD, 1990 §7 Abs. 2), nicht aber Sport gewählt werden. Obwohl das Lehrangebot ausdrücklich von den Fakultäten für Psychologie und Sportwissenschaften sowie der Fakultät Soziologie gestaltet wird (UNIVERSITÄT BIELEFELD 1990, § 28 Abs. 2), läßt sich in der Ausbildung zum Diplom-Pädagogen nur in zwei von 22 Studienelementen der Sportbezug herstellen. Zum einen hat der Student (freiwillig) die Möglichkeit der Wahl eines Zusatzfaches mit 20 Semesterwochenstunden Umfang aus dem Gesamtangebot der Universität. Andererseits wird Sport auch einmal in einer Studienrichtung als ‚Freizeitpädagogik und Kulturarbeit im Zusammenhang mit Breitensport‘ (vgl. UNIVERSITÄT BIELEFELD 1990, §19 Abs. 2) genannt.

3.7.3 Sport in der Ausbildung zum Diplom –Sozialpädagogen

Als Ziel der Ausbildung zum Diplom-Sozialpädagogen wird in der entsprechenden Studienordnung genannt:

“Die Ausbildung soll den Studierenden ermöglichen, ihre Arbeitskraft in der gegenwärtigen Gesellschaft und innerhalb von Institutionen sozialer Arbeit qualifiziert anzuwenden” (FACHHOCHSCHULE BIELEFELD 1992, Abs. 2.1). Ebenso wie für die Ausbildung der Diplom-Pädagogen gilt auch hier, daß der Sport in der Ausbildung zum Diplom-Sozialpädagogen nicht ausdrücklich vorgesehen ist. Der Student besitzt lediglich die Möglichkeit, einzelne Zusatzfächer (zur “fachlichen und außerfachlichen Abrundung und Ergänzung der Studieninhalte”) zu belegen (FACHHOCHSCHULE BIELEFELD 1992 Abs. 7.1), die jedoch in der Abschlußprüfung bei der Benotung keine Berücksichtigung finden. Auch der unter Absatz 5.3.6 genannte Abschnitt: “[...] soll die Bildung allgemein durch grundlegende, allgemeine, das Fachstudium ergänzende und/oder erleichternde und die Person des Studenten fördernde Veranstaltungen einen gebührenden Platz im Studium haben” (FACHHOCHSCHULE BIELEFELD 1992, Abs. 5.3.6) macht Sport als Ausbildungsinhalt theoretisch möglich; er wird jedoch nicht ausdrücklich genannt.

3.7.4 Sport in der Ausbildung zum Diplom-Sozialarbei­ter

In der Studienordnung für den Studiengang Sozial­arbeit der Fachhochschule Bielefeld wird wie in den o.g. Studiengängen dem Sport keine besondere Bedeutung zugemessen. Allerdings werden hier eine Anzahl von Qualifikationsbereichen genannt, in denen Sportbezüge denkbar wären. Diese sind:

- Freizeitpädagogik und außerschulische Jugendarbeit
- Gesundheitspolitik
- Heilpädagogik (Probleme der Körperbehindertenpädagogik)
- Sozialmedizin (psychomotorische Übungen)

Eine Verbindung zum Sport, die aus sportwissenschaftlicher Sicht hier offensichtlich sein müßte, wird von den Verfassern der Studienordnung nicht hergestellt (vgl. FACHHOCHSCHULE BIELEFELD 1992, 19-33).

3.8 Grundlegendes Anforderungsprofil an Sportanbieter in der offe­nen

Jugendarbeit

Nach den vorangegangenen Ausführungen stellt sich die Frage, welche grundlegenden Fähigkeiten die Sportanbieter in der Jugendarbeit während ihrer Ausbildung erlangen sollten, wenn sie in die Lage versetzt werden sollen, bewegungsorientierte Angebote anbieten zu können. Die folgende Auflistung erhebt keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit. Hierbei handelt es sich um eigene grundlegende Gedanken, die aus methodischen, didaktischen, medizinischen, pädagogischen und zum Teil aus versicherungsrechtlichen Überlegungen resultieren:

- der Sportanbieter muß Kenntnisse hinsichtlich sporttheoreti­scher Grund­la­ge

besitzen

- über Wissen der sozialen Funktionen des Sports verfügen
- ein Grundwissen über die motorische Entwicklunge sowie über motori­sche

Defizite haben

- Möglichkeiten der Gesundheitsförderung durch Sport sowie die Gefahren des Sports kennen
- grundlegende medizinische Kenntnisse besitzen
- Sport als Medium der Freizeitgestaltung erkennen und um die

Zusammenhänge zwischen Sportarten und Teilnehmerinteressen wissen

- Sicherheitsvorschriften kennen
- sich über seine Zielsetzung im Sport im Klaren sein
- Grundlegendes Wissen über Sportverletzungen, ihre Ver­meidung und

‚Erste Hilfe‘ besitzen

- Kenntnisse über die Handhabung von Sportgeräten besit­zen sowie über deren ‚artfremde' Ein­satzmöglichkeiten haben
- die Nutzungsmöglichkeiten von Sporthallen und -plätzen etc. kennen
- eigene Bewegungserfahrungen besitzen
- adressatenbezogene Sportangebote planen und durchführen können
- Informationen über mögliche Anlaufstellen, Beratungsangebote und Weiterbildungsmaßnahmen besitzen
- flexibel auf sich ändernde Besucherstrukturen und Interessenslagen reagieren können.

3.9 Abschließende Betrachtung

Betrachtet man die Ausbildungsinhalte für die Mitarbeitergruppen in Bezug auf den Sport, so fällt die defizitäre Lage auf.

Einzig die Erzieher erhalten eine Ausbildung mit sportbezogenen Inhalten, die allerdings in keinem Verhältnis zu den Arbeitsanforderungen in Jugendzen­tren steht.

Die Diplom-Pädagogen können bei eigenem Interesse in geringem Umfang sportliche Inhalte in ihre Ausbildung mit aufnehmen.

Aus sportpädagogischer Sicht wirkt es befremdlich, daß in den oben genannten pädagogischen Berufsausbildungen z.T. Bereiche wie Medienpädagogik, Museumspädagogik, Heil­pädagogik oder Kunstpädagogik in den Fächerkanon der Aus­bildung aufgenommen worden sind, der Sportpäd­agogik aber keine Bedeutung beigemessen wird.

Nachdem dem Sport eine hohe pädagogische Bedeutung in der Jugendarbeit von verschiedenen Seiten zugesprochen wird (vgl. KJHG; empirische Untersuchung Teil II) und Sport, Bewegung und Körper für Kinder und Jugendliche von zentraler Bedeutung in ihrer Entwicklung sein können, scheint die Forderung nach Aufnahme sportrelevanter Themen in die Ausbildung der entsprechenden Berufe zumindest optional, wenn nicht sogar verpflichtend wünschenswert.

[...]


1 “Das Abweichen von der gesell­schaftlichen Norm in Fällen körperlicher oder geistiger Minder­wertigkeit, Kriminalität u.a. wurde als Hilfsbedürftig definiert" (Bierhoff 1983, 63)

2 Heime, die für jeden jugendlichen Besucher zugänglich sein müssen

3 Zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Frankfurter Lehr- und Praxiskommentars waren in den Ausschüssen des Bundestags die letzten Änderungen zum KJHG beschlossen worden. Diese Änderunegn sollten am 01.01.1999 in Kraft treten. Aus diesem Grund ergeben sich Diskrepanzen zwischen der Nennung des KHJG mit Stand 1999 und der Quellenangabe 1998.

[4] Angebote wie: Kanutreffs, Felsklettern, Bikertreffs, offene Sporttreffs, etc.

Ende der Leseprobe aus 133 Seiten

Details

Titel
Bewegungsorientierte Jugendarbeit - eine Analyse der Möglichkeiten, Grenzen und der Strukturellen Voraussetzungen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät Pädagogik)
Note
1,7
Autor
Jahr
1999
Seiten
133
Katalognummer
V219
ISBN (eBook)
9783638101653
Dateigröße
765 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit gibt Hintergrundwissen für die Umsetzung von Sportangeboten in der offenen Jugendarbeit. Es handelt sich hierbei nicht um eine Gebrauchsanweisung für praktische Angebote.
Schlagworte
Sport/Pädagogik/Jugendarbeit
Arbeit zitieren
Dipl. Dirk Frommann (Autor), 1999, Bewegungsorientierte Jugendarbeit - eine Analyse der Möglichkeiten, Grenzen und der Strukturellen Voraussetzungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/219

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