Jenseits von Pessimismus und Postmoderne. Über die Reichweite der Technik im Werk Georg Simmels.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ausgangslage: Die Tragödie der Kultur
2.1. Zwei Kulturen im Widerstreit
2.2. Kulturkrisen

3. Von Mitteln und Zwecken
3.1. Exkurs 1: Immanuel Kant
3.2. Technik als Mittel zum Zweck
3.3. Potenzierung der Mittel
3.4. Umbrüche

4. Maschinentechnik und Produktion
4.1. Exkurs 2: Karl Marx und die „Arbeitsmaschinen“
4.2. Entfremdung und die Autonomie der Dinge

5. Körpertechnik

6. Technik als Begriffssystem

7. Lebenstechnik

8. Ausblicke.

ALLES Erworbne bedroht die Maschine, solange

sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein.

(...)

Sie ist das Leben, - sie meint es am besten zu können,

die mit dem gleichen Entschluß ordnet und schafft

und zerstört.

Rilke; Sonette an Orpheus, 2:X

1. Einleitung

Technik ist seit jeher ein zutiefst vieldeutiges Phänomen und es verwundert keineswegs, wie sehr die Abschätzungen ihrer Geltung variieren. Sie wurde bisweilen als unberechenbare fremde Macht dämonisiert, die dem Menschen nicht mehr als bloße Sklavendienste lässt oder sie als Heilsversprechen glorifiziert, mit dessen Hilfe die Natur unterworfen, lästige körperliche Arbeit abgeschafft und Krankheiten völlig beseitigt werden könnten.

Zwischen diesen Polen ordnen sich die gängigen Argumentationen ein, dabei unterscheidet sie die jeweilige Gewichtsverlagerung nach der einen oder anderen Seite. Der kantisch geprägte Philosoph und Mitbegründer der Soziologie, Georg Simmel, dessen Schriften maßgeblich von kultur- und gesellschaftskritischen Tendenzen des frühen 20. Jahrhunderts geprägt sind, zeigt denn auch in seinen Beschreibungen zur Technik eine für diese Epoche typische Grundhaltung, wenn es um die massiven Auswirkungen derselben auf die Effizienz von Arbeitsabläufen bzw. auf das Seelenleben des modernen Bürgers geht. Diese Arbeit versucht nachzuweisen, dass Simmel es bei dieser Typik nicht uneingeschränkt belässt und warum seine streckenweise Züge des postmodernen Technikdiskurses tragen.

Methodisch erweist sich dieses Unterfangen, vor allem bedingt durch Simmels selten systematisch und explizit vollzogene Analysen zu unserem Gegenstand der Untersuchung, als schwierig. Durch selektiven Zugriff auf eine Vielzahl der Texte des deutschen wird versucht, das Phänomen Technik in seinen verschiedenen Kontexten zu beleuchten, um letztlich eine möglichst präzise Darstellung explizieren zu können.

Obwohl sich dabei ein essayistischer Stil nahezu aufdrängt, orientiert sich dieser aber an Simmels eigener Methodik: Selten nur finden sich Verweise innerhalb seiner Texte, rar sind Nennungen von Autoren, gegen die er opponiert. Vielfach bemerkt der Leser persiflierte, zugespitzte Gedankengänge anderer Schriftsteller, deren Ideen vielerorts in Zusammenhängen bloß anklingen und oftmals resümierend diskutiert werden. Dabei scheint jedoch immer wieder die Bereitschaft zu äußerst präzisen Bestimmungen durch, die sich auf ein breites Spektrum an Argumenten und Beobachtungen stützen ohne jedoch auf einem einzelner Beobachtungsstandpunkt zu verweilen. Simmel zeigt sich als ein unruhiger Denker, der sich auf stets neuen Wegen und aus anderen Blickwinkeln seinen Problemen stellt, sie dabei aber nicht verstellt.

Inhaltlich gliedert sich diese Arbeit wie folgt: Zunächst wird auf die ´klassische´, vor allem an Immanuel Kant angelehnte, Bestimmung von Technik als Mittel zu vielfältigen Zwecken eingegangen. In einem weiteren Schritt eröffnet sich uns der maschinenhafte Charakter der Technik und es wird die Frage zu beantworten sein, welche Rolle Simmel Maschinen zuordnet und wie er den Umgang bzw. das Zusammenspiel der Menschen mit ihnen deutet. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf den durch technische Entwicklungen sich massiv ändernden Arbeitsbedingungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die ihrerseits Entfremdungseffekte zeitigen, welche Simmel detail- und kenntnisreich schildert.

Die daran anschließenden Kapitel weisen auf für die damalige Zeit mehr oder minder wenig diskutierte Aspekte von Technik hin, wobei aufgrund der spärlichen Materiallage die Ausführungen zu diesen simmelschen Deutungsversuchen kürzer ausfallen: Welche lebensweltliche Bedeutung Körper techniken zukommt, inwiefern Begriffsysteme technisch fundiert sein können und warum das Sprechen über Lebens technik heute nicht weniger prekär ist, als damals, hat Simmel auf seine Weise beantwortet. Unsere einführender Ausblick auf den simmelschen Technikbegriff sei damit vervollständigt und abgerundet.

Der Weg zur Technik führt zunächst über einen krisenhaften Umweg ...

2. Ausgangslage: Die Tragödie der Kultur

Die Entfaltung der Frage nach der Bedeutung von ´Technik´ bedarf zunächst einer Darstellung jener Merkmale menschlichen Lebens, die Simmel zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu der These einer „Tragödie“[1] der Kultur verdichtet hat. Ohne zuvor signifikante zeitkritische Ideen des deutschen Soziologen skizziert zu haben, bleiben die späteren Ausführungen zumindest teilweise unverständlich, da ihnen der nötige Bezugsrahmen fehlt.

2.1. Zwei Kulturen im Widerstreit

Da die Humangeschichte[2] zugleich auch Kulturgeschichte ist, begleitet den Menschen seit jeher ein spannungsreiches Verhältnis auf seinem Weg. Er findet sich als schöpferisches Subjekt vor, dass ständig umgeben ist von den Dingen ´seines´ Schaffens, von einer Vielfalt an Erzeugnissen, welche ihm selbst nicht unmittelbar zugehören, ihm entgegengesetzt sind.[3] Die Dynamik des kulturellen Fortschritts spiele sich auf einem unruhigen Feld ab, das seine Spannung durch die Korrelation der Begriffe ´Subjekt´ und ´Objekt´ erhält: Sinnvoll seien beide jedoch allein durch den jeweiligen Gegenüber (vgl. GW, 14:390) und nur im Widerspiel dieser Gegensätze, über den „Umweg“ seiner fremd gewordenen Objektivationen wird es dem Menschen möglich, sich selbst zu kultivieren, sich selbst zu entfalten: „Wir bilden uns aus, (...) indem wir die Dinge ausbilden“ (GW, 5:563)[4].

Eine weitgehende Differenzierung der Kulturgüter wie auch der beständige Wandel der Kulturformen dient dazu, die Persönlichkeit auszubilden, die Seele zu vollenden.[5] Diese Denkstruktur mit ihrer Annahme einer gegenseitigen Wertsteigerung von Subjekt und Objekt verweist auf jene Denktraditionen, denen sich Simmel verpflichtet zeigt: Die Ausrichtung seines Kulturbegriffes am Bildungsideal des 19. Jahrhunderts und der Rückgriff auf vom Evolutionismus geprägtes Gedankengut im Sinne Darwins haben seine Vorstellung bezüglich Genese und Ziel von Kultur maßgeblich beeinflusst. Der Mensch setzt zunächst allein frei, was als Möglichkeit je schon latent in ihm vorhanden bzw. angelegt ist.[6] „Dominierender Endzweck“ (GW, 8:372) sei dabei die subjektive Kultur, deren Ausbildung und eventuelle Vollendung stets über das Verhältnis des Subjekts zu den umweltlichen Dingen verläuft: Ohne deren materiale Fremdheit bleibt Personalität undenkbar.[7] Die objektiven Güter stellen Ausprägungen der menschlichen Innerlichkeit dar, die Dinge fungieren als „Körper für die gleiche Entfaltung unserer Energieen“ (GW, 5:561). Jene spannungsreiche Entwicklung der Individualisierung, jener Werterhöhungsprozess, der die unstete Relation Mensch-Ding kennzeichnet[8], unterliegt in der Moderne mehr und mehr einer signifikanten Verschiebung. Ein „besonderes Verhältnis“ (ebd.) der zwei so unterschiedlichen Kulturen zueinander soll es sein, eines, dessen Eigentümlichkeiten das Selbstverständnis eines jeden modernen Bürgers bis heute maßgeblich formiert.

2.2. Kulturkrisen

Was aber, wenn als Kennzeichen der Moderne objektive Kulturmöglichkeit und subjektive Kulturwirklichkeit auseinander treten und zwar derart, dass eine gegenseitige Wertsteigerung unmöglich zu werden scheint und diese Tragödie paradoxer Weise unvermeidlich zum Kulturbegriff zu gehören scheint?

Technische Errungenschaften, die fortschreitende Arbeitsteilung wie auch Entwicklungen der Rechts- bzw. Wirtschaftsordnungen sorgen für ein diskrepantes Verhältnis des Menschen zu seinen Erzeugnissen. Zwar konstatiert Simmel der Kultur eine generelle Entfremdungstendenz, jedoch bleibe die kulturelle Steigerung des Bürgers der Moderne in besonders prekärem Maße hinter der der Dinge zurück. Letztere seien inzwischen „unsäglich kultiviert“ (GW, 5:561) bzw. ausdifferenziert, wobei die Kultur der Individuen keineswegs in „demselben Verhältnis vorgeschritten“ (Ebd.) sei.[9] Den Subjekten fällt es mitunter schwerer, sich mit einer ausufernden Vielzahl objektiver Kulturgebilde inhaltlich auseinander zu setzen: Die Produkte lassen in ihrer schieren Zahl nicht zu, überhaupt von einer Person gänzlich ausgeschöpft zu werden, denn „die Leistung der Elemente steigt in jenen Gesammtbesitz auf, aber dieser nicht zu jedem Element hinab“ (GW, 5:564). Persönlich relevant werden könne nunmehr ein geringer Teil aller Kulturelemente.[10] Daher auch das Gefühl des „erdrückt seins“ (vgl. GW, 13:192) des Menschen, der weder die Dinge „innerlich assimilieren, noch sie ... einfach ablehnen kann“ (Ebd.). Die Objekte folgen einer Eigenlogik, die sich dem direkten Zugriff entzieht, sie biegen von der Richtung ab, „mit der sie sich der personalen Entwicklung menschlicher Seelen einfügen könnten“ (GW, 14:410).

[...]


[1] GW, 14:385. Textzitate aus den gesammelten Werken Georg Simmels werden fortan mit „GW“ nebst Seitenzahl des betreffenden Bandes abgekürzt nachgewiesen.

[2] Simmel wählt zur Beschreibung des Grundverhältnisses, welches die Gestalt jeder Kultur bestimmen soll, changierende Begrifflichkeiten. Aus welchen Gründen mal von „persönlicher“ und „sachlicher“ (vgl. GW, 5:560 ff.) Kultur bzw. von „Leben“ und „Form“ (vgl. GW, 16:181 ff.) die Rede ist, bedürfte einer eigenen Untersuchung, die hier nicht geleistet werden kann. Angemerkt sei, dass der späte Simmel den Topos des „Lebens“ von Henri Bergson entlehnt und für seine eigene Theorie fruchtbar gemacht hat. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen Bevers 1985:172 sowie Jung 1990:111 auf. Wir stützen uns in dieser Arbeit auf die Differenz von ´subjektiver´ und ´objektiver´ Kultur, die immer wieder, nicht nur in älteren Schriften, ihren Ort in den Ausführungen des deutschen Denkers hat.

[3] Kulturinhalte im weitesten Sinne werden bei Simmel, freilich mit Anklängen an Hegel, als der Region des ´objektiven Geistes´ zugehörig angesehen. Vgl. auch GW, 6:627f.; Jung 1990:154f.

[4] Kurz: Kultur sei als „Weg von der geschlossenen Einheit durch die entfaltete Vielheit zur entfalteten Einheit“ anzusehen. Dazu GW, 16:205; GW, 14:387. Vgl. dazu auch GW, 5:560; GW, 8:368; GW, 14:390+401; Bevers 1985:168f.

[5] Vgl. GW, 13:190.

[6] Vgl. GW, 8:366 bzw. 367f.; GW, 14:388 bzw. 403.

[7] Bereits hier wird deutlich, dass Simmel das Feld der `Kultur´ gänzlich als Entfremdungsverhältnis deutet und damit seinen Betrachtungen einen genuin pessimistischen, ja tragischen Grundzug verleiht. Siehe Kapitel 4.

[8] Dieser Annahme entstammen zwei stereotypische Charaktere, deren Verhältnis zur Kultur brüchig da zutiefst einseitig sei. Der stets nach Seelenheil strebende „Säulenheilige“ wie auch der „im Fachfanatismus eingeschlossene Spezialist“ laufen dem synthetischen Charakter kultureller Entwicklung zuwider, da sie einer der beiden Seiten, also Subjekt bzw. Objekt den entschiedenen Vorzug geben würden. Vgl. GW, 14:399f. Positiver Gegenentwurf und Sinnbild einer gelungenen Wechselwirkung zwischen beiden Kulturen sei nach Simmel das Genie, da in ihm „diese beiden Strömungen eine einzige“ seien (GW, 14:397). Als Prototyp dafür sei auf Goethe hingewiesen, dem Simmel zu Lebzeiten zahlreiche Aufsätze gewidmet hat. Siehe auch die Anmerkungen Simmels zur Vornehmheit (GW, 10:382), die in besonderem Maße dem Genie zukommt.

[9] In Simmels späterer, eher lebensphilosophisch geprägten Schrift „Der Konflikt der modernen Kultur“ (vgl. GW 16) wird dieses Verhältnis zugunsten des Lebens gedeutet: Die „eigenen festgewordenen Erzeugnisse“, die mit diesem Leben „nicht mitkommen“ (ebd., 185) können, sind zwar immer noch einer latent oppositionellen Region, der der Objekte, zugeordnet, aber das Grundverhältnis des Menschen zu seinen Errungenschaften scheint von Simmel hier erkennbar korrigiert worden zu sein.

[10] Vgl. GW 5:562.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Jenseits von Pessimismus und Postmoderne. Über die Reichweite der Technik im Werk Georg Simmels.
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Philosophie)
Veranstaltung
Die Lebensphilosophie in ihrer Zeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V22507
ISBN (eBook)
9783638258142
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem simmelschen Technikbegriff, dessen Relevanz auch für das heutige Denken nichts an Brisanz eingebüsst hat. Ich versuche zu zeigen, inwiefern Simmel zwar pessimistische Zeitanalysen vorbringt, diese aber durchaus Züge eines postmodernen Technikdiskurses tragen und er nicht ohne weiteres allein Denker seiner war, sondern auch unserer Zeit sein kann.
Schlagworte
Jenseits, Pessimismus, Postmoderne, Reichweite, Technik, Werk, Georg, Simmels, Lebensphilosophie, Zeit
Arbeit zitieren
Marcus Reiß (Autor), 2003, Jenseits von Pessimismus und Postmoderne. Über die Reichweite der Technik im Werk Georg Simmels., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22507

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