Die Mediamalaise-Forschung gehört in den USA zu den etablierten Forschungssträngen der Kommunikationswissenschaft. Hierbei wird die Wirkung von Medien auf Verhalten und Einstellungen zu politischem Geschehen ebenso untersucht wie die Wirkung von Medien auf die Politische Kultur. Im Jahr 1975 wurde dieser Ansatz der Mediamalaise durch eine Studie von Michael Robinson erweitert: der Begriff der Videomalaise wurde geschaffen. Hierbei wird die spezielle Wirkung des Fernsehens auf die Haltung der Bürger gegenüber Politik untersucht. Oder, um die These differenzierter aufzuzeigen, es wird unterstellt, dass Fernsehkonsum Einfluss auf Zynismus und politische Entfremdung hat. Inwieweit diese These für die USA und deren Bürger haltbar ist, wird in einem Teil dieser Arbeit kurz erläutert. Hauptaufgabe dieser Arbeit ist es jedoch, aufzuzeigen, ob es in der Bundesrepublik Deutschland Videomalaise gibt, wie diese ausgeprägt ist und welche Merkmale sie trägt. Dazu werden zunächst die Grundzüge der Video-Malaise-Theorie dargelegt und durch den Forschungsstand in den USA ergänzt. Anschließend werden die Formen und Merkmale von Politikverdrossenheit erläutert. Um die Theorie der Videomalaise auf die Bundesrepublik anwenden und dementsprechend bestätigen oder widerlegen zu können, werden nach einem kurzen Überblick über den Forschungsstand zu dieser Thematik Studien von Christina Holtz-Bacha und Jens Wolling vorgestellt und entsprechend der Fragestellung ausgewertet. Dies geschieht durch Vorstellung des Forschungsdesigns, Präsentation der Ergebnisse und abschließender Bewertung Hierbei wird sich zeigen, dass eine notwendige Differenzierung zwischen Dauer, Häufigkeit und Intensität des Medienkonsums und den Inhalten der konsumierten Medien vorgenommen werden muss. Die Begründung dieser wichtigen Differenzierung wird ebenfalls erläutert.
Da ein politisches System nur dauerhaft bestehen und funktionieren kann, wenn die politische Kultur dieses unterstützt, ist die Frage nach der Existenz von Videomalaise in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht interessant, sondern auch von politikwissenschaftlicher Bedeutung. Verbreitet sich in der Bevölkerung Politikverdrossenheit und gewinnt diese mehr und mehr an Bedeutung, so ist das politische System gefährdet. Sollte sich also herausstellen, dass das Fernsehen Politikverdrossenheit fördert oder hervorruft, kann darin eine mehr oder weniger bedrohliche Demokratiegefährdung gesehen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Videomalaise-Theorie
2.1 Die Studie von Robinson – Einführung der Videomalaise
2.2 Die Videomalaise-Forschung nach Robinson in den USA
3 Formen und Merkmale von Politikverdrossenheit
3.1 Politische Entfremdung
3.2 Partizipation
3.3 Zynismus
4 Das Medium Fernsehen
4.1 Warum hat das Fernsehen eine besondere Bedeutung?
4.2 Notwendige Differenzierungen des Fernseh-Konsums
5 Studien zur Videomalaise in der Bundesrepublik Deutschland
6 Studie von Christina Holtz-Bacha
6.1 Design der Studie
6.2 Mediennutzung und politische Entfremdung
6.3 Mediennutzung, politische Entfremdung und Partizipationsbereitschaft
6.4 Nutzungsmuster
6.5 Ergebnis und Bewertung
7 Studie von Jens Wolling
7.1 Design der Studie
7.1.1 Einstellungen zu Politik
7.1.2 Politische Partizipation
7.1.3 Weitere Faktoren
7.1.4 Mediennutzungsverhalten
7.1.5 Inhaltsanalysen
7.1.6 Nicht mediale Erfahrungen
7.2 Ergebnisse der Studie
7.2.1 Politische Einstellungen
7.2.2 Politische Partizipation
7.2.3 Mediennutzungsverhalten
7.2.4 Zusammenhang zwischen Mediennutzungsverhalten und politischer Orientierung
7.2.5 Bewertung der Ergebnisse
8 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, ob in der Bundesrepublik Deutschland eine sogenannte Videomalaise existiert, also ob der Fernsehkonsum nachweislich negative Auswirkungen auf die politische Einstellung der Bürger hat. Ziel ist es, diese These kritisch zu hinterfragen, bestehende Studien zu evaluieren und den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Politikverdrossenheit unter Berücksichtigung differenzierter Faktoren zu analysieren.
- Videomalaise-Theorie nach Michael J. Robinson
- Formen und Merkmale von Politikverdrossenheit
- Differenzierung des Fernsehkonsums (Inhalte und Nutzungsmuster)
- Evaluierung der Studien von Christina Holtz-Bacha und Jens Wolling
- Einfluss von Medienberichterstattung auf die politische Kultur
Auszug aus dem Buch
Die Videomalaise-Theorie
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte der amerikanische Politikwissenschaftler Michael J. Robinson den Begriff der Videomalaise ein. Dieser Begriff ist verbunden mit der These, dass besonders das Fernsehen negative Wirkungen auf politische Einstellungen hat. Vorausgegangen sind der Entwicklung dieser These Studien, die gezeigt haben, dass das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in ihre politischen Institutionen kontinuierlich sinkt, während deren Fernsehkonsum stetig steigt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Videomalaise-Forschung und Darlegung der zentralen Forschungsfrage für die Bundesrepublik Deutschland.
2 Die Videomalaise-Theorie: Vorstellung der ursprünglichen Theorie von Michael J. Robinson und deren kritische Einordnung in den US-amerikanischen Kontext.
3 Formen und Merkmale von Politikverdrossenheit: Erläuterung der theoretischen Komponenten wie politische Entfremdung, Partizipation und Zynismus als Indikatoren für eine Malaise.
4 Das Medium Fernsehen: Diskussion über die besondere Rolle des Fernsehens bei der politischen Meinungsbildung und die Notwendigkeit, zwischen verschiedenen Konsumweisen zu unterscheiden.
5 Studien zur Videomalaise in der Bundesrepublik Deutschland: Ein kurzer Überblick über den bisherigen Forschungsstand und die Auseinandersetzung mit verschiedenen deutschen Studien.
6 Studie von Christina Holtz-Bacha: Detaillierte Analyse des Studiendesigns und der Ergebnisse zur Mediennutzung und politischen Entfremdung in Deutschland.
7 Studie von Jens Wolling: Untersuchung einer weiteren, methodisch erweiterten Studie, die versucht, Schwachstellen vorangegangener Analysen durch die Einbeziehung nicht-medialer Erfahrungen zu beheben.
8 Fazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Beantwortung der Ausgangsfrage zur Existenz einer Videomalaise in Deutschland.
Schlüsselwörter
Videomalaise, Politikverdrossenheit, Fernsehkonsum, Politische Entfremdung, Mediennutzung, Politische Kultur, Politische Kommunikation, Institutionenvertrauen, Forschungsdesign, Medieninhalte, Kausalität, Politische Partizipation, Demokratiegefährdung, Deutschland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen These, ob der Fernsehkonsum negative Auswirkungen auf die politischen Einstellungen der Bürger, wie Vertrauen oder Interesse an Politik, hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Politikverdrossenheit, politische Entfremdung sowie der Einfluss von Medieninhalten und spezifischen Nutzungsmustern auf die Wahrnehmung politischer Prozesse.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Widerlegung oder Bestätigung der Videomalaise-Theorie für die Bundesrepublik Deutschland durch die kritische Auswertung empirischer Studien.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Sekundäranalyse von Forschungsdaten, insbesondere die Studien von Christina Holtz-Bacha und Jens Wolling, die Umfragedaten mit Inhaltsanalysen verknüpfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Politikverdrossenheit und die detaillierte Vorstellung und Auswertung zweier maßgeblicher deutscher Studien zum Zusammenhang von Mediennutzung und politischer Orientierung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Videomalaise, Politikverdrossenheit, politische Entfremdung sowie die Differenzierung zwischen Unterhaltungs- und Informationsmedien.
Warum ist laut der Arbeit eine Differenzierung des Fernsehkonsums so wichtig?
Eine pauschale Betrachtung des Mediums Fernsehen greift zu kurz; erst die Unterscheidung zwischen unterhaltenden und informierenden Inhalten ermöglicht es, kausale Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und politischer Malaise empirisch sauber zu prüfen.
Welches Fazit ziehen die untersuchten Studien bezüglich der Videomalaise in Deutschland?
Die Studien kommen zu dem Schluss, dass keine direkte Videomalaise in der Bundesrepublik Deutschland nachweisbar ist; politische Malaise kann nicht allein dem Medium Fernsehen angelastet werden.
- Arbeit zitieren
- Eva Thiel (Autor:in), 2004, Video-Malaise in der Bundesrepublik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22728