Video-Malaise in der Bundesrepublik?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

24 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Videomalaise-Theorie
2.1 Die Studie von Robinson – Einführung der Videomalaise
2.2 Die Videomalaise-Forschung nach Robinson in den USA

3 Formen und Merkmale von Politikverdrossen- heit
3.1 Politische Entfremdung
3.2 Partizipation
3.3 Zynismus

4 Das Medium Fernsehen
4.1 Warum hat das Fernsehen eine besondere Bedeutung?
4.2 Notwendige Differenzierungen des Fernseh- Konsums

5 Studien zur Videomalaise in der Bundesrepublik Deutschland

6 Studie von Christina Holtz-Bacha
6.1 Design der Studie
6.2 Mediennutzung und politische Entfremdung
6.3 Mediennutzung, politische Entfremdung und Partizipationsbereitschaft
6.4 Nutzungsmuster
6.5 Ergebnis und Bewertung

7 Studie von Jens Wolling
7.1 Design der Studie
7.1.1 Einstellungen zu Politik
7.1.2 Politische Partizipation
7.1.3 Weitere Faktoren
7.1.4 Mediennutzungsverhalten
7.1.5 Inhaltsanalysen
7.1.6 Nicht mediale Erfahrungen
7.2 Ergebnisse der Studie
7.2.1 Politische Einstellungen
7.2.2 Politische Partizipation
7.2.3 Mediennutzungsverhalten
7.2.4 Zusammenhang zwischen Mediennutzungs- verhalten und politischer Orientierung
7.2.5 Bewertung der Ergebnisse

8 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Selbstständigkeitserklärung

1 Einleitung

Die Mediamalaise-Forschung gehört in den USA zu den etablierten Forschungssträngen der Kommunikationswissenschaft. Hierbei wird die Wirkung von Medien auf Verhalten und Einstellungen zu politischem Geschehen ebenso untersucht wie die Wirkung von Medien auf die Politische Kultur. Im Jahr 1975 wurde dieser Ansatz der Mediamalaise durch eine Studie von Michael Robinson erweitert: der Begriff der Videomalaise wurde geschaffen. Hierbei wird die spezielle Wirkung des Fernsehens auf die Haltung der Bürger gegenüber Politik untersucht. Oder, um die These differenzierter aufzuzeigen, es wird unterstellt, dass Fernsehkonsum Einfluss auf Zynismus und politische Entfremdung hat. Inwieweit diese These für die USA und deren Bürger haltbar ist, wird in einem Teil dieser Arbeit kurz erläutert. Hauptaufgabe dieser Arbeit ist es jedoch, aufzuzeigen, ob es in der Bundesrepublik Deutschland Videomalaise gibt, wie diese ausgeprägt ist und welche Merkmale sie trägt.

Dazu werden zunächst die Grundzüge der Video-Malaise-Theorie dargelegt und durch den Forschungsstand in den USA ergänzt. Anschließend werden die Formen und Merkmale von Politikverdrossenheit erläutert. Um die Theorie der Videomalaise auf die Bundesrepublik anwenden und dementsprechend bestätigen oder widerlegen zu können, werden nach einem kurzen Überblick über den Forschungsstand zu dieser Thematik Studien von Christina Holtz-Bacha und Jens Wolling vorgestellt und entsprechend der Fragestellung ausgewertet. Dies geschieht durch Vorstellung des Forschungsdesigns, Präsentation der Ergebnisse und abschließender Bewertung Hierbei wird sich zeigen, dass eine notwendige Differenzierung zwischen Dauer, Häufigkeit und Intensität des Medienkonsums und den Inhalten der konsumierten Medien vorgenommen werden muss. Die Begründung dieser wichtigen Differenzierung wird ebenfalls erläutert.

Da ein politisches System nur dauerhaft bestehen und funktionieren kann, wenn die politische Kultur dieses unterstützt, ist die Frage nach der Existenz von Videomalaise in der Bundesrepublik Deutschland nicht nur aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht interessant, sondern auch von politikwissenschaftlicher Bedeutung. Verbreitet sich in der Bevölkerung Politikverdrossenheit und gewinnt diese mehr und mehr an Bedeutung, so ist das politische System gefährdet. Sollte sich also herausstellen, dass das Fernsehen Politikverdrossenheit fördert oder hervorruft, kann darin eine mehr oder weniger bedrohliche Demokratiegefährdung gesehen werden.

Ob diese Gefährdung besteht, lässt sich nur zeigen, wenn zuvor untersucht wurde, ob dem Fernsehen eine solche Wirkung und ein solch hohes Maß an Einfluss überhaupt zugeschrieben werden kann. Hierüber werden die vorgestellten Untersuchungen und die Bewertung ihrer Ergebnisse Aufschluss geben. Da das Medium Fernsehen weit verbreitet ist, große Bevölkerungsgruppen erreicht und diesen unterstellten negativen Einfluss entsprechend ausüben könnte, ist die Fragestellung nicht nur aktuell, sondern deren Beantwortung auch wichtig für die Bewertung der Stabilität des politischen Systems.

2 Die Videomalaise-Theorie

In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte der amerikanische Politikwissenschaftler Michael J. Robinson den Begriff der Videomalaise ein. Dieser Begriff ist verbunden mit der These, dass besonders das Fernsehen negative Wirkungen auf politische Einstellungen hat.[1] Vorausgegangen sind der Entwicklung dieser These Studien, die gezeigt haben, dass das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in ihre politischen Institutionen kontinuierlich sinkt, während deren Fernsehkonsum stetig steigt.[2]

2.1 Die Studie von Robinson – Einführung der Videomalaise

Robinson zeigt in seiner Studie drei Faktoren auf, die seiner Meinung nach einen kausalen Zusammenhang zwischen diesen beiden Entwicklungen (Fernsehkonsum und Misstrauen gegenüber der Politik) herstellen. Zum einen erreicht das Fernsehen ein großes Publikum, das zu einem großen Teil aus Bürgern besteht, die sonst nicht mit politischen Informationen versorgt würden. Zum anderen schreibt dieses Publikum dem Gesehenen und Gehörten einen hohen Grad an Glaubwürdigkeit zu. Da diese Nachrichten und politischen Informationen häufig eine starke negative Einfärbung haben - dies ist der dritte Faktor – werden auch die politischen Einstellungen der Konsumenten negativ geprägt.

Spätere Studien zeigen jedoch, dass die von Robinson entwickelten Kausalzusammenhänge unzureichend belegt sind. Christina Holtz-Bacha schreibt: „Eine Aussage über die Kausalitätsrichtung erlauben die Daten an keiner Stelle.“[3]

So fehlen in der von Robinson erstellten Studie beispielsweise Variablen, die soziokulturelle Hintergründe berücksichtigen. Des Weiteren werden die Inhalte des konsumierten Programms nur unzureichend beachtet.

2.2 Die Videomalaise-Forschung nach Robinson in den USA

Nach der Studie, die in den siebziger Jahren von Robinson präsentiert wurde, haben sich viele weitere Wissenschaftler mit der Videomalaise beschäftigt, um ihre These zu bestätigen oder zu widerlegen. Dabei wurde versucht, die Mängel, die die Robinson-Studie aufweist, zu beheben. Diese Studien detailliert vorzustellen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Zu nennen sind hier beispielsweise Studien von Leshner und Mckean (1997), Dennis und Chaffee (1978) oder Becker und Preston (1969). Zusammenfassend lässt sich jedoch feststellen, dass es an wirklich überzeugenden empirischen Belegen für die Existenz der Videomalaise mangelt. Eindeutig nachgewiesen ist nur der positive Zusammenhang von häufiger Zeitungsnutzung und hohem Vertrauen in Effektivität von Politik.[4]

3 Formen und Merkmale von Politikverdrossenheit

Um zu zeigen, ob es in der Bundesrepublik Deutschland einen Einfluss des Fernsehens auf die politische Einstellung der Bürger gibt, die der Videomalaise-Theorie folgen, ist es sinnvoll, zunächst die einzelnen Komponenten der Malaise genauer zu betrachten. So kann später deutlicher gezeigt werden, ob und in welchen Ausmaßen die deutsche Bevölkerung durch Fernsehkonsum politisch entfremdet wird.

3.1 Politische Entfremdung

Politische Entfremdung beinhaltet die Aspekte politische Machtlosigkeit, politische Bedeutungslosigkeit, politische Normlosigkeit und politische Isolation.[5]

Politische Machtlosigkeit lässt sich beschreiben als das Gefühl, Entscheidungen und Regierungsprozesse nicht beeinflussen zu können – und demnach auch nicht aktiver Teilnehmer an der Demokratie zu sein. Politische Bedeutungslosigkeit umfasst die These, dass die getroffenen Entscheidungen mehr oder weniger zufällig zustande kommen und nicht in klare Entscheidungsmuster kategorisiert werden können. Dadurch verlieren diese Entscheidungen an Bedeutung. Politische Normlosigkeit ist kongruent mit der Überzeugung, dass die Regeln des politischen Prozesses missachtet werden. Politisch isoliert fühlt sich hingegen jemand, der sich mit den in der Gesellschaft vorherrschenden politischen Normen und Werten nicht identifizieren kann oder will und diese demnach ablehnt.[6]

Politische Entfremdung kann auch als mangelnde Unterstützung der politischen Prozesse, Entscheidungen und Institutionen gesehen werden: „Entfremdung liegt demnach vor, wenn Unterstützung nachlässt.“[7]

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass politische Entfremdung vorliegt, wenn Individuen oder Gruppen der Bevölkerung das Gefühl haben, dass demokratisch gewählte Vertreter Entscheidung nur im eigenen Interesse oder willkürlich treffen, demnach die Interessen des Einzelnen keine Bedeutung haben und der Einzelne keine Möglichkeit hat diese Entscheidungen zu beeinflussen. Selbstverständlich ist politische Entfremdung nicht davon abhängig, dass alle oben aufgeführten Faktoren auftreten. Zu beachten ist des Weiteren, dass politische Entfremdung nicht als Einzelereignis gesehen werden darf, sondern vielmehr als Prozess oder dauerhafte Ablehnung definiert werden muss.[8]

3.2. Partizipation

Ein weiterer Indikator für Politikverdrossenheit ist sinkende Partizipationsbereitschaft. Grundsätzlich gibt es viele verschiedene Formen von Partizipation am politischen Prozess. So kann der Einzelne durch Übernahme eines politischen Amtes partizipieren oder bereits durch den Gang zur Wahlurne. Sinkt die Bereitschaft zur direkten oder indirekten Beteiligung an Politik, lässt dies die Konklusion zu, dass Politikverdrossenheit vorliegt oder in Entwicklung ist, „denn über politische Beteiligung werden Erwartungen und Forderungen aus dem sozialen System an das politische System herangetragen…“[9]. Fehlt Partizipation oder die Bereitschaft zu dieser, werden demnach keine Forderungen mehr gestellt, keine Erwartungen mehr formuliert und es herrscht Passivität. Diese wiederum ist mit politischer Entfremdung verbunden.

3.3 Zynismus

Ein weiterer Aspekt, der Politikverdrossenheit kennzeichnet, ist Zynismus, der bei der Bevölkerung entsteht. Ursprünge für diesen Zynismus können nicht erfüllte Versprechen von Politikern, negative Wahlkampagnen oder bestimmte Formen der Berichterstattung in den Medien sein. Mit Zynismus, der sich in der Bevölkerung ausbreitet, geht sinkendes Vertrauen oder Misstrauen gegenüber der Politik einher.

4 Das Medium Fernsehen

Die Videomalaise schreibt dem Fernsehen eine besondere Rolle bei der politischen Meinungsbildung zu und unterstellt ihm negativen Einfluss auf die politischen Einstellungen der Zuschauer. Ob diese besondere Bedeutung des Fernsehens eine berechtigte Annahme ist und ob und wie diese noch differenziert werden kann oder muss, zeigt dieser Teil.

4.1 Warum hat das Fernsehen eine besondere Bedeutung?

Dass Massenmedien in der heutigen Zeit einen großen Einfluss haben, dürfte unumstritten sein. Auch für den Bereich der Politik trifft dies zu, hier sogar in besonderem Ausmaß:

„Denn in komplexen politischen Systemen hat der einzelne Bürger nur wenig Gelegenheit, Politik direkt zu erfahren. Politik wird fast ausschließlich in der medialen Vermittlung erlebt.“[10]

Um zu untersuchen, ob in der Bundesrepublik Deutschland Spuren oder Formen der Videomalaise existieren, ist es sinnvoll, zunächst zu hinterfragen, warum ausgerechnet dem Fernsehen in der Politischen Kommunikationsforschung eine so entscheidende Rolle zugeschrieben wird. Robinson hat – wie oben bereits erwähnt- diese Hervorhebung des Mediums Fernsehen über große Reichweite, hohe Glaubwürdigkeit und negative Berichterstattung erklärt. Eine Befragung der Dresdener Bevölkerung, auf die später eingegangen wird, zeigt, dass die Nachrichtensendungen im Fernsehen von ihren Zuschauern tatsächlich als recht glaubwürdig eingeschätzt werden. Ein Unterschied besteht hier zwischen den Fernsehnachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender und der Privatsender: Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Programme schätzen die Glaubhaftigkeit der Nachrichten auf diesen Sendern höher ein als die Zuschauer von Privatsendern die Nachrichten auf diesen einschätzen.[11]

Hinzu kommt der Faktor der emotionalen Wahrnehmung. Emotionen können über das Fernsehen einfacher transportiert werden als über Tageszeitungen oder Hörfunk.[12] Zudem bleiben diese hervorgerufenen Emotionen länger und tiefer verankert. Des Weiteren ist die Berichterstattung schneller, da dem Zuschauer die Möglichkeit fehlt, nicht verstandene oder unklare Passagen aufzuarbeiten. Bei einer Zeitung fällt dies leichter, man kann diese Passagen einfach noch einmal lesen.

Bis hierher ist festzustellen, dass das Fernsehen eine andere Darstellungsweise hat als die übrigen Medien. Über die Wirkung dieser Darstellungsweise lässt dies jedoch noch keine Aussage zu.

[...]


[1] Vgl. Wolling, Jens: Politikverdrossenheit durch Massenmedien? Der Einfluss der Medien auf die Einstellungen der Bürger zur Politik, Opladen/Wiesbaden 1999, S.57

[2] Vgl Holtz-Bacha, Christina: Ablenkung oder Abkehr von der Politik? Mediennutzung im Geflecht politischer Orientierungen, Opladen 1990, S. 11

[3] Holtz-Bacha, Christina: Verleidet uns das Fernsehen die Politik? Auf den Spuren der „Videomalaise“, in: Kaase, Max / Schulz, Winfried (Hrsg.): Massenkommunikation. Theorien, Methoden, Befunde (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft 30), Opladen 1989, S.239

[4] Vgl. Wolling: Politikverdrossenheit, 1999, S.75

[5] Vgl Holtz-Bacha: Ablenkung oder Abkehr, 1990, S.21

[6] Vgl Holtz-Bacha: Ablenkung oder Abkehr, 1990, S.21

[7] Holtz-Bacha: Ablenkung oder Abkehr, S.24

[8] Vgl. Holtz-Bacha: Ablenkung oder Abkehr, 1990, S.25

[9] Holtz-Bacha: Ablenkung oder Abkehr, 1990, S.58

[10] Holtz-Bacha: Verleidet Fernsehen Politik, 1989, S.250

[11] Vgl Wolling: Politikverdrossenheit, 1999, S.141

[12] Holtz-Bacha: Ablenkung oder Abkehr, 1990, S.76

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Video-Malaise in der Bundesrepublik?
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
HS Politische Kultur und Politische Kommunikation
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V22728
ISBN (eBook)
9783638260008
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Video-Malaise, Bundesrepublik, Politische, Kultur, Politische, Kommunikation
Arbeit zitieren
Eva Thiel (Autor), 2004, Video-Malaise in der Bundesrepublik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22728

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